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Ein Wegweiser durch das Röhrendickicht

Ein Wegweiser durch das Röhren-Dickicht

Echte Röhren, gefälschte Röhren, in Lizenz gefertigte Röhren

Ein Wegweiser durch das Röhren-Dickicht

Die Firma BTB in Fürth gehört zu den größten Spezialisten für Röhrenhandel. Entsprechend groß ist die Expertise bei Firmenchef Michael Kaim und seinem Team, wenn es um die glimmenden Glaskolben geht, die für keinen kleinen Teil der High-End-Gemeinde zum Nirwana des guten Klangs gehören.

Ein Wegweiser durch das Röhrendickicht
Diese ECC83, die BTB-Chef Michael Kaim mit behandschuhten Fingern hält (um Fingerabdrücke und damit Fett auf dem Glaskolben zu vermeiden), trägt den Telefunken-Rhombus als Aufdruck, hat im Sockel aber keine Raute – und ist dennoch eine legale Lizenzfertigung, vermutlich aus osteuropäischer Produktion.

Röhrenverstärker wecken die Spiellust, appellieren in dem ach so ernsten Highender an kindliche Triebe. Denn es braucht nicht übermäßig viel Geschick, um an einem solchen Gerät „herumzutunen“ und jene Bauteile gegen vermeintlich „bessere“ auszutauschen, die für den Klang hauptverantwortlich sind: Vor- und Endstufenröhren. Denn diese kann man im Gegensatz zu ihren Gegenstücken in der Transistorwelt relativ problemlos wechseln. Ein beherzter Griff an den Sockel, ein kräftiger Zug, aber bitte nicht am Glaskorpus, und man hat die Röhre in der Hand. Und kann eine andere, elektrisch passende in die mehrpolige Aufnahme stöpseln.

An dieser Stelle beginnen oft schon die Probleme. Denn elektrisch zur Schaltung in betreffendem Verstärker passen sollten die Tauschteile schon. Tun sie es nicht, endet der Weg ins Klangparadies vielleicht nicht sofort, aber relativ bald in einer beschädigten oder sogar zerstörten Schaltung. Ganz zu schweigen davon, dass in einem solchen Verstärker ein paar Hundert Volt unterwegs sind, die für Gesundheit und Leben ziemlich schädlich sein können. Elektrische und mechanische Kompatibilität sind also Voraussetzung, wenn man sich ans „Tube Rolling“ macht. Aber auch jenseits solcher Basisregeln bleibt die Beschäftigung mit Röhren und ihrem Klang ein komplexes Thema.

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Michael Kaim begutachtet eine Vorverstärkerröhre und befindet sie für gut. In Fürth gibt es praktisch jedes Röhrenbaumuster für alle nur denkbaren Einsatzzwecke – nicht allein für HiFi-Verstärker, sondern auch andere Anwendungen wie Jukeboxen oder Ähnliches.

Wenn der BTB-Boss über die vermeintlich einfache Frage doziert, wie man originale Röhren von mehr oder weniger gelungenen Nachbauten (mit möglicherweise schlechteren Klangeigenschaften) unterscheidet, holt der Mann, der sich gefühlt schon sein ganzes Erwachsenenleben mit diesen Dingen beschäftigt, weit aus und taucht tief in die Historie der Röhrenverstärkung ein. „Man muss unterscheiden zwischen dem Handel und den Dingen, die zwischen den Herstellern liefen“, doziert Kaim. So wurden beispielsweise die gerne in der Verstärker-Vorstufe genutzten ECC83 von diversen Firmen produziert – und als die Produktionskapazitäten heruntergefahren wurden, weil die Nachfrage nachließ, nutzten große Hersteller gerne die Möglichkeit, bei einstigen Mitbewerbern produzieren zu lassen. Eine ECC83 mit „Siemens“-Aufdruck kann durchaus im damaligen Jugoslawien vom Band gepurzelt sein – und dennoch keine Fälschung darstellen. „Eine EL34, auf der Valvo steht, kann bei Mullard produziert worden sein“, erklärt Michael Kaim.

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Zum wohlsortierten Lagerbestand von historischen, nie benutzten NOS(New Old Stock)-Röhren gehören bei BTB natürlich auch die originalen Schachteln.

Vermeintliche Fälschungen müssen also keine sein. Auf einer Röhre findet sich der „Telefunken“-Aufdruck, aber im Boden der Anschlussplatte fehlt die Raute des deutschen Traditionsherstellers. Deshalb muss die Röhre aber noch lange kein illegaler Nachbau sein – es kann sich auch um eine nach Originalspezifikationen hergestellte Lizenzproduktion handeln.

„Damals, in den 1960er Jahren, war Philips ein großer Dachkonzern, unter dem viele Hersteller arbeiteten“, weiß Michael Kaim. Eine Valvo-Röhre mit einem Philips-Herstellercode aus jenen Jahren stelle nichts Ungewöhnliches dar. Es habe einen regen Austausch gegeben, Maßstab sei das Pflichtenheft gewesen, dessen Vorgaben die fertigen Röhren einzuhalten hatten. Und da waren nicht nur elektrische Vorgaben festgehalten, sondern auch mechanische Toleranzen, damit die betreffende Röhre in ihrem Sockel weder wackelte noch klemmte.

Als sich die Transistortechnik auf breiter Fläche durchsetzte, wurden die Fabriken, in denen noch Röhren gefertigt wurden, sukzessive weniger und konzentrierten sich auf Osteuropa, weil es hier noch eher Bedarf als im Westen gab. Michael Kaim zeigt zur Illustration drei verschiedene EL34-Röhren mit Aufdrucken von AEG, Valvo und RFT, die alle bei dem DDR-Warenzeichenverband für „radioverwandte Produkte“ produziert wurden. Eine Dachgesellschaft, der Betriebe des Industriezweiges Rundfunk- und Fernsehtechnik und des Industriezweiges Nachrichten- und Messtechnik in der Deutschen Demokratischen Republik angehörten. Und bei der es in den 1980er Jahren noch die Möglichkeit gab, das im Westen ein wenig aus der Mode gekommene Elektronikbauteil namens „Röhre“ in Massen herzustellen. „Das war in jenen Jahren durchaus gängig“, betont Michael Kaim. Und weil die Verhältnisse durch den Zusammenbruch der Sowjetunion und die deutsche Wiedervereinigung zunehmend unübersichtlicher wurden, gibt es heute auch Röhren, die Michael Kaim als „legale Fälschungen“ bezeichnet, weil die Namens- beziehungsweise Markenrechte in manchen Ländern noch bei den seinerzeitigen Produktionsstätten liegen.

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Noch deutlich komplizierter gestaltet sich, was Kaim mit leisem Lächeln das „Russland-Geschäft“ nennt. Geblockt von massiven Einfuhrkosten, zuletzt aufgrund des Angriffskrieges gegen die Ukraine, mussten Röhren „made in Russia“ verschlungene Wege nehmen, um in den Westen zu kommen. „In den dunkelsten Zeiten ging es über Kasachstan“, berichtet Kaim. Auch Zahlungen von bis zu 30 Prozent funktionierten nur noch über Mittelsmänner – was laut Kaim stets die Gefahr barg, auf Betrüger hereinzufallen, die mit hohen Summen auf Nimmerwiedersehen verschwanden. Alle diese Strukturen verteuerten die Röhren, nach den Worten von Michael Kaim um bis zu 30 Prozent.

Aufgrund der streckenweise schwer nachvollziehbaren Herstellersituation gewann der Einfluss der Vertriebe in der 1990er Jahren an Gewicht. Der „Röhren-Schnelldienst“ (RSD) etwa übernahm die Garantie für die durch ihn erhältlichen Röhren, die in markanten rot-weißen Schachteln verkauft wurden, auf denen die magischen „6 Monate“ aufgedruckt waren. Für diese Zeitspanne übernahm der Vertrieb die Verantwortung. Wichtig: „Damalige Händler haben selbst nie Röhren produziert“, betont Michael Kaim. Auch jene Röhren, die aus dem ehemaligen Ostblock kamen, würden meist Qualitätsware darstellen, „schwarze Schafe“ gebe es nur wenige.

Ebenfalls auf dem Markt ist „gute NOS-Ware, also Lagerbestände, die produziert, aber nie abgerufen wurden und heute im Zuge der Röhren-Renaissance vertrieben werden“. Hier beginnt allerdings, was in Michael Kaims Augen zweifelhaftes Geschäftsgebaren darstellt: „Da wird Telefunken oder Mullard auf eine Röhre gedruckt, obwohl diese mit den Herstellern nichts zu tun hat – weil die entsprechenden Stücke halt sehr gesucht sind“, so Kaim. Dagegen sind Telefunken-Röhren, aus den USA und für die USA angeboten, paradoxerweise „Originale“, weil ein amerikanischer Hersteller die Namensrechte hält.

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Welche Indikatoren es gibt, Originale von Nachbauten zu unterscheiden? „Bei Telefunken sollte man in den Glaskolben schauen, ob dort die dreidimensionale Raute zu sehen ist“, erklärt Michael Kaim. Die Seriennummer, nachschlagbar in verschiedenen Röhrenbüchern, „kann aufschlussreich sein“, sagt der Röhrenexperte. Am wichtigsten sei der Blick in die Röhre, denn „Firmen haben einen Fingerabdruck“, wie es Kaim formuliert. Da gibt es etwa spezielle Ätzcodes bei Mullard, Valvo oder Philips. Deshalb sollte man die Röhren auch nicht bei Ebay oder vergleichbaren Portalen kaufen, denn wenig ersetzt die persönliche Inaugenscheinnahme. Vor allem bei chinesischen Handelsportalen sei das Fälschungspotenzial hoch.

Manche Kult-Röhre ist aufgrund ihrer aufwendigen Fertigung sowieso relativ sicher vor Fälschungen. So gibt es inzwischen gute China-­Repliken der 300B, die nach Originalspezifikationen entstehen und von der ursprünglichen Western-Electric-Version nicht zu unterscheiden sind.

Röhren werden heute nur noch in wenigen Ländern produziert: In China beispielsweise von den Firmen Linlai, Psvane und neuerdings auch wieder Shuguang. Ist man im Zweifel, empfiehlt Michael Kaim, das BTB-Team zu kontaktieren. „In der Regel ist immer jemand da, der beraten kann“, verspricht Kaim. Eine (teuer verkaufte) Billigkopie einer Röhre kann signifikant schlechter klingen, „die Sonne geht eben gerade nicht auf“, sagt Kaim. Und damit bleibt auf der Strecke, was den Kern des Faszinosums Röhre ausmacht: die Freude am guten Klang.

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www.btb-elektronik.de

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