Ayon Audio Eris/Crossfire PA

Ayon Audio Eris/Crossfire PA

Der Geist in der Maschine

Ich schwöre, nie mehr Österreicher-Witze zu machen …Ayon Audio Eris/Crossfire PA

Falls man die absurde Idee hätte, einen Prozessor- Nerd, einen Trioden-Freak und diverse Sixpacks ein paar Tage zusammen in ein Zimmer zu sperren, dann käme dabei entweder eine Art ENIAC heraus oder die Ayon Crossfire PA. ENIAC, ein archaischer, röhrenbestückter Computer, wog 27 Tonnen und beanspruchte eine Fläche von 10 x 17 Metern, die Crossfire bringt es immerhin noch auf 45 Kilogramm und 52 x 42 Zentimeter. ENIAC kalkulierte für die US Army, die Ayon-Endstufe reproduziert Musik und bringt ihren beiden Monster-Trioden mithilfe eines eingebauten Rechners Manieren bei. Falls Sie also einen Servicetechniker beobachten sollten, der beim Service seinen Laptop via USB mit einem Single-Ended-Röhrenverstärker verbindet, dann befinden Sie sich nicht in einem Sciencefiction-Streifen der Triode Mafia, sondern in Österreich. Und zwar bei Ayon Audio.

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Der Crossfire PA ist ein Beweis dafür, dass in den Alpen nicht nur freudestrahlende blauäugige, blonde Naturburschen hausen, die im Winter Skilehrer spielen und im Sommer den Tennisschläger schwingen (Satireschalter: Aus). Ganz im Gegenteil. Innovationen sind auch beim Uralt-Thema Röhrenverstärker noch möglich und machbar. Ayon Audio zeigt das, ganz abgesehen davon, dass es die österreichische Manufaktur inzwischen weltweit zu amtlichem Status gebracht hat. Hinter den durchweg rückgratbrechenden Kalibern der Marke eine Materialschlacht zu vermuten, trifft sprichwörtlich ins Schwarze, ist aber eben nur die halbe Wahrheit. Allein beim Anblick monopolistisch gefertigter Groß-Trioden vom Typ AA62B dürften der Konkurrenz schon die Anodenbleche blass werden: 30 Watt im Single-Ended-Betrieb, das relativiert die mit schwachbrüstigen Röhrchen verbundenen Lautsprecherprobleme bereits deftig, österreichisch breit dialektiert heißt das dann: „… da hamma mia vui mehr Bower ois andre.“

Richtig, hinzu kommt dann noch verschwenderischer Einsatz von Edel-Baumaterial wie etwa russische Röhren vom Typ 6H30, Lundahl-Übertrager, spezielle Widerstände, Mundorf-Kondensatoren sowie extrem aufwendige Netzteile in Form von Gleichrichterröhren und Siebspulen. Doch allein dadurch ist noch nicht unbedingt ein Blumentopf, sprich besserer Klang zu gewinnen, denn letztlich entscheidend ist vielmehr die Schaltungstechnik. Beispielsweise jene der Treiberstufen, die deutlich mehr zum musikalischen Ergebnis beitragen als die zugegeben beeindruckenden, in Tschechien gebauten Endtrioden des Crossfire PA. All das steckt in Gehäusen, die etwa so viel Mikrofonie- Empfindlichkeit aufweisen wie ein nasser Sack Zement. Den haptischen Bedürfnissen des Highenders tragen schließlich noch massive, verchromte Schalter und adäquate Anschlussfelder Rechnung. Übrigens steht „PA“ für „Power Amp“, denn Ayon hat noch einen Crossfire-Vollverstärker im Programm, allerdings mit anderer Technik.

„Vergewissern Sie sich, dass Ihre Hände sauber und fettfrei sind, ehe Sie den Eris tragen.“ Danke, freundliches Manual. In frisch gewaschenen Händen wiegt der „kleine“ Hochpegel- Vorverstärker 17 Kilogramm, und ich werde ihn tunlichst nicht fallen lassen. Das Herz des Vorverstärkers ist die bei Ayon gerne verwendete russische „Superröhre“ 6H30, eine datentechnisch ganz außergewöhnliche Doppeltriode, deren Qualitäten inzwischen auch bei anderen Verstärkerherstellern ganz hoch im Kurs stehen. Im Eris arbeitet die 6H30 im Team mit einem Lundahl-Ausgangsübertrager, dessen Sekundärwicklungen sowohl symmetrische als auch unsymmetrische Ausgänge möglich machen. Zwei Kippschalter auf der Verstärkerplatine erlauben dabei eine Anpassung des Verstärkungsfaktors, der sich um minus drei oder minus sechs Dezibel zurücknehmen lässt; das dient nicht nur dazu, den Pegelsteller in eine vernünftige Hörposition zu bringen, sondern verhindert auch mögliche Übersteuerung bei sehr lauten Quellen. Der gemäß Ayon- Philosophie knackig-kurzen Verstärkerschaltung steht eine recht aufwendige Stromversorgung zur Seite, die mit einem gekapselten Netztrafo beginnt und dann auf einem alten Ayon-Trick basiert: vier kleine Röhren-Gleichrichter vom Typ 6X4 bilden (Graetz-)Gleichrichterbrücken, anschließend folgt eine Spulensiebung mit ebenfalls abgeschirmten Induktivitäten. So, wie es aussieht – die Österreicher gehen mit solchen Informationen nicht gerade offensiv um –, scheint die Anoden-Spannungsversorgung ab Trafo kanalgetrennt gebaut zu sein. Und falls Sie den Netzschalter vermissen: Der befindet sich bei Ayon-Komponenten immer irgendwo am Rand unter dem Chassis.

Praxisgerecht und superbequem wird’s dann sowohl mit dem Phasenschalter als auch der freudig klickenden, Relais-basierenden Eingangsumschaltung und dem Balanceregler, den Ayon gottlob ebenso wenig weglässt wie eine Fernbedienung und, das muss einfach gelobt werden, eine ausführliche Bedienungsanleitung. Etwas Erbsenzählerei muss freilich auch sein: In der Netzverdrahtung kommen simple Lüsterklemmen zum Einsatz. Und die haben in einem Gerät dieser Klasse nichts zu suchen!

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Die Bodenplatte des Endstufen-Schlachtschiffs abzuschrauben ist eine größere Aktion. Zunächst müssen die Röhren raus – leichter gesagt als getan. Pro Kanal sitzen zwei 6SJ7 – Pentoden mit Stahlmantel – sowie je eine 6H30 in den Fassungen, gerade genug Treiber-Kapazität, um eine diesbezüglich höchst anspruchsvolle AA62B anzufahren. Mit den Röhrenfassungen der beiden Endtrioden bin ich insofern einig, als die spannzangenähnlichen Kontakte so sicher sind wie die Bank von England. Will sagen: Drin ist die Röhre schnell, nur das Herausziehen der beiden 62B gestaltet sich materialzermürbend, so, als wolle man einem schlecht gelaunten Hund ein blutiges Steak abnehmen. Merke: Soll die Riesentriode wirklich mal raus, ziehen wir vorsichtig unten am Sockel und besser nicht am Glaskörper.

Liegt die Crossfire dann endlich kopfüber auf ihren gleich zwei abgeschirmten Netztrafos und den beiden Übertragern, wird nicht nur klar, dass die Österreicher am „Eisen“, sprich an den Trafos alles andere als sparen, sondern auch, dass im Chassis ein quasi modularer Aufbau vorherrscht; möglicherweise dienen einige der Schaltungsmodule auch in anderen Ayon- Amps. Das Netzteil dieses monströsen Röhrenverstärkers ist tatsächlich zweigeteilt: die Eingangsstufen besitzen einen eigenen Netztrafo und werden mithilfe einer Gleichrichterröhre vom Typ 5U4G versorgt, deren Stromlieferfähigkeit für eine der Endtrioden nicht ausreichen würde. Immerhin genehmigt sich die AA62B satte 120 Milliampere Anodenstrom, die von Halbleiter-Gleichrichtern zur Verfügung gestellt und mit Spulenhilfe gesiebt werden. Hinzu kommen Softstart-Gleichspannungsheizungen für alle Röhren, erkleckliche Siebkapzitäten sowie eine ausgefuchste Steuerung, die den Verstärker stufenweise ein- und ausschaltet, um Stress auf den Bauteilen und Röhren zu vermeiden (auch der Ausschaltvorgang dauert ein wenig!). Ein wirklich beeindruckes Konzept, das keinen Aufwand scheut, wenn Sie mich fragen.

Womit wir schon beim „Bordcomputer“ der Crossfire wären, der die beiden Endtrioden unter seiner Fuchtel hat. 30 Watt sind für eine Single-Ended-Triode ja alles andere als ein Pappenstiel, üblicherweise erreicht man solche Leistungen bei Eintaktern ja nur durch die nicht unumstrittene Parallelschaltung oder mittels größerer Sendetrioden im A2-Betrieb, der wieder ganz eigene Probleme aufwirft. Die offenkundig äußerst robuste, extrem leistungsfähige AA62B (nur mal zum Nachdenken für Insider: 630 Volt Anodenspannung, bis zu 150 Milliampere Anodenstrom, 2,0 Ampere Heizstrom) wird in der Crossfire-Applikation zwar immer noch nicht grenzwertig „gekocht“, aber durchaus sauber beansprucht. Die ausgeklügelte Überwachungs-Mimik der Endstufe ermöglicht es, die Triode(n) ohne Beeinträchtigung von Betriebssicherheit oder Lebensdauer etwas weiter auszureizen als üblich, also die in Standard- Applikationen notwendigen Sicherheitsabstände kleiner zu machen und so mehr Leistung zu erzielen. Deshalb werden die beiden Röhren permanent überwacht, und sollte wirklich einmal ein Röhrendefekt auftreten, verhindert die Schutzschaltung teure Folgeschäden. Auch ein etwaiger Röhrenwechsel unterliegt der Kontrolle durch die clevere Schaltung – die checkt nämlich die neuen Gläser erst mal komplett durch und steuert dann beide Trioden allmählich auf den optimalen Arbeitspunkt ein, der schließlich im Speicher abgelegt und zukünftig verwendet wird. Dafür nimmt sich die Crossfire gut und gerne eine Tasse Kaffee Zeit, währenddessen kann der glückliche „User“ des intelligenten Röhrenverstärkers über symmetrische oder unsymmetrische Verkabelung nachdenken und den entsprechenden Schalter auf der Rückseite bemühen. Einen nicht minder praxisgerechten Eindruck macht übrigens ein Gain-Schalter, der, falls nötig, sechs Dezibel Verstärkung herausnimmt.

Zur Sache geht es dann nicht nur absolut brummfrei und rauscharm, sondern auch mit dem, ja, man muss es so formulieren, „Ayon-üblichen“ Tiefton- Stehvermögen: Wucht, Definition und Kontrolle in einem Maßstab, der eher an Hochleistungstransistoren erinnert. In Bezug auf Röhrenverstärker darf man hier ohne schlechtes Gewissen durchaus von einem Quantensprung sprechen, weil 1.) die Vorstufe ihren Teil an Schwärze, Schnelligkeit und stilsicherem Timing dazu beiträgt und 2.) das schon kickdownmäßige Spurtverhalten der Crossfire auch im Bass einen ultrastabilen Eindruck hinterlässt. Von solch höchst willkommenen (Klang-)Eigenschaften ganz abgesehen, überzeugt die Kombi vielleicht gerade deshalb und vor allem mit ihrer lässigen Ausgewogenheit; weil sie völlig entspannt vor sich hinschnurrt, dabei jedoch die in ihr steckende Zusatzenergie nie verheimlicht.

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Das alles wohlgemerkt verbunden mit jenem frappierenden Farbenreichtum, zu dem wohl nur die feinsten SE-Trioden imstande sind. Dennoch werden keine falschen Glanzlichter aufgesteckt (die man übrigens nicht zu Unrecht bei komplett silberverdrahteten Verstärker-Kunstwerken monieren könnte), sondern vielmehr niemals aufgesetzt wirkende Strahlkraft, enormer Detailreichtum und natürliche Raumabbildung produziert; Lautsprecher quasi unsichtbar werden zu lassen gelingt nur höchst selten so gut wie mit der Ayon-Kombi. Die Rückkehr zu deutlich kurzatmigeren und weniger dreidimensional abbildenden Röhrenverstärkern dürfte ziemlich schwerfallen, zumal die bekannten Schokoladenseiten kleiner Trioden („klein“ bedeutet hier eine 300B), wie etwa Feinsinnigkeit und Homogenität, ebenfalls zum Repertoire zählen.

Doch ob Sie es glauben oder nicht – damit sind wir der wirklich entscheidenden klanglichen Eigenschaft der Ayon-Kombi noch gar nicht auf die Schliche gekommen. Die kristallisiert sich nämlich erst dann heraus, wenn die beiden Röhren-Boliden schon fast Staub angesetzt haben, wenn also Tage oder gar Wochen vergangen sind, wenn zwischendurch vielleicht „quergehört“ wird, im Klartext: wenn weniger ausgewogene, vielleicht sogar auf Anhieb spektakulärer wirkende Verstärker angeschlossen werden …

Dass die schieren Tieftonkapazitäten der Kombi ein hingeschummeltes klitzekleines Oberbass-Bäuchlein gänzlich überflüssig machen, ist noch einleuchtend, wirklich überraschend ist dagegen, wie Eris und Crossfire quer durchs Frequenzband musizieren, ohne die geringsten i-Tüpfelchen zu setzen. Wenn der Hochtöner plärrt oder zu sehnige Mittenlagen sichtbar werden, geben Sie die Schuld getrost dem Hochtöner, der Akustik oder einem zu gestrengen Player. Eisiger Sopran, mit Chili gewürzte Trompeten oder quengelige Akteure – suchen Sie den Fehler bitte woanders. Es sind jene vermeintlich kleinen tonalen Ungereimtheiten, jene auf Dauer nervigsten Manifestationen mittelprächtiger Elektronik, die uns das Hören am meisten verleiden, die bei Schummlern und Bauernfängern letztlich den Ausschaltknopf näher liegen lassen als das Plattenregal.

Solche Phänomene, selbst jenes seltsame „Unwohlsein“ beim Hören, das sich hartnäckig und undefinierbar jeder objektiven Erklärung entzieht, sind bei Eris und Crossfire noch nicht einmal ansatzweise ein Thema. Verbunden mit dem verpflichtenden Hinweis, selbst eine Power-Triode wie die Crossfire bitte nicht mit einem Stromsäufer zu verheiraten, gibt es eigentlich kein größeres Lob für Verstärker.

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www.ayonaudio.com

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