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60 Jahre Beatles

Klassiker im Taumel der Zeit – 60 Jahre Beatles

Klassiker im Taumel der Zeit – 60 Jahre Beatles

Goethe? Beethoven? Ja, klar. Und natürlich die Beatles, deren 60-jähriges Bandjubiläum wir dieses Jahr feiern.

Illustration: Ralf Wolff-Boenisch

Klassiker sind Künstler, deren Werke Zeiten überdauern, die unterschiedliche Gruppen von Rezipienten ansprechen, deren Œuvre stilistisch vielfältig ist und die schwer mit nur einem Begriff charakterisiert werden können. Um die musikalische Dimension der vier Musiker aus Liverpool bemessen zu können, muss man sich vor Augen führen, dass wir von nur zehn Jahren Bandgeschichte sprechen, zehn kurze Bandjahre, in denen mehr Geniestreiche entstanden sind, als in der 60-jährigen Geschichte anderer Bands (sorry, Mr. Jagger). Und wie alle Klassiker haben die Beatles immer Kenner und Liebhaber bedient. Melancholisch summen Hörer in aller Herren Länder beim Radioempfang „Yesterday“ mit oder bewegen sich tanzend bei der Oldie-Party zu „She Loves You“, Avantgardisten und Nerds bekommen nach wie vor beim White Album oder den indischen Sargam-Tonleitern in den Kompositionen George Harrisons feuchte Augen. Und so gibt es Songs der Fab Four, die stark in ihrer Zeit verwurzelt geblieben sind („Hard Days Night“), während andere weit in die Zukunft weisen („Revolution 9“).

Kaum noch nachvollziehbar sind heute die gesellschaftlichen und politischen Skandale, die durch das Auftreten der Band ausgelöst wurden – und das weltweit. Das „Beatles-Fieber“ komme einer „mittelalterlichen Seuche“ gleich, die Symptome seien „Augenrollen, Gliederzucken und Schreien“, so die konservative Presse. Den weiblichen Fans unterstellte man, sie würden während der Konzerte Urin und andere Körperflüssigkeiten verlieren, und christliche Sender in Alabama starteten eine „Ban-the-Beatles“-Kampagne, worauf Mitglieder des Ku-Klux-Klans Plattencover und Bandfotos an Kreuze nagelten. Legendär wurde in Deutschland der Ausspruch Walter Ulbrichts vor dem 11. ZK-Plenum der SED: „Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, nun kopieren müssen? Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des Je-Je-Je, und wie das alles heißt, sollte man doch Schluss machen.“ Die vier Musiker selbst waren von dem Rummel genervt, was zu einer drastischen Reduzierung ihrer Liveauftritte führte und womöglich auch ein Grund für das bewusste Veröffentlichen eher „sperriger“ Alben war. Aber spätestens als die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker 1983 Arrangements der erfolgreichsten Songs auf den bürgerlichen Konzertbühnen darboten, war auch diese Ära musikalischer Revolte erloschen und die Beatles historisch kanonisiert und domestiziert. As time goes by.

 

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