Auditorium 23 Hommage 755

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Dass ein 40er-Jahre-Breitbänder, der massenweise produziert und für einfache Beschallungszwecke gedacht war, heutzutage für vierstellige Summen gehandelt wird, muss einen guten Grund haben.

Manchmal weiß ich bei gewissen Auktions-Angeboten echt nicht mehr, ob ich lachen oder weinen soll. Da wird etwa ein uralter Western-Electric-Verstärker, dessen Zustand mit „Artefakt“ oder „Relikt“ halbwegs realistisch beschrieben wäre, für Tausende von Dollars weitergereicht. Eingeweihte wissen, welch immenser Restaurierungsaufwand erforderlich ist, um solche Schrotthaufen wieder in arbeitsfähigen Zustand zu versetzen. Und mitunter beschleicht mich das dumpfe Gefühl, dass nicht jeder begeisterte Käufer ahnt, was auf ihn – oder den armen Restaurator – zukommt. Dass der anhaltende WE-Hype sogar vor Stücken, von denen sich selbst gestählte Museums-Kuratoren mit Grausen abwenden würden, nicht haltmacht, ist schon unglaublich!

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Gesucht: 755A

Ein ähnliches Brimborium wird heutzutage auch um den Breitbänder WE 755A veranstaltet, den Western Electric mit der 7er-Serie ungefähr ab Mitte der 40er Jahre entwickelte. Das Chassis sollte an sich eher simplen Beschallungszwecken dienen, etwa als Einbaulautsprecher in Decken, als Kleinbeschallung in Schulkinos oder als Abhörmonitor in Studios und Rundfunksendern. Der Achtzöller 755A stammt aus dem Jahr 1947 und gilt als der kleine Bruder des Zwölfzöllers WE 728B. In der 7er-Serie stattete WE die Treiber erstmals mit in aufwendiger Form gefertigten Alnico-Magneten aus, außerdem handelt es sich um niederohmige Chassis mit einer Nennimpedanz von lediglich vier Ohm und einem Gleichstrom-Widerstand von unter drei Ohm. Der eigentliche Witz ist freilich, dass der 755A ein auch im Vergleich zu heutigen Konstruktionen extrem ausgefallener Breitbänder mit besonderen technischen Merkmalen sein dürfte. Am auffallendsten ist wohl seine flache Bauweise – die Konusform der Membrane ist relativ schwach ausgeprägt – und insbesondere die aus drei Zonen bestehende Papiermembrane selbst, die in eingeweihten Kreisen als „mechanischer Dreiweger“ interpretiert wird. Zudem ist der Chassiskorb rückseitig ziemlich „dicht“ – heutzutage baut man ja möglichst offene Körbe mit schmalen Stegen, um die Strömung nicht zu beeinträchtigen. Die Randeinspannung, bei den frühen Modellen mit WE-Abstammung ebenfalls aus Papier, wurde zur Bedämpfung in einem recht zeitintensiven Verfahren mit sogenanntem Viscoloid getränkt, einer Flüssigkeit, die ursprünglich von Kodak kam. Typisch für die Papierkonusse aus früher US-Fertigung sind die deutlich sichtbaren Siebspuren am Membranpapier. Übrigens wird behauptet, dass es sich bei der Membrane um eine Art „Multilayer“ aus Papier, Seide und Baumwolle handle.

WE oder Altec?

Das gut zwei Kilogramm schwere Chassis besitzt einen Schwingspulenträger aus Phenol, erstmals wurde hier von WE die Polplattenhöhe niedriger ausgelegt als die Schwingspule, deren Ausführung für die geringe Impedanz verantwortlich ist. Rückseitig, auf der Magnetkappe, weist der 755A eine luftdurchlässige Stoffabdeckung auf – sie dient der Dekomprimierung der zentralen Hochtonkalotte, die freilich integraler Bestandteil der Membrane ist. Gemessen an heutigen Standards ist die elektrische Belastbarkeit des Fullrange- Treibers niedrig, sie liegt nämlich bei lediglich sechs bis acht Watt, die Angaben zum Frequenzgang bescheinigen dem 755A 70 Hertz bis 13 Kilohertz, für damalige Verhältnisse durchaus beeindruckend.

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Mit einem Western-Electric-Aufkleber (der den Preis des Treibers deutlich steigert) wurde der 755A allerdings nur wenige Jahre gefertigt, schon ab etwa 1937 war WE ja gezwungen, die Produktion Schritt für Schritt an Altec abzugeben; am 1. Oktober 1949 schließlich zwangen die amerikanischen Anti-Trust- Gesetze WE in die Auflösung, und sämtliche Bestände mussten an Altec übergeben werden. Viele der unter dem Altec-Label gebauten 755er sollen sich nur marginal unterscheiden, später wechselte dann die Randeinspannung zu Stoff, zuletzt gab es auch die sogenannten „Pancake“-Typen mit Ferrit-Magnet. Vor 30 Jahren gingen diese Chassis für wenig Geld massenweise an japanische HiFi-Fans, so hat etwa auch der japanische Röhren-Guru Ken Shindo mit dem Breitbänder einen eigenen Lautsprecher in Serie hergestellt. Der Sammlermarkt verzeichnet für den 755A mittlerweile Stückpreise von bis zu 6000 Euro! Laut Aussage von Kennern der Materie (zu denen ich nicht zähle) ist es allerdings sehr schwierig, unter alten Originalen zwei gleich klingende Exemplare zu finden; die Jahrzehnte fordern ihren Tribut bei den Magnetstrukturen, und auch Papier altert ja …

Wer also herausfinden möchte, was an dem Hype um den alten Breitbänder wirklich dran ist, der stürzt sich wohl besser auf den 755A-Nachbau von Line Magnetic, dem besagte Kenner bescheinigen, eine sorgfältige 1:1-Kopie darzustellen. Diskussionen über Original und Nachbau halte ich angesichts der angesprochenen Paarungsproblematik und der Preise für ziemlich müßig; das Risiko, für ein paar Kilo Schrott ein paar Kilo Geld zu verlieren, würde ich persönlich jenen überlassen, die von Letzterem genug haben.

Risikofrei: LM 755A

Die risikofreie Option eines fertigen Lautsprechers heißt Hommage 755 und kommt, wen wundert’s, von Keith Aschenbrenner, sprich Auditorium 23 – dem Trendsetter für erfrischend unangepasste, alles andere als zeitgeistige Lautsprecher-Designs, die bei genauerem Hinsehen zeitlos elegant und in handwerklicher Qualität gefertigt sind. Die Line-Magnetic-Version des Breitbänders sitzt hier in einem Gehäuse aus massiver, nicht allzu dicker Eiche, dessen Verwandtschaft mit einem Western-Electric-Klassiker, dem Zweiwege- Monitor WE 753, unübersehbar und beabsichtigt ist. Hersteller des Gehäuses ist der Holzspezialist und Dipl.-Physiker Uwe Meyer in Wolfsburg, mit dessen „Büro für Raumakustik“ Keith Aschenbrenner eng zusammenarbeitet. Gekalkte massive Eiche, das ist endlich mal wieder etwas ganz anderes und sieht auch alles andere als „massiv“ aus; der Lautsprecher ist mit Sockel nur knapp 90 Zentimeter hoch, seine Rückseite ist mit Stoff bezogen (warum, erzähle ich gleich) und weist außerdem (Freaks, bitte weghören) keine Spikes auf. Die Hommage 755 soll unmittelbar auf dem Boden stehen, hinter der Frontbespannung mit ihren fest verleimten Gitterstäben ist die eigentliche Schallwand schräg eingesetzt, sodass der Treiber ein wenig nach oben abstrahlt. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Die Frontverkleidung der 40 Zentimeter breiten Box zählt zum Gehäuse und ist nicht abnehmbar.

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Über die richtige Gehäuse-Applikation des 755A schien (und scheint) es verschiedene Meinungen zu geben, die von offenen Schallwänden über Bassreflex- Designs, geschlossene Kisten und „irgendwie“ ventilierte Behältnisse reichen. „Irgendwie“ steht natürlich in keinem Lehrbuch und verlangt nach einem hohen Maß an Abstimmungs-Erfahrung. Das sieht im Fall der Hommage 755 so aus, dass wir auf der Rückwand des Lautsprechers diverse, durch einen noch luftdurchlässigen Bezug abgedeckte Löchlein vorfinden. Gezählt habe ich sie nicht, aber es sind mehr als ein Dutzend. Unkonventionell, sicherlich, und außerhalb der Denkstrukturen heutiger Lautsprechertechnik. Aber das gilt wohl auch für den alten neuen Line- Magnetic-755A-Treiber. Zum sicheren Leidwesen der Lehrbuch- und Software-Simulations-Vertreter funktioniert das Ganze trotzdem saugut. Sorry.

Energie-Umsatz: hoch effizient!

Ebenfalls „irgendwie“ – anders kann ich das nicht formulieren – erinnert mich dieser Lautsprecher klanglich sehr an den guten alten Quad ESL57. Nicht nur in Bezug auf die schon absurd große Homogenität seines Klanges, der, fernab von den so häufig bemühten Bass- , Mitten- und Höhenbeschreibungen, die Klangschubladen nun nicht mehr einzeln aufgehen lässt. Breitbänder-Klang in Reinstkultur, ja, dazu deutlich mehr Höhen als etwa mein gewohnter PHY-HP von Salabert im Rondo-Gehäuse, der zudem aufgrund seiner Dipol-Eigenschaften deutlich problematischer in der Aufstellung ist. Die praktisch ausschließlich nach vorne abstrahlende Hommage 755 ist (auch) ein klarer Kandidat für schwierige akustische Verhältnisse, wandnahe Positionierung und kleine Räume, zudem alles andere als ein Haudrauf. Will heißen: Brutalpegel gehen gar nicht, satte Zimmer-Pegel dagegen schon noch, und am wohlsten fühlt sich dieser Lautsprecher bei vernünftigen Abhörlautstärken, weil er genau da seine exzellente Feindynamik und seine höchst erstaunliche Schnelligkeit am sichersten ausspielen kann. Mit – oder trotz nur – circa 92 bis 93 Dezibel Wirkungsgrad besitzt der 755 sogar bei Zimmerlautstärke eine Dynamik, die man ansonsten mit der Lupe suchen darf und die sonderbarerweise den Fähigkeiten noch effizienterer Schallwandler in nichts nachsteht. Gleichzeitig überzeugt er mit breitbändertypischer fulminanter räumlicher Abbildung. Verfärbungen? Wieder sorry, denn es ist gerade die schon unheimliche Natürlichkeit, Reinheit und Differenziertheit im Klang, die dieses seltsame Chassis auszeichnet. „Detail-Monster“, behaupten einige amerikanische Quellen. Und da haben sie recht.

Dass Unsummen für den Originaltreiber geboten werden und dass sich Line Magnetic an den höchst aufwendigen Nachbau wagte, versteht man spätestens dann, wenn die Kombination der Hommage 755 mit einem an vier Ohm noch sicher spielenden, bitteschön guten Röhrenverstärker gelingt. Ich benutzte praktisch ausschließlich einen kleinen Leben CS250, der leider nicht mehr gebaut und so sicher wie das Amen in der Kirche zur gesuchten Rarität werden wird; 10 Watt, Push-Pull mit der unscheinbaren 6K6GT, tendenziell etwas hell im Klang, aber trotzdem magisch gut. Heillos „overpowered“ im Teamwork mit der Hommage 755, deren Energie-Umsatz mir immer noch suspekt ist – wie dieser Lautsprecher mit traumwandlerischer Sicherheit Laut und Leise differenzieren und zwischendurch einfach fulminant explodieren kann, ist mir ein Rätsel, aber eines, das den Hype um das Chassis erklärt und das Hommage-Gehäuse von A23 als perfekte Applikation bestätigt. Übertrieben anspruchsvoll in Bezug auf den Verstärker ist der 755er trotzdem nicht, ein Class-A-Vollverstärker wird es wohl tun, eine kleine Röhre sicherlich auch, anerkannt gute, bitte nicht zu kräftige D-Amps zählen ebenfalls zur engeren Wahl. Die höchst überschaubare Belastbarkeit des Breitbänders mahnt aber zu Vernunft am Pegelsteller.

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Einschränkungen? Ja, die gibt es. Für sehr laute Rockmusik ist der Hommage 755 ungefähr so gut geeignet wie der erwähnte Quad ESL57, naturgemäß kann und will der Lautsprecher kein Bassmonster sein. Seine im Vergleich zu „modernen“ Schallwandlern auf das Entscheidende eingeschränkte Bandbreite führt beim Hören zur Konzentration auf das Wesentliche. Dabei fehlt dem Zuhörer nicht das Geringste, vielmehr verfällt er rasend schnell einem Grad an klanglicher Magie, die leider als ausgestorben gelten muss, ebenso wie der perfekte zeitliche Zusammenhalt dieses Lautsprechers, der die überwiegende Mehrzahl aktueller Mehrwege-Konstruktionen zu einem Klang-Puzzle mit deutlich hörbaren Schnittstellen degradiert. Und seine handwerkliche Ausführung, inklusive des Chassis, wird den Nutzer überleben. Dass er trotzdem keine der bei den allermeisten Breitbändern üblichen Verfärbungen produziert, müssen wir den damaligen Western-Electric-Ingenieuren hoch anrechnen. Gleichzeitig beweist der Line-Magnetic-Treiber, dass sich hinter den Grenzen der ach so perfekten, neuzeitlichen, digital signalkorrigierten Lautsprechertechnik unbekanntes Terrain befindet, das unvoreingenommene Um-die-Ecke- Denker vielleicht einmal erobern sollten, um endlich weniger profane, langlebigere Produkte zu kreieren. Doch da wir – zumindest auf dem Massenmarkt – mit allen Arten von „Pods“ und „Dockingstations“ justament zu Mono und bestenfalls bierdeckelgroßen Brüllwürfeln (und damit auf drahtlos übertragbaren Schellack-Standard) zurückschalten, hält sich mein Optimismus in Grenzen. Nichtsdestotrotz kamen 90 Prozent der Musik, die ich dem Hommage 755 „zugeführt“ habe, von der Festplatte. Diesen nicht wegzuleugnenden, superbequemen technischen Fortschritt verwandelt dieser alte neue Lautsprecher in pure Musik. Falls Sie diesem Suchtmittel binnen 15 Minuten verfallen sollten, geben Sie nicht mir die Schuld. Ich bin nur der Berichterstatter (dem es genauso ging).

www.auditorium23.de

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