Soulnote M-3 und M-3X
Ein kleiner Unterschied mit subtiler, bisweilen aber entscheidender Wirkung – Soulnote bietet seine große Mono-Endstufe M-3 in einer Standardversion und als M-3X mit doppelter Stromkapazität an. Wir haben die beiden herausragenden Kraftzellen nebeneinandergestellt und nach Unterschieden gesucht.
Es gibt Hersteller, die Eigenheiten pflegen, die eine oder andere kleine Besonderheit im Schaltungsdesign, an dem man ihre Maschinen unter Tausend anderen wiedererkennen würde. Dann gibt es echte Innovatoren, die ganze Bündel eigener Gedanken und Konzepte einbringen. Hier wird die Luft schon merklich dünner. Exemplarisch käme mir die eng verzahnte Linn-Biosphäre in den Sinn oder die außergewöhnlichen Geräte von Aavik. Der japanische Ingenieur Hideki Kato setzt noch eins obendrauf: Seine Komponenten sind derart anders gedacht und umgesetzt, dass ich gar nicht weiß, wo ich die Aufzählung überhaupt beginnen soll.

Das wird schon beim Auspacken und Aufstellen der bulligen Soulnote M-3-Endstufen klar. Nachdem man die vorzüglich geschützten Monolithen von allerlei Folien und einigen magentafarbenen Schaumstoffpads befreit hat, fallen vier riesige, auf Hochglanz polierte Sicherungsbolzen ins Auge, die aus den Gehäusedeckeln ragen. Schraubt man die Zapfen heraus – vorzugsweise über Kreuz –, passieren im Inneren Dinge, die man von einer massiven Endstufe nicht erwarten würde. Die gesamte Signalverarbeitung ist in einem isolierten Tragrahmen aufgehängt. Der löst sich beim Entfernen der Bolzen und entwickelt für einen kurzen Moment irritierendes Eigenleben, ehe er seine Ruheposition gefunden hat. Lediglich der große Ringkerntrafo verweilt in seiner Verankerung hinter der Gehäusefront.

Damit sind wir mittendrin in einem zentralen Denkansatz Hideki Katos. Masse ist für den Entwickler durchaus eine Verpflichtung, die er allerdings eher mit haptischem Genuss und der Erwartungshaltung an Monoendstufen dieser Preisklasse verbindet. Die 31 Kilogramm jeder M-3 resultieren aus dem vielschichtigen Gehäuse und aus der Tatsache, dass man einen verlässlichen Stromlieferanten, sprich Trafo benötigt. Beim elektrischen Design bevorzugt der Entwickler dagegen Leichtfüßigkeit. Und zwar auf eine Art und Weise, wie ich sie noch nie erlebt habe. Nicht nur die Wanne mit den relevanten Bauteilen ist vom Gehäuse gelöst, auch Baugruppen wie die rückseitigen Terminals, der Stromanschluss oder die Kondensatoren haben Spiel und sind beweglich. Der Deckel lässt sich einige Millimeter hin und her bewegen, während der sichtbare Boden und die daran befestigten Außenwände eine Art Käfig bilden. Drei der insgesamt sechs waffenscheinpflichtigen Spikes sind daran befestigt, während die übrigen durch große Bohrungen mit der innenliegenden Wanne verschraubt wurden. Das Gehäuse samt Trafo sowie die Signalverarbeitung stehen auf diese Weise voneinander isoliert und auf eigenen Füßen. Damit die Gehäusekonstruktion sprichwörtlich „greifen“ kann, liegt jeder M-3 ein leichtgewichtiges Holzboard mit eigenen Füßen bei. Auf diesem im Klangkonzept unerlässlichen Board finden die Endstufen nicht nur optimalen Halt, große Öffnungen sorgen auch für eine perfekte Luftzirkulation in den rein passiv gekühlten Endstufen.

Die Gelöstheit der Bauteile erfüllt einen Zweck, den man in unterschiedlicher Ausprägung bei allen Soulnote-Geräten wiederfindet. Nach Katos Auffassung wäre es fatal, die elektrischen Schwingungen der Bauteile durch Masse, Bedämpfung oder ähnliche Maßnahmen zu unterdrücken – das würde die unerwünschte Energie einfach aufstauen. Viel besser sei es, wenn sie sich möglichst einfach abbauen könne: Bei Soulnote dürfen Kondensatoren und Widerstände nach Herzenslust schwingen und ihre Resonanzen an das Luftvolumen im Inneren der Endstufen abgeben. Dieser Ansatz erfordert nicht nur die sehr spezielle Konstruktion, sondern auch geeignete Bauteile. So sitzt der große, mechanisch vom Innengehäuse entkoppelte 1600-VA-Ringkerntrafo ohne die sonst übliche Epoxidharzfüllung in seinem schirmenden Gehäuse. Das verschafft ihm Bewegungsspielraum. Abgesehen von diesem Kupferklotz wird man in der M-3 kein Bauteil finden, das größer ist als eine Fingerkuppe. Statt auf Coladosen schwört Hideki Kato auf eine Stromversorgung, die ihre Kapazität aus vielen kleinen 470-µF-Kondensatoren bezieht – winzige, federleichte Bauteile in einer Hochgeschwindigkeitsphalanx, die keine Probleme haben, Vibrationen an die Umgebung abzugeben.

Der eigentliche Spannungsverstärker ist in einem Layout realisiert, das Kato augenzwinkernd als „Type-R“-Schaltung bezeichnet. Das „R“ steht für „Referenz“ und ließe sich mit „das Beste, was ich kann“ übersetzen. Die Grundprinzipien der Schaltung lassen sich mit Purismus und dem Fehlen einer Gegenkopplung umreißen, wobei dem Entwickler vor allem sein Non-NFB (kein negatives Feedback) derart wichtig ist, dass er es auf T-Shirts und Logos verewigt. Der Purismus schlägt sich derweil darin nieder, dass vom Emitterfolger über die Spannungsverstärkung bis zur Differenzstufe nur ein einziger Transistor zum Einsatz kommt. Ähnlich trickreich sieht die abschließende Single-Push-Pull-Leistungsverstärkung aus, die aus einer erstaunlichen Bandbreite von 2 Hertz bis 200 Kilohertz stattliche 160 Watt an 4 Ohm herauskitzelt. Die vierstufige Darlington-Schaltung ist mit knopfrunden TO-3-Transistoren umgesetzt, die direkt an den Gehäusewänden auf großen Kupferschienen montiert sind und die eine Personalunion aus Stromschiene und Kühlkörper bilden. Das darf als Musterbeispiel für „mehrere Fliegen, eine Klappe“ gewertet werden.
Es erklärt sich von selbst, dass auch die Ausstattung einem Purismus und einer Klarheit folgt, die keine Fragezeichen erlauben: Hinein gelangen Signale über einen einzelnen XLR-Zugang, hinaus geht’s über ein Single-Wire-Terminal (Gabelschuh/Banane), das sich im Test als hinreichend robust erwies und jeden Stecker fest im Griff hielt. Nach eigener Aussage hat Kato eine Aversion gegen unnötige Taster, Wahlschalter und Switches. Wer eine M-3 in Betrieb nehmen möchte, sollte fähig sein, den seitlich verbauten Netzschalter zu betätigen – mehr gibt’s nicht zu wissen.
Damit hätten wir die zumindest zentralen konstruktiven Aspekte abgehakt, und mir ist natürlich klar, dass Kato, der stundenlang zu Details und Feinheiten seiner Komponenten referieren kann, die eine oder andere Abkürzung mit einem Stirnrunzeln gewürdigt hätte. Spannender finde ich jedoch einen Ausflug in den Werdegang des Entwicklers, der viel über die Systematik seiner Maschinen verrät. Hideki Kato arbeitete vor der Gründung von Soulnote für Marantz und entwickelte in den Neunzigern viele AV-Receiver des Unternehmens. Das mag im ersten Moment nicht nach High End klingen, doch musste er sich auf der Jagd nach dem nächsten eingesparten Cent intensiv mit seinen Schaltungen auseinandersetzen und auf eine Weise nach alternativen Wegen suchen, die bis heute nachwirkt. Zudem liegt der Fokus eines Massenherstellers wie Marantz nicht darauf, einen ordentlichen Verstärker zu fertigen – die Geräte müssen tausendfach auf gleichbleibendem Niveau reproduzierbar sein.
Und wie der Kater das Mausen nicht sein lassen kann, gelingt es Kato bis heute nicht, sich von diesem Teil seiner Vergangenheit zu lösen. Obwohl insbesondere Soulnotes 3er-Familie in einer Klasse angesiedelt ist, die sein alter Arbeitgeber nicht mal streift, werden die Geräte immer noch bei einem Zulieferer im Norden Japans gefertigt, den Kato schon zu Marantz-Zeiten kennenlernte. Und da er nicht nur Platinen-Layouts, sondern vollständige CAD-Konstruktionspläne im Rechner erstellen kann, sind die M-3 und ihre Verwandtschaft so entwickelt, dass Fehler selbst bei massenhafter Montage nahezu ausgeschlossen sind – auch das ist ein Punkt, bei dem viele Wettbewerber passen müssen.
Damit genug zu Wattzahlen und Konstruktionszeichnungen. Ich sollte Sie vielleicht aufklären, dass der Test von Soulnotes M-3 eine Art Spiegelbild ist. Die „andere Seite“ eines Artikels, den Sie in Ausgabe 80* lesen konnten: Am Montag nach der HIGH END hatten wir Besuch von Wilson Benesch und dem IAD-Vertrieb. Die Herrschaften stellten uns die unvergessliche Omnium in den Hörraum, und weil wir zu dieser Zeit (auch das ein Phänomen der Messe) etwas schwach an der Verstärkerfront aufgestellt waren, erreichte uns bereits einige Tage vor der Show ein Pärchen M-3 nebst passender P-3-Vorstufe, denen anfangs die Rolle der Zaungäste zukam. Ich bin kein sonderlich emotionaler Mensch, schon gar nicht bei HiFi. Doch was diese Spielpartner nach wenigen Minuten aufs Parkett unseres Hörraums zauberten, war so harmonisch und mitreißend, dass selbst mir der Mund offen stand. Eine Performance, die sich bei aller Begeisterung gar nicht so einfach in Worte fassen lässt. Die M-3 ist gewissermaßen eine Kraftzelle ohne klangliche Eigenschaften, was als höchstes Lob zu verstehen ist. Wenn ich jemals erleben durfte, dass der Verstärker einen direkten Draht zwischen Quelle und Lautsprecher herstellte, dann hier. Die eigentliche Leistung der Monos liegt in den Dingen, die sie auslassen: Die extrem breitbandigen Endstufen färben oder filtern absolut nichts. Und der Purismus ihrer Schaltungen lässt Phasen und Impulse genau dort, wo sie hingehören. Übersetzt bedeutet das Timing und Musikalität in Reinkultur!
Im Gespräch mit dem Vertrieb stellte sich heraus, dass im Sommer eine weiterentwickelte Variante der Endstufen lieferbar sein werde – rein äußerlich identisch mit unseren Testgeräten, lediglich am Rücken als M-3X zu erkennen. Allmählich reifte der Gedanke, auch diese Modelle auszuprobieren.
Der Unterschied beschränkt sich auf ein kleines, aber entscheidendes Detail im Inneren: Wo die M-3 auf Single Push-Pull setzt, ist die M-3X mit parallelem Push-Pull ausgestattet. Erkennen kann man das am zusätzlichen Satz TO-3-Transistoren auf der kombinierten Strom-/Kühlschiene. Wie mir Hideki Kato erklärte, ändert das rein gar nichts an den Eck- und Leistungsdaten der Endstufe. Wir haben es immer noch mit 80 Watt an 8 Ohm und 160 Watt an 4 Ohm zu tun. Allerdings besitzt die M-3X eine verdoppelte Stromkapazität. Und die macht sich bisweilen bei Lautsprechern mit eigenwilligem Impedanzverlauf oder auffallend niedrigem Wirkungsgrad bemerkbar. Solche Exoten kann die „X“ stabiler antreiben, ohne die Vorzüge der wieselflinken Push-Pull-Schaltung aufzugeben. Das eigentliche Problem sei jedoch gewesen, passende Transistorenpaare zu matchen, so Kato. Es sei nahezu unmöglich gewesen, Paarungen zu finden, die sich absolut identisch verhalten. Der hFE (Stromverstärkungsfaktor) verändere sich durch Faktoren wie Betriebstemperatur und Stromschwankungen über die Zeit und jeder Transistor reagiere darauf ein wenig anders. Es habe eine ganze Weile gedauert, bis die entscheidenden Faktoren gefunden waren. Soulnote erfasst die erforderlichen Parameter der TO-3 und mittelt deren Verhalten über einen komplexen Satz mathematischer Formeln, die ebenfalls erst gefunden werden mussten. Nur so war es möglich, parallele Endstufen aufzubauen, die an die Symmetrie und Präzision der Single-Konfiguration heranreichen.
Die Unterschiede zwischen den Endstufen-Generationen (M-3 und M-3X werden parallel angeboten) sind in der Tat subtil und führten mich zunächst in die Irre: Im direkten Vergleich an der Wilson Benesch Omnium, an Auer Acoustics Versura V4 oder Wilson Audios Sasha DAW ging ich zunächst von einem Leistungsunterschied aus. Die M-3X gleicht der M-3 tonal wie ein Ei dem anderen, sie wirkte aber um einen Hauch lauter. Verstärkt wurde dieser Eindruck von einer Unachtsamkeit: Während die M-3 in den Unterlagen mit 160 Watt (4 Ω) erfasst ist, nennt Soulnote bei der M-3X lediglich die mögliche Maximalleistung von 240 Watt an 2,7 Ohm – dieser Wert gilt aber ebenfalls für die M-3. Tatsächlich scheint die M-3X mit individuellen Eigenheiten der auf dem Papier völlig unkomplizierten Lautsprecher-Prachtexemplare eine Spur besser klarzukommen als die M-3. Bei der einen (Wilson Benesch) mag es das Basskonzept sein, bei der anderen (Auer) das geschlossene Gehäuse und bei der Wilson Audio die vielgerühmte Mittenpräsenz, die von der M-3X besser kontrolliert oder herausgearbeitet werden. Das führte bei der Omnium zu einem Mehr an Schwärze und Ruhe im Bass und bei der Sasha DAW zu einer feinen Seidigkeit in den Mitten, auf die wir nach mehrmaligem A/B-Vergleich nicht mehr verzichten wollten.
Fassen wir also zusammen: Mit der M-3 ist Soulnote ein Präzisionswerkzeug gelungen, das trotz aller technischer Finesse ein hohes Gespür für Emotion besitzt. Oder sollte ich sagen: Sie reicht den Drive, die musikalische Exaktheit und den Groove einer Aufnahme bemerkenswert unverändert an die Lautsprecher durch. Wenn ein Bassist und der Schlagzeuger im Studio eingerastet sind und ihren Swing gefunden haben, dann macht die M-3 es fühlbar, ohne etwas dazuzugeben oder wegzunehmen. Erzeugt wird diese Magie durch einen ganzen Katalog einzigartiger technischer und konstruktiver Maßnahmen, die ohne Vorbild sind!
Info
Mono-Endverstärker Soulnote M-3 und M-3X
Konzept: Mono-Endstufen mit Single Push-Pull (M-3) bzw. Parallel Push-Pull (M-3X) als Verstärkung
Ausgangsleistung (8/4 Ω): 80/160 W
Maximale Ausgangsleistung (2,7 Ω): 240 W
Klirrfaktor (THD, 1 W): 0,1 %
Frequenzgang (±1 dB): 2 Hz bis 200 kHz
Eingangsempfindlichkeit/Impedanz: 2 V/25 kΩ
Maximale Verstärkung: 22 dB
Leistungsaufnahme (Betrieb/Leerlauf): 156 W/38 W
Zubehör: Anleitung, Floorboard, Netzkabel, Sicherungsbolzen
Ausführungen: Silber, Schwarz
Maße (B/H/T): 34/26/51 cm
Gewicht: je 31 kg
Garantiezeit: 2 Jahre (3 nach Registrierung)
Paarpreis: M-3 um 39 800 €, M-3X um 41 800 €
Kontakt
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