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Her Tree im FIDELITY-Interview

Alexandra Cumfe im FIDELITY-Interview

Die mit dem Wald Singt

Alexandra Cumfe im FIDELITY-Interview

Der Wald ist ihre Band: Alexandra Cumfe verwandelt das Rauschen von Blättern, den Ruf wilder Tiere und die Stimmen von Vögeln in digitale Basslinien, Schlagzeugbeats und Pianoakkorde. Die Sängerin aus Niederbayern hat mit ihrem Musikprojekt her tree das zweite Album veröffentlicht, Shape Shift. Im Gespräch mit FIDELITY erzählt Cumfe, wie sie die Bäume, Brüllaffen und Vögel des peruanischen Dschungels zum Grooven brachte und daraus Popmusik schuf, die an Björk und Portishead erinnert.

Her Tree im FIDELITY-Interview
Alexandra Cumfe. Fotografie: Miriam Ferstl, Lena Semmelroggen, Gino Dambrowski

FIDELITY: Alexandra, zunächst muss ich eines gestehen: Ich habe deine Kunst zu Anfang falsch verstanden. In der Ankündigung deines neuen Albums stand, dass du mit dem Wald musizierst und der Wald dir deine Instrumente schenkt …

Alexandra Cumfe: Das stimmt doch!

Ja, aber in meinem Kopf entstand das Bild, du gehst mit Säge und Stemmeisen in den peruanischen Dschungel und baust aus zwei Kokosnüssen und einem hohlen Baum ein Schlagzeug.

(lacht laut) Oha, das stimmt natürlich nicht. Nein, mein Ansatz ist ein ganz anderer.

Der Field Recorder ist deine Säge und dein Stemmeisen. Erzähl mal.

Das fing sehr intuitiv an seinerzeit. Ich habe mir nicht vorgenommen: So, okay, jetzt mache ich Musik aus der Natur. Ich bin einfach in den Wald gegangen, um die Stille zu genießen. Und auch ganz banal, um mit meinem Hund spazieren zu gehen. Um dann aber festzustellen: Der Wald ist nicht still, nie. Eine Binsenweisheit, klar. Ich habe aber beobachtet, wie mein Hund die Ohren spitzte, obwohl ich gar nichts Besonderes hörte. Ich habe mich dann auch hingesetzt und einfach hingehört.

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Was hast du gehört?

Ein Knarzen, Knistern, Scharren, Krabbeln, Rauschen, Piepsen … Da raschelt vielleicht ein Eichhörnchen, singt ein Vogel, da bellt sogar mal ein Rehbock – ein sehr interessantes Geräusch! Dann habe ich angefangen, die Geräusche aufzunehmen und in den Computer zu füttern. Aus einer Vogelstimme, aus einem Windstoß in den Blättern oder aus dem Klang, wenn ich mit einem Tannenzapfen über einen Baumstamm kratzte, konnte ich sehr interessante Sounds kreieren.

Für dein erstes Album Don’t Try, Be Beautiful warst du hauptsächlich in heimischen Wäldern unterwegs, für Shape Shift nun in Peru im Dschungel. War das kreative Potenzial des Bayerischen Waldes schon ausgeschöpft?

Ach, ich hatte schon immer den Traum, mal den Dschungel zu sehen. Und natürlich gibt es dort noch viel mehr an Klängen, an guten Geräuschen zu entdecken.

Brüllaffen, Riesenotter …

Genau. Und jede Menge Vögel. Ich habe festgestellt: Die Vogelstimmen in Peru lassen sich viel besser für meine Arbeit einsetzen.

Amsel, Drossel, Fink und Star singen nicht so schön?

Oh doch, aber anders. Komplexer vielleicht, da sind mehr Töne ineinander verwoben, die Melodien sind schneller und kürzer. In Peru klingen Vogelstimmen klarer, die Melodien sind länger. Es ist einfacher, einzelne Töne herauszuarbeiten.

Wie entscheidest du, welche Klänge zu Schlagzeug, Bass oder Synthesizer werden?

Ich setze mich mit meinem Sound Engineer zusammen, mit dem Max Spindler. Zusammen schauen wir, was ich an Rohmaterial eingesammelt habe und was wir daraus machen können. Grundsätzlich eignen sich Tierstimmen sehr gut für Synthesizer-Sounds, für Klavierlinien, also für melodietragende Klänge. Auch der Bass lässt sich gut aus Tierstimmen bilden. Für die Beats, für die Rhythmik aber brauche ich dunkle, tiefe Töne. Die bekomme ich von den Bäumen, zum Beispiel.

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Wie bringst du einen Baum zum Grooven? Darauf zu warten, dass mal einer krachend umfällt, ist vermutlich nicht die Lösung …

Für eine gute Rhythmik braucht es satte, klare Sounds. Du hattest mit deiner ursprünglichen Interpretation vielleicht gar nicht so unrecht, Philip: Ich gehe zwar nicht mit Säge und Axt in den Wald, ich trommele aber auf einem hohlen Baum und nehme es auf. Das wird heruntergebrochen auf einzelne Töne, wird mit Hall versehen oder verzerrt, in Loops gepackt und mit anderen Tonspuren vereint.

Das Besondere an deiner Arbeit ist, finde ich, dass die im Dschungel aufgenommenen Sounds nicht mehr als solche zu erkennen sind. Der Bass klingt nach Bass, nicht nach Wald. Der Synthesizer klingt nach einem coolen digitalen Sound, aber nicht nach einem Vogel. Darüber dann deine Stimme – Kritiker zogen schon Vergleiche zu Björk oder Portishead. Ein Kollege sah dich sogar als postmoderne Version von Vivaldi, der sich in den Vier Jahreszeiten ja auch mit der Natur auseinandersetzte.

Oha, das hatte ich noch nicht gelesen … Ich weiß nicht, ob ich nach Björk oder gar Vivaldi klinge, das ist mir auch nicht wichtig, ehrlich gesagt. Was entscheidend ist: Ich mache keine Platte „Die schönsten Klänge des Waldes“. Ich mache Musik, ich schreibe Songs, ich singe. Ich habe nur eben keine klassische Band, sondern meinen Field Recorder und meinen Studio-Mitstreiter, den Max, der mich auch bei Auftritten unterstützt. Und natürlich den Wald.

Weißt du vorher schon, was du für Sounds benötigst?

Nein, die Songs entstehen später. Erst einmal sammele ich einfach alles ein, worauf ich spontan Lust habe. Moosbesetzte Baumstämme eignen sich zum Beispiel besonders gut, das gibt einen schönen dumpfen, tiefen Klang für eine Bassdrum. Ich nehme auch Tannenzapfen und kratze mit dem Fingernagel gegen den Strich, das gibt ein schönes, klares Klack-Klack-Klack. Wenn’s trocken ist. Wenn’s geregnet hat, klingt alles noch einmal anders.

Wie denn?

Das Rascheln von Blättern zum Beispiel, wenn ich mit den Händen darin wühle, wird tiefer, dunkler. Auch das Klopfen auf einem Baumstamm wird tiefer. Ist das Moos nass, wird der Klang voller, aber auch etwas schwammiger vielleicht. Wenn alles total trocken ist, dann lohnt es sich zum Beispiel, mit einem blätterbesetzten Ast über den Waldboden zu wischen, das ergibt einen sehr, sehr präzisen und perkussiven Sound.

Wie wird denn aus dem Klack-Klack eines Tannenzapfens ein Rhythmusinstrument?

Wir gehen ganz nah heran an einen Sound, wie mit einem Vergrößerungsglas. Es geht darum, einzelne Töne freizulegen. Dafür ist die Qualität der Aufnahme entscheidend. Wie bei einem Foto: Wenn ich heranzoome und die Auflösung stimmt nicht, wird’s pixelig. Daher bin ich in Peru auch mit einer Primatologin und mit einem indigenen Führer losgezogen. Die konnten mir zeigen, wo ich ungestört vor allem auch Tiergeräusche aufnehmen konnte.

Und wie klingt ein Brüllaffe?

Besonders. Ganz tief, ganz guttural. Man spürt das quasi im Zwerchfell vibrieren. Wir hatten in Hängematten die Nacht im Dschungel verbracht. Mit der Dämmerung am Morgen ging das Konzert los. Erst kamen die Kapuzineraffen, das war aber eher so ein nervöses Geschrei. Dann wachten die Brüllaffen auf. Zunächst ganz in der Ferne, dann immer näher. Die Primatologin erklärte mir, so markieren sie jeden Tag aufs Neue ihr Revier. Schließlich schrien die direkt über unseren Köpfen.

Was ist daraus geworden auf Shape Shift?

Hauptsächlich Bässe. Es gibt in der Natur nur wenig tiefe Stimmen oder Klänge, die sich für eine Basslinie eignen. Der Brüllaffe ist im Prinzip bei fast allen Songs der Bassist.

Und der Riesenotter, welches Instrument spielt der?

Percussion. Die Otter sind sehr nah an unser Boot herangeschwommen und haben uns begrüßt, mit so einem „Fuhi-Fuhi“, ein seltsamer Sound, schwer nachzuahmen. Das hört man jetzt auf dem Song „Same Moon“. Die Melodie, das sind Vogelstimmen, und die Chöre am Ende, das bin ich.

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Deine Stimme aber ist sonst authentisch geblieben? Oder peppst du die auch mit Waldgeräuschen auf?

Nein, das bin zu hundert Prozent immer ich. Bei „Same Moon“ singe ich am Ende dutzendfach übereinandergelegt: Hier wollte ich meine Stimme wie einen Chor klingen lassen. Wie Vögel vielleicht. Da wollte einmal ich klingen wie die Natur.

Beim Song „Wildfire“ gibt es eine weitere menschliche Stimme, die deines indigenen Führers.

Ja, der Daniel ist einer der letzten Menschen auf der Welt, der eine bestimmte Stammessprache noch spricht. Ich bat ihn, den Satz „Die Natur ist schön“ auf Machiguenga ins Mikrofon zu sprechen. Am Ende ist daraus ein schöner Loop geworden, ein wichtiges Element auf Shape Shift.

Was kommt denn als Nächstes? Machst du nach zwei Alben die Wald-Trilogie komplett? Oder gehst du vielleicht ans Meer oder in die Wüste?

Ob ich noch ein Wald-Album mache, weiß ich nicht. Ich habe schon eine neue Idee, nein zwei eigentlich. Zum einen habe ich auf einer Reise eine Walforscherin kennengelernt und viel über Wale erfahren. Vielleicht nehme ich die einmal auf und schaue, was ich daraus mache.

Wale sind ja wie Vögel: Die singen von Natur aus …

Ein großer Vorteil! Das sind ganz alte, ganz schöne Klangwelten. Und Wölfe finde ich sehr interessant. Die haben wirklich ausdrucksstarke Stimmen. Ich wollte schon immer mal einen Wolf in freier Wildbahn aufnehmen. Da muss ich jetzt aber erst einmal recherchieren, wo das am besten ginge. Wichtig ist: Es muss wirklich in der wilden Natur sein. Ein einzelner Wolf, der sich zu uns verirrt, der ist nicht interessant. Dem kann ich ja nicht hinterherlaufen in der Hoffnung, er sagt mal was.

Her Tree

Her Tree im FIDELITY-Interview

Her tree – das ist das Musikprojekt der niederbayerischen Sängerin Alexandra Cumfe aus Rottal-Inn. Nach einer ersten Karriere als Popsängerin mit mundartlichen Texten bringt Cumfe nun als her tree die Wälder zum Grooven. Mit dem Field Recorder nimmt sie Blätterrauschen, Vogelstimmen und das Geschrei wilder Tiere auf, verwandelt diese Klänge im Studio gemeinsam mit Sound Engineer Max Spindler in digitale Basslinien, Drums und Synthesizer-getriebene Melodien. Das Debüt Don’t Try, Be Beautiful wurde im Jahr 2021 von der Kritik hoch gelobt. Gerade hat her tree das zweite Album veröffentlicht, Shape Shift. Dort singt Alexandra Cumfe zu elektronischen Sounds, die im Dschungel Perus ihren Ursprung haben: der Morgengruß einer Brüllaffenfamilie, die Stimme eines Riesenotters, das Singen südamerikanischer Vögel.

www.her-tree.com

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