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Analogtage 2024 Studiokonzert: Ella Burkhardt

Ella Burkhardt und Band feat. Nils Landgren

Jazz-Elfe mit Krallen

Ella Burkhardt und Band feat. Nils Landgren

Ella Burkhardt und Band feat. Nils Landgren von den Analogtagen 2024 – 180-Gramm-Produktion des Studiokonzerts in den Bauer Studios in Ludwigsburg.

Analogtage 2024 Studiokonzert: Ella Burkhardt

Warnung: Die Beschäftigung mit dieser Jazzscheibe könnte zu Irritationen führen. Und das nicht nur, weil den Ludwigsburger Bauer Studios anlässlich der Analogtage 2024 eine blitzsaubere Jazzcombo-Produktion gelungen ist, an der praktisch nichts auszusetzen ist. Sondern vor allem, weil Phono-Guru Norbert Lehmann und das Team der Bauer Studios bei dem Livedokument Ella Burkhardt und Band feat. Nils Landgren erstmals neue Wege gegangen sind, was das Trägermaterial dieser Schallplatte angeht.

Mag auf der im gewohnten Bauer-Blau gehaltenen LP (wer das Studio kennt, weiß, woher die Farbe kommt) im Kleingedruckten auch noch der Hinweis „180 g Audiophile Vinyl Pressing“ prangen – was aus der gefütterten schwarzen Innenhülle gleitet, ist gänzlich durchsichtig. „Das war eine Trinkflasche“, sagt Bauer-Boss Michael Thumm mit wissendem Grinsen.

Analogtage 2024 Studiokonzert: Ella Burkhardt

Haben Lehmann, Thumm und Co. doch den Fertigungsprozess umgestellt und pressen ihre Platten nun in jenes PET, aus dem gemeinhin die Einwegbehälter für Cola, Limo oder Mineralwasser produziert werden. Die „transluzente“ Scheibe, die auf dem Plattenteller rotiert, vermag auf Anhieb mit der fast völligen Abwesenheit jener Knack- und Knistergeräusche zu überzeugen, die eingefleischte Analoghörer schon gar nicht mehr wahrnehmen. „Das klingt eher wie eine CD“, meint der Bauer-Chef im Wissen darum, dass das an störenden Nebengeräuschen sehr arme Material gerade dabei ist, sich angesichts seiner Vorteile auf dem Weltmarkt durchzusetzen. Und damit eine ernst zu nehmende Konkurrenz zu Materialien wie „Silent Vinyl“ werden könnte.

Wer die Akustik der Bauer Studios im schwäbischen Schlossstädtchen Ludwigsburg schon einmal genießen durfte, hat eine unauslöschliche Erinnerung an die annähernde Quadratur des Kreises. Denn der Aufnahmesaal, der mit Publikumsbestuhlung gerade für eine nicht zu groß besetzte Jazzcombo wie die Ella Burkhardt Band ausreicht, klingt klar und gerade so trocken, dass er nicht „tot“ wirkt. Weshalb die exklusiven Livekonzerte zu den Analogtagen die Lebendigkeit eines Auftritts vor Publikum – inklusive Zwischenapplaus – atmen, ohne deren Nachteile in Kauf zu nehmen.

Analogtage 2024 Studiokonzert: Ella Burkhardt

Davon profitiert auch die Produktion Ella Burkhardt und Band feat. Nils Landgren, bereits die vierte LP, die zu den Analogtagen entstand. Was der Star-Posaunist und Fixstern der skandinavischen Jazzszene, der seinerzeit auch den verstorbenen Pianisten Esbjörn Svensson entdeckte, mit der jungen, aufstrebenden Jazzsängerin und -gitarristin zu tun hat? Die Erklärung liegt in Ellas erblicher Vorbelastung: Der musikalisch begabten Tochter des Jazztrompeters Ingolf Burkhardt blieb eigentlich gar nichts anderes übrig, als selbst Jazzmusikerin zu werden. Zumal ihre Eltern in weiser Voraussicht den guten Familienfreund Nils Landgren baten, Ellas Patenonkel zu werden.

Analogtage 2024 Studiokonzert: Ella Burkhardt

Mit dem versteht sich Ella Burkhardt auf der Bühne so, wie es zu erwarten ist, wenn man sich ein Leben lang kennt. Deshalb darf die Analogtage-LP von 2024 auch als programmierte Sternstunde angesehen werden, bei der im Herbst vor einem Jahr einfach alles passte: die Songauswahl, das Zusammenspiel und – ganz wichtig, weil durch keinen Mischpult-Trick dieser Welt nachträglich hinzuzufügen – die Chemie zwischen den Menschen auf der Bühne.

Die Musik, die Norbert Lehmann und die Bauer-Studios-Crew, Tonmeister Stefan Albrecht und Tape-Operator Daniel Keinath, per bewährter Studer-B67-Bandmaschine auf analoges Masterband bannen, wandelt gemeinhin nicht auf Experimentalpfaden, sondern verkörpert die melodische Seite des zeitgenössischen Jazz, mal näher am traditionellen Material, mal jener Pop-Fusion zugeneigt, wie sie vor vielen Jahrzehnten unter anderem von Miles Davis erfunden und gepflegt wurde.

Klar, dass auf dieser Scheibe eine Grenzgänger-Nummer wie Stings „Fragile“ nicht fehlen darf: Hier übernimmt Nils Landgren in bewährter Chet-Baker-Manier mit bruststimmigem Tenor die Leadstimme, ehe Ella Burkhardt in die unkaputtbare Gänsehaut-Ballade einsteigt, die von der Zerbrechlichkeit und Endlichkeit des menschlichen Daseins kündet.

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Mindestens ebenso packend gelingen Ella Burkhardt die Jazz-Standards aus dem Great American Songbook, etwa der LP-Opener „Cherokee“, bei dem spürbar wird, dass sich die Burkhardts auch beim Vornamen ihrer Tochter etwas gedacht haben.

Der intelligente Flirt mit klassischem Pop gipfelt auf dieser feinen – auch als Weihnachtsgeschenk für Jazzfans, die schon (fast) alles haben, bestens tauglichen – LP in Joni Mitchells leiser Hymne „Both Sides Now“. Bei Ella Burkhardt mit ihrem luftigen, in den tieferen Lagen erstaunlich durchdringenden Elfensopran wird daraus eine lebenskluge Selbstbespiegelung, erstaunlich reif und hinterfragt. Und weil die auch abseits der Personalie Landgren prominent besetzte Band mit Ingolf Burkhardt an der Trompete, Kjell Kitzing an der Gitarre, Christian Frentzen an den Tasten von Flügel und Keyboard, Marius Goldhammer am E-Bass und Stephan Schuchardt am Schlagzeug den klischeefreien, geradlinigen Weg ihrer Frontfrau Ella mitgeht, kommt der Pop-Standard über die Rampe, ohne angestaubt zu wirken. Eine jener selten gewordenen Platten für die einsame Insel, an der auch audiophile Gemüter ganz viel Freude haben werden.

Analogtage 2024 Studiokonzert: Ella Burkhardt

Ella Burkhardt und Band feat. Nils Landgren bei Sieveking Sound

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