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Thivan Labs 811 Vollverstärker

Thivan Labs Vollverstärker im Test

Thivan Labs 811 Single-Ended Anniversary

Keine Angst vor Röhren

Thivan Labs präsentiert mit dem 811 Anniversary einen Triodenverstärker, der auch eingefleischte Transistorfans auf Abwege bringt.

Fotografie: Ingo Schulz

Röhrenverstärker sind womöglich der letzte Abenteuerspielplatz für den wagemutigen Highender. Bereits die in aller Regel mächtige Optik mit aus dem Käfig befreiten Röhren, das exorbitante Gewicht, die Wahl der geeigneten Lautsprecher – dies sind Eingangshürden, die es bei der Entscheidung für einen Glaskolbenverstärker erstmal zu überwinden gilt. Danach folgt dann die Kür, die je nach Gemüt des Musikfreunds zur Lust oder zur Last werden kann: das Einstellen des Ruhestroms, die Auswahl möglicher Röhrenalternativen, das Vorglühen der Röhren – all das kann im Zeitalter des digitalen Plug-and-Play so manchem Zeitgenossen zeit- und vor allem nervenraubend erscheinen.

Als hätte man im fernen Vietnam die Gedanken des Redakteurs vorab erraten, steht nun ein 36 Kilogramm schweres Prachtexemplar vor mir, das jedoch – vom Gewicht einmal abgesehen – schnell alle Sorgenfalten aus meiner Stirn wischen sollte: Der Single-Ended-Triodenamp 811 Anniversary aus dem Hause Thivan Labs.

Atemberaubendes Design

Selten habe ich ein Gerät von so eigenständiger Optik gesehen. In seiner mattgrauen Grundfarbe wischt es nicht nur mal eben schnell die Standards Schwarz und Silber beiseite, sondern changiert auch ganz wunderbar zwischen Vintage und Avantgarde. Die feinen Holzintarsien an der Front machen das Schwergewicht vollends wohnzimmertauglich und fügen einen Hauch feiner Eleganz hinzu. Unter technischen Gesichtspunkten kann sich auch der unerfahrene Röhrenliebhaber schnell mit dem Gerät anfreunden. Der Ruhestrom wird komplett per Auto-Bias geregelt – da braucht es kein Expertenwissen, nach dem Einschrauben der Röhren und einer kurzen Vorglühzeit kann es sofort losgehen.

Dabei gehört der Thivan zu den angenehmen röhrigen Zeitgenossen, die bereits nach wenigen Minuten volle Leistung und vollen Klang abrufen können; man muss also kein Angst haben, dass es fortan zur highfidelen Pflicht gehört, den Wecker 30 Minuten vor dem angestrebten Hörgenuss klingeln zu lassen, um an das Hochfahren des Verstärkers erinnert zu werden. Also doch beinahe ein Plug’n’Play-Verstärker für das 21. Jahrhundert. Lediglich bei der Wahl der Lautsprecher sollte man ein wenig Sorgfalt walten lassen. Um nicht gleich mit wilden Experimenten zu beginnen, habe ich zunächst Ulf Monings Hochwirkungsgradlautsprecher DynamiKKs! Model 12 angeschlossen, die mit einem Wirkungsgrad von 94 db wie gemacht für die 10 Watt Ausgangsleistung des Thivan erscheinen. Nun gebe ich zu, dass ich gerade bei Triodenverstärkern einem gewissen Vorurteil anhänge und diese gern vorschnell in die Kiste „undynamisch“ und „wattierend“ einordne.

Thivan Labs bietet Dynamik ohne Grenzen

Um dem Thivan und vor allem auch mir selbst auf den Zahn zu fühlen, landet sehr schnell Ronald Brautigams interpretatorisch und klangtechnisch formidable Einspielung der Beethoven’schen „Mondscheinsonate“ im Player, eine SACD vom schwedischen Label BIS. Brautigam spielt hier auf einem rekonstruierten Hammerflügel des frühen 19. Jahrhunderts und zeigt im schnellen Schlusssatz der Sonate mit seinen dynamischen Explosionen und harten Sforzati, wie Beethoven die Instrumente seiner Zeit an die Grenzen des Spielbaren führte. Was heute für einen modernen Flügel kein Problem mehr darstellt, war für die Hammerklaviere Beethovens ein existenzielles Problem.

Wer wissen will, warum Beethovens Aufführungen und Improvisationen den Zuhörern damals den Atem stocken ließ, der höre sich die Aufnahmen Brautigams an. Bereits nach wenigen Takten des Hörens wird klar, dass das Trioden-Prinzip des 811 hier wunderbar mitspielt. Die scharfen Spitzen im Diskant werden nicht im Geringsten geglättet, da wird nichts an Klanghärten in ein wohligeres Licht gerückt, und die dynamischen Steigerungen des Pianisten werden an keiner Stelle eingedampft. Im Gegenteil: Dank einem unnachahmlichen Flow, den der Verstärker der Musik verleiht, erklingt der musikalische Parforceritt bei der Reproduktion mit einer Selbstverständlichkeit, die so nicht jeder Verstärker hinbekommt.

Thivan Labs 811 Vollverstärker

Handmade in Ho Chi Minh City

Bevor ich weitere Hörsessions starte, bin ich natürlich neugierig geworden, wer sich hinter Thivan Labs verbirgt und was es mit High End „Made in Vietnam“ auf sich hat. Michael Derks vom deutschen Vertrieb berichtet mir dann telefonisch, dass es sich bei Thivan Labs um den führenden vietnamesischen Hersteller auf dem Gebiet der Forschung, des Designs und der Herstellung von Röhrenverstärkern und Hochwirkungsgradlautsprechern handelt. Ausgehend von einer DIY-Leidenschaft gründeten die beiden Ingenieure Thi Hoang Nguyen und Van Anh Nguyen, die ihr Studium an der Electric and Electronic Faculty der Ho Chi Minh City University of Technologies abgeschlossen haben, bereits 2008 ihr eigenes Unternehmen Thivan Labs. Mittlerweilen haben die beiden Chefentwickler in Ho Chi Minh City (früher: Saigon) ein internationales Team um sich herum versammelt, um weltweite Entwicklungen im Blick zu haben, aber vor allem auch, um schnell und konkret auf die Bedürfnisse der jeweiligen Kunden zu reagieren.

Bass und bässer

Dass Röhrenverstärker und Hochwirkungsgradlautsprecher mit Harfen-Plingpling und Frauenstimme gut zurechtkommen, weiß ich, das muss ich mir in meinen vier Wänden nicht zumuten, dafür gibt es Messen. Stattdessen gönne ich mir Yellos „The Expert“ aus dem 2009er Album Touch. Was da die Trioden an Bass und Schub in die DynamiKKs! drücken, macht geradezu atemlos. Dafür muss man den Lautstärkeregler gar nicht mal weit aufdrehen. Dieter Meiers brummelnder Bariton nuschelt mir geradezu verführerisch entgegen, und ich denke bereits daran, die nächste Gartenparty mit Thivans 811 zu beschallen. Nun gut – das ist dann vielleicht doch etwas über das Ziel hinausgeschossen, aber in der Kombination mit den DynamiKKs! Model 12 grundsätzlich vorstellbar.

Wie sehen aber Yellos Elektrogeschosse an einem „normalen“ Lautsprecher aus? Seit einigen Monaten werkeln gewissermaßen als Allzweckwaffe Wharfedales Linton in meinem Hörkeller. Mit sechs Ohm Impedanz und einem Wirkungsgrad von 90 db sind sie nicht ganz so leicht zu treiben wie die DynamiKKs!, benötigen aber auch kein Kraftwerk — wie so manche Box mit einem Wirkungsgrad < 90 db. Dass Yellos Bässe nun nicht mehr ganz so abgründig klingen, ist sicherlich den unterschiedlichen Basstreiberkonzepten und schlichtweg auch dem Größenunterschied der beiden Lautsprecher zuzuschreiben. Zwar muss ich den Lautstärkeregler nun ein wenig mehr bemühen als bei den 94 db der Dynamikks, dennoch können die Trioden auch locker die Linton zu einem durchaus dynamischen elektronischen Feuerwerk animieren, das die Magengrube mit jeder Menge Punch erfreut.

Volumen für Stimme und Seele

Bevor nun der Verdacht aufkommt, dass wir es – da ich bislang vornehmlich die dynamischen und tonal neutralen Qualitäten betont habe – bei Thivans 811 Anniversary mit einem verkappten Transistorkonzept zu tun hätten, gehen wir noch ein wenig auf die Stimmwiedergabe ein. Dass Dieter Meiers Stimme nicht nur grummelt, sondern mit einem geradezu verführerischen Flair umgeben ist, habe ich ja weiter oben schon anklingen lassen. Auffallend ist, dass Gesangsstimmen unabhängig vom Genre mit einem Hauch mehr Volumen versehen werden, als man dies von Mainstreamschaltungen aus dem Transistorbereich kennen mag.

Auffällig wird dies vor allem bei mittelprächtigen Aufnahmen der 1980er und 90er Jahre. Tracey Thorns so einzigartige und unverkennbare Stimme auf den frühen Produktionen des legendären Duos Everything but the Girl klingt etwa auf dem Album Love Not Money etwas lieblos aufgenommen, das spezifische Timbre Thorns ist mitunter eher zu erahnen als zu erhören. Hier sorgt nun das Röhrenschimmern des Thivans für eine Ehrenrettung. Die Songs erklingen beinahe so, als hätte man sie einem Remastering unterzogen, und auch auf diesem Album erhält Tracey Thorns Stimme die Sogwirkung, die man gemeinhin mit ihr verbindet.

Wir meinen:

Nach einigen Wochen vergnüglichen Hörens mit dem Triodenkonzept aus Ho Chi Minh City muss ich die Einschätzung des Abenteuerspielplatzes Röhrenverstärker doch ein wenig zurücknehmen. Der 811 entpuppt sich als absolut unkomplizierter Zeitgenosse. Er benötigt nur wenig Einspielzeit und das Auto-Bias ist auch für Röhrenanfänger einfach zu handhaben. In der ab Werk gelieferten Röhrenvariante kommt der Wunsch nach Tuberolling und/oder Tuningmaßnahmen gar nicht erst auf. Berücksichtigt man nun noch die hervorragende Verarbeitungsqualität, das eigenständige Design und den mehr als annehmbaren Preis, dann gibt es eigentlich keinen Grund, sich weiter am „Abenteuer Röhre“ vorbeizumogeln. Und aus klanglichen Gründen ist es geradezu Pflicht, sich beim demnächst anstehenden Verstärkerkauf mit den Gerätschaften der Herren Thi Hoang Nguyen und Van Anh Nguyen zu beschäftigen. Der 811 Anniversary bietet den perfekten Einstieg dazu.

Technische Informationen:

Röhren-Vollverstärker Thivan Labs 811 Single-Ended Anniversary
Eingänge: 1 x XRL, 2 x RCA
Röhrenbestückung: 1 x 12AU7, 1 x 6H8C (6SN7), 2 x6V6, 2 x 811A
Ausgangsleistung: 2 x 10 W
Frequenzbereich: 10 Hz bis 30 kHz (−3 dB)
Eingangsempfindlichkeit: 800 mV
Eingangsimpedanz: 100 kΩ
Leistungsaufnahme: 175 W
Maße (B/H/T): 45/26/40 cm
Gewicht: 36 kg
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: 2800 €

Kontakt:

TCG Handels GmbH
Döppers Esch 7
48531 Nordhorn
Telefon +49 5921 7884927

www.tcg-gmbh.de

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