Professor P.’s Rhythm & Soul Revue
Der Professor befindet sich in einem besonderen Zustand, der sogenannten Urlaubstiefenentspannung. Beim Brombeerenverzehr hört er neue Werke von The Boneshakers, Calibro 35, den North Mississippi Allstars, Cari Cari und Peter Doherty.
Die Wolken schieben kalten Wind heran. Bewegen sich wie ein in tausend Eisberge zerborstener Gletscher im Zeitraffer. Von unbekannten Mächten getrieben auf einer bis in die Unendlichkeit spannenden Glasplatte. Platt und grau von unten, weiß aufgebauscht nach oben. Ein von allmächtiger Bäckershand geformtes Windgebäck, denke ich, und frage mich, wie man „Beseh“ schreibt – „Baisir“? „Beseé“? – und blicke dabei zweifelnd in den sich dramatisch verändernden Eischnee-Himmel, der eben noch azurblau erstrahlte und der lachenden Sonne eine passende Kulisse geboten hatte. Jetzt frischt es empfindlich auf. Der dreibeinige Tiger kuschelt sich in meinen Schoß, im wohlgenährten Katerbauch brummt eine dicke Hummel. Eigentlich müsste ich nach drinnen, im Hals kratzt es etwas, doch ich ziehe den Kopf ein und konzentriere mich auf die Wärme, die vom schnurrenden Kloß im Schoß ausgeht. Ich befinde mich in einem Zustand, der sich Urlaubsentspannung nennt. Gleich werde ich aufstehen und Brombeeren sammeln, die die Missus dann zu Marmelade und einer besonderen Fruchtsoße verkocht, die man, natürlich, am besten zu Spanischem Wind genießt, oder, für alle frankophil veranlagten Küchenfreunde, zu Baisers. Zuvor aber muss ich noch, bevor mir die Synonyme für Baiser ausgehen, den Schwenk von den Windringerln hin zur Musik finden. Das dürfte nicht schwerfallen, denn die Brombeersträuche wachsen in einer seltsamen Ecke des Universums. Nicht weit entfernt, wobei „nicht weit entfernt“ eine in Nordpolarregionen diffus interpretierbare Längenabschätzung darstellt, steht in einem charmant benannten Ort namens Joldelund eine ehemalige Scheune, die den noch charmanteren Namen „Gerd’s Juke Joint“ trägt. Dort sah Professor P. vor nicht allzu langer Zeit den 115 Jahre alten Mitch Ryder, wie er vor in Jeansjacken und alte, aber gebügelte Konzert-T-Shirts gewandete Behaglichkeitsplauzen eine schöne Darbietung gab. Im kommenden Februar wird ebendort, im nördlichen Vorgeest-Flachland, auch Thorbjørn Risager spielen, der dänische Bluesmann, den ich dem Leser- und Leserinnenkreis anlässlich der Verleihung des Preises der Deutschen Schallplattenkritik in der vergangenen Ausgabe von FIDELITY vorgestellt habe. Ebenfalls im Februar treten beim Joldelundgerd The Boneshakers auf, die nach Auftritten in Cleveland, Ohio, Topeka, Kansas, und South Richmond, Virginia, mit Zwischenstopp in Eschweiler, Nordrhein-Westfalen, flugs nach Joldelund eilen werden. Stay Tuned!
The Boneshakers – Live To Be This
Da musste ich eben in die tiefsten Tiefen der professoralen Langzeitgedächtniskatakomben herabsteigen, in jene bald vergessenen Bereiche, die im Film Alles steht Kopf vom Staubsaugerkommando aufgeräumt werden („Vier Jahre Klavierunterricht? Kann weg. Flohwalzer und Für Elise können bleiben …“). Beim Anlesen von Informationen zu den mir bis hierhin unbekannten The Boneshakers erfuhr ich, dass dies die Band eines früheren Mitstreiters der Achtzigerjahre-Formation Was (Not Was) ist, von Gitarrist Randy Jacobs, der seinerzeit obendrein den einzigen Hit der Band, „Walk The Dinosaur“, mitschrieb, und erinnerte mich mithilfe einer verstaubten Vinylplatte daran, dass man zu Beginn eines Songs die kunstvoll getextete Songzeile „Boom-boom, acka-lacka-lacka boom“ durchaus zwölf Mal wiederholen kann. Wieder im Hier und Jetzt meines Bewusstseins muss ich sagen, dass The Boneshakers ein grandioses Upgrade zum damaligen Schaffen darstellen, und dies auch bereits seit Dekaden und nun insgesamt elf Alben, wobei das vorliegende Werk das erst zweite mit neuer Sängerin ist nach dem Tod des langjährigen und ebenfalls aus dem Kosmos von Was (Not Was) stammenden Frontmannes Sweet Pea Atkinson im Jahr 2020. Live To Be This, geneigte Funk-Freunde, ist das Album, das Euch tanzend durch Herbst und Winter bringen könnte, auch wenn Jenny Langer für meinen Geschmack beim expressiven Gesang ein, zwei Gänge hätte herunterschalten können. Die 15 Songs sind, soweit ich das überblicke, allesamt Coverversionen von eher obskuren Soul-, Blues- und Funkstücken. Wobei die Benennung als „Coverversion“ den künstlerischen Input unterbewertet, mit dem The Boneshakers sich die halbvergessenen B-Sides von Ike & Tina Turner, The Temptations oder Pops Staples vornehmen, unter Mithilfe übrigens von Soul-Legende Bobby Rush, Blues-Harp- und Slideguitar-Meister Charlie Musselwhite und einigen anderen. Das Ganze ist eine Mischung aus Stax-Soul, Motown-Groove, Detroit-Rock und Fame-Studio-Funk – schlicht gesagt, hot shit. Und das Beste: Gitarren-Groovemeister Randy Jacobs kommt mit den Boneshakers im Februar auf Tour, und ich werde vermutlich zum Konzert in der seltsamen Scheune am Joldelunder Polarkreis gehen. Man sieht sich? Bis dahin hört mal hier herein: „I’ll Kick A Brick (For My Man)“ (Soul-Funk des heute unbekannten Detroiter Soul-Trios Hot Sauce, im Gedenken an den dynamischen Sound von Sly and the Family Stone), „They Say I’m Different“ (einst von Betty Davis gesungen, hier aber zundertrockener Funk ohne Kompromisse) und „I Am The Cool“ (Jacobs singt beim Klassiker von Screamin’ Jay Hawkins selbst, dazu der legendäre Produzent Don Was am Akustikbass – Yessir!).
Label: Gulf Coast Records
Format: CD, LP, DL 24/44
Calibro 35 – Exploration
Dass Funk und Soul auch ohne „Uh“ und „Ah“ und „Take-me-to-the-Bridge“ und überhaupt Gesang auskommen, das wissen wir spätestens seit der Aufnahme des zwei Minuten und zweiundfünfzig Sekunden langen Instrumentalmeisterwerks „Green Onions“ von Booker T. & the M.G.’s. Die Welt der Musik wäre eine andere, wenn Booker T. Jones an der Orgel und Steve Cropper an der Gitarre 1962 in einer Aufnahmepause in den Stax-Studios nicht ein wenig herumgejammt hätten. In genau diese Welt führt uns nun eine ganz aktuelle Platte, die allerdings nicht in Memphis, sondern in Mailand aufgenommen wurde. Calibro 35 nennt sich ein Quartett von vier italienischen Dressmen in der zweiten Lebenshälfte, vor 20 Jahren gegründet, das mit allerlei Vintage-Equipment und feinen Oldschool-Klangweltenerzeugungswerkzeugen der Marken Moog oder EKO Instrumental-Funk spielen, der klingt wie aus der Zeit der Allvorderen. Jazz-Funk, eher Funk-Jazz, wobei der Bindestrich zwischen Funk und Jazz schon sehr lang ist, ungefähr so: Funk––––––––––––––––––––––––––––––––––Jazz. Man hat ein paar feine Alben aufgenommen, strictly instrumental und oft auch als Dienstleistung für die Filmwirtschaft – oder auch als Sample-Lieferanten für Hiphop-Großunternehmer wie Jay Z, Snoop Dog oder Dr. Der. Früher interpretierte Calibro 35 alte Filmkomponisten wie Ennio Morricone oder Armando Trovajoli, der einst italienische Werwolffilme und Softpornos der sechziger Jahre vertonte. Dann kam Hollywood mit Bruce-Willis-Filmen, ja, die Kasse klingelte wohl. Auf dem neuen Werk versammeln sich nun Instrumentalstücke aus eigener wie aus fremder Kompositionsstube. Zumindest bei der mir vorliegenden CD fehlen leider die Credits. Das führte zu der lustigen Recherche, während derer mir beim Info-Sammeln zum Eröffnungsstück „Reptile Strut“ (guter Groove zwischen Breitbandwumms und reduziertem Dekonstruktionsfunk) zum Weiterhören die Hörbuch-Aufnahme Geckos halten für Anfänger empfohlen wurde. Hört hier hinein: „Chameleon“ (Herbie Hancocks Klassiker klingt so frisch und zugleich alt, als wäre dies ein avantgardistisch geprägtes Demo-Tape aus dem Jahr 1973), „Mission Impossible“ (Soundtrack-Motiv im Sixties-Sinne des Erfinders, Lalo Shifrin, der das Meisterwerk 1967 für die TV-Serie schrieb, lange bevor Tom Cruise sich kopfüber in radioaktive Vulkane stürzte) und „The Twang“ (Vintage-Gitarrensound, gutturale Grooves sowie Bläser, Bass und Orgel in manisch-magischer Moll-Ménage-à-trois).
Label: Record Kicks
Format: CD, LP, DL 24/44
Peter Doherty – Felt Better Alive
Ich stelle mir vor, wie er da allein über die Felsen klettert, an der zerklüfteten Küste von Les Vaches Noires. Wie er vielleicht im Frühnebel am Strand zu Füßen des Klosterbergs Mont-Saint-Michel übers Watt schaut. Oder wie er am Hafen von Le Havre in einem Bistro sitzt und sich am Lichte der tiefstehenden Sonne über dem Ärmelkanal erfreut, das den Calvados in seinem Glas strahlen lässt wie eine golden leuchtende Positionslampe. Ja, das sind so die Bilder, die sich in diesig-verfärbten Pastelltönen vor das innere Auge des Professors schieben, da er sich das neue Soloalbum von Peter Doherty anhört. Der junge Mann geht nun auch bald auf die Fünfzig zu und hat, das darf man zuallererst für ihn, aber auch für die Musikgeschichte generell hoffen, die Jahre der Drogensucht, der medial ausgeschlachteten Abstürze, Gefängnisaufenthalte und Beziehungsdramen hinter sich gelassen. Mit den Libertines – seiner zweiten Band neben den Babyshambles (die mit dem prosaischen Hit „Fuck Forever“) – veröffentlichte der Schlimme-Schlagzeilen-Produzent der Zweitausender Jahre im vergangenen Jahr eine wirklich wundersam wunderbare Britpoprock-Platte, All Quiet On The Western Esplanade. Sein nun mittlerweile fünftes Solowerk, Felt Better Alive, ist sogar noch besser. Elf Songs in 29 Minuten gepackt, und doch klingt das Werk rund und voll und reichhaltig wie ein Doppelalbum. Peter Doherty, so sagt und so hofft man, ist clean, lebt mit neuer Frau und kleinem Kind in der Normandie in Nordfrankreich und besingt den Calvados im gleichnamigen Song: The apples will grow, the barrel will roll, soon become liquid gold, and the Calvados will flow. Dazu tanzen Akustikgitarre und Piano einen lustigen Frikasse-Reigen, bevor Schlagzeug, Bass und sanfte Streicher dem Folksong ein Upgrade verpassen, auf dass das Ganze in Summe wie eine seltsam-stimmige Mischung aus JJ Cale, Simon & Garfunkel und Jethro Tull klingt. Oder der Titelsong „Felt Better Alive“: Der boogiegroovt wie eine verschollene Bob-Dylan-Aufnahme der Time Out Of Mind-Sessions, sogar stimmlich nähert sich Doherty hier dem großen Grantler an. Schlussendlich empfehle ich als Teaser das verhalten-druckvolle „The Day The Baron Died“. Das ist Brit-Soul mit Chanson-Anklängen, auch mal etwas Neues, der Calvados der Normandie hat seine Wirkung fein entfaltet, wunderbar übrigens auch die traurige Trompete hinten heraus im Wechsel mit einer Beatles-Beatgitarre. Dieser Song, fun fact, befindet sich auch auf dem letztjährigen Libertines-Album, wo er aus rechtlichen Gründen aber „The Baron’s Claw“ heißt und, obwohl von den Meistern des poppigen Rumpelrocks eingespielt, erstaunlich mild und clean im Vergleich mit Dohertys archaisch-rauer Solointerpretation klingt.
Label: Strap Originals
Format: CD, LP, DL 24/48
North Mississippi Allstars – Still Shakin’
Es war heiß wie im Arsch des Teufels, excusez-moi, mes amis. Schwül dazu, die Moskitos klebten matt an den Wänden des Motelzimmers, zu erschöpft, um irgendjemanden zu nerven. Der Professor war on the road im Süden der Vereinsamten Staaten, in Mississippi, wo sich die Wasser des „großen Flusses“, was „Mississippi River“ in der Sprache der Anishinabe-Indigenen heißt, schwerfällig gen Süden zum Golf von Mexiko bewegen. Ich kam durch Orte, kaum mehr als ein paar Hütten, einer hieß Hamburg, gegründet einst von hoffnungsvollen Auswanderern, eine Ansammlung von verlassenen Bretterverschlägen und einem stillgelegten Bahnhof, an dem aber auch in besseren Zeiten nie ein Zug hielt, sondern der Postsack während der Durchfahrt von einem über den Gleisen hängenden Gestänge gefischt wurde. Nun das Hinterland eines der heute ärmsten und strukturschwächsten amerikanischen Bundesstaaten in der vermeintlich neuen Welt, brachte es einige der bedeutendsten Blueskünstler hervor, R.L. Burnside und Junior Kimbrough, die in den Neunzigerjahren im bereits gesetzten Alter mit magisch-monotonem Psychedelicblues zu spätem Ruhm kamen. Und eine Band, die nun auch seit bald dreißig Jahren den unvergleichlich schleppend-schwülen Hinterland-Groove der Mississippi Hills am Leben erhält, die North Mississippi Allstars um das Brüderpaar Cody und Luther Dickinson. Sie sind die Söhne des legendären, 2009 verstorbenen Produzenten und Pianisten Jim Dickinson, der mit seiner Soulformation Dixie Flyers als Backing Band von Aretha Franklin, Sam & Dave und Kris Kristofferson die Erfahrungen sammelte, die ihn dann in Studio mit Bob Dylan (Piano auf Time Out Of Mind), Ry Cooder und den Rolling Stones brachten, für Letztere spielte er die Orgel bei „Wild Horses“. Seine Söhne nun spielen mit weiteren Söhnen den Blues, den Soul, den Funk, beim neuen Album Still Shakin’ sind es Grahame Lesh, Sohn von Grateful-Dead-Mitbegründer Phil Lesh, Robert Kimbrough und Duwayne Burnside. Hier, wo sich das Leben auf den Verandas vor alten Shotgunbuden abspielt – Shotgun übrigens deshalb, weil alle Zimmer hintereinander liegen und eine Revolverkugel zur Vordertür hinein- und zur Hintertür wieder herausfliegen kann. Die North Mississippi Allstars verwandeln das Vermächtnis der Väter in einen entkernten Country-Funk, in einen bewusstseinserweiternden Groove, zu dem man am liebsten mit einem kalten Bier in der Hand die Hüften schwingen möchte. Als Anspieltipps empfiehlt der Professor: „Preachin’ Blues“ (Boogie-Blues-Funk mit Hochgeschwindigkeitsgitarre, pumpenden Drums – Front-Porch-Funk mit Gospelgrundierung), „Stay All Night“: entschleunigtes Dings, irgendwo zwischen Woodstock-Ballade und Jukejoint-Tightdance-Soul) und „Write Me A Letter“ (hunderttausend Jahre alte Slidegitarre im Duett mit Synthesizerbass, grandios).
Label: New West Records
Format: CD, LP, DL 24/96
Cari Cari – One More Trip Around The Sun
Ein kleines, ein sehr kleines Forschungsfeld der internationalen Vergleichenden Musikwissenschaft befasst sich mit der Verbreitung des Didgeridoos im Burgenland. Bisher gibt es dazu allerdings keine belastbaren Studien, weil die Feldinterviews mit burgenländischen Bergbauern, wobei man im eher flachen österreichischen Bundesland wohl von Hügelbauern sprechen sollte, noch keinerlei Ergebnisse hervorgebracht haben, außer dass man sehr viel über die Verbreitung der Zither im österreichischen Outback erfahren kann. Nun, die Lösung ist einfach: Es gibt im Burgenland vermutlich genau ein Didgeridoo, und das befindet sich im Besitz von Stephanie Widmer, die damit wiederum ständig um die Welt reist, womit sich der Bestand an Didgeridoos rund um Unterpullendorf – der geografische Mittelpunkt des Burgenlandes – zumeist irgendwo bei null einpendelt. Und nun ist Widmers Didgeridoo obendrein einmal rund um die Sonne gereist, so zumindest legt es das neue Album von Cari Cari nahe, einer Band aus eben dem Burgenland, in der Stephanie Widmer gemeinsam mit ihrem künstlerischen Partner Alexander Köck eine ganz wundersame Musik macht. One More Trip Around The Sun, das dritte Album in bald 15 Jahren Bandgeschichte, vereint, wie auch die beiden ersten Werke Anaana (mit den unbekannten Hits „Summer Sun“ und „Nothing’s Older Than Yesterday“) und Welcome To Kookoo Island, auf wohl einzigartige Weise Texmex-Tumbleweed-Gitarrensounds mit Bluesfragmenten, Soulgesang sowie den Klängen eben von Didgeridoo und, festhalten, Maultrommel. Das ist postmoderne Americana-Countrymusik mit der Frische einer blühenden Sommerwiese am Neusiedler See. Und bevor ich mich hier endgültig ins Abseits metaphorisiere, hört Euch versuchsweise mal dies an: Titelsong „One More Trip Around The Sun“ (Didgeridoo meets Westerngitarre zwecks Dekonstruierens von Soul, Rock und Blues), „Schmetterling“ (Ja, was ist das? Post-moderner Funk? Ante-antiker Pop? Neue österreichische Welle? Fragen Sie dazu den Musikethnologen Ihres Vertrauens) und „Drumming Woman“ (Ten-Years-After-Gitarre über dunkel dräuendem Drum-and-Bass-Gewitter, cool).
Label: Recordjet
Format: CD, LP, DL 16/44







