Nagaoka MP-700
Mit seiner scharfen Diamantklinge folgt das Nagaoka MP-700 mühelos den wildesten Rillen und entlockt ihnen feinste Klänge.
Tonabnehmer gehören für mich zu den interessantesten Testobjekten. Sie stehen mit der schwierigen Aufgabe, mechanische Bewegung in elektrische Signale umzusetzen, am Anfang der Wiedergabekette. Genau wie der Lautsprecher ganz am Ende reagieren sie sehr empfindlich auf ihr Umfeld. Geringe Änderungen der Auflagekraft, Fehlstellungen in der Justage, Eigenschaften des Tonarms und Laufwerks offenbaren sie deutlich. Auch der leichte Nervenkitzel beim Einbau der empfindlichen und kostspieligen Preziosen gehört für mich zum Vergnügen. Das zum 85sten Jubiläum des Herstellers angekündigte Nagaoka MP-700 machte mich neugierig, da mir das bisherige Topsystem MP-500, das einige Zeit zu meinem analogen Setup gehörte, auch sehr gut gefallen hat.

Das 1940 als „Nagaoka Clock Parts Manufacturing“ gegründete Unternehmen war und ist bis heute spezialisiert auf die Bearbeitung von extrem harten Materialien wie Edelsteine und Diamanten – unter anderem für die Uhrenindustrie. Für Vinyl-Aficionados ist der Produktionszweig, der für die Herstellung von Tonabnehmern zuständig ist, natürlich interessanter. In diesem Bereich auch als OEM-Zulieferer tätig, ist Nagaoka eines der seltenen, wenn nicht das einzige Unternehmen, das sämtliche Tonabnehmer komplett in eigener Fertigung herstellt. Gerion Hackfort, der für den Nagaoka-Vertrieb in Deutschland und Österreich zuständig ist, berichtete mir während der „Sound Days“ des Auditoriums, dass für die Entwicklung der Tonabnehmer kein einzelner „Hohepriester“ verantwortlich ist.
Vielmehr werde darauf Wert gelegt, dass die Erfolge durch Zusammenarbeit des gesamten Teams zustande kommen. Das – und die fortlaufende Qualitätskontrolle – mag auch ein Grund für die große Serienkonstanz der Tonabnehmer sein. Bisher habe ich bei keinem Abtaster einen nicht exakt eingebauten Nadelträger entdeckt.

Nagaoka ist einer der wenigen Hersteller, der das MP-Prinzip verwendet. Hierbei bewegt sich ein am Ende des Nadelträgers angebrachtes winziges Stück Mu-Metall (Permalloy) zwischen den im Systemkörper fest installierten Spulen und Magneten. Das gleiche Prinzip wie bei einem MI-System, nur dass das dort verwendete Reineisen durch das leichtere Mu-Metall ersetzt wird. Das vereint, zumindest theoretisch, die Vorteile des leichten Nadelträgers eines MC- mit dem der höheren Ausgangsspannung eines MM-Systems. Konstruktiv und messtechnisch ist das beim neuen MP-700 bestens gelungen.
Äußerlich unterscheidet es sich nur durch die Farbgebung.
Die luxuriös anmutende güldene Karosserie des MP-500 wich einer edel wirkenden schwarzen Beschichtung. Sie besteht aus Nickel, schwarzem Zinn und einer isolierenden Schutzschicht, die laut Hersteller die elektrostatische Aufladung reduziert. Der Systemkörper aus Ultra-Duraluminium macht einen robusten Eindruck. Der Generator ist eine Neuentwicklung, mit der die Ausgangsspannung auf 4 Millivolt erhöht werden konnte. Die schon beim MP-500 hervorragende Kanaltrennung konnte um weitere 3 Dezibel auf 30 Dezibel erhöht werden.
Glaubt man den Messungen eines amerikanischen Kollegen, scheinen diese vom Hersteller angegebenen Werte sehr konservativ zu sein – seine eigenen Messungen zeigten noch weitaus bessere Daten. Die Abtasteinheit erhielt einen weicheren Dämpfer; die damit verbundene höhere Nadelnachgiebigkeit ermöglicht die Verwendung von leichten bis mittelschweren Tonarmen. Der Diamant mit Micro-Ridge-Schliff auf Bor-Nadelträger gehört zum Feinsten, was man an dieser Stelle verwenden kann, und kommt auch bei wesentlich teureren Tonabnehmern zum Einsatz.

Diese Liste erlesener Zutaten ließ meine Erwartung steigen. Ich montierte das System auf meinen TW-9.5-Tonarm mit einer effektiven Masse von ca. 12 Gramm – das sollte passen. Das tat es, und wie! Dass der Hersteller auch beim neuen MP-700 an der Verschraubung in offenen Führungen mit winzigen runden Gewindehülsen festhält, finde ich nicht optimal, die Montage gestaltete sich dadurch etwas fummelig. Ansonsten: Alles bestens! Besitzer eines Tonarms mit SME-Anschluss können alternativ auf das MP-700 H mit Headshell zurückgreifen; da es fix und fertig montiert ist, braucht es nur auf den Tonarm gesteckt und gesichert zu werden. Die empfohlene Auflagekraft von 1,4 Gramm nahm ich als Ausgangswert, die Antiskating-Kraft stellte ich auf den Wert „ein kleines bisschen“, den Tonarm richtete ich parallel zur Plattenoberfläche aus. Den Phono-Pre mit 38 Dezibel Verstärkung konfigurierte ich gemäß den empfohlenen Werten: 100 Pikofarad Kapazität (Low + Kabelkapazität von 40 pF), 47 Kiloohm Impedanz. Experimente mit anderen Werten erwiesen sich in meinem Setup als kontraproduktiv.
Mit der Ortofon-Testscheibe erreichte das MP-700 mühelos 80 Mikrometer, einen hervorragenden Wert für die Abtastfähigkeit. Nach einer Tonabnehmerjustage lege ich immer Esther Ofarims Esther (ATR Mastercut Recording aus dem Jahr 1979) auf. Diese schon damals als Testscheibe beliebte Aufnahme zeigt gnadenlos Fehljustierungen und Grenzen der Tonabnehmer auf. Und das MP-700? Nimmt diese Herausforderung locker entgegen. Vollkommen ruhig in der Leerrille, die S-Laute klar und ohne Schärfe, die lauten Gesangspassagen absolut verzerrungsfrei. Gerion Hackfort empfahl, den Tonabnehmer einige Stunden einzuspielen – nach einer Woche begann ich mit der Testphase.
Dem dunkelgrauen Herbsthimmel, der sich tief über das Rheinland gelegt hatte, musste ich etwas entgegensetzen. Es schien passend, Nick Caves „Push The Sky Away“ auf den Teller zu legen. Das MP-700 zog einen immensen Raum auf, der Sänger materialisierte sich felsenfest in der Mitte und leicht vor der Lautsprecherebene im Raum. Die getragene Orgelmelodie spielte aus dem tiefen Horizont der Bühne, irgendwo dazwischen wurde klar umrissen der Chor platziert, die sensible Rohheit der Stimme wurde gänsehautverdächtig wiedergegeben. Großes Kino. Gegen die Herbsttristesse hat es aber nicht geholfen. Der Versuch, ihr mit prächtigen Klangfarben beizukommen, war erfolgreicher. Rimski-Korsakows Scheherazade landete auf dem Plattenteller und ich genoss die opulente Instrumentierung des zweiten Satzes. Das MP-700 differenzierte die natürlich wirkende Tonalität der Instrumente mit außerordentlicher Genauigkeit. In der ungeheuren Tiefe der Bühne wurde das Instrumentarium weit aufgefächert, in Größe und Platzierung perfekt dargestellt. Auch die dynamischen Sprünge meisterte der Tonabnehmer auf eine Art und Weise, die mich des Öfteren zusammenzucken ließ. Das Erstaunlichste aber war die Offenheit, die Mühelosigkeit, mit der das Orchesterwerk in meinen Hörraum transportiert wurde. Es erforderte keinerlei Anstrengung oder bewusst konzentriertes „Hinhören“, um der Musik folgen zu können. Alles war einfach da und gut.
Fela Kutis’ LP Black-President hörte sich an, als ob sie eine Frischzellenkur hinter sich hätte. Der oft als Begründer des Afro-Jazz bezeichnete nigerianische Musiker hat die 1981 erschienene LP mit seiner aus fast 30 Musikern bestehenden Band eingespielt. Die Besetzung, darunter elf Bläser, sechs Gitarren und zwei Schlagzeuger, und der Einsatz von diversen Percussioninstrumenten, E-Piano, Orgel und einigem mehr lassen die komplexe Aufgabe, der sich das MP-700 stellen musste, erahnen. Es gab sich jedoch keine Blöße, problemlos konnte ich sämtlichen Rhythmusmustern und Melodielinien folgen. Detailliert, aber nie den Zusammenhang verlierend pflügte der Diamant durch die bis zu 16-minütigen Grooves. Die sich langsam in den Stücken aufbauende Intensität erfasste den Hörraum, von grauer Herbststimmung war nichts mehr zu spüren. Die Liste der Aha-Momente, die ich während der oft stundenlangen Vinyl-Abende erleben durfte, könnte ich beliebig fortsetzen. Und das auch bei eher durchschnittlich aufgenommenen Platten und sehr unterschiedlichen Musikrichtungen.
Zum 85er-Jubiläum ist Nagaoka mit dem MP-700 ein großer Wurf gelungen. Diese umfassende, alle audiophilen Kriterien erfüllende Kompetenz ist außergewöhnlich. Dass bei Bedarf der Nadeleinsatz (der relativ günstig angeboten wird) problemlos ausgetauscht werden kann, macht die Investition in das nicht billige, aber angesichts seiner Qualitäten enorm preiswerte MP-700 umso attraktiver.
Info
Tonabnehmer Nagaoka MP-700
Konzept: MM-Tonabnehmer Prinzip: MI (Moving Iron); in diesem Fall MP(Moving Permalloy)
Ausgangsspannung (1 kHz, 5 cm/sec): 4 mV
Frequenzgang: 20 Hz bis 27 kHz
Kanaltrennung (@1 kHz): 30 dB
Kanalbalance bei 1 kHz: 1,0 dB
Empfohlene Abschlussimpedanz: 47 kΩ (kompatibel mit gängigen Phonovorstufen)
Empfohlene Abschlusskapazität: 100 pF
Vertikalkraft (empfohlene Auflagekraft): 1,4 g
Nadelträger: hochwertiges Boron
Nadeltyp: nackter Diamant mit Micro-Ridge-Schliff
Dynamische Nadelnachgiebigkeit: 10,2 x 10,6 cm/dyne
Lieferumfang: Nadelschutz, Montageschrauben, Schraubendreher, Bedienungsanleitung (englisch)
Gewicht: 8 g
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: um 1300 € (MP-700 H um 1400 €, Ersatznadel JN-P700 um 730 €)







