Bioscope – Gentō
Das Projekt Bioscope vereint mit Steve Rothery & Thorsten Quaeschning zwei der kreativsten Köpfe zwischen Elektro und Prog.
In der heutigen Musikwelt, die oft nach Formaten, Genres und Zielgruppen kategorisiert, sind Künstler, die sich bewusst jenseits davon bewegen, zur Ausnahme geworden. Steve Rothery und Thorsten Quaeschning zählen zu diesen Ausnahmen. Ihre musikalischen Biografien könnten unterschiedlicher kaum sein – und doch offenbart ihre Zusammenarbeit eine tiefere Verwandtschaft, die weit über Klangästhetik hinausgeht. Während Rothery seit Jahrzehnten für eine Form des Schreibens steht, das beim Songwriting kalkuliert Emotionales über das Effekthafte stellt, ist Quaeschning ein Tüftler an Systemen, ein Komponist aus der Fläche, aus dem Loop, aus der Struktur. Was sie eint, ist nicht der Stil, sondern die Haltung: Musik nicht als Mittel zur Selbstinszenierung zu verstehen, sondern als Raum zur Entfaltung von Tiefe und Atmosphäre.
Zwei Künstler, zwei Systeme, eine Sprache
Steve Rothery, geboren 1959 in Yorkshire, wurde in den frühen Achtzigerjahren als Gründungsmitglied und Gitarrist der Band Marillion bekannt, deren Mitglied er bis heute ist. Sein Spiel ist geprägt von einer Zurückhaltung, die sich jeder oberflächlichen Virtuosität verweigert. Rothery setzt auf Melodien, die nicht im Vordergrund stehen wollen und gerade deshalb im Gedächtnis bleiben. Jede Note scheint gewogen, jede Pause bewusst gesetzt. Seine Musik ist durchkomponiert, getragen von einer inneren Ruhe, die dem Hörer Zeit lässt – zum Wahrnehmen, zum Nachfühlen, zum Erinnern.
Ganz anders die künstlerische Herkunft Thorsten Quaeschnings. Der 1977 in Berlin geborene Musiker ist tief verwurzelt in der Tradition der deutschen Elektronikmusik, insbesondere jener Schule, die mit Namen wie Tangerine Dream und Klaus Schulze assoziiert wird. Als musikalischer Leiter von Tangerine Dream führt er seit vielen Jahren eines der bedeutendsten Projekte elektronischer Musik in eine neue Gegenwart. Quaeschning arbeitet nicht in festen Formen, sondern mit offenen Systemen: modularen Synthesizern, algorithmischen Strukturen, improvisierten Klangfeldern. Während Rothery komponiert, konstruiert Quaeschning. Seine Musik entsteht oft live, entwickelt sich im Moment, speist sich aus Variationen, Wiederholungen, kontrolliertem Zufall. Sie ist weniger eine Erzählung im klassischen Sinn als eine raumgreifende Erfahrung – ein akustisches Milieu, in dem sich Bedeutungen erst durch Wiederholung und Veränderung erschließen.
Rothery sucht diesen Ausdruck in organischen Klängen, in warmen, melodischen Linien, die nie aufdringlich, aber stets präsent sind. Quaeschning hingegen arbeitet mit synthetischen Texturen, mit rhythmischen Sequenzen und sphärischen Flächen, die sich schichten, brechen, verdichten. Der eine komponiert aus der Linie, der andere aus dem Raum heraus. Und doch treffen sich beide in einem feinen Gespür für Atmosphäre, in der Kunst, mit Reduktion Wirkung zu erzielen. Ihr tiefes Verständnis für die assoziative Wirkung von Klang und Struktur verbindet sie – bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Mittel verfolgen sie ein ähnliches Ziel: Musik zu schaffen, die erzählt, ohne zu benennen, die Raum lässt für Interpretation und Imagination.
Im Klangraum von Gentō – Die Stimmen hinter Bioscope
Der Name Bioscope selbst trägt bereits Poesie in sich: abgeleitet aus dem Griechischen (bios = Leben, skopeein = schauen), bedeutete er einst „Lebensschau“ – ein Vorläufer des Kinos. Nicht zufällig haben Rothery und Quaeschning diesen Begriff gewählt: Ihr Projekt will musikalisch einen Blick auf das Leben eröffnen, facettenreich, atmosphärisch, erzählerisch. Auch die Musikspuren, die Gentō zieht, sind sinnträchtig gewählt: Titel wie „Vanishing Point“, „Kinetoscope“, „Bioscope“ oder „Kaleidoscope“ verweisen auf technologische Verfahren des Bildfangs, auf flüchtige Perspektiven, auf Mechanismen des Sehens – und sie werden zum Klang. Gentō entstand in einem lang angelegten Stop-and-Go-Prozess, der um 2020 herum begann und sich über Jahre hinweg, in wiederkehrenden mehrtägigen Begegnungen, bis 2024 entwickelte. Rothery beschreibt die kreative Zusammenarbeit als ein „musikalisches Gespräch, frei von großem Kalkül, auf das vertrauend, was im Raum geschieht. Es gab viel gegenseitigen Respekt. Ich fand, was wir taten, sehr inspirierend. Und umgekehrt, glaube ich, ging es Thorsten genauso. Keine Egos, nur die Freude an der Musik. Wenn es instrumental ist und man keinen Sänger hat, der die Aufmerksamkeit fokussiert, muss man kreativ sein und kleine Melodien und Motive finden, um die Leute zu fesseln. Das war eine Herausforderung, aber auch sehr lohnend.“ Und so sprechen Rotherys Gitarrenlinien mit emotionaler Klarheit, während Quaeschnings detailliertes Sounddesign die innere Architektur der Musik formt. Kurzum: ein durchdachter Dialog zweier etablierter musikalischer Masterminds, die es geschafft haben, eine wahre Materialschlacht zu einem komprimierten Ereignis zu amalgamieren. So zählt die Equipmentliste nicht nur zwei Dutzend Hardwarekomponenten und diverse Softwaresysteme bei Quaeschning auf, auch Rothery kommt auf ein gutes Dutzend Gitarren und Effektgeräte. Umso mehr überzeugt die kompositorische Geschlossenheit der einzelnen Tracks.
Gentō bleibt sichtbar ohne Bilder. Wie ein filmisches Erlebnis entsteht Klang, der in sich trägt, erzählt und berührt. Die Musik wird zu einem immerwährenden Film ohne Bilder – immersiv und voller Details. Hinzu kommt eine leicht treibende, aber nie fordernde rhythmische Struktur, für die in kongenialer Weise Alex Reeves, der Drummer von Elbow, verantwortlich ist. Was als künstlerische Begegnung zweier sehr unterschiedlicher Musiker begann, hat sich mit Gentō zu einem Werk verdichtet, das nicht das Trennende, sondern das Gemeinsame in soundtechnischer Perfektion hörbar macht. Und das größte Kompliment, das man dieser Veröffentlichung machen kann, ist die Ferne zu allen vorherigen Projekten der beiden Musiker; nie klingt es nach Marillion, nie nach Tangerine Dream, sondern immer hören wir ein eigenständiges unerhörtes Unikat.
Bioscope – Gentō
Label: earMUSIC
Format: CD, Doppel-LP, DL 24/48



