Duke Ellington
Ellington hören: Intimität und Opulenz im Vergleich.
Duke Ellington schuf Musik in allen Größenordnungen – vom intimen Kammerformat bis zur groß besetzten Orchestersuite. Zwei hochwertige Neuauflagen von Analogue Productions machen diesen Kontrast nun besonders greifbar. Beide Alben stammen ursprünglich von Pablo Records, jenem Label, das Jazzproduzent Norman Granz 1973 gründete, kurz nachdem er sein legendäres Verve-Label verkauft hatte. Der Name Pablo geht übrigens auf Pablo Picasso zurück – dessen Kunstwerke Granz teilweise verkaufen musste, um das neue Label zu finanzieren. Unter dem Banner Pablo erschienen später Aufnahmen von Größen wie Ella Fitzgerald, Oscar Peterson oder Joe Pass. Neben neuen Sessions prägten vor allem Livemitschnitte (z. B. vom Montreux Jazz Festival) und Wiederveröffentlichungen den Katalog.
Die beiden aktuellen Reissues zeigen Ellington aus zwei sehr unterschiedlichen Blickwinkeln: Portraits Of Duke Ellington mit Joe Pass ist ein transparentes, fast schon kammermusikalisches Trioalbum. The Ellington Suites dagegen bringt das späte Schaffen des Meisters in orchestraler Form auf den Plattenteller. Klanglich überzeugen beide Neuauflagen, musikalisch schlagen sie jedoch ganz unterschiedliche Töne an.
Joe Pass – Portraits Of Duke Ellington
Ein Trioalbum mit struktureller Klarheit
Joe Pass war nie der Typ für große Gesten. Sein Spiel – immer technisch brillant, aber nie effekthascherisch – lebt vom harmonischen Feingefühl und der Kunst des Weglassens. Für Portraits Of Duke Ellington tat er sich mit Ray Brown (Bass) und Bobby Durham (Schlagzeug) zusammen. Die Aufnahme entstand unter Live-Bedingungen im Studio – keine Overdubs, keine nachträglichen Korrekturen. Drei Musiker, ein Raum, fertig. Und genau das hört man: Die Musik klingt unmittelbar, ungeschönt und klar.
Die Trackliste liest sich wie ein Spaziergang durch Ellingtons Klassiker: „Satin Doll“, „Sophisticated Lady“, „In A Mellowtone“, „I Got It Bad (And That Ain’t Good)“. Die Arrangements bleiben bewusst nahe an der Vorlage. Es geht hier nicht um Neuerfindung, sondern um kluge Reduktion. Joe Pass spielt melodisch konzentriert, oft aus der Mittelstimme heraus, mit sparsamen Akkordvoicings und klarer Linienführung. Ray Brown liefert das rhythmisch und harmonisch stabile Rückgrat, während Bobby Durham punktgenau akzentuiert, aber nie den Raum überfrachtet.
Die Neuauflage überzeugt auch klanglich: Das analoge Mastering hält die tonale Balance. Die Instrumente sind klar im Raum platziert, ohne künstlich separiert zu wirken. Die Gitarre profitiert vom ausgewogenen Mitteltonbereich – präsent, aber nicht überzogen. Der Bass klingt konturiert, das Schlagzeug ist zurückhaltend, aber strukturell wichtig. Die Pressung selbst ist ruhig und sauber, mit kaum wahrnehmbaren Nebengeräuschen. Insgesamt ein stimmiges Klangbild für eine zurückhaltende, aber musikalisch durchdachte Produktion.
Duke Ellington – The Ellington Suites
Orchesterstücke aus der Spätphase
Ganz anders die zweite LP: The Ellington Suites zeigt Ellington in seiner späten Schaffensphase als Komponist für große Formen. Enthalten sind drei Suiten: The Queen’s Suite (1959), The Goutelas Suite (1971) und The Uwis Suite (1972). Teile dieser Aufnahmen waren ursprünglich gar nicht oder nur in Fragmenten veröffentlicht worden. Erst Norman Granz brachte sie gesammelt bei Pablo Records heraus. Die jetzige Wiederveröffentlichung ergänzt das Material um das bislang unveröffentlichte Stück „The Kiss“.
The Queen’s Suite ist das früheste Werk in dieser Sammlung – und wohl auch das außergewöhnlichste. Ellington komponierte sie als persönliche Widmung an Queen Elizabeth II. – ein Geschenk, nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Und ja, sie klingt auch entsprechend edel. Der Opener „Sunset And The Mockingbird“ beginnt mit einer schlichten Klavierfigur, die sich langsam ins Orchester ausbreitet. Es folgen impressionistisch schimmernde, bluesgetränkte Sätze, lose verbunden, eher assoziativ als symmetrisch geordnet. Der Spannungsbogen hält über knapp 20 Minuten, auch wenn einzelne Passagen eher wie Klangskizzen wirken als wie abgeschlossene Sätze.
The Goutelas Suite und The Uwis Suite stammen aus der Früh-70er-Phase. Beide Suiten wirken kürzer, dichter, aber auch weniger durchkomponiert als die Queen’s Suite. Goutelas kommt atmosphärisch, fast traumwandlerisch daher – besonders im Satz „Something“, einer Mischung aus Holzbläserfarben, zurückhaltendem Blech und Ellingtons entspanntem Klavierspiel. Doch so schön die Stimmung ist: Eine dramaturgische Entwicklung bleibt aus, das Stück endet eher abrupt.
Interessanter wird’s wieder in The Uwis Suite, die mit „Klop“ einen eher skurrilen Akzent setzt – eine Polka, wie man sie im Ellington-Kosmos selten hört. Sie wirkt etwas isoliert im Gesamtbild, erfüllt aber die Funktion eines Kontrastpunkts, bevor mit „Loco Madi“ ein rhythmisch komplexer, packender Schluss gesetzt wird – vielleicht der stärkste Moment des Albums.
Die klangliche Umsetzung des Reissues ist ebenso überzeugend wie beim Trioalbum: Das Orchester wirkt plastisch und präsent, ohne dass die Aufnahme ihre Wärme verliert. Die Stereobühne ist glaubwürdig gestaffelt, die Instrumente klingen natürlich, nie überzeichnet. Eine gelungene Übertragung des Originals ins analoge Jetzt.
Zwei Platten, zwei völlig verschiedene Ellington-Welten: Hier die klangliche Klarheit und intime Atmosphäre eines Gitarrentrios, dort die opulente, farbenreiche Orchesterlandschaft seiner Spätzeit. Beide Veröffentlichungen zeigen auf ihre Weise, warum Ellingtons Musik bis heute so faszinierend bleibt. Die Analogue-Productions-Reissues holen das Maximum aus den Originalbändern heraus – musikalisch wie produktionstechnisch ein echter Gewinn für jede Sammlung.
Joe Pass – Portraits Of Duke Ellington
Label: Analogue Productions/Acoustic Sounds
Duke Ellington – The Ellington Suites
Label: Analogue Productions/Acoustic Sounds




