Klaus Doldinger, copyright Peter Hönnemann

Klaus Doldinger im Interview mit FIDELITY

Klaus Doldinger hat den Sound von Generationen bestimmt und ist eine der größten Jazz-Legenden der Welt.

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Klaus Doldinger: „Bis dahin kannte ich nur Kinderlieder“

Klaus Doldinger hat den Sound von Generationen bestimmt. Er schrieb die Tatort-Musik, das Intro des Aktuellen Sportstudios, komponierte die Filmmusik zu Das Boot – und er ist eine der größten Jazz-Legenden der Welt. Im Interview mit FIDELITY-Mitarbeiter Martin Wittler spricht Klaus Doldinger über sein neues Album Motherhood, über die Gesangsqualitäten von Udo Lindenberg – und warum er den Soundtrack zur TV-Serie Das Boot nicht komponiert hat.

Fotografie: Peter Hönnemann

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Es knistert in der Leitung, dann meldet sich eine sympathisch klingende Stimme: „Hallo?“ Ganz oldschool sind wir telefonisch mit Klaus Doldinger zum Interview verabredet, kein Zoom-Meeting, schon gar kein persönliches Treffen jetzt in Corona-Zeiten. Doldinger sitzt, so berichtet er uns, auf der Couch in seinem Tonstudio, das er sich vor vielen Jahren in seinem Haus in Icking bei München eingerichtet hat. Der Altmeister hat dieses Jahr seinen 84. Geburtstag gefeiert, „in sehr kleinem Kreis“, auch hier bestimmte Corona das Geschehen. Beschenkt hat er sich daher selbst: mit dem Album Motherhood, auf dem er eigene Stücke neu eingespielt hat.

Klaus Doldinger, copyright Peter Hönnemann

FIDELITY: Herr Doldinger, 1969 und 1970 haben Sie die Alben I Feel So Free und Doldinger’s Motherhood veröffentlicht. Nun, 50 Jahre später, haben Sie viele Songs neu eingespielt. Wollten Sie nichts Neues komponieren?

Klaus Doldinger: Hätte ich können, das war aber hier nicht der Plan. Die Stücke spiele ich ja immer auch wieder bei Konzerten, und da kam meinem Tonmann die Idee, das Material neu einzuspielen. Daraufhin habe ich mir die Platten aufgelegt und festgestellt, dass die Stücke sich noch erstaunlich frisch anhören. Den Songs fehlte nichts an Charakteristik. Alle ließen sich auf neue Weise interpretieren. Das war eine tolle Erfahrung: zu merken, wie viel Leben noch in den alten Stücken steckte.

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Sie haben feine Veränderungen vorgenommen. Zum Beispiel haben Sie den Titel „Men’s Quarrel“ in „Women’s Quarrel“ umbenannt. Warum?

Weil es eine Woman gesungen hat (lacht). Es war eine reizvolle Aufgabe, die Stücke nochmal digitalisiert aufzunehmen – mit allen Möglichkeiten, die es heute gibt. Und auch mit anderen Gästen, in diesem Fall China Moses. So sind die Stücke, finde ich, noch überlebensfähiger geworden.

China Moses arbeitete zuletzt mit Funk-Pionier Pee Wee Ellis zusammen, den wir auch vor kurzem in FIDELITY interviewt haben. Ellis entdeckte seine Liebe zum Saxofon schon als Kind. Wie war das bei Ihnen?

Bei mir ist das etwas komplizierter. Bis zum neunten Lebensjahr war ich ja musikalisch blockiert. Ich bin 1936 geboren, und die Nazis haben den Jazz in jeder Beziehung verhindert. Meine erste Jazz-Begegnung hatte ich deshalb 1945, kurz nach Kriegsende, auf der Flucht von Wien nach Deutschland. Im Hinterhof meines Onkels probte eine US-Band und spielte Jazz. Das war das erste Mal, dass ich solche Töne hörte – und das dann auch gleich live. Bis dahin kannte ich nur Kinderlieder, vielleicht noch etwas Mozart und Beethoven. Auf einem offenen Lkw sind wir damals nach Deutschland geflohen. In ein Land, das ich quasi nicht kannte. Mein Leben ist wie die Traumsequenz eines Films, in der der Aufstieg eines jungen Musikers aus dem Nichts abgehandelt wird.

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In Düsseldorf gründeten Sie Ihre erste Band, die Feetwarmers.

Über den Jazz lernte ich im Laufe der Jahre neue Musiker und echte Freunde kennen. Die Feetwarmers … Wir haben damals fleißig geprobt, hauptsächlich Stücke im Stil des New Orleans Jazz. Noch bevor ich mein Abitur machte, hatten wir das erste Album aufgenommen. Das war 1955. Und prompt ging es auf die erste US-Tour. Wir spielten sogar in New Orleans im legendären Birdland.

Klaus Doldinger, copyright Peter Hönnemann

Mit 24 erhielten Sie die Ehrenbürgerwürde der Stadt New Orleans. Werden Sie dort heute noch vom Bürgermeister empfangen?

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(lacht) Das könnte ich mir schon vorstellen. Ich war jedoch länger nicht mehr dort.

Zurück in die Gegenwart, zu Motherhood. Waren Sie aufgeregt im Studio, so, wie man es ist, wenn man nach vielen Jahren einen früheren Freud wiedertrifft?

Aufgeregt? Nein. Über die Stücke musste ich mir zum Glück nicht noch einmal den Kopf zerbrechen. Mit den Musikern musste ich auch nicht diskutieren. Die Lieder haben wir über Jahre live gespielt und dabei stets neu interpretiert. So haben sie eigentlich von ganz allein einen modernen Touch verpasst bekommen.

Und wie war das mit dem Sound? Wollten Sie, dass Motherhood eher retro nach Siebziger-Fusion-Funk klingt, oder nach 2020? Viele Musiker wählen bewusst altes Analog-Equipment, uralte Mikrofone zum Beispiel, um einen Vintage-Sound zu kreieren.

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Retro, Vintage … das ist so eine Wortspielerei. Ich war immer glücklich, dass mein Studio über die Jahre gut ausstaffiert war und einen guten, naturgemäßen Sound aufnehmen konnte. Wie ein Lied dann wirklich klingt, hängt viel mehr am einzelnen Musiker. Wie sehr ist zum Beispiel ein Schlagzeuger in der Lage, einen Song zum Grooven zu bringen? Lieder so zu spielen, dass sie stilistisch ihre Wurzeln nicht vergessen, aber in ein moderneres Umfeld hineinpassen – das ist die Herausforderung des Albums gewesen.

Jetzt haben Sie den Schlagzeuger angesprochen. Eine Konstante bei Ihnen ist Udo Lindenberg. Er trommelte und sang früher bei Ihnen in der Band. Und er singt jetzt wieder mit. Dabei allerdings haben Sie die Tonspur von „Devil Don’t Get Me“ aus dem Jahr 1970 entstaubt. Warum kam er nicht live ins Studio?

Ach, der Udo ist einfach immer sehr fleißig unterwegs. Das war schon damals so, als er noch bei mir getrommelt hat. Und das hat sich bis heute nicht geändert.

Haben Sie damals zu Beginn der 1970er eigentlich bereits gedacht: Aus dem Udo könnte noch ein ganz Großer werden?

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Merkwürdigerweise weigerte sich Udo ja fast immer, bei mir zu singen, „Devil Don’t Get Me“ war eine Ausnahme. Obwohl ich wusste, dass er das richtig gut kann. Umso mehr war ich dann überrascht, dass er sich bei seinen Auftritten später so in den Vordergrund stellte.

5000 Livekonzerte, 2000 selbstverfasste Kompositionen, mehr als 50 veröffentlichte Alben – und trotzdem werden Sie wahrscheinlich von den meisten Menschen auf Ihre Musik zu Das Boot angesprochen. Nervt das?

Nein. Die Arbeit war für mich eine besondere Herausforderung, denn man hatte im Gegensatz zum Jazz bei Filmkompositionen keine wirklichen musikalischen Orientierungsrichtlinien. Da musste einem alles selbst einfallen.

Wie kam es denn zum Auftrag für Das Boot?

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Den Auftrag hatte ich der Tatsache zu verdanken, dass ich klassisch ausgebildet war. Ich sah deshalb kein Problem darin, mich auch auf musikalisch Anspruchsvolleres einzulassen. Nur so konnte ich die recht komplexe Harmonik, wie sie bei Das Boot herrscht, konstruieren.

Das Boot erlebt jetzt als Serie ein Revival. Haben Sie sich die angeschaut?

Natürlich. Mir war auch bekannt, dass es zur Produktion der Serie Reibereien gab. Insbesondere was die Handlung und die Handlungsträger betraf. Aber in Sachen Musik entschied man sich, einige wichtige Elemente von mir zu übernehmen. Da wurde extra ein deutscher Komponist aus Hollywood angefragt, von dem man sich erhoffte, mein Werk nachzuempfinden. Ich habe die Entwicklungen interessiert aus der Ferne verfolgt.

Klaus Doldinger, copyright Peter Hönnemann

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Komponist für den Soundtrack zur Serie ist Matthias Weber. Wurde vorher eigentlich auch bei Ihnen angefragt?

Nein, hier ging es nur ums Geschäft. Da hat niemand Rücksicht darauf genommen, ob der Original-Komponist nochmal miteinbezogen wird.

War ein bisschen Genugtuung dabei, dass Ihre Musik so gewaltig und zeitlos ist, dass selbst Weber, immerhin auch fast 60 Jahre alt und erfahren im Geschäft, keine eigene Filmmusik für Das Boot entwickeln durfte?

Gegen ein Thema wie jenes, das ich für Das Boot geschrieben habe, anzutreten, ist nicht sonderlich erstrebenswert für jemanden, der es sich erst draufschaffen muss, diese Originalität zu entwickeln. Das ist eine schwierige Aufgabe.

Noch in den 90er Jahren eroberte Das Boot als Techno-Version für 13 Wochen die Spitzenposition der deutschen Charts. Es gibt auch Hardrock-Versionen davon. Was fasziniert die Menschen noch immer an dieser Musik? Ich selbst bin 60 Jahre jünger als Sie und bekomme dabei eine Gänsehaut …

Mir geht das mit der Gänsehaut auch noch immer so. Ich weiß noch: Der Ausschnitt aus dem Film, den ich bekommen habe, um die Musik zu entwickeln, hat mich gleich angesprochen. Mir ist dann beim Anschauen diese Melodik eingefallen. Da musste einfach eine Melodie her, die das Stimmungsbild des Gezeigten unterstützt. Da hätte kein Volkslied oder Schlager funktioniert.

Haben Sie bereut, nie nach Hollywood gegangen zu sein? Vielleicht hätten Sie die Melodien zu Star Trek oder Harry Potter komponieren können …

Das hätte spannend werden können, das stimmt. Ich habe aber nie bereut, dass ich in Deutschland geblieben bin. Ich lebe seit 1968 hier in München, habe dort seit 1978 mein eigenes Studio. Mein Leben war immer sehr ausgewogen: Liveauftritte, Studioproduktionen fürs Fernsehen und für die Schallplatte. Nein, ich war nie frustriert, nicht den Schritt in die USA gemacht zu haben.

Ihre erste Aufnahme war eine jazzige Version von „Muss i denn, Muss i denn zum Städtele hinaus“. Planen Sie eigentlich auch eine Neuauflage davon?

(lacht laut) Ich höre mir das Stück tatsächlich noch heute gerne an. Aber nur um zu sehen, wo ich damals musikalisch angesiedelt war. Nicht alles von gestern muss wiederholt werden. Ich lebe gern in der heutigen Zeit.

Herr Doldinger, wir danke Ihnen für dieses Gespräch.

 

Musik von Klaus Doldinger

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