Simon Nabatov
Simon Nabatov – Spinning Songs Of Herbie Nichols CD/Leo Records

Simon Nabatov – Spinning Songs of Herbie Nichols

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Simon Nabatov – Spinning Songs of Herbie Nichols

 

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Der Jazz der Zukunft

 

Simon Nabatov
Simon Nabatov

Keine Melodie zum Mitsummen, ein nostalgischer Jazz-Beat und dazu Harmonien wie von Bartók: So etwa hat man die Musik von Herbie Nichols einmal beschrieben. Oder: als wären Bartók, Prokofiew und Strawinsky bei einer Stride-Piano-Session in Harlem aufgetaucht. Diese spezifische Stilmixtur in der Musik von Herbie Nichols war in den 1950er Jahren etwas absolut Einmaliges – und völlig unverkäuflich. Nur etwa ein Fünftel seiner rund 200 Kompositionen konnte der visionäre Jazzpianist damals aufnehmen. Und bis heute gilt Herbie Nichols (1919–1963) als Inbegriff eines unverstandenen, tragisch gescheiterten, früh verstorbenen Jazz-Genies. Wobei das Wort „Jazz“ einfach nur die kulturellen und formalen Grenzen definiert, die ihm als afroamerikanischem New Yorker in den Fünfzigerjahren gesetzt waren. Denn im Geheimen zog es ihn weit über diese Grenzen hinaus in die moderne Konzertmusik, in „die Klänge von Hindemiths multiplem Kontrapunkt, die neoklassische Polytonalität eines Schostakowitsch“, wie Nichols einmal schrieb. Er sah sich als zweiten Prokofiew, er phantasierte vom Jazz der Zukunft. In seinen Stücken konnte sich das damals nur andeutungsweise entfalten – in Nebenmotiven, immer längeren Chorussen, Harmonien, die von den Bläsern gefürchtet waren, und in charakteristisch sich entwickelnden Improvisationen, die an kleine Psychodramen erinnern. Nichols quetschte seine hoch fliegenden Phantasien in diese Drei- und Vier-Minuten-Aufnahmen des Jazz hinein: So verlangte es die Konvention der Plattenlabels. Aber eigentlich hätten es Jazz-Sonaten werden müssen, Jazz-Toccaten, Jazz-Sinfonien …!

Simon Nabatov
Simon Nabatov – Spinning Songs Of Herbie Nichols
CD/Leo Records

Der russisch-amerikanische Pianist Simon Nabatov hat Nichols’ Visionen nun endlich umgesetzt – natürlich auf seine eigene Weise. Tatsächlich scheint niemand für diese Ehrentat berufener als Tastenzauberer Nabatov, Absolvent des Moskauer Konservatoriums und der New Yorker Juilliard School, Filigran-Techniker, begnadeter Improvisator und Weggenosse so namhafter Jazz-Größen wie Tony Scott, Kenny Wheeler und Ray Anderson. Ob herkömmlicher Stride, Swing oder Bop: Simon Nabatov könnte es mit jedem Klavierkollegen aufnehmen. Doch der Wahl-Kölner gehört darüber hinaus zu den seltenen Talenten, die den Jazz in freie, phantastische Improvisationswelten führen, ohne darüber seinen rhythmischen Impuls zu vergessen. Herbie Nichols schwärmte einst nur von Schostakowitsch, Prokofiew, Strawinsky; der in Moskau ausgebildete Nabatov aber hat diese drei und die ganze Musik des 20. Jahrhunderts in den improvisierenden Fingern. Auf Spinning Songs Of Herbie Nichols verwandelt er ohne Spannungsverlust Nichols’ kleine Themen in sechs- oder neunminütige Klavier-Phantasien von fesselndem Schwung. Dabei isoliert er Motive aus Nichols’ Melodien oder Intros, wendet sie hin und her, behandelt sie mit Gershwins Esprit oder scheint sie in Morton Feldmans Klanglicht zu tauchen. An anderen Stellen erforscht er harmonische Felder und rhythmische Verzahnungskünste, lässt die Themen allmählich entstehen oder löst sie in gewitzte Pointillismen auf, würzt sein rasantes Spiel mit modernistischen Clustern und jazzigen Blockakkorden. Oft schält sich aus diesen virtuosen Zaubergeflechten erst nach Minuten ein gesichertes Motiv heraus, gewinnt dann an Kraft und Gestalt und entwickelt sich zum swingenden Nichols-Ohrwurm. Da kann man hörend begreifen, wie dieses Stück von Anfang an in Nabatovs Improvisation angelegt war, in seinem rhythmischen Drang, seiner Tonfeld-Erkundung.

Simon Nabatov
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Und genau so oder auch ganz anders muss sich der arme Herbie Nichols das einst vorgestellt haben – den Jazz der Zukunft, das improvisierte Psychodrama. Manchmal fast, als hätte Ligeti einen Jazzrhythmus zum Studienobjekt erhoben oder Hindemith einen kontrapunktischen Shimmy hingehext. Oder als wären Bartók, Prokofiew und Strawinsky bei einer Stride-Piano-Session in Harlem aufgetaucht und würden da mal so richtig aufmischen, mit russisch-amerikanischer Phantasie. Unerschöpflicher Hörstoff. Danke, Simon! Danke, Herbie!

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 2 (4/2012)

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