Cover Pink Floyd und M Walking On The Water

Album-Doppel – Auf der grünen Wiese

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Album-Doppel: Pink Floyd und M. Walking On The Water

Es gibt nicht nur Coverversionen von Songs. Auch Plattenhüllen werden “gecovert”. Das gecoverte Cover – ist es witzige Anspielung oder respektvolle Verehrung, Parodie oder hat es einen tieferen Sinn?

Eine gefleckte Kuh auf der Weide – in ländlichen Gegenden Europas ein alltäglicher Anblick. Nichts Beeindruckendes, nichts Dramatisches. Setzt man aber so ein Foto einer weidenden Kuh aufs Cover einer Rockplatte, dazu noch ganz ohne Text und Titel dabei, wird aus dem Tier eine Ikone, ein Sinnbild, ein Kunstwerk. Das ist der Andy-Warhol-Effekt: Eine ausgetrunkene Getränkedose wird im Museum zum „art object“. Nicht umsonst war bei diesem Plattencover von Pink Floyd eine renommierte Designer-Firma am Werk. Gerne möchte man sich vorstellen, wie Storm Thorgerson, der ehemalige Schulfreund von Roger Waters und Syd Barrett und Begründer der Grafikdesign-Agentur Hipgnosis, einst mit der Kamera über englische Kuhwiesen streifte, auf der Suche nach diesem Fotomotiv. Denn ein einfaches, ein bodenständiges Coverbild wünschten sich die Jungs von der Band. Es war das Jahr 1970 und das Psychedelic-Space-LSD-Image von Pink Floyd schon fast ein alter Hut. 1970 war doch fast alles spacig. Also: Etwas ganz anderes musste her. So kam die Kuh ins Spiel. Das Tier hieß übrigens Lulubelle die Dritte.
Wie viel diese Kuh-Ikone zum Charisma des Albums beigetragen hat, lässt sich heute gar nicht mehr abschätzen. Die Platte Atom Heart Mother ist ein Monument des britischen Artrock. Das einzige Pink-Floyd-Album mit gemischtem Chor, Blechbläsern und einem Solo-Violoncello. Das Album, auf dem Alan Styles, ein Roadie der Band, auf psychedelische Weise für uns frühstückt – ein Mini-Hörspiel zwischen Sound-Experiment und Dada-Performance. Die Kuh wurde zum Symbol jener progressiven Phase der Rockmusik, die eine ganze Generation von Hörern und späteren Musikern geprägt hat. Rockmusik als artifizielles Ereignis, als musikalischer Kosmos, in dessen Komplexität viele Welten – selbst Ausflüge in Jazz und Klassik – ihren Platz haben. Das Foto von Lulubelle III, das ist weit mehr als nur Pink Floyd. Es ist ein Lebensgefühl, das man nie mehr los wird.

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Auch die Jungs der Krefelder Band M. Walking On The Water waren damals Teenager und standen im Bann der Kuh und der Prog-Szene. Als Musiker muss man so eine Prägung natürlich irgendwann verarbeiten – feierlich, respektvoll, lakonisch oder spöttisch, je nach Temperament. Das Feierliche und Respektvolle liegt dieser Band allerdings nicht so. Sie mögen die punkige Attitüde, sehr diszipliniert zwar, aber direkt, rau, holprig. Die „vermenschlichte“, die provokant verfremdete Variation des Kuh-Covers trifft genau diese Haltung: Wir sind nah dran, aber ganz anders. Und der Titel der Tribut-Scheibe – Pictures Of An Exhibitionist – spielt mit ebenso liebevoller Unverfrorenheit auf ein anderes dieser klassischen Artrock-Alben an. Einfach herrlich, wie sich dann bei M. Walking On The Water das verfremdete Cover und der verfremdete Titel wieder aufeinander beziehen: Der nackte Coverboy in der Kuhschminke – ein Exhibitionist!
Pictures Of An Exhibitionist von 1993 ist „nur“ eine EP und besitzt gerade mal 25 Minuten Länge. Sie enthält lediglich sechs Stücke – aber durchweg sind es natürlich Coverversionen von Titeln des klassischen Artrock der Jahre 1969 bis 1974. Lustigerweise ist kein Stück von Pink Floyd oder ELP darunter: Der Bezug zu diesen Bands steht nur symbolisch für die Szene, um die es hier geht. Aber auch so bilden die Original-Bands der Songs einen recht illustren Haufen: Genesis, King Crimson, Jethro Tull, Caravan, Yes und Deep Purple. Die Versionen von M. Walking On The Water sind alle deutlich kürzer als die Originale, die Exkursionen des Prog sind ausgespart. Stattdessen pflegen die Krefelder eine knappe, kompakte Indie-Ästhetik. Verhunzt werden die Songs dabei keineswegs, jedoch – ganz im Sinne des Albumcovers und des Albumtitels – frech-fröhlich verfremdet. Der Gesang ist mal betont rau, mal aufgesetzt weich, mal Elvis-Presley-mäßig gestaut, mal gruftig entmelodisiert, mal im Chor aufgemotzt. Die Band – meist nur Gitarre, Bass, Drums – beschränkt sich aufs Elementare, brachial konzentriert.
Und immer wieder klingen da winzige Details der Vorlagen an, nur eben hinterlistig verdreht. In „Bungle In The Jungle“ zum Beispiel werden die Sounds des Urwalds vokal nachgeahmt, wird Ian Andersons nasaler Gesang erfolgreich parodiert. In „Golf Girl“ übernimmt eine Geige den Posaunenpart, in „Child In Time“ ein Akkordeon die Orgelstimme, eine Geige die wortlose Ian-Gillan-Vokalise – und das Schlagzeug tanzt dazu. Es sind diese Details, die der rauen Performance die Wärme geben. Noch in der schrillsten Umdeutung steckt da viel Liebe. So wie im Albumcover. Sogar die Rückseite des Pink-Floyd-Covers haben M. Walking On The Water hingebungsvoll nachgestellt – inklusive des Speichelfadens, der einer der Kühe aus dem Maul hängt. Eine große, abgründige, bedeutende Geste.

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Pink Floyd: Atom Heart Mother (EMI LP SHZE 297)
M. Walking On The Water: Pictures Of An Exhibitionist (Polydor 519 538-2)

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