Synthesis A 100 T Vollverstärker

Synthesis A 100 T

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Richtig starke Röhrenverstärker versprühen einen ganz eigenen Charme.

Vor ein paar Jahren in England. Zum ersten Mal mit einem englischen Mietwagen unterwegs auf der Insel. Zum ersten Mal einen Rechtslenker selbst fahren – eine lustige Erfahrung: 20 Mal stieg ich auf der „neuen“ Fahrerseite ein, 19 Mal griff ich, um mich anzuschnallen, nach links ins Leere. Der Reflex, angesichts eines Lenkrads sofort nach links zum Sicherheitsgurt zu greifen, war nach rund 25 Jahren zentraleuropäischem Autofahren einfach zu tief verankert, um ihn mal eben schnell nach rechts zu verlegen. Glücklicherweise war alles andere – Schaltung, Pedalerie, Linksverkehr ganz allgemein – überhaupt kein Problem. Es war halt nur dieser erste Reflex.
Was das alles mit einem Röhrenverstärker zu tun hat? Der zudem aus Italien kommt? Muss man sich jetzt etwa anschnallen zum Musikhören?

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Gespräch oder Gnade

Soooo dumm ist die Idee gar nicht, sich als Fahrer eines besonders kräftigen Verstärkers anzuschnallen. Und dieser Kerl hier, er heißt übrigens Synthesis A100T, der ist wirklich stark. Außerdem steht das „A“ für „Action“. Der A100T hat Kraft und Durchsetzungsvermögen, und er kennt keine Furcht. Das merken Sie womöglich genau dann, wenn Sie leiser stellen wollen. Oder leiser drehen müssen, weil gerade jemand seinen Kopf durch den Türrahmen steckt und wild gestikulierend um ein Gespräch bittet. Oder um Gnade. Ha! Blitzschnell schnappen Sie sich die Fernbedienung des Amps, drücken den Knopf zum Leisermachen, und sofort wird der Verstärker – ääh, noch ein Stückchen lauter?!?

Tja, diese Fernbedienung ist ein Fall für Rechtslenker. Diesmal jedoch brauche ich nur drei intensive Erfahrungen, um mir die „englische“ Knöpfchenwelt (links = lauter, rechts = leiser) einzuprägen. Drei Erfahrungen, die von meinem Gegenüber mit Augenrollen und Stirntippen quittiert werden. Als ich beim vierten Mal dann schlauerweise gleich auf „Mute“ drücken will, schalte ich den Amp versehentlich auf Standby. Seither verstehen wir uns aber wirklich gut, die Fernbedienung und ich.

Vergnügungssteuerung

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Falls Sie mich jetzt vorwurfsvoll fragen, warum ich denn überhaupt so laut Musik hören muss: Erstens wissen Sie doch gar nicht, was „laut“ im jeweiligen Fall konkret bedeutet, zweitens muss ich gar nicht laut hören. Es hat nur gerade so gut gepasst. Der stramme Röhrenbursche mit seinen Power-Reserven lädt halt immer mal wieder zum Laut- und Lauterhören ein. Und ich folge gern.

Mit dieser Feststellung sind wir auch schon mitten drin im Vergnügen: mit ziemlich unerschrockenen 100 Watt pro Kanal. Zwomal hundert Röhrenwatt, bitteschön, was durchaus einen Unterschied macht. Denn die gefühlte Leistung eines guten Röhrenamps liegt in der highfidelen Praxis fast immer höher, als ein nüchternes Datenblatt vermuten lässt. Vor allem im Vergleich zu einem nominell gleich starken Transistor-Kollegen wird die Röhre sehr häufig als stärker und voluminöser wahrgenommen. Wobei es natürlich, wie immer im Teamsport, erheblich auf den Spielpartner, sprich Lautsprecher ankommt.

Damit hier keinesfalls der Eindruck entsteht, der 40 Kilo schwere Synthesis A100T könne nur laut und mächtig auf den Putz hauen, lassen wir doch einfach ein paar ausgesprochene Schöngeister und Leisetreter zu Wort kommen. Ich habe erfahren, dass unter anderem Mr. Simon, Madame Perreaux und Herr Mozart zur Verfügung stehen – und in ein paar Minuten geht’s raus auf die Bühne.

Old School goes Digital

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Bevor gleich alle Plätze im Auditorium eingenommen sind und das Orchester fertig gestimmt hat, möchte ich Sie noch kurz auf zwei spezielle Anschlussbuchsen auf der Rückseite des stattlichen – mit über 50 Zentimetern auch stattlich tiefen – Amps aufmerksam machen. Sie sind mit „Digital In“ beschriftet. Eine davon ist gar eine USB-Buchse, wie man sie von PC oder DigiCam kennt. Ja, hat der Synthesis denn etwa … ja, hat er: Der klassisch „old school“-mäßig auftretende A100T hat serienmäßig einen D/A-Wandler an Bord.

Ein integrierter DAC ist nix Verwerfliches. Wenn der eingebaute Wandlertrakt gut genug ist, kann er ein willkommener Klangverbesserer sein, etwa für betagte CDPlayer, aber auch für andere digitale Zuspieler, die ein bisschen schwach auf der Klangbrust sind. Der Action A100T empfängt digitale PCM-Signale – via USB mit 16 bit/48 kHz, SPDIF-Zuspieler mit maximal 24/192 – und wandelt sie mit zwei Wolfson WM7840 in Doppelmono- Konfiguration in die analoge Welt …

Oh, ich sehe, es geht wohl gleich los auf der Bühne. Dann will ich den Digital-Talk mal schnell abkürzen: Der integrierte DAC klingt tatsächlich sehr, sehr gut und hilft etwa meinem kleinen, treuen, aber etwas in die Jahre gekommenen Marantz-CD-Player ordentlich auf die Sprünge. Auch als gewichtige Soundkarte für den Laptop ist der Synthesis-DAC ein höchst willkommenes Upgrade. Er passt zum Klangcharakter des Amps.

Übrigens: Die vier analogen, aus technischer Sicht identischen Hochpegel- Eingänge tragen Namenskürzel, wo mir, ehrlich gesagt, eine schlichte Durchnummerierung lieber wäre. Aber was soll’s, dann schließe ich halt den Phonoentzerrer bei „DVD“ („Dufte Vinyl-Darbietung“) und den DAC 3 von Audio Note bei „SAT“ („Superber Analog Transfer“) an. Passt auch ganz gut.

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Von Kämmen und Klampfen

Es soll ja Leute geben, die prinzipiell alle Röhrenverstärker über einen Kamm scheren und als alte, veraltete Technik ablehnen. Finden die eigentlich auch, dass alle Rotweine gleich schmecken? Oder dass eine Fender Telecaster ganz genauso klingt wie eine Gibson Les Paul, übrigens auch völlig egal, über welchen Gitarrenverstärker gespielt? Ehrlich, diese Leute tun mir echt leid.

Okay, prinzipbedingt sind die Unterschiede in Klang und Performance bei Röhrenverstärkern deutlicher ausgeprägt als bei den Transistor- und Digital-Kollegen. Das macht die Sache doch erst richtig spannend. Welches Röhrendesign passt zu welchem Hörcharakter? Und zu welchen Lautsprechern? Ich persönlich zum Beispiel finde, dass gewisse Kleinleistungsröhren – an den richtigen Schallwandlern, wohlgemerkt – mit geradezu unwiderstehlichem Charme und sirenenartiger Eleganz verführen können. Auf Dauer jedoch wirken „die süßen Kleinen“ auf mich wie das große Frischobst-Büffet zur Sonntagsmatinee: superlecker, aber zum Sattwerden zu leicht. Wie schön, dass am anderen Ende der Riesen- Röhrenspielwiese schon Gulaschkanone und Grillrost warten. In diesem deutlich handfesteren, aber mindestens ebenso köstlichen Umfeld würde ich den Synthesis A100T verorten. Und mich selbst auch. Ich bin gespannt: Nach Grillkartoffeln, Zucchini und Frühlingszwiebeln hat mir der Amp reichlich Musik versprochen …

Power muss kein Nachteil sein

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Nicht, dass man auf dem italienischen Amp selbst grillen könnte – ordentlich warm wird er aber schon: eine Pentodenschaltung, die aus insgesamt acht KT66 zwomal 100 Watt holt, da steckt ordentlich Dampf unter der schwarzen, abgerundeten Haube! Apropos Haube: Offiziell herrscht natürlich Helmpflicht, das muss ich in aller Deutlichkeit betonen. Den Fotografen, der hier eigenmächtig die Haube mit den Längsrillen „ausschließlich zu Fotozwecken“ entfernt haben will, habe ich höchstselbst bestraft. Zu seiner Verteidigung hatte der Kerl sogar noch dreist behauptet, der A100T klänge „oben ohne“ einfach noch ein bisschen besser. Dieser Lustmolch! Als ob es ein eleganter Kraftprotz wie der Synthesis nötig hätte, sich derart zur Schau zu stellen!

Jetzt aber: Saallicht aus, Spot an!

Oh, ich sehe, die Bühne ist nun fertig präpariert, es geht tatsächlich los. Und zwar ganz sanft, ganz ruhig, aber mit hoher innerer Spannung. Das berühmte Stabat Mater von Pergolesi ist mit dem leichten, aber doch intensiven Sopran von Emma Kirkby und der etwas wärmeren Altus-Stimme von Andreas Scholl auch in der räumlichen Darstellung eine Herausforderung, denn die beiden Sänger stehen nicht nur stimmlich, sondern auch auf der Bühne (im Mix) sehr nahe beieinander. Der Synthesis kümmert sich zart und verständnisvoll um das musikalische Geschehen, klingt fast schon überraschend fein und klangfarbenstark: keine Spur von Krafttraining. So schafft er es zum Beispiel mühelos, die beiden sich lustvoll in Dissonanzen aneinander reibenden Stimmen sauber zu trennen und doch ins Ganze einzubinden – er ist ganz Gentleman und musikalischer Integrator.

Dann ist Mozart an der Reihe. Der Oboist Albrecht Mayer steht solistisch exponiert vor dem Mahler Chamber Orchestra unter Claudio Abbado, und der Verstärker begeistert mich mit überaus klar fokussierter Detailfreude. Mayers Solo-Oboe wird vom raumfüllenden Orchester umrahmt und unterstützt, was der A100T mit sauberer, dreidimensionaler Darstellung spielerisch leicht zu vermitteln weiß. Die akustische Raumausleuchtung ist vorzüglich, Sibilanten werden sehr sauber, deutlich und ohne Artefakte transportiert, Orchester und Solist sind vollständig von den Lautsprechern abgelöst, stehen greifbar im Raum. So soll es sein. Eine Extraportion Schönklingertum suche ich vergeblich; der A100T ist eine ehrliche, zuverlässige Haut. Euphonie? Fehlanzeige.

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Aber wer braucht schon euphonisches Beiwerk, wenn die Musiker wirklich gut drauf sind? Paul Simon etwa hat seinem berühmten Album Graceland von 1986 auf einer späteren CD-Fassung ein paar Bonustracks spendiert, darunter auch eine radikal gestrippte Version des Songs „Diamonds On The Soles Of Her Shoes“. Hier demonstriert der Bassist Bakiti Kumalo, wie sehr ein präzise, aber locker gespielter Fretless-E-Bass einen Popsong steuern und veredeln kann. Traumwandlerisch sicher stellt der Synthesis den Wechsel Kumalos zwischen rhythmisch knurrendem Grunddruck, fantastisch melodischen Einsprengseln und funky Slap-Passagen in den Raum. Felsenfest und doch extrem beweglich groovt es wie die Feuerwehr. Da muss ich doch einfach noch ein bisschen lauter machen und trage den Sound von Bakiti Kumalo noch ein bisschen weiter in die Welt hinaus … aaah, herrlich!

Haben Sie’s gemerkt? Jetzt hat er mich wieder, der starke Italiener! Die Lautsprecher (Stereofone Dura) vertragen es ohnehin locker, sodass einer weiteren, standesgemäßen Kraftentfaltung mit „großen“ Werken, etwa von Pink Floyd oder Gustav Mahler, nichts im Wege steht. Für ein paar Stunden versinke ich in der Musik, um den langen Abend mit Chet Bakers Candy zu beschließen, auf dem sich beispielsweise ein überaus glaubhaft wiedergegebener Kontrabass souverän gegen vernehmliche Lüftungsgeräusche durchsetzt. Der Synthesis spielt aber derart sauber, dass ich vollkommen mühelos Musik und Geräusch voneinander zu trennen vermag. Superb! Definitives Betthupferl für heute wird dann aber doch das witzige „Barber Shop“, einer meiner Lieblingssongs von Raspelstimme Tom Waits. Da lasse ich noch mal schnell den „Action“ von der Kette. Nur gut, dass die Familie verreist ist. Die italienischen Momente im Leben können nämlich sehr lange dauern. Also, her mit dem neuen Joe-Bonamassa- Album! Da ist Rock ’n’ Roll drauf!

 

www.envogue-24.de

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