Morcheeba im FIDELITY-Interview
Morcheeba – ein Name, der für eine musikalische Ära steht. Für die Millenniumsjahre, da Jazz und Soul sich mit Pop, Ambient und Hip-Hop mischten und als Trip-Hop aus England heraus die Welt eroberte. Während es um Künstler wie Massive Attack oder Tricky ruhiger geworden ist, sind Morcheeba aktiv und kreativ geblieben. Zum neuen Album Escape The Chaos gewährten uns die Bandleader Ross Godfrey und Skye Edwards eines ihrer seltenen Interviews. Besondere Momente auch für unseren Autor, den eine persönliche Erinnerung mit der Musik von Morcheeba verbindet.

Ross Godfrey und Skye Edwards von Morcheeba für ein Interview zu gewinnen ist nicht leicht. Die beiden Künstler gelten auch nach 30 Jahren Bandgeschichte als scheu. Umso größer war die Freude, als FIDELITY zum neuen Album Escape The Chaos ein Gespräch mit Sängerin Skye zugesagt wurde. Noch größer ist die Überraschung, als sich im Videocall ein weiteres Fenster öffnet und Ross Godfrey dazukommt, obwohl er „gerade das Haus renoviert“ und fürs Gespräch „vom Dach herabgestiegen ist“. Skye Edwards ist via Handy zugeschaltet. Sie sitzt am Lenkrad und ist „mal eben links rangefahren“, weil sie eigentlich gerade im Urlaub ist: im Campingbus „auf der Isle of Bute“ in Schottland. Während draußen Passanten vorbeischlendern, rückt Skye ihre bunte Strickmütze zurecht, schenkt der Kamera ein wundervolles Lächeln und sagt: „Let’s get it going, guys“ – lasst uns beginnen!
FIDELITY: Skye, Ross, die erste Frage ist gar keine Frage, sondern eine persönliche Anekdote. Danach kommen wir aber gleich zum neuen Album …
Skye: Lass hören! Ich bin neugierig …
2001 reiste ich mit dem Rucksack allein durch Australien. Ich war an einem wirklich einsamen Ort an der Südküste, lag dort auf einem Felsen am Wasser, Kopfhörer auf, es lief euer Album Big Calm. Beim Song „The Sea“ tauchte dann ein Wal auf, direkt zu meinen Füßen. Und ein zweiter, eine Mutter mit ihrem Kalb. Was soll ich sagen, mir kamen die Tränen. Und als ich jetzt „The Sea“ nach Jahren wieder hörte, da hatte ich wieder einen Kloß im Hals.
Skye: Ist es nicht wunderbar, was Musik mit uns macht? Eine schöne Geschichte.
Kennt ihr das? Dass ein Song euch mit vergessenen Gefühlen verbindet?
Ross: Sehr gut. Ich habe ja in den vergangenen Wochen mein Haus renoviert und dabei viel Musik gehört. Bruce Springsteen, Nebraska, Born To Run und vor allem Darkness On The Edge Of Town. Beim letzten Song, beim Titelsong, wurde ich sehr, sehr emotional. Ich kann nicht einmal genau sagen, woher das kam. Vielleicht hatte es etwas damit zu tun, dass ich als kleiner Junge diese Platte aus der Sammlung meines Vaters gestohlen habe, die wollte ich einfach haben.
Skye: Musik hat in dieser Hinsicht etwas Magisches. Sie kann eine kathartische, therapeutische Wirkung haben.
Ross: Musik löst etwas aus im Gehirn. Bei bekannten Klängen eine bestimmte Erwartungshaltung, die den nächsten Teil vorwegnimmt – und wenn er dann kommt, gerät man in einen Dopamin-Rausch. In dieser Hinsicht ist Musik mit keiner anderen Kunstform vergleichbar. Ein Gemälde anzuschauen oder ein Buch zu lesen ist nicht dasselbe wie das rhythmische Crescendo von Musik, das mit deinen Emotionen spielt.
Skye: Bei mir hat das zuletzt Conrad Lambert geschafft, mit dem Song „Postcard From A Dark Star“. Da gibt es eine Zeile, die lautet in etwa: „Seit ich weggegangen bin, möchte ich zurückkehren zu einem tiefen, wogenden Meer, einem Ort tiefer Erleichterung“. Davon bekomme ich einen Kloß im Hals. Besonders, wenn ich jetzt abends in meinem Wohnmobil sitze und auf den Ozean blicke.
Was ich erstaunlich finde: Wie frisch „The Sea“ heute noch klingt – und auch euer neues Album, Escape The Chaos. Wie gelingt das?
Skye: Wir sind 30 Jahre älter. Wir waren ja fast noch Kinder, als wir seinerzeit unsere erste Platte veröffentlichten. Jetzt singe ich anders, und Ross hat sich natürlich an der Gitarre weiterentwickelt. Die Produktion ist professioneller heute. Aber wir spielen noch den Morcheeba-Sound. Die Zutaten sind im Prinzip dieselben, wir sind aber bessere Köche geworden.
Ross: Nimm nur unser erstes Album, Who Can You Trust. Wir haben diese Platte vor 30 Jahren in einem Schlafzimmer in einer schrecklichen, schimmeligen Wohnung in Nord-London aufgenommen, auf einem sehr billigen Mischpult. Wir waren total bekifft. Im Hintergrund hört man dieses Rauschen – den Heizlüfter. Diese Phase, die haben wir immerhin hinter uns gelassen.
Deine Stimme, Skye, ist ein Markenzeichen von Morcheeba. Als du für ein paar Jahre solo unterwegs warst, fehlte bei Morcheeba eindeutig etwas Wesentliches. Was meinst du, inwiefern klingt deine Stimme heute anders?
Skye: Sie hat sich sukzessive verändert, weil ich mich selbstbewusster fühle. Weil ich besser damit umgehen kann, mehr Kontrolle habe.
Ich finde ja, du klingst sanft wie eine Mutter, die am Gitterbettchen ein Schlaflied singt. Die Texte aber haben nichts von Kinderliedern an sich. Du singst von Liebe, von Enttäuschung, auch von Rache.
Skye: Ich mag diesen sanften Sound, der die Inhalte konterkariert. So, als ob man lächelnd davon berichtet, wie man jemanden am liebsten mit einem Lavendelkissen erdrosseln würde … (lacht)
Ist das die Essenz des Trip-Hop-Sounds? Klingt unschuldig nach Lavendelkissen, hat aber eine enorme Kraft?
Ross: Das Schöne am Trip-Hop ist: Es kann alles sein. Ein Stil, der sich aus vielen Quellen speist, mal mehr aus der einen, mal mehr aus der anderen. Deshalb klingen wir vermutlich auch heute noch so ‚frisch‘, wie du meinst.
Ich höre Rockriffs, psychedelische Soundeffekte, harten Rap und jede Menge Soul auf der neuen Platte.
Ross: Wir jonglieren mit Soundideen, und dann schälen sich die Songs aus dem Prozess heraus. Ich habe auch immer darauf gewartet, dass eine neue Punk- oder Hip-Hop-Revolution kommt und uns wegfegt, aber das ist nicht passiert. Wir sind noch da. Vielleicht hat die Musik generell ihren Innovationshöhepunkt erreicht. Obwohl die Technologie immer besser wird, haben sich die Ideen nicht wirklich verändert. Ich habe mich immer gefragt, warum nie jemand ein besseres Album als Sgt. Pepper’s gemacht hat, bei der tollen Technologie heute.
Technologie scheint auch euch wichtig zu sein: Ihr habt das Album in sechs Studios aufgenommen.
Ross: Da ging es um einzelne Tonspuren. Ansonsten haben wir bei dieser Platte wieder viel zusammen gejammt, anders als bei der Platte davor, Blackest Blue, die während der Pandemie entstanden ist. In Dublin etwa haben wir mit einem großartigen jungen Produzenten namens Alex O’Keefe gearbeitet. Da haben wir ein paar Pints Guinness getrunken und zwei Tracks quasi aus der Hüfte heraus erschaffen, „Bleeding Out“ und „Elephant Clouds“.
Skyes Gesang dagegen wurde in einem Studio namens „The Sewing Room“ aufgenommen.
Skye: Das ist mein Nähzimmer zu Hause. Da habe ich ein Klavier, einen Computer und natürlich meine Nähmaschine stehen. Ich singe lieber in Ruhe und Abgeschiedenheit, als in einem Studio aufs rote Lämpchen zu starren, während mich ein Dutzend Menschen mit Blicken fixieren. An der Nähmaschine ist auch ein Lämpchen. Das schaue ich dann an.
Ross: Ich weiß, was Du meinst. Einige Gitarrenparts habe ich ja auch zu Hause eingespielt. Ich würde jeden Toningenieur in den Wahnsinn treiben, wenn ich 30 Takes eines Gitarrensolos aufnehmen wollte. Den Unterschied höre nur ich. Aber ich höre ihn. Ich bin Perfektionist. Vielleicht habe ich auch eine Zwangsstörung.
Skye: Wir sind uns dennoch einig, dass wir es simpel halten wollen. Die Schönheit des Sounds liegt manchmal in der Einfachheit, in der Atmosphäre und in den Zwischenräumen.
Ross: Wenn man alle Lücken füllt, hat man keine Aussicht mehr. Dann kann man nicht mehr zwischen den Noten hindurchschauen. Macht das Sinn?
Skye: Für mich schon!
Ihr habt einen Gast-Rapper dazugebeten, Oscar #Worldpeace. Der Song „Peace Of Me“ klingt sehr hart, düsterer als der typische Morcheeba-Sound.
Ross: Ja, er ist irgendwie dreckig und garagenmäßig. Als ich den Beat dafür gemacht habe, habe ich den Sound eines Daumenklaviers gesampelt. Das habe ich verlangsamt und geloopt. Dann brauchten wir einen Rapper. Im Allgemeinen können Rapper ziemlich schwierig sein, weil sie oft sehr großspurig sind, und sie wollen richtig viel Geld sehen. Wir hatten aber nur ein schmales Budget. Oscar #Worldpeace habe ich im Radio gehört, in einer BBC-Sendung über Neue Musik. Er kommt aus Tottenham in London.
Skye: Ja, er hat eine schöne Stimme und einen schönen Flow, er singt diesen Tottenham-Akzent.
Skye, du hattest früher große Probleme mit deinem Londoner Akzent.
Skye: Ja, ich habe viel dafür getan, meinen East-London-Hintergrund zu verbergen. Das klänge so, wenn ich es nicht drosselte (Sky singt jetzt einige Zeilen aus dem ersten kleinen Hit der Band, „Trigger Hippie“ aus dem Jahr 1996). Als East-Ender verschluckt man Buchstaben. Man sagt zum Beispiel „ear“ anstatt „hear“. Jahrelang wollte ich keine Interviews geben, weil ich dachte, man hört mir meine Herkunft an. East End gilt ja als alte Einwanderer- und Arbeitergegend. Heute ist mir das egal. Aber ich bin trotzdem froh, dass meine Singstimme heute neutral klingt. Brauchen wir einen Akzent, dann buchen wir uns einen Rapper.
Oder ihr fragt mal Bruce Springsteen, Ross, ob er für ein Duett zur Verfügung stünde.
Ross: Um Gottes willen! Ich habe ihn noch nie getroffen. Ich wäre so nervös, ich glaube, ich würde in Tränen vor ihm ausbrechen.
Skye, hättest du einen Wunschpartner am Mikrofon?
Skye: Ich würde gerne mit Iggy Pop singen. Oder mit Bob Dylan. Ich habe vor ein paar Jahren mit dem Produzenten Daniel Lanois an meiner Soloplatte gearbeitet. In seinem Studio habe ich in ein Mikrofon gesungen, um das ein Klebeband mit der Aufschrift „BD“ gewickelt war. Ich fragte: „Wofür steht das BD?“, und er sagte: „Für Bob Dylan“. Lanois hat ja verschiedene Alben von Dylan produziert. Ich fürchte nur, näher als an diesem „BD“-Mikrofon werde ich Bob Dylan nie kommen.
Morcheeba sind die Pioniere des Trip-Hop, einer groovenden, soulvollen Musik, die in den späten neunziger Jahren in London und Bristol aufkam. Gegründet wurde Morcheeba – der Name leitet sich ab vom Slangwort „cheeba“ für „Marihuana“ – 1995 von den Teenager-Brüdern Ross und Paul Godfrey und Sängerin Skye Edwards. Paul verließ die Band 2015, in der heute auch Edwards Mann sowie zwei ihrer Söhne Bass, Drums und Orgel spielen. Zu den größten Erfolgen gehören die Alben Big Calm (1998) und Fragments Of Freedom (2000) mit dem damaligen Welthit „Rome Wasn’t Built In A Day“. Jüngst erschien das elfte Album, Escape The Chaos. Ende Oktober sind Morcheeba in Deutschland auf Tour.











