Reportage Transrotor Räke

FIDELITY zu Gast bei … Transrotor, Räke

Lässt man Jochen Räke von Transrotor den Werdegang seiner Firma schildern, könnte man meinen, es sei eine Verkettung von Zufällen gewesen.

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FIDELITY zu Gast bei … Transrotor, Jochen und Dirk Räke, Bergisch Gladbach – Geht’s noch besser?

Lässt man Jochen Räke von Transrotor den Werdegang seiner Firma schildern, könnte man meinen, alles hätte sich aus einer Verkettung von Zufällen zusammengefunden.

Zur rechten Zeit am rechten Ort war er erstaunlich oft, das stimmt. Doch liest man zwischen den Zeilen, wird klar: Transrotors Erfolg resultiert aus der Qualitätsvernarrtheit eines unermüdlichen Optimierers.

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Reportage Transrotor Räke
Jochen Räke im Bild rechts neben seinem Sohn Dirk.

Auf dem Weg zu Recherchen und Außenterminen verspüre ich Anspannung. Lampenfieber, das für einen Augenblick alles überlagert. Bin ich vorbereitet? Habe ich die richtigen Fragen? Kamera-Akku geladen? Stimmt die Adresse? Hundert Variablen schwirren durch den Kopf, erzeugen positiven Stress, der mir hilft, mich zu konzentrieren. Normalerweise. An jenem Dezembertag, der sich nicht entscheiden wollte, ob er als sonnig oder verregnet in die Annalen der Wetteraufzeichnung eingehen mochte, war das anders. Auf den letzten Metern durch Bergisch Gladbach schwirrte mir plötzlich eine lang zurückliegende Szene durch den Kopf.

Damals, ich war frischgebackener Volontär, schien in der Redaktion eines Morgens alles auf den Kopf gestellt – die Kollegen misteten den Hörraum aus. Komponenten, die ich längst für angewachsen hielt, wurden dem Lager übereignet. Schließlich (ergänzen Sie hier bitte eine epische Fanfare) tauchte eine Flasche Fensterreiniger auf, mit der alles von Patina, Staub und Fingerabdrücken befreit wurde. Ich weilte noch nicht lange im Verlag, wusste aber, dass wir uns diese Mühe nicht mal für einen Papstbesuch gemacht hätten. Am späten Vormittag rollte schließlich Jochen Räke auf den Parkplatz und wurde erfrischend informell begrüßt, man kannte sich. Und dann dämmerte mir, dass der ganze Wirbel nicht seiner Person galt, sondern dem Mitbringsel, das wir in mehreren Kisten und Kartons in die zweite Etage schleppten. Der Inhalt? Transrotors Tourbillon in staatstragend vergoldeter Ausführung.

Reportage Transrotor Räke
Das aktuelle Top-Modell Artus FMD

Als Azubi war ich noch nicht würdig, so eine Traummaschine zu testen, hatte aber schon einiges erlebt, gesehen und gehört. Produkte, die superb verarbeitet waren, Komponenten mit herausragendem Design und Preziosen, die einfach umwerfend musizierten. Der Tourbillon war nun das erste Produkt, bei dem alles zusammenkam. Freilich, ich als „Gerade-eben-nicht-mehr-Student“ war erschrocken über den Preis: 36 000 DM – ohne Arm und System, versteht sich. Und doch überwog die Faszination angesichts des wuchtigen Exponats mit seinem filigranen Tonarm und den drei massiven Motoren, die einen kiloschweren Teller über das kaum sichtbare Riemchen antrieben. Das Gerät strahlte eine Erhabenheit aus, die den Nutzer geradezu zwang, sich im Geiste die Krawatte geradezurücken, ehe er das Ritual ausführte: Ringgewicht abheben und um den Unterarm hängen, Plattengewicht abnehmen und zur Seite legen, Vinyl platzieren und beide Gewichte wieder in Position setzen, Plattenbesen auflegen und schließlich den Tonarm ausrichten und absenken. Beim Tourbillon erarbeitete … nein, verdiente man sich die Musik.

Garantiert bin ich nicht der einzige, der das nahe Köln ansässige Unternehmen als Maßstab sieht, wenn es um erlesene High-End-Laufwerke geht: Massigste Massedreher, superb verarbeitet und konstruiert, mit Auslegern für bis zu drei Tonarme, verchromt oder vergoldet, in jedem Fall aber poliert und gern auf nadelspitzen Spikes. Noch dazu sind es Objekte, die neben ihrer reinen Grundfunktion als Skulpturen überzeugen. All diese – heute selbstverständlichen – Konzepte nahmen hier in Bergisch Gladbach ihren Anfang.

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Reportage Transrotor Räke
Transrotor Massimo.

Präzisionsarbeit

Wer in Anbetracht solcher Leistungen eine große, metallverarbeitende Manufaktur erwartet, dürfte überrascht sein. Am Firmensitz angekommen, manövriere ich den Wagen auf einen kleinen Parkplatz. Er ist von einem Garten umsäumt, der als veritabler Landschaftspark durchginge. Von dort führt mich ein etwa 80 Meter langer Weg hinauf zum Privathaus der Familie Räke. Ein Doppelhaus, wohlgemerkt, aber kein Gebäude, in dem man eine analoge Weltmarke vermuten würde.

„Der Begriff Hersteller ist dehnbar“, wird mir der Firmengründer später seine Sicht der Dinge schildern. Er habe seinen Betrieb stets als Konstruktionsbüro gesehen, die Fertigungskapazitäten im eigenen Haus so optimiert, dass sie schlank blieben. Trotz der Kompaktheit wird mir im Verlauf des Tages mehrmals die Kinnlade runterklappen. Etwa beim Besichtigen des Materiallagers, in dem mehrere Artus-Plattenspieler sowie Dutzende weitere Modelle auf ihre Montage warten. Oder in der kleinen Reparaturwerkstatt, in der allein die vorrätigen Teile für SME-Tonarme dem Gegenwert eines Einfamilienhauses entsprechen. Und nicht nur das: Als Pabst vor Jahren Räkes bevorzugten Motor einstellte, kaufte er kurzerhand sämtliche Restbestände, die ich nun hier in einem Regal bewundern darf. In einem anderen Kellerraum, nur zwei Türen weiter, werden derweil 16 Dreher montiert, vornehmlich Altos. „Im Haus nehmen wir nur noch kleine Eingriffe vor, die für die Endmontage erforderlich sind“, kommentiert Räke das geschäftige Treiben. „Klein“ ist relativ: Die Handvoll Bohrungen verlangt selbst von seinen erfahrensten Mitarbeitern, bisweilen schon über 30 Jahre im Unternehmen tätig, volle Konzentration. Die Vorgaben sind enorm, da die zugelieferten Einzelteile von ortsansässigen Metallbetrieben stammen, die meist für die Autoindustrie fertigen. Dort kennt man sich mit Toleranzen im Hundertstel-Millimeterbereich aus.

Reportage Transrotor Räke
Penibel genau wird immer wieder justiert und überprüft.

Der einzige Fertigungsschritt, den Transrotor nicht an Zulieferer abgibt: die abschließenden Polierarbeiten. Die erforderliche Werkstatt mit ihrer XXL-Version einer Schuhputzmaschine nimmt mehrere Räume in Anspruch, die abermals zum größten Teil mit Regalen gefüllt sind. Auf einer langgestreckten Werkbank erspähe ich die Einzelteile des gewaltigen Artus FMD. „Sie kennen das Gerät“, bemerkt Räke. „Das ist unser Ausstellungsmuster für Messen, das natürlich hier und dort etwas abbekommt“. Gerade ist es aus Warschau zurückgekehrt. Tatsächlich sind fast alle Teile mit roten Markierungen versehen – nachpolieren, bitte! Ich muss zugeben, dass ich an praktisch keiner der Stellen ernstzunehmende Ungenauigkeiten, Dellen oder Kratzer entdecken konnte. Meine persönlichen Toleranzen entsprechen offenkundig nicht denen von Transrotor.

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Die aufwendigen Polierarbeiten erfolgen In-House.

Kurz nachdem wir unsere erste Besichtigungsrunde absolviert haben, gesellt sich Jochen Räkes Sohn Dirk hinzu, der seit zwölf Jahren den Vertrieb leitet, sich um Messen kümmert und die Firma in absehbarer Zeit übernehmen wird. Obwohl er gelernter Grafiker ist und lange in einem Kölner Verlag tätig war, hat er Transrotor im Blut. „Irgendwie war die Firma immer da, und fast alle meiner Kindheitserinnerungen sind damit verknüpft“, erzählt er, als wir später in einem abgelegenen Raum seinen ersten Plattenspieler begutachten. Einen frühen Transrotor AC, den Räke senior für seinen Junior eigens in bunten Farben lackieren ließ.

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Die beiden weisen mir den Weg hinaus in den Hof, um eine Hecke herum und auf das benachbarte Grundstück zu einem Bungalow. Den hat Räke vor einigen Jahren als räumliche Erweiterung gemietet, nutzt ihn aber vornehmlich als Museum und Rückzugsort. „Einer der ersten Bungalows dieser Bauart. Von 1959 ist das Gebäude, Bauhaus in Reinform“, schwärmt er beim Aufschließen „Den musste ich einfach haben. Ich sitze häufig im Wohnzimmer und genieße die Aussicht, während ich an neuen Skizzen und Bauplänen arbeite.“ Zuvor nutzte er als Rückzug und Arbeitszimmer eine kleine heizbare Gartenlaube, an der wir auf dem Weg zum Bungalow vorbeikommen. Kaum haben wir jetzt das flache Gebäude betreten, sind wir umringt von einigen Dutzend historischer Transrotor-Modelle – und ich bin mittendrin in einem faszinierendem Vortrag über Räkes Werdegang …

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Erstmal was Bodenständiges

Seit früher Jugend begeisterte er sich Jochen Räke für Technologie, und er war leidenschaftlicher CB-Funker. Dabei eignete er sich erste Kenntnisse über Verstärkerschaltungen an, was wir uns so vorstellen dürfen, dass er alles auseinandernahm, was ihm in die Hände geriet. Eigentlich wollte er sich auch beruflich in diese Richtung orientieren. Doch wie damals üblich, hatten die Eltern einiges mitzureden bei der Lebensplanung ihres Sohnes. Und sie wünschten sich eine bodenständige Ausbildung, was ihm eine Lehre zum Landmaschinenbauer einhandelte. Kein echter Nachteil, da er hier technisches Zeichnen lernte. Der anschließende Wehrdienst war trotzdem eher nach seinem Geschmack. Nach Abschluss der Grundausbildung konnte Räke eine Fortbildung zum Funker ergattern, die ihm eine Versetzung nach Munster bescherte. Von dort unternahm er mit seinen Kameraden häufig Exkursionen ins Hamburger Nachtleben, das er vornehmlich in den Live-Clubs der Hansestadt erlebte. Unter anderem im legendären Star-Club, der gerade zur Hochform auflief. Ob er dort die Beatles gesehen hat, weiß er nicht. Die waren Anfang der Sechziger so unbekannt, dass sie für ihn nur eine unter vielen anderen Bands gewesen wären. Immerhin: Die Zeit passt, möglich wär’s also.

Angefixt von Stimmung und Atmosphäre der Musikszene, heuerte er nach seinem Wehrdienst als Vertriebsmann für PA-Lautsprecher bei der britischen Marke Goodman an. „Die Boxen waren nicht so toll“, erinnert er sich mit einem Schmunzeln. „Der Pressspan löste sich nach kurzer Zeit auf, und wenn man etwas Gas gab, kam eine Staubwolke aus der Reflexöffnung“ – das fand nicht nur er besorgniserregend.

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Da er die Klagen betroffener Musiker müde war, fragte er Goodman, ob er die Boxen für den deutschen Markt verbessern dürfe. Zu seiner Überraschung erhielt er grünes Licht. Seinem Naturell folgend legte er Wert auf Unverwüstlichkeit und übernahm die Attribute bewährter Gitarrenverstärker: Tolex-Bezüge, die das Gebrösel zumindest kaschierten, später sogar neue, massive Gehäuse, Metallkappen für empfindliche Ecken, und weil die Boxen nun schwerer waren, gleich auch noch ein paar Tragegriffe. Das kam im Handel hervorragend an, führte aber zum nächsten Problem: Reihum musste er die alten Modelle in Zahlung nehmen.

Der britischen Geschäftsleitung gefiel diese Investition ins Kundenvertrauen nicht, und so landete Räke erst als Verkäufer in der taufrischen HiFi-Abteilung des Kölner Karstadt und wenig später in einem Münchener Fachgeschäft. „Eine aufregende Zeit war das“, erinnert er sich. „HiFi bekam damals seine heutige Ausprägung, und wir verkauften massenweise JBL Paragon, Bose 901 und Brauns Schneewittchensärge.“ Bei Goodman fanden derweil Umstrukturierungen statt, das Personalrad drehte sich. Ein ehemaliger Kollege, nun in leitender Position, erinnerte sich an den munteren Vertriebsmann und fragte Räke, ob er nicht zurückkommen wolle. Der sagte zu, denn auch bei den Briten wies der Kurs nun Richtung HiFi. Das Lautsprechersortiment wurde umgekrempelt und die Elektronik-Lücken waren mit Vertriebsmarken gefüllt.

Reportage Transrotor Räke
Die Nummer 1: Dieser Mitchell Transcriptor markierte 1968 den Anfang der Transrotor-Geschichte.

Und so verkaufte Jochen Räke als deutscher Vertriebsleiter 1968 seinen ersten Plattenspieler. Mitchells Transcriptor war das, und dem ersten Verkauf folgten noch viele weitere. Allerdings nicht so viele, wie er sich gewünscht hätte, was an der damaligen Wohnsituation lag: „Man hatte Schrankwände, und da passte der ausladende Mitchell kaum hinein“, erklärt er und zeigt mir das Ur-Modell – nicht irgendeinen Transcriptor, sondern eben jenen, den er damals als Ersten verkaufte. Seine Belegschaft hatte die Eigentümerin des Drehers ausfindig gemacht, das Gerät zurückgekauft, aufbereitet und Räke zum 50. Jahrestag geschenkt.

Vor allem die hohe Schutzhaube des Transcriptors war damals zunächst ein Problem. Sie war direkt am Chassis befestigt und vergrößerte beim Öffnen die Tiefe. Das aktivierte den gelernten Maschinenbauer. Abermals funkte er den Vorschlag über den Ärmelkanal, „eine kleine Verbesserung“ in den Dreher einzubauen, und auch diesmal erhielt er ein „Wenn’s unbedingt sein muss“ als Antwort. Er ließ vergrößerte Acrylchassis anfertigen, deren hinteres Ende etwa 15 Zentimeter nach oben gebogen wurde. So ließ sich die Schutzhaube aufklappen, ohne nach hinten zu schwenken. „Erstmals musste ich mich professionell mit der Konstruktion von Plattenspielern beschäftigen, und mir fielen ständig neue Kleinigkeiten auf.“ Er beließ es daher nicht bei der Haube, sondern modifizierte auch Elektronik und Mechanik. Mit seinen Custom-Modellen erzielte Räke so gute Verkäufe, dass Mitchell einige Verbesserungen in die Serie übernahm.

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Aus Transcriptor wird Transrotor

1976 verwendete er dann erstmals das Label Transrotor – eine Namensvariation von „Transcriptor“ – und führte den AC ein, der immer noch auf dem Mitchell beruhte. Allerdings war sein Chassis rechteckig und nicht quadratisch wie das des ausladenden Originals. Dank seiner guten Kontakte erreichte Räke eine Einigung mit den Briten, „dass man sich nicht in die Queere kommen werde“. Er war dringend auf den Konsens angewiesen, da er die meisten Komponenten (Mechanik und Elektronik) weiterhin dort bezog. Chassis und Gehäuse ließ er derweil von Kölner Betrieben fertigen und montierte die Geräte daheim. Rückblickend dürften gerade diese ersten Jahre die einfachsten für Transrotor gewesen sein. Alles lief rund, und die Räkes konnten sich bald das neue Eigenheim leisten, dessen Kellergeschoss für die Lagerung und Montage der Dreher optimiert wurde.

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Verlässlich: Selbst die fast 50-jährigen Urgesteine kann Transrotor noch reparieren. Hier ein AC von 1976.

Doch wie wir wissen, geriet Vinyl in Bedrängnis. Zuerst nagte die Kassette an den Marktanteilen, dann grub die CD das Wasser ab. Mitte der Achtziger war klar, dass es nicht mehr so weitergehen konnte. Räke – mittlerweile gestandener Kaufmann – entschied sich für erste Hilfe in Form neuer Modelle. Zuerst brachte er den Classic auf den Markt, der nach wie vor auf dem Mitchell-Konzept sockelte, technisch aber auf der Höhe der Zeit war. Bislang lag das Vinyl bei seinen Drehern nicht vollflächig auf, sondern ruhte auf sechs massiven Metallpucks, die nach oben aus dem Plattenteller herausragten. „Die Qualität der Pressungen ließ in den Achtzigern aber derart nach, dass sie anfingen durchzuhängen“, klagt Räke. Kurzerhand drehte er den Teller um. Die sechs Pucks dienten nun als bloße Schwungmasse – ein Konzept, dass sich in abgewandelter Form noch im ersten Modell des Tourbillon fand.

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Noch im selben Jahr folgte ein Meilenstein, mit dem er die Zunft der heutigen Oberklasse-Masselaufwerke begründete: Der Quintessence bestand nur noch aus einem Laufwerk, dessen Teller allein 16 Kilogramm wog. Die drei separaten Präzisionsmotoren wurden um die Konstruktion verteilt und so angeordnet, dass der gemeinsame Riemen letzte Ungereimtheiten nivellierte. Auch der (oder die) Tonarm(e) wurde(n) in einer eigenen Halterung montiert, die sich frei positionieren und in jeder Richtung perfekt auf- und einstellen ließ. Und weil das Monstrum den Zeitgenossen im Jahr 1986 ohnehin wie vom anderen Stern erschien, garnierte er den Dreher mit einem On/Off-Schalter, dessen Form sich der Oldtimer-Fan beim Schaltknauf amerikanischer Muscle Cars abschaute – noch heute ein haptischer Leckerbissen.

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„Ich lasse mich gern inspirieren“, erklärt Räke. „Wir hatten Lautsprecherfüße im Sortiment, die griechischen Säulen nachempfunden waren. Die wurden schließlich zur Ableitung von Kräften erfunden. Und letztes Jahr waren wir im Bauhaus in Dessau. Dort sind mir viele neue Ideen gekommen.“ Auch für den nächsten Schritt der Transrotor-Evolution suchte er nach Ideen, die er in den Fenstern gotischer Kathedralen fand: Der Quintessence spielte zwar hervorragend, sprach aber vornehmlich audiophile Puzzle-Fans an. Für kommende Modelle entwarf er deshalb eine dreieckige, geschwungen geschnittene Laufwerksbasis, in deren Ausleger sich je nach Bedarf ein bis drei Motoren und/oder Arme einbauen ließen – unzählige aktuelle Massedreher sind Variationen dieses Schnittmusters. Bei Transrotor entdeckt man es am Rondolino, Zet 1, Tourbillon, Orion und vielen weiteren Modellen. Doch ehe es so weit war, verschaffte Genosse Zufall der Firma die dringend nötige internationale Starthilfe.

1986 unternahm Grundig einen ambitionierten Versuch, sein gehobenes HiFi-Geschäft neu zu beleben. Ergebnis war die exklusive erste Generation der Fine-Arts-Serie, die im Zeichen der neuen Zeit ohne Plattenspieler geplant wurde. Für Produktfotos suchte man nach einem passenden Gerät und kam auf Transrotors Classic.

„Ich kann mich lebhaft an den Trubel und die Aufräumarbeiten daheim erinnern“, ergänzt Dirk Räke den Bericht seines Vaters. „Ich war noch klein, habe aber gemerkt, dass der Besuch wichtiger war als andere.“ Der Senior wurde sich mit Grundig einig, sicherte zu, ein schwarzes Modell des Classic zu bauen, und erschien damit zum vereinbarten Fototermin. Schon nach wenigen Aufnahmen war er jedoch unzufrieden, weil die Grundmaße seines Drehers nicht zur Anlage passten. Er setzte alles auf eine Karte und machte den Vorschlag, das Shooting am folgenden Tag fortzusetzen. Zum zweiten Termin erschien er mit dem über Nacht umgebauten Classic. Das machte Eindruck: Angetan von Räkes Flexibilität, machte Grundig die Offerte, auf die Axpona in Chicago mitzukommen, wo Fine Arts und Connoisseur (so hieß der schwarze Classic mittlerweile) prompt einen Design-Award einheimsten. „Ich stand da und wusste gar nicht, wie mir geschah. Das lief alles ganz trivial ab: Bitte lächeln, ein Foto, fertig … ein paar Wochen später waren wir in allen amerikanischen HiFi-Zeitschriften“, schwärmt er von der aufregenden Zeit.

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Der an das Bauhaus erinnernde Transrotor Argos.

Seine Erzählung deutet bereits darauf hin, wie Transrotor das CD-Zeitalter überstehen konnte. Als hilfreich erwies sich da natürlich das internationale Geschäft, vor allem aber verstand es Räke, seine Produkte am Bedarf zu orientieren. Und der verlangte nach dem vorläufigen Ende von Vinyl eben nicht mehr nach Convenience, sondern nach highfidelen Genussmitteln. Nach Drehern, die ein gewisses Maß an Individualität ausdrückten. Zugleich hoben seine Qualitätsversessenheit und der Wille zur Optimierung die Vinyl-Wiedergabe auf ein bis dato ungekanntes Klangniveau, das durch Innovationen wie die reibungsfreien Magnetlager oder die kardanische Aufhängung der großen Topmodelle noch weiter ausgebaut wurde.

So rein analog, wie man annehmen möchte, ist die Transrotor-Geschichte übrigens gar nicht. Im firmeneigenen Museum stolpere ich zu meiner Überraschung über einen wuchtigen CD-Spieler, einen Top-Loader, der Anfang der Neunziger in den Handel kam. „Meines Wissens eines der ersten diskreten Geräte“, betont Räke. Tatsächlich waren D/A-Wandler und Ausgangsstufen in einem separaten Gehäuse untergebracht.

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Anfang der Neunziger machte Transrotor einen Abstecher in das digitale Lager.

Auf dem Weg in die Zukunft

Damit endet die Transrotor-Story aber noch lange nicht. Eher im Gegenteil: Die beiden Räkes sprudeln während meines Besuchs geradezu über vor neuen Ideen und machen Andeutungen, dass völlig neue Produkte zu erwarten seien. Eines davon, so viel sei verraten, befasst sich mit dem Problem, dass der jahrzehntelang treue Tonarm-Lieferant SME Ende 2019 beschloss, nur noch für die eigene Marke zu produzieren. Sie ahnen schon, was das bedeutet …

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Der Chef wird nicht müde sich selbst um kleinste Details selbst zu kümmern.

Zudem zeigte Transrotor im vergangenen Jahr auf Messen ein neues Dreher-Modell. Eigentlich hatte ich im Vorfeld gehofft, diese Neuheit bei meinem Besuch in den Fokus nehmen zu können. Doch daraus wurde nichts. „Wir haben noch einmal alles hinterfragt“, bringt mich Räke senior auf den neuesten Stand. Optisch wird es bei dem klassisch gehaltenen Design mit großer Zarge und mittelschwerem Teller bleiben. Mechanisch und elektronisch überarbeite er das Gerät aber noch einmal grundlegend. Mein erster Eindruck von dem Laufwerk ist jedenfalls sensationell: Mit seiner schwarzen oder weißen Zarge, die von einer verchromten Metallintarsie unterbrochen wird, hat der Neue das Zeug zum Klassiker.

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Und noch eine Baustelle nimmt die beiden in Beschlag: „In vier Jahren läuft der Mietvertrag für den Bungalow aus“, verrät Räke. Für ihn selbst sei das der späteste Zeitpunkt, um den Rückzug anzutreten. Sohn Dirk ist bereits mit Eifer dabei, die Geschäftsübernahme vorzubereiten, betreut die zahllosen nationalen und internationalen Händler. Die verlorengehende Fläche soll ein neuer Bau ersetzen, der erstmals alle Prozesse sowie Lager unter einem Dach vereint. Ein Vorhaben, das vier Jahre als kurze Spanne erscheinen lässt. Wenige Tage vor meinem Besuch kamen außerdem neue Mitarbeiter hinzu, die es nun in die kniffligen Fertigungsprozesse einzuweisen gilt. Transrotors Blick ist also in die Zukunft gerichtet.

 

Info

Transrotor / Räke HiFi
Irlenfelder Weg 43
51467 Bergisch Gladbach

Tel.: +49 2202 31046

www.transrotor.de

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