Test: Linn Akubarik

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Linn Akubarik – Hübsche Hülle, volles Pfund

Was sagt denn die isobarische Enkelin dazu?

 

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Aaah, die Zeitmaschine läuft. Großbri­tannien, tief in den 1970ern. Die An­fangsjahre von Linn sind von schlauen Ideen und gediegenem Handwerk geprägt. Lifestyle? Design? Nix da: Die eher rustikale, keineswegs maßstab­setzende Gestaltung von Plattenspieler (LP12) und Lautsprechern (Isobarik, Kan, Sara) entspringt keinem Lifestyle-Gedanken, sondern der alles dominierenden Überzeugung, die „richtigen“ Dinge könne man nur so und nicht anders machen. Schon 1974, kurz nach der Premiere der kommenden Legende Sondek LP12, präsentiert Linn-Gründer Ivor Tiefenbrun seinen ers­ten Lautsprecher, die Isobarik. Die mit unglaublichem Aufwand gefertigte, trotz moderaten Abmessungen bleischwere Box trägt ihren Namen als Hinweis auf eine Spezialität, die Linn vielleicht nicht unbedingt erfunden, aber perfektioniert und in aller Konsequenz durchgezogen hat – und auch gleich patentieren lässt: das isobarische, „druckausgleichende“ Prinzip. Gleich zwei Tieftöner kümmern sich in der Isobarik um das erstaunliche Bassfundament. Linn montiert die beiden Basstreiber aber nicht neben- oder über-, sondern hintereinander, in jeweils eigenen Kammern. Der erste ist sichtbar auf der Schallwand, in einer kleinen, luftdicht abgeschlossenen Kammer. In diese Mini-Kammer hinein strahlt der zweite, unsichtbar im Gehäuseinneren verbaute Bass, seinerseits mit einem großen Volumen im Rücken. Bass Nr. 2 sorgt dafür, dass Nr. 1 dank des permanenten Druckausgleichs immer das gleiche, virtuell riesige Volumen „sieht“ – fundamentale Schwerstarbeit leicht gemacht.

Weil aber die beiden parallel angeschlossenen KEF-Bässe, ohnehin keine Wirkungsgradwunder, keinen Zugewinn an Wirkungsgrad oder Maximalpe­gel, sondern „nur“ einen erweiterten Tiefgang sowie einen, sagen wir anspruchsvollen Impedanzverlauf bringen, sind sehr kräftige und laststabile Endstufen gefragt. Die wenigen geeigneten Amps dürfen sich pro Isobarik dann auch gleich um einen zweiten Satz Mittel- und Hochtöner kümmern, der obendrauf mon­tiert ist und trotz pflichtgemäßer Wandaufstellung für einen herrlich luftigen Klangeindruck sorgt. Linns Behauptung, das alles sei trotzdem „an easy load“, haken wir einfach unter schottischem Humor ab. Hauptsache ist, dass es überhaupt stabile und wohl­klingende Amps gibt. Und wer es sich in puncto Platz und Schmalz leisten kann, greift konsequenterweise zum Triple- oder Sixpack. Denn Linn bietet die Isoba­rik auch als Vollaktiv-Version an. In voller Ausbaustufe verschönern dann drei Stereo- oder sechs Mono- Endstufen das Wohnzimmer. Hübsch geht anders. Doch der Klang erklärt alles! Die Linn Isobarik haut mich jedenfalls bei meinem persönlichen Erstkontakt Anfang der Achtziger glatt vom Hocker!
Erkenntnis 1: Wer braucht Testsieger? Die rich­tige Kette macht’s! Funktioniert übrigens auch „in klein“. Erkenntnis 2: Mit Zahlenhuberei und schlauen Messwerten kommt man Linn nicht auf die Spur. Das gilt bis heute. Im Messlabor schlagen sich Linn- Produkte wahrlich nicht schlecht, meist sogar sehr, sehr gut. Doch es geht eigentlich um etwas anderes. Um Musik? – Das klingt platt. Stimmt aber, wie ich im Laufe der kommenden Jahrzehnte immer wiedersehen werde. Erkenntnis 3: Gestaltungswillen ist egal. Design-Nihilismus ist okay. Allein die Funktion zählt, also der Klang. (Kein großes Geheimnis, dass diese Ansage nach ein paar persönlichen Hardcore- Jahren im Linn/Naim-Kosmos durch eine aktualisierte Version ersetzt werden muss. Denn Linn wird mit der eigenen Elektronik „stylish“, warum auch nicht.)
Aaah, die Zeitmaschine läuft wieder.
2014 feiert Linn 40 Jahre Isobarik. Unter anderem mit der Akubarik, die etliche Zitate des Urmodells in die Jetztzeit übersetzt. Ein paar wenige aber auch nicht – was ebenfalls eine gute Nachricht ist. Längst sind in Glasgow smarte Designer am Werk, die nicht nur schlaue Technik (weiter)entwickeln und mit ei­genen historischen Zitaten verquicken, sondern auch gleich reihenweise in hübsche Hüllen verpacken.
Die Linn Akubarik trägt eine hübsche Hülle. Und hat neben „-barik“ und der grundsätzlichen Funktion „Schallwandler“ überraschend viel mit ihrer Urahnin gemeinsam – mit der aktiven Version, wohlgemerkt. Denn Akubarik bedeutet vor allem „vollaktiv“. Eine passive Version soll mittlerweile lieferbar, uns aber derzeit egal sein. Denn nur Aktiv ist richtig schlau. Sagt Linn. Und bezirzt uns quasi hinterrücks. Womit wir schon beim Offensichtlichsten angekommen sind.
Im proper gerundeten Gehäuse, das mit knapp über einem Meter Höhe äußerst wohnraumtauglich daherkommt, stecken nicht weniger als fünf Wege, die sich auf sechs Chassis verteilen: vier sichtbare, zwei unsichtbare. Letztere pumpen als isobarisches Duo im Boden der Akubarik ordentlich Tiefbass in den Raum, ein „Oberbass“ vermittelt zwischen Tief-und Mitteltonlagen. Darüber versammeln sich die drei kleinsten Treiber, allesamt Kalotten, auf engstem Raum im „3K-Array“, ein tropfenförmiges Druck­gussteil, das im unteren Bereich von einer Art Schale umrahmt ist, deren nähere Funktion ich zugegebe­nermaßen auch nach längerem Nachdenken nicht zweifelsfrei überreiße. Sei’s drum, die Schale gehört zum K-Array einfach dazu. Das Kalottentrio kümmert sich um alles, was oberhalb von etwa 320 Hertz pas­siert – ein enorm tiefer Einstiegspunkt, der aber von der riesigen 75-mm-Mitteltonkalotte problemlos erle­digt wird. Für mich ist dieser Dreizöller übrigens das Sahnestück des Kalotten-Trios, aber das nur neben­bei. (Ich mag halt große Kalotten, weil die so schön breit abstrahlen und den Raum fluten.) Linn deklariert das 3K-Array als Quasi-Punktquelle.

Eine weitere Schlüsseltechnologie ist so alt wie Oma Isobarik: die Aktivierung. Jedes Chassis wird von einem eigenen Verstärker angesteuert, die richtige Zuordnung der Frequenzen geschieht nicht passiv über eine herkömmliche (große) Frequenz­weiche, sondern elektronisch. Die Umsetzung der von Linn seit mittlerweile vier Jahrzehnten vehe­ment geförderten Aktivierung ist bei der Akubarik äußerst clever gelungen. Als vielleicht deutlichstes Zeichen des Fortschritts sieht man von der Vollakti­vierung – nichts! Na ja, fast nichts. Während früher eine riesige schwarze Burg aus Old-School-Endstufen das Wohnzimmer blockierte, versteckt sich heute die komplette Elektronik im – oder besser: am – Heck des Lautsprechers. Elegant schmiegt sich dort ein langes, schwarz eloxiertes Aluminiumprofil an die Rückseite der Akubarik. Das Elektronikmodul ist mechanisch über Gummipuffer vom Lautsprechergehäuse ent­koppelt und bietet, obwohl wirklich kompakt, einer ganzen Reihe feinster Linn-Verstärkermodule Platz. Insgesamt sorgen hier, passend zu den verbauten Chassis, sechs Verstärkermodule für mächtig Dampf im Kessel. Sie bleiben dabei aber ziemlich cool. Einen Lüfter oder Ähnliches braucht die Akubarik nicht. Linn hat schließlich nicht umsonst den richtigen Dreh gefunden, um mit selbst entworfenen, hocheffizienten Schaltverstärkern wirklich klangvolle HiFi-Maschinen zu bauen. Und ein paar lässige, marketingtaugliche Namen für die hauseigenen Entwicklungen gehören selbstverständlich auch dazu: Das Schaltnetzteil heißt „Dynamik“, die Endstufenmodule „Chakra“.
Die Verkabelung der aktiven Akubarik ist übrigens ein Traum. Früher konnte ein ganzer Tag allein für die korrekte kreuzungslose Verkabelung einer akti­ven Linn-Anlage draufgehen, heute wird ein XLR-Signalkabel und ein Netzkabel am unteren Ende der Elektronik eingesteckt – fertig! Durch ein Lochgitter obenauf zeigen rote und blaue LEDs den aktuellen Betriebsstatus an. Hier lassen sich auch ein paar technische Eckwerte (etwa Tiefbass-Filterung und -Pegelabsenkung) einstellen. Ein Kinderspiel und im konkreten Fall gar nicht nötig. Ich lasse alles auf null.
Eines ist in der Praxis jedoch gleich geblieben: Es kostet ein paar Minuten, wird sich aber vermutlich immer lohnen: die penible Aufstellung und Ausrich­tung eines guten Lautsprechers. Linn hat auch der Akubarik eine Druckgussbasis spendiert, in der sich massive Spikes mit dem mitgelieferten Werkzeug stressfrei und perfekt auf die jeweilige Stellfläche justieren lassen. Wenn nix mehr wackelt, ist der zent­nerschwere Lautsprecher ready to rock and roll! Im musikalischen, nicht im technischen Sinne, klar.
Bereits in der allerersten Minute wird klar: Das hier ist kein amerikanischer, kein skandinavischer und auch kein deutscher Lautsprecher. Das hier ist ein britischer Lautsprecher, ein großartiger Musikant, der ganz genau versteht, was er da gerade spielt! Denn er entwickelt das wirklich substanzielle, groß aufge­spannte und raumflutende Klangbild mit enormer Präzision aus den mittleren Lagen heraus, charmiert mich vor allem mit den Stimmen, mit den melodiefüh­renden Instrumenten. Und das habe ich an den bes­ten Briten immer schon gemocht: diese unbeirrbare Fokussierung auf das musikalisch Wesentliche, diese Nichtablenkung vom entscheidenden Bühnengesche­hen, ganz egal, was noch alles zugleich passiert. All das ist über die Akubarik vollkommen mühelos ver­folgbar, steht klar und deutlich und überaus faszinie­rend im virtuellen Raum, wird aber eben nicht noch durch übertriebene Analytik oder falsch verstandene Detailverliebtheit extra herausgehoben. Es ist einfach da. Punkt. Gut so. Hier spielt die Musik!
Bei aller trockenen Basswucht, die eine Akubarik in immer wieder überraschender Substanz und Prä­zision in den Raum schieben kann, fügt sich immer alles wunderbar zusammen. Selbst der tiefste Tiefbass – und der kann wirklich abgründig sein! – ist gratfrei umfasster Teil des großen Ganzen, blendet sich in seiner ganzen Griffigkeit und Statur perfekt in das virtuelle Abbild hinein. Das ist ganz großes Kino zum Hören und selbst auf den zweitbesten Plätzen noch ein echtes Vergnügen. Die riesige Mitteltonkalotte scheint tatsächlich dafür zu sorgen, dass die verfüh­rerisch lebendigen Mitten verlustfrei und sehr, sehr breit gefächert ins Wohnzimmer gelangen. Davon profitieren eben auch alle, die zufälligerweise mal nicht den idealen Hörplatz erwischt haben. Okay, die Akubarik bietet nicht den brutalen, knüppelharten Druck eines JBL-Achtzehnzöllers und auch kein wie auch immer geartetes „Hornerlebnis“ der historischen Art. Aber wenn wir schon die Historie ansprechen: War die Isobarik schon eine herausragende musikali­sche Verführerin, so ist die Akubarik genau das auch. Sie tritt vergnüglich, präzise und überaus virtuos in Omis Fußstapfen, spreizt aber ihre enormen musi­kalischen Talente, ihre mitreißende Akkuratesse viel weiter. Auch sie ist einfach verführerisch und wird es bleiben. Lifestyle? Design? Ja, bitte. Wenn es derart gut klingt, soll’s mir nur recht sein.
Abschließend noch ein Wort zum nicht ganz unerheblichen Preis der Akubarik: Er geht absolut in Ordnung. Das Aktiv-Paket stimmt einfach. Im Sinne des ewig gültigen Kettengedankens müssen also „nur“ noch die Zuspieler passen – und die Akubarik unterscheidet mühe- bzw. gnadenlos zwischen sehr gutem und überragendem Zuspiel. Daher gleich noch einmal: Die Kette ist entschei­dend. Zum Glück kennt die Akubarik ein paar perfekte Mitspieler. Nicht ganz zufällig mit dem gleichen Familiennamen.

 

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www.linn.co.uk

 

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