Charles Mingus, Reincarnation of a Lovebird

Charles Mingus – Reincarnation Of A Lovebird

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Forever Young – 50 Jahre Album-Klassiker – Charles Mingus – Reincarnation Of A Lovebird

Der Tod von Eric Dolphy (1928–1964) hatte Charles Mingus aus der Bahn gebracht. Gerade waren sie noch zusammen im Sextett kreuz und quer durch Europa getourt, spielten rund 20 Konzerte in ebenso vielen Tagen. Wenige Wochen später erreichte ihn die Nachricht von Dolphys Ableben in Berlin. Woran er gestorben sei, wurde Mingus einmal gefragt. „An einer Überdosis“, sagte er, „einer Überdosis an Deutschen.“ Von da an flippte Mingus bei Konzerten immer häufiger aus. Er fühlte sich krank. 1966 floh er an die Westküste, wo das Label Fantasy ihm ein Apartment zur Verfügung stellte. „Sie bezahlten die Miete, besorgten ihm ein Klavier, und Mingus beschloss, sich zurückzuziehen“, erzählte sein Schlagzeuger Dannie Richmond. Mingus meinte später: „Ich dachte, meine Karriere sei vorbei.“

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Doch dann, 1970, ging er erneut auf Europatournee. Mit einem Sextett wie damals mit Dolphy. Mit denselben Rhythmusleuten. Mit derselben Konstellation von Blasinstrumenten: Trompete, Alt, Tenor. Er wollte wohl die Zeit zurückdrehen, noch einmal bei 1964 beginnen. Nach einem Auftritt im Théâtre National Populaire in Paris betrat das Sextett dann auch ein Studio: bei Decca in der Rue Beaujon, nahe dem Arc de Triomphe. Es war kein ausgeklügeltes Albumprojekt, sondern eine Tourband auf Zwischenstation. Nur eine Nacht lang war man im Studio, vom 31. Oktober auf den 1. November, in der Halloween-Nacht. Fünf komplette Stücke wurden aufgezeichnet, dazu ein Alternate Take von „Peggy’s Blue Skylight“ und etliche unvollständige Versuche.

Die fünf Stücke sowie ein Fragment („Love Is A Dangerous Necessity“) erschienen 1971 erstmals auf zwei einzelnen LPs – sie signalisierten das Comeback von Charles Mingus. Von der amerikanischen Jazzwelt wurden sie damals allerdings wenig gewürdigt. Denn das Label war französisch, die Aufnahmen entstanden in Europa, die Tourband war bereits wieder Geschichte. Und vor allem: Die Musik passte nicht zur Freejazz-Avantgarde von 1970. Die Freejazzer beriefen sich zwar auf Mingus’ Intensität und Freiheit, aber er war keiner von ihnen – und wollte es auch nicht sein. Seine Pariser Aufnahmen von 1970 leben vom wilden Swing des Bandleaders, der Kraft des eingespielten Tournee-Sextetts und der Originalität der Solisten. Gegen alle Trends und Unkenrufe sagt dieses Album: Der große Mingus ist wieder da.

Charles Mingus, Reincarnation of a Lovebird

Fakten

Aufnahme: 31. Oktober auf 1. November 1970
Veröffentlichung: 1971 (Einzelalben), 1973 (Doppelalbum)
Label: Prestige (Doppelalbum)
Produktion: Pierre Jaubert

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Platte 1 (Original: Blue Bird)
1. Reincarnation Of A Lovebird
2. I Left My Heart In San Francisco
3. Blue Bird

Platte 2 (Original: Pithecanthropus Erectus)
1. Pithecanthropus Erectus
2. Peggy’s Blue Skylight
3. Love Is A Dangerous Necessity

Musiker:
Charles Mingus Sextet

Eddie Preston, Trompete
Charles McPherson, Altsaxofon
Bobby Jones, Tenorsaxofon
Jaki Byard, Piano
Charles Mingus, Bass
Dannie Richmond, Schlagzeug

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  • Es ist Mingus’ erste Studioaufnahme seit 1963, die Stimmung unter den Musikern ist angespannt. Als im Pariser Studio mitten in der Nacht der Strom ausfällt und alles dunkel wird, packt Mingus der Zorn. Für etwa eine Stunde wird die Session unterbrochen. Danach scheint die Band wie verwandelt: „Viel lockerer und paradoxerweise viel konzentrierter begann die Gruppe ihre zweite Session, die bis zur Morgendämmerung dauerte“ (Stéphane Ollivier).
  • Beide „Sessions“ in dieser Nacht beginnt Mingus mit einem kurzen Aufwärmstück. Das erste, „I Left My Heart In San Francisco“, ist ein Solo für den Bass des Bandleaders; die Begleitung arrangierte er harmonisch eigenwillig, mit nostalgischem Ellington-Ton, ironischem Oldtime-Touch. Das zweite, „Love Is A Dangerous Necessity“, soll die Band auf den langsamen Blues („Blue Bird“) einstimmen; es hat seine Aufgabe nach vier Minuten erfüllt, Mingus bricht das Stück ab.
  • Charles McPherson am Altsaxofon ist der Bebopper in der Band, Charlie Parker sein großes Idol. In Parkers „Blue Bird“, dem längsten Stück des Albums (18:08), fühlt sich McPherson besonders wohl. (Übrigens spielte Parker das Stück deutlich schneller.)
  • Bobby Jones am Tenor ist die Entdeckung der Session – ein Landei aus Kentucky und der einzige Weiße in der Band. Der eigenwillige Jones wird Geschmack an Europa finden und sich 1973 der Jazzszene von München anschließen.
  • Das Titelstück des Doppelalbums stammt aus dem Jahr 1956 – eine weitere Hommage an Charlie „Bird“ Parker (1920–1955). Das Thema ist der Phrasierung Parkers nachempfunden und eines der komplexesten, die Mingus je komponiert hat – mit sechs- und zehntaktigen Abschnitten und einem langsamen Mittelteil. Die Improvisationen folgen diesem Aufbau.
  • Das intensivste Stück des Albums, „Pithecanthropus Erectus“, hat Mingus erstmals 1956 aufgenommen. Seine Theorie zur Evolution: „Da die Weißen im Umgang mit Menschen so viele Fehler begehen, stammen sie vielleicht wirklich vom Gorilla ab oder von einem Fisch. Die Schwarzen vielleicht nicht.“

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