Schallplatten-Direktschnitt

Schallplatten-Direktschnitt

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Live in die Rille

Was ist spannender als eine Live-Aufnahme? Das Erlebnis eines Vinyl-Direktschnitts!

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Maarten de Boer steckt bis zur Brust in der Schneidemaschine. Irgend­etwas ist mit dem Vakuum. Der Unterdruck, der die Lackfolie beim Schneidevorgang fest an den Teller presst, hat nachgelassen. Und das ausgerechnet zwischen zwei Takes. Im Studio sitzen derweil Jocelyn B. Smith mit Band und Publikum und verschnaufen nach zwei energiegeladenen Songfolgen – Take 1 für die A-Seite, Take 2 für die B-Seite ihrer neuen Produktion für das Direktschnitt-Label „Berliner Meister Schallplatten“. Gleich soll es weitergehen.
Der Direktschnitt einer Musikdarbietung in eine Lackfolie ist ein besonderes Erlebnis. Und ein rares. Wer erlaubt schon unberechenbaren Gästen Zutritt zu einer Aufnahmesituation, die gnadenlos jedes Schallereignis, das während der Dauer einer Plat­tenseite die Mikrofone erreicht, unauslöschbar auf ein Aufnahmemedium bannt, das ein 1:1-Abbild des späteren Tonträgers ist?
Rainer Maillard und Stephan Flock zum Beispiel. Deren Label „Berliner Meister Schallplatten“, das in
FIDELITY 2/2013 vorgestellt wurde, setzt nicht nur auf die reine technische Faszination der Direktschnitt-Technik. So fand sich in Berlin im Herbst dieses Jahres ein rund 40 Personen zählendes Live-Publikum im Studio an der Köthener Straße zusammen, um der zweiten LP der Soul- und Blues-Legende Jocelyn B. Smith die richtige Prise Live-Feeling zu verleihen. Sprich: großzügig Applaus und Jubel zu spenden.
Der Autor traf auf folgende Konstellation: Im rund 100 Qua­dratmeter großen Aufnahmeraum haben die Sängerin am Flü­gel und die fünfköpfige Band an ihren jeweiligen Instrumenten (E-Gitarre, E-Bass, Keyboards, Saxofon/Flöte, Schlagzeug) Platz genommen. Um sich selbst gut zu hören, tragen alle Kopfhörer. Das zwei Drittel des Raumes einnehmende Publikum wird von einem Paar mannshoher PMC-Aktivlautsprecher mit dem Live-Mix beschallt – offenbar besteht keine Gefahr des Übersprechens auf die Aufnahmemikros. Auf einem hinter der Band angebrachten Monitor ist das Geschehen im „Maschinenraum“ zu sehen, dem Analog-Mastering-Studio. Dort bedient Maarten de Boer die Neumann-Schneidemaschine, währen die Tonmeister Rainer Maillard und Philip Krause am rein analogen, ein halbes Jahrhundert alten Vintage-Mischpult die Aufnahme kontrollieren.
Die Technik darf beim Vinyl-Direktschnitt noch weniger der Kunst ins Gehege kommen als bei „gewöhnlichen“ Live-Aufnahmen auf Band. Auf Maarten de Boer lastet deshalb die größte Verant­wortung, denn so eine längst nicht mehr gebaute Neumann VMS 80 muss für die Dauer der rund zweistündigen Aufnahmesession perfekt laufen. Aber auch Maillard und Krause haben alle Hände voll zu tun: Der zugemischte Hall aus dem zum Hallraum umfunktionierten Treppenhaus will perfekt dosiert sein, die Balance der Monitor-Signale auf den Kopfhörern der Musiker muss stimmen, Mix und Aussteuerung für die Neumann sowieso.
Nach jeweils einer guten Viertelstunde ist eine Plattenseite voll. Der Schneidekopf surrt die Aus­laufrille in die Matritze, Marten de Boer ritzt die üblichen Kürzel mit Aufnahmedetails zwischen die Rillen, dann wird die bespielte Lackfolie rasch verpackt und eine frische aufgelegt. Und weiter geht’s.
Welche der an diesem Abend bespielten vier Lackfolien schließlich den Weg in die Galvanik findet, wird später entschieden. Mit etwas Glück ist die mit dem vom Herzen kommenden Juchzer des Autors dabei. Die Musik war aber auch wirklich klasse!

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