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Analog Forum Krefeld 2015

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Analog Forum Krefeld 2015: Koryphäen, Knalltüten, Kellerkinder

Wir schreiben das Jahr 2015 n. Chr. Ganz Deutschland befindet sich in der Hand digitaler Streaming-Dienste. Ganz Deutschland? Nein, in einer abgelegenen Herberge zwischen Mühle und Golfplatz leistet ein versprengtes Grüppchen analoger Modernisierungskritiker lauthals Widerstand.

Einmal im Jahr versammelt sich der harte Kern der Analogue Audio Association in Krefeld/Traar zur Bestandsaufnahme, und um sich Mut zu machen. Das Analog-Forum zählt regelmäßig zu den schönsten Messen des Jahres und es ist sicherlich die familiärste: In der Not rückt man eben zusammen und die gemeinsame Vinyl-Vorliebe eint sonst unterschiedlichste Charaktere (Vinylisten sind nämlich alle auch Individualisten). Wie jedes Jahr spielen rabiat gelochte und gnadenlos in Reih‘ und Glied aufgeknüpfte Schallplatten am Eingang ironisch-masochistisch mit der unverhohlenen Drohung der Zeitläufte, den physischen Tonträger final ad acta zu legen. Nicht mit uns, ihr Download-Portale des Bösen, wir halten fest an der gerillten Reliefschrift aus der Ära des großen Rauschens! Nicht, weil das so wahnsinnig praktisch ist und auch nicht, weil die Schallplatte neuerdings irgendwie als vintagemäßig angesagt gilt, sondern weil sie besser klingt.

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Nachzuhören beispielsweise bei AVID, wo drei Dreher unterschiedlicher Preisklassen mit identischen Armen und Nagaoka-Abtastern, eingehende Vergleiche zuließen. Zum Leidwesen des finanziell notorisch klammen Berichterstatters, klang der größte und teuerste Acutus-Dreher mit reichlich Abstand am besten. Allerdings ging ein guter Teil dieser reizvollen Vorführung auf das Konto zweier geradezu holografisch abbildender Audiovector-SR1-Monitore, die mich mit offenem Mund staunen ließen, ob ihrer Klangfülle gerade im Grundton. Sagenhafte Lautsprecher, um die wir uns baldmöglichst bemühen werden. Es wäre eine Schande, Ihnen, liebe Leser, das vorzuenthalten. Andererseits zeigte Thomas Schick im sogenannten DIY-Raum, dass Analog-Genuss nicht zwingend kostenintensiv sein muss: Unter Umständen reichen auch zwei alte Garagenfunde – ein Lenco als Antrieb, ein zweiter als passiver Dreher – und ein Tonar Diabolic DJ-System(!), um sehr frisch und dynamisch Musik zu hören. Vermutlich wurde in der Röhren-LCR-Entzerrung doch ein wenig getrickst, denn auch „aufgebohrt“, im Sinne von seines Gehäuses entledigt, kann dieses extrem preiswerte, schreiend pinke System nicht so unaufdringlich, aber quicklebendig klingen. Vielleicht schönte aber auch der weltexklusiv einzigartige und noch nicht dagewesene in Franken oder Istanbul entdeckte „Hochdöner“ ein wenig.

Linearer, aber beileibe nicht langweiliger klang es bei WOD-Audio, wo erstmals ein Bergmann-Laufwerk vorgestellt wurde, auf dem sich bis zur vier Arme montieren lassen. Wir Analog-Nerds mögen so etwas selbstverständlich, aber dem zurückhaltenden Design des Sleipner tut das unter Umständen nicht gut. Sehr schön, sowohl gestalterisch wie klanglich, war auch ein PTP-Laufwerk, basierend auf einem Lenco-Boliden, das an Manger-Wandlern sehr klar und transparent aufspielte. Etwas ganz Besonders hatte Genuin-Audio im Gepäck: Ein von Grund auf neu entwickeltes und sehr raumgreifendes Subchassis-Laufwerk namens Drive inklusive Einpunkt-Karbontonarm und getuntem 103-System Sting. Der von Helmut Thiele entworfene Dreher verfügt über einen eingebauten Entzerrer und geplant ist sogar eine integrierte Vorstufe, damit könne man eine ganz kurze Kette aus Plattenspieler und Aktivlautsprechern realisieren, schwärmt Vertriebseigner Thomas Wendt. An Perreaux-Elektronik und mit den ebenfalls brandneuen Pulse-Lautsprechern konnte man bei Genuin ein betont knackiges und sauberes Klangbild genießen. Etwas wolkiger und ätherischer, aber nichtsdestoweniger reizvoll ging es gegenüber bei Sperling und Silberstatic/Audreal zur Sache, daneben im Raum von Aura-HiFi aber dafür umso handfester mit Hörnern von Avantgarde Acoustic – durchaus eindrucksvoll, aber nichts für Zartbesaitete. Gewohnt feingeistig und perfekt ausgewogen klang es erneut und trotz des eigentlich zu kleinen Raumes bei Acapella – mühevolle Resonanzkontrolle aller beteiligten Gerätschaften zahlt sich eben doch aus. Eine ebenso über alle Zweifel erhabene Vorführung konnte auch Wolf von Langa auf die Beine stellen.

 

Gar nicht vorgeführt wurde im Raum von Live Act, ToneTool und Steinmusic. Unglücklicherweise ging Dieter Molitor beim Aufbau ein Chassis flöten, wofür auf die Schnelle keine Ersatz aufzutreiben war. Aber manchmal wohnt so einem Unglück auch etwas Positives inne: Am Samstag entwickelte sich das Hotelzimmer zu einen Diskussionsforum und Kompetenzzentrum mit universeller Ausrichtung: DEinformer-Reiniger, Raumtuning, Plattenspielerantriebe, Lautsprecherkonstruktion und –entwicklung, Schuhe, Literaturkritik – egal welches Thema, hier fand man mindestens einen sachkundigen Ansprechpartner bzw. Kombattanten. Außerdem gab es dort Espresso schneller als an der Hotelbar, deren Besuch bisweilen dem Gefangensein in einer sehr trockenen Zeitschleife glich. Am Ende konnte man es aber doch auch positiv als Lernprozess betrachten: An der Mercure-Bar ist es nicht wie sonst ausreichend, einfach stumm dazusitzen und durstig dreinzuschauen, man muss schon auf sich aufmerksam machen (Winkelemente und Rufzeichen reichen). Andererseits hatte das Barpersonal aber auch alle Hände voll zu tun und bisweilen absurd weite Wege für eine Tasse Kaffee zurückzulegen. Schon nahte der Samstagabend inklusive Nacht, über die wir aus Rücksicht auf den unversehrten Ruf aller Involvierten, den dunklen Mantel des Schweigens breiten wollen.
Sonntags klangen erwartungsgemäß viele Installationen noch besser, weil sie warm- und eingespielt waren, trotzdem hatten einige professionelle Besucher sichtlich Mühe, dem Geschehen unmittelbar zu folgen. Herauszuheben ist bezüglich des Klangs Martina Schöner, die mit eigenen modularen Lautsprechern und Elektronik von Joachim Gerhard angereist war. Und natürlich mit ihrer wundervollen Garrard-Weiterentwicklung 501. Ebenso wie Thomas Fast, dessen mit Klangschälchen vollgepfropfte Vorführungen der kleinen Kiso-Lautsprecher immer ausgesprochen dynamisch vorwärts marschieren, und Croft in Verbindung mit Harbeth bei Input-Audio, wo auch sehr tiefe Impulse noch druckvoll wiedergegeben wurden. Ähnlich auf den Punkt tönte es auch bei SWS-Audio mit Feickert-Laufwerk und Geithain-Monitoren. Kompromisslos und brutal gingen die Euphonic Architects mit einem im Wortsinn betonierten Basshorn inklusive Monitoren in PA-Optik zu Werke. Dass es dort trotz gehobener Lautstärke und nicht gerade betontem Wohlfühlsound trotzdem einen Heidenspaß machte, dürfte nicht zuletzt an der hervorragenden Quellenlage gelegen haben: Nebeneinander standen dort ein EMT-Laufwerk, ein sehr rarer Ulysses und eine Studer-Bandmaschine und sorgten für starke Begehrlichkeiten bei den zahlreichen Vintage-Jüngern.

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Eine Premiere hatten dieses Jahr einige Aussteller im Souterrain, die prompt despektierlich als „Kellerkinder“ verunglimpft wurden. Völlig zu Unrecht selbstverständlich, denn dort konnte man nicht nur die technisch aufregend neue Kii THREE hören, sondern auch eine gut aufeinander abgestimmte Kette von Gold Note. Aber vor allem die Vorführung des neuen Dereneville-Laufwerks mit irrem Tangential-Arm und dem laut Meinung mancher Fachleute derzeit weltbesten Antriebskonzept an Tannoy-Lautsprechern hinterließ bleibenden Eindruck, sofern man einen Sitzplatz im Sweetspot erobern konnte. Viel zu schnell ist das Krefelder Analog-Exil wieder vorbei und schon auf der Rückfahrt freuten wir von FIDELITY uns auf nächstes Jahr, auf die alten Kumpane und neu gewonnenen Freunde, wenn sich all die liebenswerten analogen Knalltüten wieder treffen unter dem Motto: Digital, das ist doch nur eine vorübergehende Modeerscheinung!

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