Firmenreportage ATC England

FIDELITY zu Gast bei … ATC, Strout, England

FIDELITY zu Gast bei … ATC, Strout, England – Von der Musik zur Musik

In den idyllischen Cotswolds liegt eine der spannendsten Lautsprecher-Manufakturen der britischen Insel: Der deutsche Audiotrade-Vertrieb entführte uns zu einer Visite im Hauptquartier von ATC.

Fotografie: Carsten Barnbeck

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„Cotswolds“ … hieß so nicht die Familie, mit der Chevy Chase in seinen Klamaukfilmen durch die Welt irrte und später Weihnachten vernichtete? Ach nein, das waren die Griswolds – und die landschaftliche Idylle, die sich vor meinen Augen erstreckt, hätte ja auch nicht im Entferntesten zu dem Chaotenhaufen gepasst … Mein Flug hat mich heute zu früher Stunde von München nach London geführt, wo ein Taxifahrer unsere kleine Gruppe einsammelte. Etwa eine Stunde sind wir über die M4 Richtung Bristol gebrettert. Bäume, Gestrüpp, Felder – die gesichtslose Kulisse einer x-beliebigen Autobahn. Doch seit wir vor 20 Minuten die Ausfahrt nach Gloucester genommen haben, wandelt sich die Kulisse: Mein Blick wandert über eine satte Hügellandschaft mit Weiden, an denen sich Schafe und Rinder laben, und überall erspähe ich heckenumsäumte Felder.

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Immer wieder passieren wir kleine Ortschaften mit hellen Kalksteinhäusern; selten schätze ich die Einwohnerzahl auf mehr als einige Hundert Seelen. Kurz vor unserem Ziel gleitet das Taxi über eine enge kurvige Straße, die beidseitig von Kalksteinmauern begrenzt wird. Hinter den Wällen erahnen wir stattliche Landhäuser mit parkähnlichen Gärten, vor denen dekorative SUVs und dann und wann sogar ein Oldtimer steht. Die Einheimischen wissen definitiv, was deutsche Touristen vom Leben in einer englischen Parklandschaft erwarten.
Das Unternehmen, dem wir uns nähern, nahm seine Anfänge in London. Gegründet wurde es von Billy Woodman.

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Den gebürtigen Australier zog es 1970 nach England, das kulturell so viel farbenfroher war als seine Heimat. Die lange Überfahrt auf einem Kreuzschiff finanzierte sich der passionierte Musiker und Oldtimer-Sammler mit Klavierspielen. Nach einem kurzen Zwischenstopp in der Lautsprecherindustrie gründete er 1974 sein eigenes Unternehmen, zog kurz darauf in die malerischen Cotswolds und fertigte dort seine Mitteltonkalotten, eine Variation der berühmten „Bärennase“. Warum ausgerechnet diesen Lautsprecher? „Ich fand damals einfach keinen anderen, der mein Klavier so klingen ließ, wie ich es kannte“, wird er mir abends beim Dinner erklären.

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Aber so weit sind wir noch nicht. Unser Wagen biegt in die kurze Gipsy Lane ein, eigentlich ein kleiner Nebenweg, und gleitet Augenblicke später durch eine Hofeinfahrt. „ATC Loudspeaker Technology Ltd.“ steht an dem Gebäude, das einem zu groß geratenen Cottage ähnelt. Direkt vor der Tür ist eine zeltartige Überdachung angebracht. Sie kündet, so erfahren wir später, von den Veränderungen, die die Manufaktur gerade durchläuft. Zunächst interessiert uns aber ein anderes Zelt. Das steht im Garten, direkt neben der Küche des Gebäudes, und gerade in diesem Moment wird dort ein leckerer Lunch aufgefahren – garniert mit einem lokalen Cider, der bei den angereisten Gästen für muntere Stimmung sorgt.

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Billy Woodman erzählt uns beim Essen, dass er ursprünglich professionelle Anwendungen im Visier hatte. Für sie entwickelte er neben seiner „Bärennase“ einen Hochtöner, dessen doppelte Sicke extremen Gleichlauf, Verzerrungsarmut sowie besonders ausgewogene und klare Höhen gewährleistete. Schon bald folgten die ersten Lautsprecherkonzepte, die nach kurzer Zeit ein zentrales Merkmal des Herstellers erhielten: Aktivelektronik. Doch zunächst wollte es nicht so recht klappen mit dem eigenen Business. Ironischerweise sei es die digitale Revolution gewesen, die Anfang der Achtziger die Tür in viele Studios öffnete: Tonmeister und Ingenieure mussten umrüsten und hinterfragten nun auch ihr Abhör-Equipment. Eine riesige Tafel im Eingangsbereich listet Hunderte von Produzenten und Studios, die mit ATC arbeiten. Darunter finden sich Namen wie Roger Waters, Jack White, Sting oder die Air-Studios in London.

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Was an dem Werdegang „ironisch“ sei, fragen Sie? Nun, es ist der Umstand, dass ATC ausgerechnet mit der Digitalisierung Fahrt aufnahm. Ein Unternehmen könnte kaum traditionsbewusster sein als diese britische Lautsprecherfirma. Im westenglischen Örtchen Strout entstehen Boxen, deren Design sich bruchlos an Klassiker wie die 3/5 anlehnt. Mit seinem Hang zur Aktivelektronik war ATC durchaus progressiv, doch wird die Technik bis heute strikt analog realisiert. Aber wer weiß, vielleicht begründet gerade das den Erfolg in einer vollständig digitalen Welt.

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Vor vier Jahren übergab Woodman das Steuer an seinen Sohn William. Man könnte meinen, dass der studierte Jurist nicht die Idealbesetzung sei für ein Unternehmen, das vor allem von Tradition und handwerklichem Herzblut lebt. Doch William erwies sich als Glücksgriff: Binnen weniger Jahre erweiterte er das Geschäft und die Auftragslage so umfassend, dass ATC von 28 auf 60 Mitarbeiter anwuchs. Profi- und Consumer-Fertigung halten sich heute in etwa die Waage. Das Wachstum erklärt auch das eingangs erwähnte Zelt: Platz ist in den Firmengebäuden – neben dem Cottage gibt es eine kleine Fertigungshalle – so rar geworden, dass größere Lautsprechermodelle draußen im Hof verpackt werden. Längst musste ein Lager im Hangar eines nahen Flugplatzes angemietet werden. Daher planen die Briten eine bauliche Erweiterung ihres Firmensitzes.

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Die Zahl der Mitarbeiter spiegelt ATCs Manufaktur-Anspruch: Abgesehen von Gehäusen, die von einem ortsansässigen Spezialisten geliefert werden, und den Spulenträgern baut der Hersteller alle Bestandteile seiner Produkte selbst. In der kleinen Werkshalle werden wir Zeuge, wie Mitarbeiter/innen Membranen in Form pressen und die Staubkappen einkleben. Einen Raum weiter steht eine archaische Maschine, die den Schwingspulendraht plättet. Auf die Weise lassen sich 20 Prozent mehr Kupfer um den Träger wickeln, was die Antriebskraft pusht. In der großen Halle nimmt derweil ein Angestellter kreisrunde Eisenstücke von einem Rollwagen und verwandelt sie in einem aus den Urzeiten des Unternehmens stammenden Ungetüm in Permanentmagneten. An einem knappen halben Dutzend Arbeitsplätze werden die Einzelteile schließlich zu fertigen Chassis verheiratet.

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Unser Rundgang führt durch den Garten, an Lavendel und Birken vorbei ins Hauptgebäude. Dort entsteht die Elektronik. Neben den Aktivplatinen für die Lautsprecher fertigt ATC auch Komponenten. Wir erspähen sogar Prototypen neuer Modelle, die aber noch nicht fotografiert werden dürfen. In der Fertigung entdecken wir außerdem eine Vor-/Endstufen-Kombi, die von James Guthrie bestellt wurde – der Recording-Engineer war einst verantwortlich für den Sound von Pink Floyds The Wall. Den weitaus größten Teil des Gebäudes nimmt jedoch die Endmontage von Aktivmonitoren ein. Vier Paare der bildschönen SCM50 ASL erhalten hier gerade ihren letzten Schliff.

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Kurz darauf finden wir uns in einem aufwendig bedämpften Hörraum wieder, in dem drei ATC-Modelle auf uns warten: Die riesige SCM100SE, die SCM40 und die kleine SCM19A dürfen nacheinander beweisen, warum Profis in aller Welt die britischen Boxen so sehr schätzen: Wie Vergrößerungsgläser bieten sie tiefe Einblicke in die Musik. Vor allem die große 100er zieht mich in ihren Bann. Beim Anblick des voluminösen Aktivmonitors spannt man alle Muskeln an, erwartet, im nächsten Moment in den Sitz gedrückt zu werden. Doch weit gefehlt: Der Koloss spielt unglaublich filigran, leichtfüßig und feinstens aufgelöst, besitzt einen straffen, geradezu spritzigen Bass und zeichnet eine traumhaft tiefe, holografisch aufgespannte Bühne in den Raum – klanglich zählt diese Box sicher zum Feinsten, was die englische Provinz zu bieten hat!

Kontakt

www.audiotra.de

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www.atcloudspeakers.co.uk

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