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Ensemble DLW

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Free Boulez

Ensemble DLW

Das Ensemble DLW erforscht seit 15 Jahren Klänge zwischen Struktur und Freiheit.

Ensemble DLW

Seit 15 Jahren steht das Ensemble Dell–Lillinger–Westergaard (DLW) für eine kompromisslose Klangsprache, die sich zwischen zeitgenössischer Komposition und improvisierter Musik bewegt. Anlässlich des Jubiläums blickt das Trio nicht zurück im nostalgischen Sinn, sondern öffnet Räume – strukturell, klanglich und auch institutionell. Das Jubiläumskonzert am 19. September 2025 in der Berliner Musikbrauerei zeigte, was in dieser Formation steckt: Spielfreude, analytische Tiefe und der Wille, Musik als offenen Prozess zu denken. Mit dabei: das aktuelle Label Bastille Musique, das in den letzten Jahren mehrfach mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet wurde.

Ensemble DLW

Das um 2010 gegründete DLW setzt sich aus dem Vibrafonisten Christopher Dell, dem Schlagzeuger Christian Lillinger und dem Kontrabassisten Jonas Westergaard zusammen. Die klassische Trio-Form bleibt jedoch nur der Rahmen. Inhaltlich orientiert sich das Ensemble eher an Denkmodellen aus der Neuen Musik im Sinne Pierre Boulez’ als am Jazzkanon. Improvisation und Komposition stehen nicht im Gegensatz, sondern bilden ein sich gegenseitig befruchtendes System. Von Beginn an ging es dem Trio um mehr als das Aneinanderreihen freier Passagen. Schon das Debütalbum Grammar formulierte eine Haltung: Musik als System, das sich aus Regeln speist, aber nicht von ihnen eingesperrt wird. Weitere Arbeiten wie Beats, Grammar II oder Boulez Materialism erweiterten dieses Prinzip, mal rhythmischer, mal harmonisch dichter, stets mit feinem Gespür für musikalische Mikroprozesse. Ihre Diskografie – bis vor kurzem hauptsächlich auf dem von Christian Lillinger gegründeten Label Plaist veröffentlicht – ist durchdacht und klanglich eigenständig. Dass dabei keine akademische Trockenheit entsteht, liegt an der Art, wie dieses Trio agiert. Alle drei bringen einen jeweils eigenen Zugriff mit, doch im Zusammenspiel entwickelt sich eine Dynamik, die sich jeder einfachen Kategorisierung entzieht. Ihre Musik ist körperlich und abstrakt zugleich, rhythmisch pointiert und harmonisch durchlässig, dabei stets auf der Suche nach neuen Schnittpunkten zwischen Idee und Klang. Wer DLW hört, merkt schnell: Hier wird nicht reproduziert, sondern gedacht – im Klang, im Moment, in der Aktion.

Ensemble DLW

Ein markanter Entwicklungsschritt erfolgte durch die Zusammenarbeit mit Tamara Stefanovich. Die aus dem Umfeld der klassischen Avantgarde und der Spätromantik bekannte Pianistin bringt eine weitere Farbe ins Spiel, arbeitet genau und analytisch, agiert zugleich offen im Umgang mit den Strukturen des Trios und ist doch stark an den Klassikern der Neuen Musik zwischen Bartók, Messiaen und Boulez orientiert. Das gemeinsame Album SDLW ist ein Beispiel für gelungene Erweiterung ohne Verwässerung. Stefanovich wird nicht als Gast hineingestellt, sondern bewegt sich auf Augenhöhe durch das Geflecht aus komponierten und improvisierten Elementen. Der Wechsel zu Bastille Musique markiert eine weitere Etappe in der Geschichte von DLW. Die Veröffentlichung von Extended Beats im Jahr 2024 unterstreicht diesen Schritt. Mit Gästen wie dem Klangforum Wien, dem Sonar Quartett, Martin Adámek und Johannes Brecht weitet das Ensemble seinen Horizont in Richtung Kammermusiksaal und Philharmonie. Klanglich entsteht ein neuer Maßstab – orchestraler, vielschichtiger, aber ohne die strukturelle Klarheit aufzugeben. Das Album wurde nicht nur in der Fachpresse wohlwollend aufgenommen, sondern auch mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet.

Ensemble DLW

Das Konzert zum 15-jährigen Jubiläum in der Berliner Musikbrauerei war mehr als nur eine Werkschau. Es zeigte, wie sehr das Ensemble seine Prinzipien verinnerlicht hat – und wie lebendig sie im Spiel werden. Die Musikbrauerei im Prenzlauer Berg bot den passenden Rahmen: ein Gebäude mit verwinkelten Gängen, düsterer Atmosphäre und exzellenter Akustik. Der Veranstaltungsort wirkte wie eine physische Entsprechung der klanglichen Räume, die DLW aufspannt – geheimnisvoll, konzentriert, detailreich. In zwei Sets präsentierte das Trio einen Querschnitt durch sein Schaffen: Auszüge aus Grammar, Beats, Extended Beats – exakt, durchdacht, aber nie steril. Mal rhythmisch explosiv, mal in fast kammermusikalischer Klangzartheit. Gerade die klangfarblichen Übergänge, das Aufbrechen des Materials, die ständigen Richtungswechsel – all das zeigt, wie virtuos DLW die Balance zwischen Form und Freiheit beherrscht. Dass sich drei eigenständige Stimmen in einem Ensembleklang zusammenfinden, ohne dabei ihre Identität aufzugeben, ist kein Zufall, sondern Ergebnis jahrelanger gemeinsamer Entwicklung. Was als experimentelles Trio begann, hat sich zu einem Ensemble entwickelt, das weit über Genregrenzen hinauswirkt. Wer wissen will, wie zeitgenössische Musik heute klingen kann, findet hier eine präzise, lebendige Antwort.

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DLW – Diskografie (Auswahl)

  • Grammar – Plaist, 2013
    Das Debüt: Modular komponierte Strukturen treffen auf spontane Klangentfaltung
  • Grammar II – Plaist, 2016
    Weiterführung der Grammatik-Arbeit – dichter, komplexer, analytischer
  • Beats – Plaist, 2017
    Rhythmus als kompositorisches Material: präzise, energetisch, fragmentiert
  • Boulez Materialism – Plaist, 2021
    Eine strukturkritische Auseinandersetzung mit dem seriellen Denken
  • SDLW (mit Tamara Stefanovich) – Bastille Musique, 2022
    Dialog zwischen klassischer Avantgarde und improvisierter Strukturarbeit
  • Extended Beats – Bastille Musique, 2024
    Orchestrale Erweiterung des DLW-Konzepts – u. a. mit Klangforum Wien und dem Sonar Quartett. Ausgezeichnet mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik

www.dell-lillinger-westergaard.de

Die angezeigten Preise sind gültig zum Zeitpunkt der Evaluierung. Abweichungen hierzu sind möglich.