Album-Doppel: Elvis / Sandra Weckert
Seinen ersten Song nahm er auf, als er 18 war – angeblich sollte es nur ein Geburtstagsgeschenk für seine Mutter sein.
Doch vielleicht war es kein Zufall, dass der junge Mann für die Aufnahme das Studio einer Plattenfirma wählte, die auf afroamerikanische Bluessänger spezialisiert war. Als ein Produzent dort mitbekam, wie er Blues und Rhythmus meisterte, erhielt der junge Mann prompt einen Plattenvertrag. Seine Fassung von Arthur Crudups „That’s All Right“ wurde ein Radiohit in Memphis und ließ viele (auch schwarze) Hörer denken, er sei ein Schwarzer. Nicht umsonst war Arthur Crudup eines seiner Vorbilder. Nicht umsonst hatte er in Memphis genug Veranstaltungen besucht, die als „Colored Night“ ausgewiesen waren. „Niemand kann diese Art von Musik so singen wie die Schwarzen“, sagte er. Kein Weißer vor ihm hatte diese dynamische und herausfordernde Art am Mikrofon. „Elvis öffnete der schwarzen Musik die Tür“, sagte Little Richard einmal.
Elvis Aaron Presley, der King of Rock and Roll, wurde einer der erfolgreichsten Musiker der Popgeschichte. Sein provokanter Gesang, sein Sex-Appeal, sein Showman-Talent und sein gutes Aussehen machten ihn zum Teenager-Idol. Auch im US-Fernsehen führte er bald seine freche Haartolle vor, sein provokant schiefes Lächeln und seine aufreizenden Hüftbewegungen („Elvis the pelvis“). Die heile Welt des amerikanischen Mainstreams empfand ihn als Skandal. Als Bill Haley 1954 den Rock’n’Roll in die Welt setzte, war Elvis Presley natürlich von Anfang an mittendrin. 1956 nahm ihn die große Plattenfirma RCA unter Vertrag. Songs wie „Don’t Be Cruel“, „Hound Dog“, „Blue Suede Shoes“ oder „Tutti Frutti“ machten ihn weltberühmt.
1959, als er gerade seinen Militärdienst in Germany ableistete und keine neuen Aufnahmen machen konnte, erschien bereits sein viertes Compilation-Album. Weil RCA bis dahin 50 Millionen Platten von Elvis verkauft hatte, hieß das Album 50.000.000 Elvis Fans Can’t Be Wrong.
Dass 50 Millionen Menschen sich nicht irren könnten – das war damals schon ein stehender Ausdruck in den USA, mindestens seit dem Song Fifty Million Frenchmen Can’t Be Wrong von 1927, einer Liebeserklärung an Paris und seine lockeren Sitten. Das Elvis-Album versammelt zehn „Gold Records“ von 1958 und 1959. Die Balladen mit Gospel- und Doo-Wop-Touch wie „Don’t“, „My Wish Came True“ oder „One Night“ erreichen gerade so die Zweieinhalb-Minuten-Marke. Die flotten Rhythmusnummern wie „I Got Stung“ und „I Beg Of You“ bleiben sogar unter zwei Minuten. Die meisten Stücke sind typischer Rockabilly, also Rock’n’Roll mit Country-naher Melodie. Manchmal scheint auch der Blues stärker durch, meist ergänzt durch einen B-Teil. Dem schwarzen R&B am nächsten kommt der Song „A Big Hunk O’ Love“, bei dem zwei Gitarrenbreaks die Gesangsstrophe auf 14 Takte verlängern. Gitarre und Piano haben jeweils ein 12-taktiges Solo. Hank Ballard, Chet Atkins und Floyd Cramer gehören hier zur Band.
Das Plattencover mit dem vielfachen Elvis im goldenen Anzug wurde ikonisch. Andere Stars haben es auf ihren Plattenhüllen „zitiert“, darunter Rod Stewart (Body Wishes) und Bon Jovi (100.000.000 Bon Jovi Fans Can’t Be Wrong). Humor und Selbstironie bewies die deutsche Jazzsaxofonistin Sandra Weckert mit ihrem Albumtitel 50 Sandra Weckert Fans Can’t Be Wrong (2002).
Dabei hatte die Weckert – noch keine 30 Jahre alt – damals eine deutlich zahlreichere Fan-Gemeinde in der Jazzwelt. Ihr Debütalbum Way Out East (s. FIDELITY Nr. 18) war wie ein Stoß Frischluft in die deutsche Jazzszene gefahren – frech, virtuos, satirisch. Soll man sagen: provokant wie Elvis? Der Zweitling nun, von einem „Fan“ beim Öffentlich-rechtlichen Rundfunk produziert, ist „eine beherzte Tour de Force“ durch die Jazzstilistiken, aber auch „ein munteres Hörspiel“ – so jedenfalls hat es damals der Jazzkritiker Wolf Kampmann beschrieben.
Die Instrumentalstücke auf 50 Sandra Weckert Fans Can’t Be Wrong sind grandiose Miniaturen mit stilistischen Versatzstücken aus Cool Jazz, Free Jazz, Funk Jazz. Dazwischen gibt es komödiantische Parodien auf deutsche Radioprogramme und ihre Probleme mit Jazzmusik („Barjazz mit Bibo Mentär“ und „Welche Musik spielt das Radio?“). Die Musik und die Parodien haben etwas vom satirischen Widerspruchsgeist eines Charles Mingus und Archie Shepp. Das ist teils freakig, dadaistisch, überdreht – jedenfalls ein gutes Stück entfernt vom üblichen deutschen Jazz-Bierernst. Sandra Weckert: „Es gefällt mir, ein Freak zu sein.“ Im Magazin Jazz thing lobte man damals die fantastischen Melodielinien, den anarchischen Kontrapunkt, die richtigen falschen Töne, das ironische Augenzwinkern und die kabarettreife Veralberung. Auf dem Album zu hören sind übrigens einige Berliner Jazzhelden wie Daniel Erdmann, Kalle Kalima, Jan Roder, Oliver Steidle.
Jetzt noch ein Wort zur blauen Schürze der Weckert-Fans. So eine Kittelschürze (und das Kopftuch und die Gummistiefel) trug Sandra Weckert selbst auf dem Cover ihres Debütalbums Way Out East – und das blaue Teil wurde ihr Markenzeichen. Weckert hat diese Schürzen dann auch als Promotion-Gimmicks an Journalisten verschickt und meinte dazu: „Jazz ist mehr als Kopfmusik. Für mich ist das ein Gesamterlebnis: Marketing, Verkaufen, die Verpackung, die Band auf der Bühne, mit Publikum kommunizieren. Musik ist wie Essengehen.“
Info
Elvis Presley: 50.000.000 Elvis Presley Fans Can’t Be Wrong (RCA Victor, 1959)
Sandra Weckert: 50 Sandra Weckert Fans Can’t Be Wrong (Jazzfiles, 2002)




