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Jenny Dont and the Spurs im FIDELITY-Interview

Jenny Don’t and the Spurs im FIDELITY-Interview

YEE-HAW!

Jenny Don’t and the Spurs im FIDELITY-Interview

Jenny Don’t and the Spurs muss man nicht kennen. Sollte man aber: Das Quartett aus Portland im hohen Nordwesten der USA spielt Outlaw-Country-Musik: eine unwiderstehliche Mischung aus Western, Rock’n’Roll, Soul und Punk. Im Interview mit den Bandgründern Jenny Connors und Kelly Halliburton erfahren wir unter anderem, warum Johnny Cash und Elvis eigentlich Punks waren.

Jenny Dont and the Spurs im FIDELITY-Interview

Ein kühler Frühsommerabend in Niedersachsen. In Ottersberg, kurz hinter Stuckenborstel an der A1 zwischen Bremen und Hamburg, steht an der Seite einer auf dem platten Land liegenden Sporthalle eine Art Verschlag: ein alternatives Kulturzentrum, frequentiert hauptsächlich von Altpunks aus der Region. Hier spielen heute Jenny Don’t and the Spurs aus Portland, Oregon. Ihr 34. Konzert der aktuellen Europatournee, kurzfristig mit in den Tourplan aufgenommen, „weil es gerade passte“, wie Bandgründerin Jenny Conners gut gelaunt erzählt, während Ehemann und Bandbassist Kelly Halliburton lachend nickt. Wir sitzen draußen neben einem Bauwagen am Rand eines Beetes des selbstverwalteten Punk-Treffs. Los geht’s.

Jenny Dont and the Spurs im FIDELITY-Interview
FIDELITY-Autor Philip Wesselhöft im Gespräch mit Jenny Connors und Kelly Halliburton von Jenny Don’t and the Spurs

FIDELITY: Jenny, Kelly, zuerst muss ich uns allen gratulieren: Wir führen heute das schöne Genre Country bei FIDELITY ein. In bisher 69 Ausgaben gab es noch kein Interview mit einem Country-Künstler.

Jenny: Cool. Mit wem sprecht ihr denn sonst so?

Zuletzt mit Jean-Michel Jarre, dem Elektronikpionier. Mit Soulsänger Lee Fields. Und mit Gitarrenlegende Steve Cropper von Booker T. & the M.G.’s.

Jenny: Und da dachtet ihr, jetzt fehlen eigentlich nur noch Jenny Don’t and the Spurs in der Reihe? Wir fühlen uns geehrt!

Steve Cropper ist eine schöne Überleitung zum Thema Country. Er war ja auch das musikalische Rückgrat des Films Blues Brothers. Da gibt es die legendäre Szene, in der die Barfrau von Bob’s Country Bunker auf die Frage, welche Art von Musik dort normalerweise gespielt werde, antwortet: „Oh, beides, Country und Western.“ Also, was spielt ihr, Country oder Western?

Jenny Dont and the Spurs im FIDELITY-Interview

Kelly: Der Klassiker! Wir spielen auch beides!

Jenny: Und noch mehr. Punk, auch Soul. Wir sind jedenfalls keine klassische Honkytonk-Band. Keine Western-Swing-Combo. Wir klauen uns einfach dies und das zusammen.

Kelly: Vielleicht doch etwas mehr Western als Country. In dem Blues-Brothers-Gag steckt schon ein wahrer Kern. Country hat viele Nuancen.

Erklärt doch bitte mal den Unterschied zwischen Country und Western.

Kelly: Traditionell gibt es ja die kommerzielle Szene in Nashville, good old country music. Daneben gibt es die Westcoast-Szene, die einst von abgewanderten Countrymusikern begründet wurde. Von den Okies. Von denen, die während der Großen Depression aus Oklahoma nach Westen gingen und auf den Ölfeldern bei Bakersfield in Kalifornien Arbeit fanden. Daraus entwickelte sich ein neuer Sound, der Bakersfield-Sound. Nashville, das war immer sehr traditionell, kaum ein Song kam zum Beispiel ohne Geigen aus. Im Westen aber formten die Künstler, meist hart arbeitende und noch härter trinkende Typen, einen neuen, rauen Stil. Mit dominanten Gitarren, mit dreckigen Riffs. Das hat uns stark beeinflusst.

Ihr habt gerade in Memphis die Auszeichnung „Outlaw Country Band of the Year“ erhalten.

Jenny: Endlich! Wir waren in den vergangenen Jahren schon ein paar Mal nominiert. Es geht dabei nicht um kommerziellen Erfolg, sondern um authentische Musik. Um echten, rauen Sound. Wir nennen unseren Style ja auch North-Western-Western (lacht).

Jenny Dont and the Spurs im FIDELITY-Interview

Ihr kommt aus dem Nordwesten der USA, aus Oregon. Ihr habt lange erfolgreich zusammen in eurer Punk-Band Don’t gespielt. Dann habt Ihr 2012 als Zweitband Jenny Don’t and the Spurs gegründet. Warum seid ihr von Punk zu Country gewechselt?

Jenny: Wir waren damals schon länger mit Don’t unterwegs, mit unserer Punk-Band. Irgendwie aber gab’s in mir einen Teil, der war nicht zufrieden. Ich hatte nebenbei immer wieder Songs geschrieben, die waren einfach kein Punk. Da kam das Country-Girl in mir durch. Viele Countrymusiker haben großen Respekt für guten Punk und umgekehrt. Johnny Cash war ja einer der ersten Punks überhaupt. Er hat das Nashville-Establishment gegen sich aufgebracht. Sein Motto war: Mach dein Ding und scheiß auf die Regeln. Das ist Punk.

Kelly: Country in Portland zu spielen, das ist Punk! Wenn du es schaffst, dass sogar Punks angepisst sind, dann hast du es geschafft (lacht).

Jenny: Mit den Countrysongs bin ich durch die Bars getingelt. Anfangs solo. Dann mit Kelly zusammen. Schließlich kam unser Drummer von Don’t dazu, Sam Henry. Er wollte auch mal was anderes als Punk spielen. Brachte nur seine Snare mit und einen Besen.

Eine Legende der Punkmusik. Henry spielte in Bands wie Poison Idea und den Wipers. Leider verstarb er vergangenes Jahr. Sehr plötzlich, oder?

Jenny: Ein Schock! Wir waren auf Tour, da ging es ihm plötzlich sehr schlecht. Im Krankenhaus dann: Krebs. Man gab ihm nur noch drei Monate. Am Ende hatte er nicht einmal mehr drei Wochen. Wir standen vor dem Nichts. Sam aber hätte nie gewollt, dass die Spurs nicht weitermachen. Er war eine treibende Kraft schon ganz zu Beginn.

Kelly: Uns war zu Beginn schnell klar: Das läuft – aber wir brauchen mehr Energie. Sam brachte dann sein volles Drumset mit, wir suchten einen zweiten Gitarristen, stellten die Akustikgitarren in die Ecke. Das ist jetzt zehn Jahre her.

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Ihr habt bereits in Alaska gespielt, in Neuseeland …

Jenny: Und in Island! Im Januar 2020, kurz vor Corona. Wir durften Portland bei einem Kulturaustausch mit Reykjavik vertreten. Wir waren eine Woche drüben. Wie gesagt, Ende Januar, es war verdammt kalt. Island liegt halt mitten im Nichts.

Heute Abend werdet ihr auch mitten im Nichts spielen. In einem Punktreff auf dem Lande, kurz hinter Stuckenborstel bei Bremen. Das Publikum scheint hier jeden Abend abzuhängen …

Jenny: Interessanter Ort, nicht? Wir bekamen eine Anfrage, und es passte in den Tourplan. Aber etwas skurril ist es schon. Hoffentlich wissen die, dass wir Country und keinen Punk mehr spielen … Sitzen wir hier eigentlich in einem Tomatenbeet?

Lebt ihr von eurer Musik? Mehr als 30 Zuschauer werden’s heute wohl nicht werden …

Jenny: Nein. Ich arbeite seit Jahren in Clubs an der Bar. Wenn dort Livemusik gespielt wird, kümmere ich mich um die Bands. Während Covid habe ich eine Umschulung zur Immobilienkauffrau gemacht. Ist aber hart.

Kelly: Ich bin selbstständig als Handwerker. Ich arbeite vor allem mit Holz. Wenn du eine neue Veranda brauchst, ich baue sie dir.

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Jenny, du musstest dich vor kurzem einer Operation unterziehen, Polypen auf den Stimmbändern. Kannst du denn wieder richtig singen?

Jenny: Besser als zuvor. (Jenny singt kurz) Ich treffe fast das hohe C! (lacht) Das Ganze war das Ergebnis von vielen Jahren hinterm Tresen, wo du ja die ganze Nacht hindurch über die Musik hinweg schreien musst, um dich mit den Gästen zu verständigen. Es war eine schwierige Zeit. Ich dachte, ich würde nie wieder singen. Ich durfte wochenlang nicht einmal sprechen.

Und kurz danach wurden die Aufnahmen zu eurem aktuellen Album Fire On The Ridge von einem Wasserschaden zerstört.

Kelly: Der Teufel scheißt immer auf den gleichen Haufen, wie man so sagt. Wir hatten echt Pech. Was sich aber am Ende als Glücksfall erwies. Bands mit mehr Budget nehmen ein Album ja meist zunächst als Demo auf. Das können wir uns aber nicht leisten. Der erste Schuss muss sitzen. Hier nun war das Studio schuld am Wasserschaden. Wir durften also erneut ran. Dadurch ist das Album noch besser geworden.

Welcher Song hat besonders vom Wasserschaden profitiert?

Jenny: „Fire On The Ridge“. Hat jetzt viel mehr Energie, den perfekten Punch. Unser Gitarrist Christopher haut hier alles rein.

Kelly: Und „Johnny Vagabond“. Der wäre sonst gar nicht auf dem Album. Jetzt sprüht er vor Energie.

Jenny: Den konnte ich vorher mit meinen gequälten Stimmbändern gar nicht richtig singen.

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Eure Musik ist oft auch nah am Rock’n’Roll, am Sound der fünfziger Jahre.

Jenny: Country und Rock’n’Roll kommen ja aus derselben Ecke. Elvis war auch ein Outlaw-Country-Punk, wenn man sich seine frühen Sachen anhört. Viele unserer Songs haben Rock- oder Grunge-Elemente, auch Swing- oder eben Rockabilly-Sounds.

Kelly, du sammelst alte Instrumente. Du spielst einen E-Bass aus Japan, hast Gitarren aus Brasilien, aus Tschechien, aus dem ehemaligen Jugoslawien. Wie beeinflusst das euren Sound?

Kelly: Instrumente, die abseits des Mainstreams stehen. Mir geht es darum, einem vernachlässigten Instrument eine neue Chance zu geben. Wichtig ist immer, was man aus einem Instrument herausholt. Nicht, von welcher Marke es stammt. Den Sound mache am Ende ich, nicht das Instrument. Ich bin Handwerker von Beruf. Da gilt: Nur ein schlechter Handwerker macht sein Werkzeug dafür verantwortlich, wenn die Qualität seines Werks nicht stimmt.

Jenny Dont and the Spurs im FIDELITY-Interview

Ihr lebt im Nordwesten der USA. Du, Jenny, wurdest aber in New Mexiko geboren. Ich finde, man kann aus vielen deiner Songs die Wüste heraushören. Sie sind recht spartanisch arrangiert, mit viel Freiraum. Sie scheinen vor Hitze zu vibrieren, wie „Queen Of The Desert“ oder „Hot As A Desert.“

Jenny: Ja, ich habe Wüstenblut. Diese Desert-Sounds der Spaghetti-Western aus den sechziger Jahren, das war auch ein Einfluss.

Kelly: Die Soundtracks zu vielen Filmen aus jener Zeit sind ja berühmter als die Filme selbst. Ennio Morricone ist ein großes Vorbild. Wie er das Gefühl einer weit offenen, in vieler Hinsicht feindseligen Landschaft in Sounds übersetzte, das war einzigartig.

Jenny, du bist als Kind Rodeo geritten und hättest einmal fast einen wichtigen Titel gewonnen …

Jenny: Miss Sumas Jr. Rodeo Princess! Da war ich neun, in einer Kleinstadt in Washington, nahe der kanadischen Grenze. Ein winziger Punkt fehlte mir zum Titel, ich wurde nur Zweite. Die große Enttäuschung meines Lebens (lacht). Meine Mutter ritt ja früher auch Rodeo. Sie war einmal Miss Central Wyoming, in den 70ern. Tja, das habe ich nicht geschafft. Aber ich habe dann einen anderen Titel geholt. Ich war als Teenager „Grand Champion“ im Bareback-Reiten ohne Sattel. Ich habe mir meine Country-Credentials bereits früh verdient.

Jenny Don’t and the Spurs

Jenny Dont and the Spurs im FIDELITY-Interview

Jenny Don’t and the Spurs sind eine Band aus Portland im US-Bundesstaat Oregon. Sie spielen Outlaw-Country, eine raue Mischung aus Country, Punk und Rock’n’Roll. Gegründet wurden die Spurs 2012 von Jenny Connors und ihrem damaligen Freund und heutigen Ehemann Kelly Halliburton – beide hatten zuvor bereits viele Jahre zusammen Punkmusik in der Formation Don’t gespielt. Vergangenes Jahr starb unerwartet der Drummer der Band, Punk-Legende Sam Henry. Jetzt ist das Outlaw-Country-Quartett mit Gitarrist Christopher March, dem neuem Schlagzeuger Buddy Weeks und dem aktuellen Album Fire On The Ridge unterwegs.

www.jennydontandthespurs.com

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