György Ligeti - Atmospheres

György Ligeti – Atmosphères

Odyssee im Klangraum

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Schwerelos. Sphärisch. Kosmisch. Sucht man nach Worten, um die Musik von György Ligeti zu beschreiben, landet man schnell bei Formulierungen, die eher der Umschreibung des Weltalls dienen, nicht der einer Klangwelt. Das ist kein Wunder, ist doch die Musik des österreichisch-ungarischen Komponisten eng verwoben mit Stanley Kubricks Science-Fiction-Filmklassiker 2001: Odyssee im Weltraum von 1968. Die dort eingearbeiteten Orchester- und Chorwerke Ligetis wurden mit dem Film erst einer breiten Öffentlichkeit bekannt, und so kam auch ich, eher Cineast denn Klassikmusikfreund, zum ersten Mal mit Ligeti in Berührung. Ich suchte dann nach einer Veröffentlichung mit den Filmkompositionen und landete beim Album Atmosphères. Es enthält sieben der bekanntesten Werke, die Ligeti für Chor und Orchester komponiert hat.

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Ligetis Musik zu beschreiben ist nicht so einfach, seine Werke sind nicht von eingängigen Melodien geprägt, sondern von den Stimmungen, die sie beim Hörer erzeugen. Ligeti ist vielleicht so etwas wie der Pablo Picasso unter den Komponisten. Allerdings muss man zu den abstrakten Malereien des spanischen Künstlers erst einen Zugang finden, und so ist es auch mit Ligetis Kompositionen: Das wild summende Tongemisch der mal hoch kreischenden, mal tief brummenden Orchester- und Chorstücke braucht einfach Zeit, um seine Wirkung zu entfalten. Und genau wie Picasso gilt auch Ligeti als einer der Besten seiner Zunft. Der 2006 im Alter von 83 Jahren verstorbene Komponist war Repräsentant der sogenannten Neuen Musik, jener musikalischen Strömung des 20. Jahrhunderts, in deren Zuge Elemente der Klassik um neue musikalische Formen und Mittel erweitert wurden.

György Ligeti - Atmospheres
György Ligeti, Atmosphères, Label: Deutsche Grammophon, Format: CD, DL 16/44

Wie diese Erweiterung funktioniert, zeigt das Titelstück Atmosphères, 1961 komponiert, mit dem der Kubrick-Film eingeleitet wird. Die Leinwand ist zu Beginn schwarz, aus dem tiefen Nichts baut sich zunächst nur eine monumental klingende Soundwand auf. Die Orchesterpartitur umfasst 87 Instrumentenstimmen, darunter allein 28 Violinen. Hinzu kommen weitere Streicher, jede Menge Blechbläser und auch zwei Klaviere. Sie werden jedoch nicht wie üblich gespielt – zwei Schlagzeuger trommeln in ihrem Saitenraum herum. Jeder Musiker erhielt von Ligeti eine individuelle Instrumentalstimme mit speziellen Vorgaben, sollte separat agieren. Taktstriche dienten nur zur Orientierung und definierten keine Rhythmik. Die entstandenen Klänge und Töne lösten einander ab, flossen ineinander oder überlagerten sich – „Alle sollen zu einer zarten Klangwolke verschmelzen“, so Ligeti. Die raffinierte Klangschichtungstechnik setzte er auch bei Chormusik ein, etwa bei Lux aeterna, das einige Szenen mit einer durchs All fliegenden Mondfähre akustisch untermalt. Sechzehn Stimmen formieren sich hier zu einer wabernden, mystischen Gesangswolke.

Einen „unbevölkerten, imaginären musikalischen Raum“ wollte Ligeti mit seinen Kompositionen schaffen. Und der erzeugt, auf dem passenden Equipment abgespielt, fantastische Welten im Kopf. Deutlich wird das vor allem bei der Adaption seiner Werke in Filmen. Lontano etwa folgt wie üblich dem für Ligeti so typischen Klangwolken-Prinzip aus geschichteten Stimmen. Doch nicht die Unendlichkeit des Weltalls inszeniert dieses Stück – es untermalt das Schreckensszenario in Shining, einem anderen Kubrick-Klassiker. Wann erlebt man schon, dass einem beim Musikhören kalte Schauer über den Rücken laufen und man das mit offenen Ohren genießt?

Kleine Anekdote am Rande: Stanley Kubrick verwendete Ligetis Kompositionen in 2001: Odyssee im Weltraum, ohne den Künstler um Erlaubnis gefragt zu haben. 3000 Dollar Abfindung erhielt Ligeti schließlich, nachdem er von einem Bekannten erfahren hatte, welche neue Rolle seiner Musik zuteilgeworden war.

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György Ligeti
Atmosphères
Label: Deutsche Grammophon
Format: CD, DL 16/44

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