Devialet Astra
Sich treu bleiben und dabei den Fortschritt auf die Spitze treiben: Devialet gelingt dieser beeindruckende Kniff mit seinen ikonischen Integrierten.
Coup de Cœur: Das ist Französisch und ein Ausdruck für spontanes Verliebtsein. Weniger in einen Menschen als in eine Sache, einen Ort – ein butterknuspriges Croissant zum Beispiel oder den Sonnenaufgang über dem Montmartre. Wofür man eben so empfänglich ist. HiFi geht auch. So wie im Sommer 2010, als unerwartet der Erstling des französischen Technologie-Startups Devialet in meinem Hörraum landete. Der Devialet D-Premier blieb nur zwei Tage, aber das genügte, um mich um den Finger zu wickeln. Ein Vollverstärker, so flach, so makellos, technisch seiner Zeit meilenweit voraus. Und dann diese Fernbedienung: per Funk angebunden, mit satt drehendem Bedienrad, verzögerungsfrei und akkurat wie eine Messuhr. Coup de Cœur!

Der D-Premier überzeugte auch klanglich. Das Geheimnis war die patentierte ADH-Schaltung von Devialet-Gründer Pierre-Emmanuel Calmel. ADH steht für „Analog Digital Hybrid“. Calmel erklärte das in einem Interview so: „Man kombiniert einen analogen und einen digitalen Verstärker, verbindet deren Ausgänge miteinander und steuert den digitalen Verstärker so, dass er den analogen Verstärker unterstützt. Das funktioniert ähnlich wie bei einer Current-Booster-Topologie, aber wenn man den direkt an den Lautsprecher angeschlossenen analogen Verstärker hinzufügt, erhält man auch dessen Klangtreue – was der digitale Verstärker in Bezug auf Transienten nicht leisten kann, liefert der analoge Verstärker.“
Der Trick von 2010 funktioniert noch immer. Ein bildhübscher flacher Metallquader ohne erkennbare Bedienelemente, im Innern avantgardistische Verstärkertechnik mit respektgebietenden Leistungsdaten, ein zeitgemäßer Streaming- und Digitalpart, dazu die beste Fernbedienung der Welt: Gestatten, Devialet Astra. Vertraut im Formfaktor, im Design aber neu aufgestellt – der Hersteller spricht von Inspiration durch Art Déco und meint damit die feinen umlaufenden Rippen, die dem Gerät tatsächlich etwas klassisch Architektonisches verleihen.

Das verstärkende Herz des Astra schlägt im weiterentwickelten ADH-Takt: 1,6 Megahertz, um genau zu sein, jedenfalls was den Class-D-Part betrifft. Für das analoge Class-A-Gegenüber reklamiert Devialet eine Bandbreite von 5 Megahertz. Im Zusammenspiel generieren beide bis zu 300 Watt kontinuierliche Leistung in 4 Ohm. Das Zuspiel kommt von einer D/A-Wandler-Baugruppe, die Devialet auf den schönen Namen „Magic Wire“ getauft hat. Der maßgebliche Baustein ist dabei der Delta/Sigma-Wandler PCM 1792a von Texas Instruments, ehemals Burr-Brown. Der DAC empfängt Digitales in allen gängigen Formaten und Analoges, das zuvor in HD-Qualität digitalisiert wurde. Das können Signale in Line-Signalstärke sein, aber auch die hauchfeinen Spannungen aus MM- und MC-Tonabnehmern. Ja, Plural, denn der Astra lässt sich im Handumdrehen so konfigurieren, dass an zwei der drei Paar Cinchbuchsen Tonarmkabel angeschlossen werden können. In dem Fall tritt RAM auf den Plan. Das Kürzel steht für „Record Active Matching“. Im Astra steckt eine Phonoentzerrung per Software, die auf eine Datenbank von Tonabnehmern und die jeweiligen Herstellervorgaben zu empfohlenen Abschlusswerten zugreifen kann. Der Nutzer muss nicht, kann aber aus langen Listen sein(e) Tonabnehmermodell(e) wählen und dem Astra die Einstellung von Eingangsempfindlichkeit, Impedanz und, bei Bedarf, Kapazität überlassen. Und sogar die zur jeweiligen Platte passende Entzerrungskurve.

Das nächste prominente Akronym lautet SAM. Ausgeschrieben bedeutet das „Speaker Active Matching“. Auch hier kommt wieder eine Datenbank ins Spiel, diesmal eine mit Lautsprechern. Devialets Verstärker erlauben schon seit längerem zum Zweck der Leistungsoptimierung eine Anpassung an die elektrischen Parameter von Schallwandlern. Zum Zeitpunkt des Schreibens umfasst die SAM-Datenbank beeindruckende 1177 Modelle. Darunter auch eins von Ayon, leider aber nicht meine kleine Standbox Seagull/c, weshalb ich über die Wirkung von SAM nicht berichten kann.
Im digitalen Zuspiel lässt der Astra keine Wünsche offen. Alle maßgeblichen Streamingdienste erhalten per Connect-Anbindung Zugang. Nur Qobuz ist zum Testzeitpunkt noch nicht implementiert, aber für Jahresende 2025 versprochen. Kernkompetenz des Devialet ist der Betrieb im vorzüglichen RAAT-Protokoll der Roon-App. So habe ich ihn dann auch verwendet, mit Zuspiel von meinem Roon-Core Innuos Zenith Mk III. Wer kein Roon-Abo hat, muss aber keinerlei Einschränkungen fürchten, UPnP ist selbstverständlich mit von der Partie.

Ich schließe an: den CD-Player Electrocompaniet EMC 1 UP analog via Cinch; den Plattenspieler dps 3 mit dem im Bauer-Tonarm montierten Lyra Kleos, ebenfalls via Cinch; das japanische MC findet sich in Devialets Online-Konfigurator, ich wähle es also aus (wofür ein Devialet-Benutzerkonto nötig ist) und übertrage meine Wahl via App an den Phonozweig des Astra. Schließlich schalte ich meinen Innuos-Server in Roon-Modus und wähle als Zielgerät den ebenfalls per Kabel mit dem Netzwerk verbundenen Devialet aus. Dann endlich heißt es: Hand an den Drehknopf der per Bluetooth bidirektional angebundenen Fernbedienung (die daher den gewählten Pegel im Display anzeigt – Coup de Cœur!) und eintauchen in die Musik. Eintauchen ist tatsächlich das Stichwort. Die herausragende Eigenschaft des Astra ist nämlich der Aufbau dreidimensionaler Räume aus geradezu buddhistischer Ruhe und vor pechschwarzem Hintergrund. Ich presse im Phonobetrieb mein Ohr an die Lautsprecher und höre: eine Ahnung von Rauschen, ansonsten aber: nichts. Unglaublich.
Der Astra erinnert mich an einen Verstärker, der unterschiedlicher nicht sein könnte: den Gryphon Diablo 333. Ein Kilowatt-Monster, in jedem Sinne die personifizierte Unerschütterlichkeit. Auch der Devialet hat diese phänomenale Ruhe weg, selbst bei den härtesten Livepegeln bleibt er gelassen, aber nicht unbeteiligt! Wie der dänische Amp löst er Klangereignisse vollkommen von den Lautsprechern und bietet dem Hörer ein überaus befriedigendes Gefühl des Angekommenseins im High-End-Himmel.

Beim Streaming im Roon-Modus erkenne ich den feinen Schuss Wärme und Abrundung dieser Software, was an sich nicht ins Gewicht fällt, weil es nur im direkten Vergleich zu UPnP-Streaming hörbar wird. Was ich als Beleg für die Neutralität und Durchlässigkeit des DAC- und Verstärkerparts deute. Mein norwegischer CD-Player-Oldie performt zuverlässig erstklassig, überzeugt mit Punch und Präsenz, wo der Magic-Wire-DAC mit feinem Pinsel das Detail feiert und nie die Kontrolle verliert. Vom Plattenspieler kommt ein Klangbild von immenser Ruhe und makelloser Tonalität. Ausgewogenheit ist über alle Quellen hinweg das Markenzeichen des Franzosen. Es ist nichts zu viel, nichts zu wenig, alles blitzblank, fließend, einfach richtig.
Das mag nach distinguierter Spaßbremse klingen, aber von derlei kann keine Rede sein. Der superb produzierte Track „Turn Back“ von Jun Miyakes Stolen From Strangers fächert sich als Qobuz-Stream Hörraum-sprengend hinter der Lautsprecherebene auf und nimmt einen mit auf einen fantastischen Ritt durch synthetische Raumillusionen und Myriaden duftig hingetupfter Instrumentensamples. Von CD beeindruckt eine meiner ältesten Referenzaufnahmen, die Tondichtung Sheherazade von Nikolai Rimski-Korsakow in einer Aufnahme mit dem Orchester der Pariser Opéra Bastille unter Myung-Whun Chung mit fast schon erschreckend hautnaher Herausarbeitung jedes Instruments des riesigen Klangapparats.
Und dann das Highlight im Vinyl-Betrieb: Eine derart felsenfeste Darstellung der Stereomitte habe ich noch mit keinem Phonoentzerrer erlebt. Die perfekte Platte dafür: Rachael & Vilray, mit der Sängerin Rachael Price und dem Gitarristen Vilray. Die Stereoplatte beginnt mit mehreren Titeln in reinem Mono, passend zur dargebotenen Musik, Jazz-Songs im Stil der 1920er Jahre. Wie sich das von Track zu Track löst, mal rechts, mal links ein Instrument dazukommt und Rachael präzise vor mir steht und singt wie eine Inkarnation von Anita O’Day: Weltklasse.
Devialet kann’s noch immer. Die 15 Jahre seit dem D-Premier-Schock haben allenthalben Fortschritt hervorgebracht, und doch ist der Devialet Astra wieder und noch immer ein beeindruckendes Stück Audiotechnik. Ein Luxusgerät zum Luxuspreis – und ich habe noch gar nicht die Doppelmono-Ausführung (zwei Astras!) oder die 23-Karat-vergoldete Opéra-de-Paris-Edition erwähnt. Aber sei’s drum: Das Paket überzeugt selbst den abgebrühten Highender, und im angepeilten Segment muss er ohnehin keine Konkurrenz fürchten. Ich bin schon wieder ein kleines bisschen spontan verliebt. In einen Verstärker.
Info
Streaming-Vollverstärker Devialet Astra
Konzept: per Software in allen Parametern umfassend konfigurierbarer Vollverstärker für analoges und digitales Zuspiel aller Formate
Eingänge: 3 x Cinch, frei konfigurierbar für Line, Phono-MM oder -MC, Digital (S/PDIF); USB-C; 2 x Digital optisch (Toslink); Ethernet (RJ45)
Ausgang: 2 x Lautsprecher
Weitere Schnittstellen: WiFi 6, Bluetooth
Streaming: AirPlay, Google Cast, Spotify Connect, Tidal Connect, UPnP, Roon Ready (RAAT), Qobuz Connect angekündigt
Ausgangsleistung (4 Ω): 300 W
Besonderheiten: Bluetooth-Fernbedienung; RAM (Record Active Matching); SAM (Speaker Active Matching); Web-basierter Konfigurator; Bedienung per App
Ausführung: Aluminium gebürstet, Bronze eloxiert
Maße (B/H/T): 39/5/39 cm
Gewicht: 7 kg
Garantiezeit: 2 Jahre, 5 Jahre mit Registrierung
Preis: um 16 000 €
Kontakt
Devialet
Ickstattstraße26
80469 München
Mitspieler
Plattenspieler: bauer audio dps 3
Tonarm: bauer audio Tonarm
Tonabnehmer: Lyra Kleos
Phonovorverstärker: Hagerman Trumpet Wood
MC-Übertrager: Consolidated Audio Silver/Nano
CD-Player: Electrocompaniet EMC 1 UP
Musikserver: Innuos Zenith Mk III
D/A-Wandler: Aqua La Voce S3
Switch: LHY SW-8
Vorverstärker: Silvercore linestage two
Endverstärker: Rowland Model 12
Lautsprecher: Ayon Seagull/c
Netzaufbereitung: AudioQuest Niagara 3000
Kabel: Fadel Art, Phonosophie, AudioQuest, Solidcore
Zubehör: Creaktiv-Racks, Granitbasen, Andante Largo Silent Mounts






