Sounding versus Linearität

Sounding vs. Linearität

Hören ist immer subjektiv.

FIDELITY-Klangtipp #5 – Sounding vs. Linearität

Illustration: Ralf Wolff-Boenisch

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Pro

Hören ist immer subjektiv. Dies ist nicht nur individuellen Geschmackvorlieben geschuldet, sondern beruht auch auf den individuellen physiologischen Gegebenheiten des Gehörs. Wie unser Gehör was in welcher Stärke und in welchen Abstufungen wahrnimmt, ist differenziert und komplex. Nicht umsonst ist die Anpassung eines Hörgeräts diffiziler als das Ausmessen einer Brille.

Was das mit Sounding von High-End-Geräten zu tun hat? Die Idee, einen linearen und damit scheinbar objektiven Klangverlauf zu generieren, ist eine messtechnisch nette Idee, läuft aber den individuellen Hörgewohnheiten und vor allem Hörmöglichkeiten zuwider. Hinter dem Fetisch des Linearen steckt natürlich noch die alte HiFi-Norm DIN 45500, die einen linearen Frequenzgang im Bereich von 250 Hz bis 6300 Hz für HiFi-Geräte vorschrieb, wobei eine Toleranz bis 5 dB erlaubt war. Was damals sinnvoll erschien, damit überhaupt ein technischer Mindeststandard gehalten wurde, ist beim aktuellen technischen Level schlichtweg überholt. Und wenn wir bedenken, dass das Gehör im Bereich zwischen 1,5 kHz und 5,5 kHz besonders empfindlich ist, sich dort aber auch die meisten individuellen Differenzen befinden, so ist eine ausgewiesene Linearität in diesem Bereich ohnehin vergebens.

Hat man dies verinnerlicht, muss man sich nicht der Diktatur des objektiven Klangs unterordnen und kann guten Gewissens sich dem subjektiven Hörgenuss hingeben. Mehr noch: Man hat nicht nur die Freude, unterschiedliche Gerätschaften miteinander in Abstimmung zu bringen, was ja zweifellos ein Grundvergnügen unseres Hobbys ist, man kann sich zudem die passenden Lautsprecher oder den passenden Verstärker zu den räumlichen Gegebenheiten suchen. Was nützt mir der lineare Frequenzgang, wenn er in meinem Wohnzimmer Ohrenbluten verursacht? Da erscheint es doch sinnvoller, beim freundlichen Fachhändler das Gerät mit der entsprechenden Soundsignatur auszusuchen und so den Weg zum individuellen Musikgenuss zu finden.

Contra

Wenn das berühmte Oboen-Solo im Kopfsatz der Beethoven’schen Schicksalssinfonie erklingt, dann soll dieses nicht vollmundig wie eine Klarinette klingen, und in einem klassischen Streichquartett möchte ich immer noch gerne die zweite Geige von der Bratsche unterscheiden können. In dem Moment, in dem man anfängt, an Lautsprechern und Verstärkern vor allem im Mitteltonspektrum den Frequenzgang in die ein oder andere Richtung zu manipulieren, kommt man vielleicht vermeintlichen Hörvorlieben entgegen, man greift aber auch in die natürliche Klangsignatur einzelner Instrumente ein.

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Das mag dann zwar etwa bei einem Bigband-Bläsersatz zu tollen Klangfarben führen, hat aber mit dem realen Sound nur wenig zu tun. Nun kann man natürlich einwenden, dass die technische Wiedergabe akustischer Ereignisse grundsätzlich nichts Natürliches ist, schon gar nicht in einem Raum von womöglich 25 qm. Aber gerade dann, wenn ohnehin die räumlich-akustische Umgebung wenig stimmig ist und man zudem noch eine Aufnahme hört, bei der bereits im Studio meist im Frequenzspektrum herumgebogen wurde – man denke etwa an den aufgeblähten Oberbass einiger sogenannter audiophiler Label –, dann sollte nicht noch ein weiteres Sounding in die ein oder andere Richtung erfolgen.

Und da die individuellen physiologischen Gegebenheiten des Gehörs sich bei jedem Hörer unterscheiden, stellt letztlich nur eine lineare Abstimmung der Wiedergabegeräte sicher, dass mögliche Besonderheiten des individuellen Gehörs nicht noch zusätzlich betont werden. Und wenn wir persönliche oder räumliche Unzulänglichkeiten korrigieren wollen, dann stellt ein DSP die wesentlich geeignetere Wahl dar, als Soundmaschinen per Zufallsprinzip miteinander zu kombinieren. Technische Reproduktion ist nie die Wahrheit, Linearität aber hilft, dieser zumindest approximativ zu begegnen.

 

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