Auf ein Schräubchen bei Clearaudio
Allen Ortes wird über Nachhaltigkeit geredet, es ist wohl eines der Schlagworte unserer Zeit. Doch wie sieht es in der Praxis aus? Zumeist eher mau. Aber es geht auch anders! Wir berichten über die Revision eines fast 17 Jahre alten LP-Laufwerks aus deutscher Produktion.
Es begann mit einem Blick auf meinen Clearaudio Innovation: Die „Motor-Off“-Leuchte des Laufwerks mutierte in den nun rund 145 000 Stunden ihres Betriebes vom ehemalig strahlenden Blau in ein zart vor sich hin glimmendes Hellblau – und mir wurde plötzlich bewusst, dass ich den Dreher mit seinem Universal-Tonarm nun seit dem Jahre 2008 ununterbrochen nutze. Einmal hatte ich das Öl gewechselt, ansonsten vergaß ich einfach, dass so ein Plattenspieler im Prinzip immer wieder mal einen Service benötigt.

„Schuld“ an dem aufkeimenden Gedanken einer Revision war im Grunde mein Step-Up-Übertrager, der über einen XLR-Eingang verfügt. Daraus ergab sich der Wunsch, diesem die Signale auch symmetrisch anzuliefern. Zudem hatte sich in mir schon länger der Gedanke breitgemacht, meinen Tonarm mit einem XLR-Kabel als Signallieferant zur Phonostrecke auszustatten. Wie es das Schicksal will, führt Clearaudio seit einiger Zeit das Silver Wire im Programm. Der Hersteller meint dazu selbstbewusst: „Das Silver Wire stellt das ultimative High-End-Phonokabel dar. Auch dieses Ausnahmekabel besitzt einen rein symmetrischen Aufbau, eine perfekte Abstimmung in allen Phasen und ist mit Reinsilberlitzen verdrillt. Dank des Geflechtschlauchs wird das Kabel zusätzlich abgeschirmt, behält aber dennoch seine volle Flexibilität. Das perfekte Upgrade für alle, die mehr wollen.“

Das meinerseits folgende Prozedere war so unkompliziert wie folgerichtig: Ein Anruf in Erlangen mit Terminvereinbarung sorgte für Vorfreude. Schließlich weiß man am „Geburtsort“ meines Clearaudio Innovation genauestens, was zu tun ist. Ich weiß: Dort wird der Plattenspieler penibel in seine Bestandteile zerlegt und alle Parameter werden genauestens überprüft. Einige Wochen später ist es so weit. Neugierige Augen wandern über die Teile, und beim Blick auf die Unterseite erkennt Fertigungsleiter Ralf Rucker: „Den habe ich damals gebaut und er war der erste dieser Serie, der unser Haus verließ“. Wie dem (damals noch analog geführten) Fertigungsbuch zu entnehmen ist, steht mein Innovation-Exemplar tatsächlich an erster Stelle mit meinem Namen und Wohnort. Gebaut wurde der Plattenspieler am 11.09.2008. Inzwischen sind um die 1400 Stück dieses Typs entstanden. Neugierig frage ich die Jungs in der Fertigung nach den typischen Fehlern/Mängeln/Schäden, die im Laufe eines Laufwerklebens entstehen und auffallen. Nach längerem Überlegen seitens der Spezialisten kamen dann doch noch einige Punkte zusammen: Lagerschäden durch falsches oder zu wenig Lageröl, abgerissene Pins (sowohl in und an den Steckern als auch an den Kabelenden der Headshell), häufigstes Problem seien aber optische Mängel durch Kratzer etc. Selten, aber immer wieder vorkommend seien „Fallschäden“ etwa durch Unachtsamkeit bei einem Umzug. Völlig unauffällig seien hingegen die Motoren; der Produktionsleiter kann sich jedenfalls an keinen einzigen defekten Motor in seinen bald dreißig Jahren bei Clearaudio erinnern.

Was also kann man – außer „Fallstudien“ – überhaupt falsch machen? Nun, durch zu wenig Öl oder die Verwendung einer ungeeigneten Sorte entstehen fast zwangsläufig Schäden am Lager. Unabhängig davon, ob es sich dabei um ein klassisches Lager mit Kugel oder ein Magnetlager handelt. Letztere schweben in der Laufwerkskonstruktion und werden lediglich vertikal mittels einer keramischen Achse geführt. Im Grunde sollte jährlich ein Ölwechsel durchgeführt werden, je nach Nutzung und Umgebung, so wurde es mir erklärt. Hörräume, in denen geraucht wird oder in denen sich eine Feuerstelle befindet, erzeugen zwangsläufig Ablagerungen im Lageröl. Auf meine Frage, wie viel Öl genommen werden muss, gab es eine klare Aussage: „Bitte nicht zu viel!“ Bei meinem Keramiklager sollte lediglich genug Öl in die abnehmbare Sinterbronze laufen, bis diese leicht benetzt ist. Clearaudio verwendet für alle Laufwerke das gleiche Schmiermittel, ein vollsynthetisches Industrieöl mit hoher Viskosität. Für andere Öle oder gar Fette übernimmt der Hersteller keine Garantie. Es gibt einen Trick, um zu prüfen, wie gut das Schmiermittel noch ist. Man nimmt den Riemen ab und gibt dem Teller einen leichten Schubs. Wenn dieser dann noch ein, zwei Minuten läuft, ist alles gut. Wenn nicht – dann ist es Zeit für einen Wechsel.

Ich hatte schlagartig ein schlechtes Gewissen: In beinahe 17 Jahren habe ich lediglich einmal das Öl gewechselt und gelobte umgehend Besserung. Ab sofort werde ich einmal jährlich (weil Vielnutzer) den 15 Kilogramm schweren Teller abnehmen, das Lager reinigen (dazu genügt ein Küchentuch), anschließend die Keramikachse putzen und ein paar Tropfen Öl auf die Sinterbronze träufeln. Hierzu gleich noch einen Tipp vom Profi: Wenn man zu Beginn einer Hörsession den Plattenteller erst händisch in Bewegung bringt und unmittelbar danach den Motor einschaltet, schont man den Antriebsriemen enorm.
Sieht man den Angestellten in der Fertigung zu, wird schnell klar, dass man hier nur arbeiten kann, wenn man diese Tätigkeiten mit großer Leidenschaft vollzieht. Hier bauen Enthusiasten für Enthusiasten.

Meiner nurmehr matt glimmenden LED wird mit einem Wechsel der Platine abgeholfen. Der Abbau des Motors mit einem Hilfsmittel (damit bekommt man sogar festsitzende Ölfilter am Auto lose) und der neuerliche Zusammenbau erfolgen per Hand. Der Trick dabei ist, die Fluchten der Kanten aller Teile in einen gleichmäßigen Abstand zueinander zu bekommen. „Da brauchst a G’fühl“, erklärt mir der zweite Ralf, dem ich an diesem Tag begegne, seines Zeichens der zuständige Techniker.

Der Tonarm ist inzwischen mit seinem neuen Kabel zurück aus der Elektrofertigung und wird sogleich passend montiert. Ist alles exakt ausgemessen, darf sich der Teller des Plattenspielers gute zwanzig Minuten auf dem eigens dafür vorhandenen Laufwerkstisch drehen (man beachte die massive Granitplatte), erst dann wird die Geschwindigkeit des Laufwerks überprüft. Der Grund hierfür ist einleuchtend: Zuerst soll sich das neue Öl im Lager einmal überall verteilen und auf gleichmäßige Temperatur kommen. Erst dann werden mittels eines kleinen Schraubendrehers und unter Zuhilfenahme einer Stroboskopscheibe die vorgegebenen Geschwindigkeiten (mit 300 Hz, weil man es da viel genauer sieht) eingestellt. Zur Überprüfung daheim reichen aber die bekannten 50 Hertz, ergänzt der Techniker. Er verrät mir noch einen kleinen Trick, wie man testen kann, ob die Lager des Tonarmes noch tadellos sind: Einfach den Tonarm frei am Laufwerk schweben lassen und ihm einen kleinen (!) Schubs geben. Dann sieht man ihm zu, wie er sich langsam auspendelt – und wenn hierbei keine Auffälligkeiten zu erkennen sind, ist „alles schick“.

Der Begriff der Nachhaltigkeit wird derzeit oft strapaziert. Doch während es oftmals bei Lippenbekenntnissen bleibt, beweist Clearaudio, wie man, ohne großes Aufheben zu machen, selbige umsetzt. Jedes vom Hersteller gebaute Laufwerk kann revidiert und in Neuzustand versetzt werden. Und das mit vertretbarem Aufwand – denn außer durch grobe Unfälle geht da nichts kaputt. Ob man sich dann statt eines Dreher-Upgrades lieber eine optimierte Tonarmverkabelung oder einen der hauseigenen Tonabnehmer gönnen möchte, bleibt jedem selbst überlassen.
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