Boomerangbeats, Donovam, Jones, Connor, Neuhaus, DeWolff

Prof. P.’s Rhythm and Soul Revue – Boomerangbeats

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Prof. P.’s Rhythm and Soul Revue

Boomerangbeats

Der Professor reist mit Euch von Down Under nach Downtown Chicago und empfiehlt dazu als Begleitsoundtrack neue Werke von Emma Donovan, Sharon Jones, Joanna Connor, Christoph Neuhaus und DeWolff.

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Kühler frisst Highway. Ritt auf dem Laserstrahl. Geradeaus, geradeaus, geradeaus. Links der Busch, rechts die gelbe Mittellinie. Alle paar Takte beiderseits: totes Känguru, totes Gürteltier, tote Schlange. Zerquetschte und verrostete Autowracks am Straßenrand, Skulpturen des Vergangenen. Immer da: roter Wind, glutheißer Atem des Outbacks. Freundlicher blassblauer Himmel mit weißen Wölkchen über wildem Nichts, zerschnitten in der Mitte vom endlosen Band des Asphalts. Wochenlang allein on the road, tagsüber rechts lenken, nachts links schlafen. Bukowski im dimmen Licht einer Kerze im Plastikwindlicht aus abgesägter 1,5-Liter-Wasserflasche und grobem Sand vom Strand des Indischen Ozeans. Sturm im Süden, Nacht hoch oben auf einem Kliff. Wind und Wetter zerren am Blech, rütteln und schütteln die alte Karre, billigster Mazda-Trash. Bukowski tröstet, Kerze am Ende. Sinn der Übung: Die Sonne über der fernen Antarktis aufgehen sehen. Geografisches Fehldenken, gepaart mit dunkelgraugrünem Chaos, Hagel im Frühling und Panik im Herzen. Zitternde Finger suchen Zuflucht im Straßenatlas. Cosy Corner, sanfter Trost vertrauensvoller Phonetik, pedal to the metal. Verlassener Campground, nur ein: Wohnmobil der Unterwelt. Fusselbärtiger Feinrippträger, barfuß, aber zernarbt und muskulös. Weib dabei, fettige Haare, freundliches Wesen, 17 Kinder. Abend am Lagerfeuer, schlaflose Nacht, Regen am Morgen. Wohnmobil ist weg, auf dem Weg ins Nirgendwo. Me, myself & I: allein, alone, again. Wanderung am einsamsten Strand im Diesseits. Stunden mit der Stirn im Sturm, fliegende Muscheln, da: Fußspuren. Ach, die eigenen. Später Tee im Schatten des Vorderreifens. Kopfhörer auf, Minidiscplayer in der Tasche, tanzen, tanzen, tanzen. Tanzen am Rand der Welt, Aretha Franklin, Ray Charles, Booker T., Mix-Disc, vor vielen Monden aufgenommen, tausend Mal gehört, im Flugzeug, in Hängematten, im Zelt, im Auto. Jetzt aber: Abendglut in südaustralischer Einsamkeit, vorsaisonales Nichts, Tanzen ums Feuer, bis die Flatterfalter kommen. Ab ins Cockpit, Schlafsack zu, Soul im Ohr. Warum der Professor heute in seinen Erinnerungen wühlt? Sich am warmen Feuer lange vergangener Momente die Seele wärmt? Midlife-Drama mit Fluchttendenzen in Retrowelten? No worries, mates, she’ll be right.

Emma Donovan
Emma Donovan Crossover Label: Hopestreet Recordings Format: CD, LP, DL 16/44

Jo, mates, alles ist gut. Habe nur gestern den alten Diaprojektor aus dem Standby-Koma geholt und Bilder halbvergessener Fluchten an die Wand geworfen. Aus Über- bzw. Untersee hatte mich neulich ein Tonträger erreicht, der so manch Erinnerung an ferne Zeiten weckte, in denen der Professor über seine ganz persönlichen Traumpfade way down under stolperte, neben Bukowski noch Chatwin in der Tasche und manche Dämonen im Geist, die in sturmumbrauster Einsamkeit Ringelpiez tanzten und sich aber nach und nach in Richtung Antarktis verpissten, excuse my French, folks. Emma Donovan nun, Good Lord. Aborigine-Soul aus New South Wales im Osten des ach so fernen Kontinents, ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt. Getrieben vom feinen bis fetten Instrumentalgospel von Melbournes angesagter Studio-Begleitband The Putbacks (die 2018 auch ein gleichnamiges und sehr empfehlenswertes Funkalbum veröffentlicht haben). Magische Mischung: Uraustralische Mythologie in retro-moderner Muscle-Shoals-Sound-Stimmung, Regenbogenschlange trifft Aretha Franklin. Emma Donovan: Spross des australischen Donovan-Musik-Clans, bereits ihre Großeltern gründeten die Aborigines-Folk-Band The Donovans. Später Schauspielerin in der Folk-Theatergruppe The Black Arm Band, dann erste eigene Soul-Veröffentlichung mit der EP Ngarranga Ngiinundi Yuludarra, auf der Emma Donovan das Leid tausender verschleppter Aborigines-Kinder der Lost Generations würdigte. Bis heute singt die stimmgewaltige Künstlerin zum Teil in der Sprache der Gumbaynggirr, dem Ureinwohnerstamm ihrer Mutter. Soul in seiner ursprünglichsten Funktion: dem vokalen Ausdruck von Pein, hervorgerufen auch durch Leid und Unterdrückung in vergangenen und gegenwärtigen Generationen. Hört hier mal hinein: „Don’t Give Up On Me“ (für mich persönlich: Song des Jahres, brachial groovender Bombast-Soul mit wiederkehrenden Boomerang-Beats, die nun seit Tagen durch professorale Geisteswelten wirbeln) und „Yarian Mitji“ (Seventies-Psychedelic-Soul im roten Staub des weiten Landes, gesungen in Donovans Stammessprache, grandios).

Sharon Jones & The Dap Kings Just Dropped In To See What … Label: Daptone Records Format: CD, LP, DL 24/88

Von Down Under nach Downtown New York beziehungsweise Downtown Brooklyn. Stammleser meiner kleinen Rhythm-and-Soul-Revue wissen, dort bebt in der Troutman Street 115 das Herz des nordamerikanischen Neo-Souls, in den Studios von Daptone Records. 2002 veröffentlichte das Label sein erstes Album, lange bevor Amy Winehouse dem noch jungen Daptone-Universum samt Hausband, den Dap-Kings, weltweites Renommee bescherte. Dap-Dippin’ With Sharon Jones & The Dap-Kings war der zunächst unspektakuläre Beginn einer großen Geschichte. Jones, seinerzeit Vollzugsbeamtin im New Yorker Hauptgefängnis Rikers Island, startete also mit Mitte vierzig eine der unerwartetsten Musikkarrieren der Neuzeit, die aber nach nur rund 15 Jahren ihr Ende fand, als Sharon Jones 2016 im Alter von 60 Jahren an Krebs starb. Posthum war 2017 bereits Soul Of A Woman erschienen, Jones’ siebtes und eigentlich letztes Album, das sie kurz vor ihrem Tod zwischen Krankenhausaufenthalten aufgenommen hatte. Der Professor fand dafür bereits an dieser Stelle wärmste Worte und bastelte daraus eine herzliche Huldigung für eine große, zu früh gegangene Künstlerin. Dass nun doch noch ein Werk von Sharon Jones aus Brooklyn in die Welt geschickt wurde, wollte ich zunächst mit sanften Zweifeln begleiten. Wurden da ein paar einst aus gutem Grund nicht veröffentlichte Songs zusammengeschoben? Nein, nein, nein, Freunde. Just Dropped In To See What Condition My Rendition Was In! ist eine wunderbare Sammlung der besten Coversongs, die Sharon Jones in ihrer viel zu kurzen Karriere eingespielt hat. Live bot sie sowieso immer auch Retro-Soul-beladene und Funk-versetzte Versionen bekannter Lieder von Stevie Wonder, Gladys Knight, Dusty Springfield, sogar von Prince und Janet Jackson dar. Und da ich ein großer Fan von gut gemachter Cover-Kunst bin, freut mich dieses Album besonders. Vor allem Jones’ Interpretation des alten Kenny-Rogers-Hits (geschrieben von Nashville-Legende Mickey Newbury) „Just Dropped In (To See What Condition My Condition Was In)“ – vielen durch den Filmsoundtrack von The Big Lebowski bekannt – lässt den Professor in Puschen übers Fischgrätparkett rutschen, yessir! Grandios auch: die fett verfunkte Fassung von Woody Guthries Folk-Standard „This Land Is Your Land“.

Joanna Connor 4801 South Indiana Avenue Label: KTBA Records Format: CD, DL 24/44

 

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Es war ein gelb getünchtes Schild aus Holz, verziert mit handgemalten roten Sternchen, das am Maschendrahtzaun zum Nachbarhaus hing. Darauf stand: „THERESA’S LOUNGE – LIVE ENTERTAINMENT – FRI, SAT, SUN, MON. FEATURING JUNIOR WELLS, JAMES COTTON“. Ausgetretene Stufen führten hinab ins Souterrain. Hinter einer dunkelbraunen Tür lag ein größtenteils düster-schummriger Raum. Ein langer Tresen, ein paar Tische, hinten eine Art Bühne, nur wenige Quadratmeter groß. Das war die Welt von Theresa McLaurin Needham, von vielen nur „Miss T“ gerufen und bekannt als „Godmother of Chicago Blues“. Die Patin des Chicago-Blues, die legendäre Kneipenmutter, sie ist bereits seit 1992 tot, ihre Eckbar mit der Adresse 4801 South Indiana Avenue gibt es schon seit Mitte der achtziger Jahre nicht mehr. Doch hier, im kleinen Keller in Chicagos South Side, wurde Musikgeschichte geschrieben. Zur Hausband des Bluesclubs gehörten seit den siebziger Jahren Buddy Guy und Junior Wells. Muddy Waters, Howlin’ Wolf und Little Walter spielten zeitweise jede Woche. Miss T erzählte gerne, auch die Rolling Stones hätten hier mit Guy und Wells gejammt, historisch belegt ist das jedoch nicht. Ja, solche Orte gibt es überall, meist muss man leider sagen: gab es. Insofern müssen nicht nur Freunde des Blues, sondern auch Historiker dankbar sein für das aktuelle Album von Joanna Connor. 4801 South Indiana Avenue ist eine soul- und stilvolle Hommage an jene wilden Jahre, als der Baumwollfeldblues des Südens in den Kaschemmen von Chicago elektrifiziert wurde. Alles, was wir heute an Rock und Pop kennen, irgendwie lässt es sich in Clubs wie den von Miss T zurückverfolgen. Joanna Connor, in Massachusetts aufgewachsen, aber seit Teenagertagen ein Kind von Chicago und heute eine der besten Blues-Slidegitarristinnen der Welt, ehrt hier all jene, die langsam in Vergessenheit zu geraten drohen. Spielt Songs von den Granden des Chicago-Blues, Luther Allison, Albert King oder Hound Dog Tailor. An ihrer Seite Joe Bonamassa (der Professor würdigte unlängst dessen neues Werk Royal Tea), der das Album auch produzierte. Der bereits 74-jährige unvergleichliche Reese Wynans am Barrelhouse-Piano (und der früher Keyboard in der Band Double Trouble von Stevie Ray Vaughan spielte). Dazu den jungen Schlagzeuger Lemar Carter (schenkte Frank Ocean, Josh Stone und Mick Jagger den rechten Beat) und den Bassisten Calvin Turner (Trombone Shorty, Joe Cocker). Jeder Song wurde in maximal drei Takes aufgenommen und dann vom Mischpult-Meister JJ Blair (Johnny Cash, The Who, Black Eyed Peas) feingetunt. Liebe Leute, Anspieltipps gibt es heute keine, das Ganze ist ein mächtiges, magisches, monumentales Werk.

Christoph Neuhaus
Christoph Neuhaus Ramblin Bird Label: StereoSüd Format: CD, DL

 

Normalerweise wechselt der Professor ja die Straßenseite, wenn ihm eine Horde Musikstudenten mit elegant abgenutzten Instrumentenkoffern, hip-heterogenem Secondhand-Outfit und selbstgewissem Künstler-Smile am Leib entgegenkommt. Auch habe ich bereits den ersten Corona-Lockdown dazu genutzt, circa tausend Fusionjazz-CDs auszusortieren. Zumeist hochnotpeinigendes, hochschulgeprägtes und synapsengrillendes Kollektivgegniedel, das vor Jahren den Weg zu mir gefunden hatte. Es harrten da also der Vorurteile viele, als mich das aktuelle Werk des frisch amtierenden Trägers des Landesjazzpreises Baden-Württemberg erreichte. Und besser wurde meine Stimmung nicht, als ich zum Begleitensemble von Christoph Neuhaus auf Ramblin Bird weiterrecherchierte: Sängerin Franziska Ameli Schuster gewann denselben Preis ein Jahr zuvor, und Bassist Sebastian Schuster, Bruder der Vorgenannten, im Jahr 2017. Jene beiden übrigens spielen gemeinsam melancholisch-depressiven Doom-Folk in der Band Ameli In The Woods, not my cup of Trollinger, wie mir im Ländle saga. Keyboardspieler Ulf Kleiner ist dazu Dozent für Jazzpiano in Mainz, Schlagzeuger Christian Huber Absolvent der Musikhochschule Mannheim, wie übrigens auch der gebürtige Stuttgarter Christoph Neuhaus selbst. Nun, having said that, kommen wir zur eigentlichen Kernaussage dieses kleinen selbstgerechten Text-Pamphlets: Ramblin Bird ist eine fantastische Platte. Perfekt pointiertes, zwischen Jazzblues (Titelsong „Ramblin Bird“) und Grungegospel („Walk Up Fall Down“) ausbalanciertes Gitarrenspiel, funky-feine Orgelsoli in legerer Zweisamkeit mit luftig-lässigen Drums und dem graziös-groovenden Gesang von Franziska Schuster und Pauline Ruhe. Mal swingender Chicago-Blues („Get Out“), mal zarte Singer-Songwriter-Miniatur mit nachtigallklarem Gesang („Silent Observer“) – der Professor stampft jetzt gleich mal ein gutes Dutzend Hochschulabsolventen-Vorurteile in die Restmülltonne.
PS: Borniert-besserwisserisch wie ich nun mal bin: Den Eröffnungssong „Strollin“ mag ich nicht. High-End-Plätscherjazz mit Jazzgitarrensolo im Mittelteil – ideales Lehrmaterial fürs nächste Musikhochschul-Proseminar „Höchst sophisticated Jazzgitarrensolo im Mittelteil von Eröffnungssongs“.

DeWolff
DeWolff Wolffpack Label: Mascot Records Format: CD, LP, DL 24/88

 

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Ein weiteres Kapitel meiner never ending Stalking-Odyssee des niederländischen Wundertrios DeWolff: Die fleißigen Wunderkinder, mittlerweile alle Mitte/Ende zwanzig, veröffentlichten jetzt mit Wolffpack ihr bereits achtes und damit ausgereiftestes Album, das zweite bei ihrem neuen Plattenlabel Mascot. Fun Fact am Rande: Den ersten Plattenvertrag Ende der Nullerjahre mussten seinerzeit noch die Eltern unterschreiben, weil die Brüder Pablo (Gesang, Gitarre) und Luka van de Poel (Drums) erst 16 bzw. 14 Jahre alt waren. Wolffpack folgt auf das spartanisch-charmante Werk Tascam Tapes, das für 50 Dollar mit einem gebrauchten Tascam-Recorder aufgenommen worden war und leider Ende Januar 2020, also fünf Minuten vor Corona, veröffentlicht wurde. Die drei – Jugendfreund Robin Piso bedient die Hammondorgel sowie ein Bass-Keyboard – tragen das Erbe von Deep Purple, Led Zeppelin und Cream kongenial ins Hier und Jetzt. Cholesterinhaltiger, psychedelischer Southern Soul-Funk („Yes You Do“), ein sich langsam aus Orgelgrooves schälendes Soulrock-Opus („Lady J“) und der fulminante Höhepunkt eines vielseitigen, bunten Geniestreichs: „Bona Fide“, dreckiger Blues mit pumpendem Piano und präzisen Haudrauf-Drums. Kleiner Tipp am Rande: Im Netz ist noch immer der Stream vom Release-Konzert aus dem Amsterdamer Pop-Tempel Paradiso zu finden. Gläschen Genever auf Eis eingeschenkt, Fernseher an den Verstärker angeschlossen, Handy auf Flugmodus. That’s how it’s done.

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