King Crimson – Lizard
Zum Progrock gehören Tempowechsel, Klassik- und Jazzanklänge, umfangreiche Instrumentalteile und überraschende Instrumente. Weil das alles zusammen kaum in einen Drei-Minuten-Song passt, gibt es den Longtrack.
Was Longtracks angeht, hat man bei King Crimson reichlich Auswahl. Ihr mit Abstand längster Song entstand 1970, als es die Band eigentlich gar nicht gab. Robert Fripp versammelte im September einige Musiker im Studio und machte ihnen exakte Vorgaben. Erstmals übernahm er dabei die alleinige Verantwortung für die Musik – das ambitionierte Album Lizard sollte sein persönlicher Befreiungsschlag werden. (Nur Peter Sinfield, der Texter, hatte noch ein wenig mitzureden.) Fripp bemühte sich damals besonders um das Jazzsextett des Pianisten Keith Tippett, das er gerne komplett in seine Band integriert hätte. Immerhin drei Tippett-Musiker waren am Album beteiligt.
Das 23-minütige Titelstück „Lizard“ füllt die komplette B-Seite der originalen LP. Es ist im Grunde eine Suite aus vier ganz verschiedenen Teilen oder Sätzen mit jeweils eigenen Titeln. Der dritte Satz ist noch einmal in drei (ebenfalls betitelte) Abschnitte untergliedert. Durch die diversen Titel und die Lyrics geistert der Name eines gewissen Prince Rupert, einer legendären Figur der englischen Geschichte (17. Jahrhundert). Auch die mehrfache Erwähnung von Glas (Glastränen) bezieht sich auf ihn, nämlich auf die sogenannten „Prince Rupert’s tears“ (dt. „Bologneser Tränen“), einen besonderen Glasschmuck. Das historische Szenario des Stücks verfließt aber dann Richtung Mittelalter (Drache, Pfau, Schwan). Mittelalterlich inspiriert ist auch die wunderschöne Plattenhülle mit ihren Schmuckbuchstaben. Wer sucht, findet in den kleinen Illustrationen Porträts der Beatles und anderer Rock-Heroen.
Die Suite enthält zwei vokale Songteile. Der erste („Prince Rupert Awakes“) mit dem Gastsänger Jon Anderson (Yes) bildet gleich den ersten Satz. Diese Ballade (0:00–4:34) ist mit früheren Crimson-Songmelodien wie in „In The Court Of The Crimson King“ oder „Epitaph“ vergleichbar – man könnte sich gut auch Greg Lake als Sänger vorstellen. Jede Strophe wird dabei reicher begleitet, die dritte sogar teilweise dissonant. Am Ende gibt es eine fast „sinfonische“ Steigerung mit textlosem Gesang, Mellotron, Tschaikowski-Klavier – und hinein mischt sich schon der Bolero-Rhythmus des zweiten Satzes („Bolero – The Peacock’s Tale“). In ihm dominieren nun die Bläser – Mel Collins am Altsax, der klassische Oboist Robin Miller sowie Keith Tippetts Leute Mark Charig und Nick Evans an Kornett und Posaune. (Tippett selbst gibt am Klavier die Richtungswechsel vor.) Dieser Satz (4:34–11:07) beginnt pseudoklassisch mit einem spanisch angehauchten Thema des Kornetts. („Lizard“ ist auch ein alter Name fürs Kornett.) Später wird daraus ein kleiner bluesiger Dixieland (ab 7:07), der sich kurz zum Freejazz steigert.
Der dritte Satz („The Battle Of Glass Tears“) schildert eine Ritterschlacht. Der sanfte Teil eins („Dawn Song“) ist das zweite Vokalstück der Suite (11:07–13:26) – gesungen von Gordon Haskell, eingeleitet vom Englischhorn. Im grandios heftigen zweiten Teil („Last Skirmish“, 13:26–19:35) bricht dann der gemäßigte Bläser-Freejazz wieder aus, zusätzlich garniert mit rockigen Baritonsax-Riffs, einer Flöten-Improvisation, viel Mellotron, einem leisen Wechselspiel von Bass und Gitarre usw. In Teil drei („Prince Rupert’s Lament“, 19:35–22:08) sorgt Fripps fantasierende E-Gitarre für einen melancholischen Legato-Ausklang. Die anarchische Walzer-Miniatur „Big Top“ (22:08–23:15) beendet die Suite. Für den Musikkritiker Richard Williams war „Lizard“ der Beweis, „dass Rock mit klassischer Musik konkurrieren kann“.
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