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Professor P - Phil Collins ist doch nicht so schlecht

Professor P.’s Rhythm and Soul Revue

Phil Collins ist vielleicht doch nicht so schlecht

Professor P.’s Rhythm and Soul Revue

Der Professor ist verwirrt (siehe Überschrift). Verantwortlich für den seltsamen Gedanken ist eines der neuen Werke von Vintage Trouble, Odin & Bjørn Berge, Bobby Rush, Tiwayo oder Liv Warfield.

Wir wurden einander auf einer privaten Konzertparty von AC/DC vorgestellt. Sie traten dort als Vorband auf. Ich stand nahe des Bühnenrandes, nur etwa 500 Meter entfernt am hinteren Ende des intimen Open-Air-Clubs, der den charmanten Namen „Messegelände Hannover“ trug. Ich winkte Ty, Nalle, Rick und Richard, sie zwinkerten mir über die Köpfe der anderen 80 000 Besucher vertrauensvoll zu. Ja, so begann das mit der Rock’n’Roll-Band Vintage Trouble und Professor P. Damals, 2015, als AC/DC sich auf ihrer „Rock Or Bust“-Tour von dem Quartett aus Los Angeles einheizen ließen. Zweimal sah ich Vintage Trouble danach noch, diesmal auf eigenen Konzerten, bis eine gewisse Coronapandemie auf Welttournee ging und alle anderen Künstler zum Verharren im recht seltsamen Status Quo verdammte.

Jetzt traten sie vor ein paar Wochen endlich wieder auf, kaum weiter von des Professors Shotgunbude entfernt, als eine tiefenentspannte Möwe in fünf Minuten hoppelt. Natürlich war ich wieder nah dabei, diesmal tatsächlich nur 0,5 Meter vom Bühnenrand entfernt. Locker gefüllt war es, was der ideale Zustand des erfahrenen Konzertbesuchers ist. Die Menge tanzte, sang und groovte, als gäbe es kein Morgen. Sänger Ty Taylor, in einen seltsamen Hosenrock gekleidet, warf sich so ins Geschehen, dass der Professor nicht anders kann als in den Keller zu stiefeln, ganz weit hinten ins Regal mit den Einmachgläsern zu greifen und eine Konzertberichtvokabel aus den achtziger Jahren mit einem leisen Plopp aus dem Verpackungsvakuum zu befreien: Rampensau. Gegen Ende der Party stimmte die Band, die ein jedes Mal spielt, als wisse sie nicht, ob’s nochmal eine Chance dazu gäbe, ein Cover von Stevie Wonders „Higher Ground“ an, in dessen Verlauf Taylor sich unters Volk mischte und im Schneidersitz alle zum funky Sit-in animierte. Warum ich hier aus des Professors Kulturtagebuch vortrage? Vintage Trouble hat nach acht Jahren Pause endlich wieder eine allgemein zugängliche Platte eingespielt, nachdem das vor zwei Jahren zum „Black Friday Record Shop Day“ veröffentlichte Juke Joint Gems nur in einer limitierten Auflage von 1200 Vinyl-Exemplaren erschienen war.

Vintage Trouble – Heavy Hymnal

Professor P - Phil Collins ist doch nicht so schlecht

Habt Ihr alle brav das Intro gelesen, Freunde? Dann lasst mich Euch mit ein wenig musikhistorischem, aus den Wirbeln und Wellen des ewig mäandernden weltweiten Wissensstroms gewaschenen Infonuggets füttern. Wir schauen also zurück in die späten neunziger Jahre, da trafen sich in Los Angeles ein Musical-Sänger, der am Broadway nie den Schritt aus der zweiten Reihe herausfand, und ein ehemaliger schwedischer Profi-Skateboarder, der nach einem karrierebeendenden Unfall Frieden im Gitarrenspiel und Wärme unter der Sonne Kaliforniens suchte. Man jammte und jonglierte mit den Genres, allein, man fand den Groove nicht. 2010 aber kreuzte ein Bass-Drum-Duo ihren Weg, das Adrenalin schwappte plötzlich knöcheltief über die Highways von L.A. Man hatte das Licht gesehen, um hier kurz James Brown zu zitieren. Es war das Jahr 2010, man nannte sich fortan „Vintage Trouble“, und dank eines Auftritts auf einer wohl recht seltsamen Feier anlässlich des 60. Geburtstages von Kiss-Sänger Paul Stanley gelang der erste mittelgroße Durchbruch. Innerhalb von nur wenigen Tagen wurde 2011 das Album Bomb Shelter Sessions aufgenommen, ein Liveauftritt beim damals noch aktiven Talk-Show-Paten David Letterman sorgte im Anschluss für großes Aufsehen – wer mag, kann das noch immer auf dem gängigen Videoportal anschauen, es lohnt sich.

2015 schließlich wurde 1, Hopeful Road veröffentlicht, ein wirklich bemerkenswertes Rock’n’Roll-Album, das Soul und Gospel umarmt und dem Quartett Vorprogramm-Gigs auf den Touren von AC/DC, The Who und, ja, auch Bon Jovi bescherte. Und dann wurde es still. Die Aufnahmen zum Folgealbum des Erfolgswerks stockten, lange noch vor Corona. Umso begeisterter ist der Professor nun, dass das Quartett um Sänger Ty Taylor noch immer in Originalbesetzung gute Musik macht und dabei, so schaute es beim Livekonzert um die Ecke von meiner alten Shotgunbude jedenfalls aus, jede Menge Spaß hat. Und das neue Album: Freunde, wer Otis Redding mag, die frühen Sachen der Rolling Stones und überhaupt gerne Soul und Rock’n’Roll durch die Boxen blasen lässt: Check that shit out! Hörproben dürfen sein: „Who I Am“ (Sänger Taylor wechselt zwischen Highspeed-Rap, Soulgesang und Rockröhre, und die Band beweist sich als perfekt eingespieltes Team in urvertrauter Viersamkeit), „Feelin’ On“ (What the… Das ist plötzlich Prince-Bombast-Funk in Perfektion – die Band ist vielseitiger, als selbst der Prof. bisher dachte) und „Repeating History“ (politisch aufgeladenes, sanft groovendes Südstaaten-Opus in ausgewogener Balance zwischen emotionalem Sixties-Soul und postmodernem Gospel-Funk).

Label: Cooking Vinyl
Format: CD, LP, DL 24/48

Odin & Bjørn Berge – Hoohas And Cat Calls

Professor P - Phil Collins ist doch nicht so schlecht

Die Nordsee peitschte Salz und Gischt auf die Straße, dazwischen schwarze Fetzen von Tang, vielleicht waren’s auch zerrupfte Küstenmöwenvampire. Es dämmerte bereits am Frühnachmittag. Das graue Band verschwand im noch graueren Nichts. Der Professor klammerte sich mit weißen Knöcheln ans Lenkrad seines kleinen Mietgefährts. Wüste Sturmböen warfen den Wagen von links nach rechts nach links nach rechts, und man durfte nicht ohne Grund annehmen, den Rest des Daseins als Gerippe in der Blechbüchse auf dem Grunde eines Fjordes zu verbringen. Was an sich kein unpassender Untergang gewesen wäre, ist die norwegische Westküste doch bekannt nicht nur für ihr von Meeresarmen zerfurchtes Erscheinungsbild, sondern auch in bunte Flachdosen verpackte Ölsardinen.

Jedenfalls hatte mich das Schicksal an jenem Oktobertag nach Haugesund verschlagen. Ein – Achtung, es folgt ausgeleiertes Reiseführervokabular! – pittoreskes Fischereistädtchen inmitten von unzähligen Inseln, Schären, Meerengen, Fjordmündungen und zerklüfteten Hügeln im Hinterland. Ich fand eine beschauliche Pension, kippte fünf Grog und fiel in einen von wilden Träumen aufgewühlten Schlaf. So weit meine Erfahrung mit Haugesund bisher, am nächsten Morgen fuhr ich weiter. Nun aber fand ich eine CD im Briefkasten, die von Musikern eingespielt wurde, die just in jener Heimat der Ölsardinen und wilden Herbststürme aufgewachsen sind beziehungsweise dort künstlerisch tätig wurden. So recht kriege ich die malerischen Holzhäuschen am Sund, die kleine Promenade am Hafenbecken mit seinen auf im Windschatten hüpfenden Bötchen nicht zusammen mit den schrägen Sounds, die Schlagzeuger Odin Staveland und Gitarrist Bjørn Berge hier zusammenmontiert haben. „Club-Blues“ nennen die beiden ihr Schaffen, und ich vermute mal, dass es in der gesamten Region Haugesund eher keinen Club gibt, der das spielt, dafür müsste man schon weiter nordwärts ziehen in die für ihre Subkultur bekannte Studentenstadt Bergen. Odin Staveland und Bjørn Berge jedenfalls spielten bereits fünf Jahre zusammen in der von Odins Vater Øyvind Staveland Anfang der neunziger Jahre gegründeten Folk-Rock-Band Vamp (in der einst auch der heutige Jazzpianist Bugge Wesseltoft die Tasten bediente).

Für ihr neues Duoprojekt mit dem Album Hoohas And Cat Calls luden sie sich ein paar Algorithmen und Sounderzeugungs-Hardware ins Studio, Berge brachte seine Dobro-Slidegitarre mit – und man schuf einen tatsächlich neuartigen Electro-Blues, der nicht im Nachklapp alte Meister sampelt, sondern frisch und lebendig ist wie ein gerade ins Netz gegangener Hering aus der Nordsee. Hört hier mal rein: „Lovesick“ (Flüsterstimme zu dominanter Slide-Dobro in schwerem Schleppnetz-Electro-Rhythmus, so spielen die Söhne von norwegischen Fischermännern im 21. Jahrhundert den Blues), „Bullet Dance“ (sucht jemand noch einen Beat, um durch die Wohnung zu tanzen? Well…) und „Get Up“ (Genregrenzen sind was für Weicheier, vor allem wenn man das Genre „Club-Blues“ gerade selbst erfunden hat. Dies hier ist ein feiner Minimalisten-Funk, der mehr nach Prince-Minneapolis denn nach Booker-Mississippi oder gar Bjørn-Blues klingt).

Label: TBC Records
Format: CD, LP, DL 16/44

Bobby Rush – All My Love For You

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Ach, da werden Erinnerungen wach. An jene fernen Tage, da der Professor durch die Sümpfe des Südens irrte und wirrte. Den Fuß aufs Gaspedal setzte. Crawfish aß, ahh! Flusskrebse aus dem Ol’ Man River, feuerrot und höllisch scharf gesiedet in kochendem Tabasco, serviert mit Kartoffeln, im selben teuflischen Sud gegart … Aber ich schweife ab. Der Professor folgte also den Straßen, egal wo sie hinführten. Blecherte in uralter Büchse durch Clarksdale, durch Memphis, und aus nostalgischen Gründen durch einen vergessenen Weiler namens Hamburg, nurmehr eine Ansammlung von halbverfallenen Hütten im Staate Mississippi. Hie und da kehrte man ein, im Juke Joint am Ende des Universums zum Beispiel, trank ein, zwei eiskalte Bud und lauschte der örtlichen Bluescombo. Ja, das war ein Trip zur Seelenbefriedung, zufällig aber auch auf den Spuren des alten Chitlin’ Circuits. Jenen namenlosen Bars und Nachtclubs in den Südstaaten, die Livemusik zum Wochenende boten und Musiker mit einem warmen Essen entlohnten, zumeist frittierten Schweineinnereien – Chitlin.

Einer der alten Helden aus jener Zeit ist Bobby Rush, in einer Zwischenkriegswelt als Emmit Ellis Jr. irgendwo auf dem Lande zwischen Homer und Haynesville in Louisiana groß geworden, auf den Baumwollfeldern noch, als Sohn eines Predigers, der von Jesus erzählte, während der Sohn an Muddy Waters dachte … Nun denn, jener Bobby Rush feiert bzw. feierte (je nachdem wann Ihr diese Ausgabe der FIDELITY in die Finger bekommt) im November seinen 90. Geburtstag. Und weil man sich am besten selbst beschenkt, hat Mr. Rush ein neues Album eingespielt. Und das, verehrte Freunde, ist ein Geschenk an alle. Der Mann hat noch immer den Groove, hat diesen gewissen Juke-Joint-Swing, fusioniert wie in seinen besten Tagen Blues mit Funk, ein Genre, das der Gute einst Folk-Funk nannte und das keiner so spielt wie er, selbst im stolzen Alter von 89 Jahren. Mehr als 50 Jahre nach seinem ersten Hit – „Chicken Head“, bitte auch mal anhören! – und vermutlich 70 oder mehr Jahre nach seinem ersten Konzert.

Hört Euch das Album bitte von vorne bis hinten an, seht dem alten Mann die Gefühlsduselei in den langsamen Balladen nach und tanzt, was die Socken hergeben, zu Uptempo-„Folk-Funk“-Nummern wie „I’m Free“ oder „I Want To“. Ende August gab der Meister dem US-amerikanischen Sender-Kombinat National Public Radio ein schönes Interview, das auf npr.org zu finden ist. Oral history, listen!

Label: Deep Rush Records/Thirty Tigers
Format: CD, LP, DL 24/48

www.bobbyrushbluesman.com

Tiwayo – Desert Dream

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Er fuhr allein, die Gitarre auf der Rücksitzbank. Rechts und links verwischte sich die Landschaft zu impressionistischen Aquarellen. Die Abendsonne tauchte das Land in ein tiefes Orange, während Kojoten den Highway kreuzten. Tumbleweed hing in gebeugten Zäunen, der Wind jaulte wie eine zahnlose Hyäne. So muss es gewesen sein, als Tiwayo sich durch die Weite des Landes bewegte. In New Orleans, Memphis und Chicago stoppte, verweilte, an Straßenkreuzungen jammte und für eine Handvoll Dollar im Hut in namenlosen Clubs spielte. In jener Zeit verdiente er sich seinen Spitznamen „The Young Old“, aus dem sich sein Künstlername „Tiwayo“ ergab. Schrieb er die Songs seines hier bereits vom Professor gelobten Debütalbums The Gypsy Soul Of Tiwayo, das von Mark Neill im schwülen Süden Georgias produziert wurde, dem Grammy-belohnten Vintagesound-Experten, der schon für die Black Keys und Nick Waterhouse arbeitete.

Tiwayo tourte daraufhin mit Sting, Marcus Miller, Norah Jones. Nicht schlecht für einen Jungen aus der Pariser Vorstadt, der mit Chansons, aber auch dem Jazz von John Coltrane aufwuchs. Jetzt sein zweites Album Desert Dream: Selbstproduziert, keine prominente Unterstützung – und ein wirklich wunderbares Werk. Ry Cooder meets frühen Chris Isaak, falls Ihr versteht, was ich damit sagen will. Spartanische Arrangements, die viel Raum für den Atem der Prärie lassen. Americana-Soundlandschaften, vermischt mit milden Reggae-Tönen und ausbalancierten Pop-Grooves. Etwa bei „Daughter Of The Stars“ (eine Akustikgitarre setzt ein, dazu ein sanftes Summen, der glaszarte Tenor Tiwayos … schön) oder „Wait“ (die voraussichtlich beste Ballade des Jahres, so die Einschätzung des Professors – ein sanftes Opus mit warmen Drums, zweierlei groovenden Gitarren und einem gregorianisch anmutenden Gospelchor).

Label: Time & Place Records/Yotanka Records
Format: CD, LP, DL 16/44

Liv Warfield – The Edge

Professor P - Phil Collins ist doch nicht so schlecht

Zur Erinnerung: Die bisweilen irrlichternden Wortkaskaden, die Ihr hier auf diesen Seiten findet, bastele ich ja unter dem einenden Label „Prof. P.’s Rhythm and Soul Revue“ zusammen. Doch rechts oben auf jeder dieser Seiten besagt ein kleines „FUNKIDELITY“ in zartester Typografie, dass wir uns insgesamt zwischen den beiden Lieblingspolen des Professors bewegen: Soul und Funk. Ja, und ab und zu braucht es tatsächlich eine vollfettstufenmäßige Funkdröhnung, sodass die Ohrmuscheln Quickstep tanzen und das Oberstübchen auf den Kopf gestellt wird (eine Metapher übrigens, auf die ich nicht unbedingt stolz bin, aber es ist spät und man muss nehmen, was einem die Synapsen zur Verfügung stellen). Nun, da kommt zum Beispiel die neue Platte von Liv Warfield gerade recht. Ich muss gestehen, ehrlicher Fantast, der ich nun einmal bin, dass Mrs. Warfield mir bisher nicht bekannt war. Zum Glück ist dieser Zustand beendet, für mich, und in ein paar Sekunden auch für Euch: Ehemalige Sängerin von Prince in dessen New Power Generation, wirkte mit an dessen letzten Alben Lotusflow3r und 20Ten sowie dem posthum veröffentlichten Welcome 2 America. Stammt aus Peoria in Illinois, galt als große Leichtathletik-Hoffnung, bevor sie in einer Karaokebar die Musik für sich und zum Glück auch uns entdeckte.

Ihr nun drittes Soloalbum: Freunde, sperrt die Kinder in ihre Zimmer, verriegelt die Tür, dreht am Regler und tanzt, was die Socken hergeben. Am Keyboard sitzt Bobby Sparks, der ebenfalls mit Prince und zudem Ray Charles, Herbie Hancock und Al Jarreau tourte und hauptberuflich Mitglied der Grammy-überhäuften Jazz-Fusion-Band Snarky Puppy aus Texas ist. Dort steht im musikalischen Alltag auch Mark Lettieri an der Gitarre, zu dem eingespielten Duo gesellt sich hier der Rasta-Session-Bassist Jay McK. Das Ergebnis ist ein ungemein tightes, temporeiches und traumwandlerisch tanzbares Werk, da mag ich kaum noch weitere Wohlwollen bekundende Adjektive finden, die mit „t“ beginnen … Hört einfach hier rein: „Maybe They’ll Take Your Picture“ (knapp sechsminütiger Prince-Gedächtnis-Funk mit scharfen Breaks, Beats und prominent in den Vordergrund produzierter Basslinie), „Edge“ (dito) und „Another Day In Paradise“ (Coverversion, die dem Professor erstmals – und letztmals – in seinem Leben den Gedanken erlaubt: Phil Collins ist vielleicht doch nicht so schlecht …).

Label: Leopard
Format: CD, LP, DL 24/48

www.livwarfieldofficial.com

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