Erik Satie
Erik Satie (1866–1925) war so etwas wie der schrullige Onkel der französischen Musikszene – derjenige, der bei Familienfeiern nicht wie erwartet musiziert, sondern im Samtanzug absichtlich zu spät kommt und allen erzählt, dass er jetzt nur noch „zwei Minuten lange Stücke“ schreibt.
Geboren im normannischen Honfleur, zog Erik Satie als junger Mann nach Paris, wo er bald als Pianist in den Kabaretts von Montmartre arbeitete. Seine frühen Werke, darunter die berühmten Gymnopédies (1888), klangen so schlicht, dass Zeitgenossen sie für Skizzen hielten – Satie aber betrachtete sie als fertige Kunst. Er liebte das Unfertige, das Skurrile, Musik eben, die „anders als gedacht“ funktionierte. Sein exzentrischer Stil ging weit über die Musik hinaus: Satie trug stets den gleichen braunen Samtanzug, sammelte Regenschirme (oft ohne sie zu benutzen) und notierte in seinen Partituren Anweisungen wie „Spielen, als ob ein Kürbis Sie beobachtet“. Er mied große Orchesterwerke und bevorzugte kleine, pointierte Formen, die eher wie Miniaturen wirkten – oft mit absurden Titeln wie Trois morceaux en forme de poire („Drei Stücke in Birnenform“).
Musikalisch stand er zwischen allen Stühlen: zu verspielt für den akademischen Ernst, zu reduziert für die Opernhäuser. Dennoch beeinflusste er Komponisten wie Debussy, Ravel und später sogar John Cage. Seine Nähe zu Avantgardekünstlern und Literaten brachte ihn in Kontakt mit den surrealistischen Kreisen – er schrieb Bühnenmusik für Jean Cocteau, arbeitete mit Picasso und Braque zusammen und genoss es, nicht ins Raster zu passen. Satie liebte Wiederholungen und kleine rhythmische Verschiebungen; man könnte sagen, er schrieb „Loop-Musik“, lange bevor es Tonbandgeräte oder Sequencer gab. Er war auch ein Pionier der musique d’ameublement – „Möbelmusik“. Dabei handelte es sich um Stücke, die bewusst als Hintergrundmusik gedacht waren, um nicht aktiv gehört zu werden. Eine Idee, die damals als künstlerische Provokation galt, heute aber im Streaming-Zeitalter wie eine Vision wirkt. Er starb 1925 in Paris, verarmt, aber mit einem bleibenden Einfluss auf die Musikgeschichte. Heute gilt er als Vorläufer des Minimalismus und als Meister der ironischen Distanz – ein Mann, der es schaffte, gleichzeitig ernsthaft und augenzwinkernd zu komponieren. Oder, wie man ihn vielleicht am treffendsten beschreiben könnte: der einzige Komponist, bei dem selbst die Pausen pointiert sind.
100 Jahre tot – und immer noch schwer zu fassen: Erik Saties kaum bewegte Diskografie
2025 markierte den 100. Todestag von Erik Satie – doch wer auf eine Welle neuer Aufnahmen gehofft hatte, wird enttäuscht. Kaum frische Einspielungen, kaum spürbares Gedenken im Tonträgermarkt. Dabei ist seine Musik allgegenwärtig: als Soundtrack für Werbespots, als atmosphärischer Teppich in Filmen, als klingender Hintergrund von Vernissagen. Und doch bleibt Satie – wie eh und je – ein Phantom. Dieses Versteckspiel hätte ihm gefallen. Ein Grund für das stille Jubiläum könnte sein: Es gibt bereits über ein Dutzend Gesamtaufnahmen seiner Werke aus den letzten fünf Jahrzehnten. Der Pianist Alain Planès, selbst erklärter Bewunderer Saties, konnte den 100. Todestag nicht einfach vorbeiziehen lassen.
Auf einem originalen Pleyel-Flügel von 1928 entfaltet er ein Panorama von Saties schräger, poetischer und oft spöttischer Musik. Unterstützt wird er dabei von Marc Mauillon (Gesang) und François Pinel (als Vierhändigpartner am Klavier), die mit ihm gemeinsam durch die musikalischen Miniaturen des Meisters von Arcueil reisen. Das Booklet von Satie. Planès ist mehr als Beiwerk: Es enthält Zeichnungen von Satie selbst – und vom Interpreten. Eine Hommage, die zugleich augenzwinkernd und ernsthaft ist. Ganz im Sinne ihres Gegenstands. Die zweite erwähnenswerte Veröffentlichung ist streng genommen keine Neuaufnahme, sondern ein Remastering: Jean-Yves Thibaudets 2001 entstandenes Album The Magic of Satie wurde neu aufgelegt – in verbesserter Klangqualität.
Thibaudet setzt konsequent auf die Originalfassungen, was bei Satie-Interpreten keine Selbstverständlichkeit ist. Seine Auswahl ist ausgewogen: Esoterisch-versponnene Werke stehen neben frechen Kabarettstücken. Vor allem aber liefert Thibaudet eine faszinierende Gegenposition zu Planès: Wo dieser drängt, bremst Thibaudet. Statt rasenden Miniaturen gibt es kontemplative Zeitlupe – ohne den Geist der Musik zu verlieren. Satie bleibt schwer zu fassen – auch 100 Jahre nach seinem Tod. Vielleicht gerade deshalb braucht es nicht viele neue Aufnahmen, sondern nur die richtigen. Und die zeigen: Der eine spielt ihn wie ein anarchischer Dandy. Der andere wie ein Zen-Mönch. Beide Seiten gehören zu ihm.
Ein Komponist wie kein anderer – und ein Buch, das ihm gerecht wird: Oliver Vogels Erik Satie
Erik Satie bleibt auch hundert Jahre nach seinem Tod ein Rätsel – ein Musiker zwischen Ironie und Ernst. Der Musikwissenschaftler Oliver Vogel hat sich aufgemacht, diesem schillernden Außenseiter nachzuspüren – und legt mit seiner Satie-Biografie ein Werk vor, das so vielschichtig ist wie sein Gegenstand.
Vogel schöpft aus einem riesigen Fundus an Zeitzeugenberichten, Briefen und Skizzen. Daraus entsteht ein fein gezeichnetes Porträt, das Satie nicht auf Exzentrik reduziert, sondern in seiner ganzen Komplexität zeigt: als Suchenden, als Skeptiker, als musikalischen Bastler mit einem ausgeprägten Sinn für Struktur und Widerspruch. Das Buch folgt grob der Chronologie – von den frühen Kabarettjahren in Montmartre über Saties eigensinnige Studienzeit bis zu den späten Jahren, in denen er widerwillig Ruhm erlangte. Er macht klar: Diese Musik ist kein bloßer Stil, sondern Haltung – lakonisch, tiefgründig, subversiv. Was auf den ersten Blick verspielt wirkt, entpuppt sich bei Vogel als Musik mit mehrfach verschachteltem Unterbau, als Kunst der gezielten Irritation. Dass das Buch fast 700 Seiten umfasst, wirkt nie überladen – im Gegenteil: Es entfaltet mit jeder Seite mehr Einsicht in ein künstlerisches Leben, das seiner Zeit voraus war und unserer Gegenwart seltsam nahesteht. Wer dieses Buch liest, wird Satie nicht mehr vergessen. Und vielleicht endlich verstehen, warum selbst seine Pausen Musik sind.
The Magic of Satie
Jean-Yves Thibaudet
Label: Decca
Format: LP, CD, DL 24/48
Satie. Planès
Alain Planès, François Pinel, Marc Mauillon
Label: Harmonia Mundi
Format: CD, DL 24/96
Oliver Vogel – Erik Satie. Der skeptische Klassiker
Verlag: Bärenreiter/Metzler
ISBN: 9783761825266





