Professor P.’s Rhythm and Soul Revue
Der Professor steigt durch ein Loch im Boden und erkundet den Untergrund. Dabei entdeckt er neue Werke der Sons of the East, von Charles Pasi, Jon Batiste, Ledfoot und Wet Leg.
Draußen klatscht der Regen gegen die Scheiben. Der Sturm wildert in den Wipfeln der beiden großen Eichen hinterm Haus. Das Platschen und Plätschern wird immer wieder zerschnitten vom harten Geräusch der Eicheln, die aufs Schuppendach knallen. Ich habe ein Feuer im Kamin gemacht. A man’s gotta do what a man’s gotta do, insbesondere bei Veranlagung zu kalten Füßen. Man muss sich wohl damit abfinden, dass der Sommer vorbei ist. „Was schreibst du da für einen Scheiß?!“, höre ich den Frühling von draußen durchs gekippte Fenster rufen. „Der Sommer wartet um die Ecke!“ Ja, das Wetter draußen spielt dem professoralen Zeitempfinden Streiche. Also ignoriere ich es und konzentriere mich aufs Wesentliche, da die Welt in vielerlei Hinsicht der Unbill nicht zu kontrollierender Kräfte ausgesetzt ist. Und das Wesentliche, das ist die Musik. Das muss ich Euch nicht erklären, verehrte Freunde, weiß ich doch. Musik auf Tonträgern, meinethalben auch auf der Festplatte, und natürlich auf der Bühne. Wenig beflügelt meine Lebensgeister ja wie ein gutes Konzert, auch das ist für den Lesezirkel von Prof. P.‘s Rhythm and Soul Revue nichts Neues. Erst vor wenigen Tagen etwa stieg ich durch ein Loch im Boden. Mitten im größten Rotlichtviertel der nördlichen Hemisphäre öffnen sich bisweilen mächtige Platten im Trottoir, um den Zugang zur Unterwelt zu gewähren. Man steigt herab, die Wände sind schwarz gestrichen und schlucken fast jedes Licht. Unten ist der Grundriss des Etablissements verwirrend kafkaesk, und obwohl ich hier natürlich schon öfters war, lande ich immer wieder einmal in den ausufernden Pissoir-Gefilden, obwohl ich doch nur einen Drink will. Etwas spät kamen wir, die Missus und ich, ein Inder um die Ecke hatte uns mit einem Vindaloo-Vogel den Schweiß auf die Stirn getrieben. Die Vorband spielte bereits, und der Laden war voll. Das mag der Professor ja gar nicht mehr. Fremde Ellbogen in den Hüften, Video-Handys vor der Nase und zu viel gut gelauntes Geplapper im Ohr, no, sir, da bleib ich lieber zu Hause. Wenn ich’s vorher gewusst hätte … Tatsächlich hatte ich nicht gedacht, dass der Auftritt der Band Sons of the East dermaßen viele Menschen in diesen nicht kleinen Club locken würde. Erst vor zwei Jahren hatte ich die Platte Palomar Parade hier an dieser Stelle besprochen: Das wunderbare Debüt eines Trios aus einem Beach-Vorort von Sydney, das erstaunlich ausgereift nach Folkmusik, nach Alternative-Country, nach Dylan und nach Crosby, Stills & Nash klang. Die Macht digitalen Selbstmarketings aber ist offenbar nicht zu unterschätzen. Viele hundert Millionen Streams und Youtube-Aufrufe bedeuten zwar Kummer für den Bankberater der Band, aber in postmoderner Musikära eben auch einen kapitalen Bekanntheitsgrad. Das Konzert dann, Freunde … Stay tuned.
Sons of the East – Sons
Wir stiegen also hinab in den Hades einer Musikära, in der immer öfter Algorithmen vorgeben, was en vogue ist. Gemäß einer perpetuummobilemäßigen Dynamik finden ab einem bestimmten Punkt immer mehr Leute das gut, was immer mehr Leute gut finden. 100 Millionen Streamingaufrufe? Das muss ich mal anklicken … Dieser Eingang zur Unterwelt liegt übrigens kurz vorm nördlichen Polarkreis, ist aber mitnichten der Underground, sondern Heimstatt einer etablierten Bühne, nur halt unterhalb von Normalnull. Wer hier spielt, hat schon ein paar Schritte gen Nirwana hinter sich. Nun also dieses Trio aus einem Strandvorort von Sydney. Vor zwei Jahren erst hatten Sons of the East ihr Debütalbum, Palomar Parade, veröffentlicht. Der Professor lobhudelte seinerzeit lustig drauflos und kleisterte seine Zeilen euphorisiert mit Honig und Marmite zu. Jetzt das Folgewerk Sons, wieder mit einer milden Mischung an Sixties-Folk und Mainstream-Americana bzw. natürlich -Australiana, wieder auf dem hauseigenen Plattenlabel. Gute Songs, schöne Stimmen, erstaunlich abgeklärte Musik. Dass die Jungs, die ihre Gitarren, ihr Banjo und ihre Mandoline und die guttural klingende Orgel für Liveauftritte mit Bassisten und Schlagzeuger flankieren, aber eine ausverkaufte Tour spielen … Dass der Professor sich mit der Missus in hinterletzter Reihe ans Bier klammerte und zwischen verschiedensten Hinterköpfen hie und da ein Stückchen Bühne erhaschte … Nun, das war so nicht der Plan gewesen. Doch selbst ein von Starrheit und Stursinn blockierter Gewohnheitsmensch erfährt bisweilen eine Erleuchtung. Ein gut gelauntes Konzert, das muss ich zugeben. Die Songs der beiden Alben aber, die sind in der Studioversion noch besser zu genießen, ohne hochgereckte Handys und allgemeine Quirligkeit im Raum. Sanfte Grooves, charmante Vielstimmigkeit, Akustikgitarre und E-Piano begleitet vom lagerfeuerkuscheligen Bass – da kann’s draußen gerne winterlich sein.
Label: Sons of the East
Format: LP, CD
Charles Pasi – Adamas
Los geht es mit einem verschachtelten Percussion-Groove. Mit kantiger Second-Line-Rhythmik, die entweder im Melting Pot des Ninth Ward von New Orleans geboren wurde, dort, wo Soul, Funk und auch der Jazz ihren Ursprung hatten. Oder aber im Washington, DC, der späten achtziger Jahre, als Bands wie Trouble Funk einen irren und heute leider fast vergessenen Funk-Ableger-Musikstil namens Go-Go kreierten. Tatsächlich wurde das komplex swingende Intro im Eröffnungssong „Nothing To Say“ auf Charles Pasis neuem Album in den Pariser Pigalle Studios aufgenommen, allerdings für das legendäre New Yorker Label Blue Note. Pasi ist ja überhaupt der erste französische Sänger, der im Jazz-Mekka ein Zuhause fand und dort 2015 unter Vertrag genommen wurde. Auf seinem mittlerweile dritten Blue-Note-Album (von insgesamt sechs Alben) spürt man, was Blue Note ausmacht: Künstler nicht mit Tradition oder Nostalgie (Miles Davis, John Coltrane, Thelonious Monk …) einzuengen, sondern sie nach eigenem Gusto grooven zu lassen. Und so packt Pasi noch eine funky Hammondorgel in den Intro-Song, seine eigene, hier recht harsch klagende Mundharmonika und ein tatsächlich wunderbar Coltrane-mäßiges Saxofonsolo mit dazu. Da entsteht am Ende kein Jazz, kein Soul und schon gar kein Trouble-Funk-Funk, aber ein magisch vibrierender Go-Go-Groove à la française. Diese kompakte Kurzanalyse Eures liebsten Beat-Vorkosters darf getrost auf jeden Song des neuen Albums des gerade einmal erst 40 Jahre alt gewordenen Frankoitalieners angewandt werden. Der Professor begegnete ihm vor bald zehn Jahren das erste Mal in Form einer Promo-CD des Werks Bricks, das mich ob der chansonumwehten Soul- und Bluesgewalt direkt mal mit dem Auto rechts ranfahren ließ, um keinen Unfall zu bauen. Adamas jetzt steht dem in nichts nach: grandiose, große Songs über Trauer und Verlust des Vaters, die aber nie nach irgendwie zu prominent ausgerollter Selbsttherapie klingen, sondern, wie jeder gute Soul- oder Bluessong: nach Seele.
Label: Blue Note/Universal
Format: LP, CD, DL 24/44
PS: Wer mehr über Monsieur Pasi erfahren will, etwa über seine Reisen mit der früheren ersten Frau Frankreichs, Carla Bruni, der gehe ins FIDELITY-Archiv und greife sich Heft Nr. 55 mit einem schönen Interview.
Jon Batiste – Big Money
Zunächst einmal ein formvollendeter Prolog in nur einem Wort zur feuilletonistischen Ausarbeitung einiger fundamentalkritischen Gedanken: Hä? Da zog der Professor eben gerade das neue Album von Jon Batiste aus braunem LP-Versandkistenkarton, und es lachte ihm der Grammy- und Oscar-Gewinner (für die Filmmusik zum Pixar-Animationsfilm Soul) mit einer Gitarre in den Händen entgegen. „Warum denn nicht?“, mögt Ihr fragen. „Weil der Mann Pianist ist“, würd’ ich antworten. Nun, mir soll’s egal sein, Jon Batiste stammt aus einer bunten Louisianafamilie, von der verschiedenste Mitglieder es in New Orleans zu Legendenstatus brachten als Marching-Band-Impresario, als Session-Saxofonist oder auch, wie Harold Battiste (ja, zwei „t“), als Soul- und Rock’n‘Roll-Talentscout für das ebenfalls legendäre Plattenlabel Speciality Records, der unter anderem Sam Cooke und Dr. John zu entscheidenden Karrieremoves verhalf. Jon Batiste wiederum mehrte seinen Ruhm unter anderem durch ein fast zehn Jahre währendes Engagement als musikalischer Leiter und Sidekick des leider gerade angezählten US-Late-Night-Talkers Stephen Colbert. Batiste also kennt so ungefähr jeden im Showbiz – umso erfreulicher ist diese Platte. Grandios authentisch klingender Juke-Joint-Blues, pulsierender Soul, blumige Balladen und fast archaisch klingender Rhythm-and-Blues – der einstige Student klassischer Musik an der berühmten New Yorker Juilliard School groovt hier sehr tiefenentspannt mit einer Handvoll Vertrauter, darunter Songwriter-Pate Randy Newman. Hört mal hier hinein: Titelsong „Big Money“ (akustischer Fifties-Rock-and-Roll mit Nick Waterhouse an der Gastgitarre, von hinten tastet sich eine Mundharmonika heran, während Batiste stimmlich fast an Stevie Wonder erinnert. Im Background singen die Womack Sisters: drei Enkelinnen von Sam Cooke), „Lonely Avenue“ (Klassiker von Doc Pomus, mit dem mittlerweile über 80 Jahre alten Randy Newman („Short People“, „You Can Leave Your Hand On“) am Mikrofon) und „Pinnacle“ (kleiner Rhythm’n’Blues mit pointierter Rhythmusgitarre, treibenden Drums und hinten heraus cooler Westerngitarre im Ultrakurzsolo).
Label: Verve/Universal Music
Format: LP, CD, DL 24/48
Ledfoot – Plain Simple Honesty
Der Fürst der Wiedergänger steht vor der Feste der Nachtwache. Er schaut nach oben, ruhig und mit kalten, eisblauen Augen, um den ewigen Winter über die Menschen zu bringen. Dann greift er in die Satteltasche seines Zombie-Pferdes, schnappt sich sein Banjo und setzt an: „Before your eyes, you see a loser…“. Nun, wenn das ein Album schafft: Banjo-Blues, Slidegitarren-Soul und assoziative Bilder aus der Welt von Game of Thrones gleichzeitig auf eine weiße Wand in des Professors Oberstübchen zu beamen, dann will er diese Platte doch mal schnellstens sowie wärmstens empfehlen. Ledfoot ist ein amerikanischer Sänger und Songschreiber, der eigentlich Tim Scott McConnell heißt, sein Basislager aber in Norwegen aufgeschlagen hat. Dort spielt er sogenannten Gothic Blues, gewinnt mit seinen Alben dann und wann den Spellemann, den norwegischen Grammy, und tritt in der TV-Serie Exit als Bösewicht in der Welt verwirrter Finanzexperten auf. Aussehen aber tut er wie Johnny Winter, der nach seinem Hinscheiden im Hier und Jetzt seltsamerweise als gefürchteter Wiedergänger in der Fantasiewelt von Game Of Thrones auftauchte. Ach so, Ledfoot war auch mal richtig berühmt, allerdings eher backstagemäßig. Bruce Springsteen coverte vor gut zehn Jahren seinen Song „High Hopes“ und benannte danach sogar sein 2014er Album. Nun, all das soll Euch nicht irritieren, hört einfach rein in ein kleines, feines Bluesalbum. Zum Beispiel hier: „All You Ever Had“ (Mischung aus Zwölfsaiten-Akustikblues, aus Prärie-Folk und aus urururaltem Bariton) und „Burning Blue“ (swingendes Ding mit Fingerschnipsen, trauriger Slidegitarre und einer insistierenden Soulstimme, deren Besitzer kurz davor scheint, die Mauerfeste der Nachtwache oder gar schon Winterfell einzunehmen).
Label: Musikkoperatørene
Format: LP, CD, DL 16/44
Wet Leg – Moisturizer
Zerklüftete Kreideküsten, sanft wellige Hügellinien in leuchtendem Grün, und im Frühsommer ein Rausch in Violett, wenn Schmetterlingsflieder und Lupinen leuchten wie der Lavendel in der Provence. Ja, die Isle of Wright vor der englischen Südküste scheint ein netter Flecken zu sein, rau und lieblich zugleich. Die Bewohner gelten als etwas verschroben, vielleicht kein Wunder, wenn man auf einer Insel vor einer Insel lebt und sich irgendwie als der Allgemeinheit vorgelagert fühlen darf. So werden zum Beispiel Besucher vom Festland, auch wenn das nur einen kleinen Kreidesteinwurf entfernt liegt und mit dem man bis vor lächerlichen 6000 Jahren sogar noch physisch verbunden war, als „wet legs“ bezeichnet. Ob man sich etwas darauf einbildet, dass auf die kleine Isle of Wright eventuell zwei Regentropfen weniger im Jahr niedergehen als auf den Rest Großbritanniens, nun, das weiß der Professor nicht. Die Anekdote mit den Nassbeinen stammt auch aus halbseriöser und vorbelasteter Quelle, nämlich einem Interview mit Rhian Teasdale und Hester Chambers. Die beiden jungen Frauen von der Isle of Wright haben vor vier Jahren jedenfalls Wet Leg gegründet, zunächst als Duo, mittlerweile fegt die Band als Quintett durch die Musikwelt. Ein Auftritt in der BBC bei Later… with Jools Holland noch vor der ersten Platte, bereits zwei Konzerte beim legendären Tiny Desk-Format des US-Radiosenders NPR, bewusstseinserweiternde Shows in Glastonbury, gerade dieses Jahr wieder, und bereits Grammy-verwöhnt: Die Band ist das, was man als „hot shit“ bezeichnet. Den Professor lassen solche Credentials natürlich kalt, er gehört aber auch nicht mehr zur Zielgruppe „jung & Taucher“ bzw. „young & divers“ … Dennoch: Das zweite Album Moisturizer ist sehr, sehr gut. Postmoderner Independent-Alternative-Punk-Soul. Mit Basslinien, die stoisch durchs Album wummern. Mit schrägen, aber perfekt im übersichtlichen Gesamtarrangement positionierten Schrammelgitarren. Mit einer gelegentlichen Polizeisirene, etwa beim Eröffnungsstück „CPR“. Mit eingängigen Melodien wie bei „Liquidize“, die auch aus dem Spätwerk von REM stammen könnten. Und natürlich charmant-verschlafenen Stimmen, die zu verzerrten Leadgitarre Twen-Texte rezitieren. Rau und lieblich, ganz wie ihre Kreidefelsenheimat.
Label: Domino Records
Format: LP, CD, DL 24/96







