Little-Richard-Interview-1993

Erinnerung an Little Richard

Der Architekt des Rock'n' Roll starb mit 87 Jahren.

Wohoooooo!

Little Richard ist tot. Autor Philip Wesselhöft erinnert sich an ein lang zurückliegendes Treffen mit dem „Architect of Rock’n’Roll“.

Ein milder Tag Mitte März in Amsterdam. In der Frühlingssonne am Bahnhof spielen folklorefidele Peruaner „El cóndor paso“ – ein allgegenwärtiger, weltumspannender Sound in den Fußgängerzonen der neunziger Jahre. Japanische Touristen fächeln sich Luft zu, in den Grachten dümpeln die Barkassen. Von der freundlichen Sonne und fliegenden Kondoren aber ist im Hotel nichts zu spüren. Dicke Vorhänge vor den Fenstern sperren Frühling und Panflötenklänge aus. Ein E-Radiator schafft zusätzlich schwüle Stimmung. Der Gast dieser Suite aber fühlt sich offenbar wohl. Little Richard sitzt lässig in einen Sessel geworfen da. Silbern leuchtende Stiefel liegen auf dem Couchtisch, den nackten Oberkörper verhüllt geradeso ein weißer Bademantel.

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Nervous as hell

Für mich eine Begegnung der besonderen Art. Eines der ersten Stücke, das ich je bewusst gehört und auf eine TDK-Leerkassette gebannt hatte: „Tutti Frutti“ von Little Richard (flankiert von Trucks Stops „Angeln Entspannt“ sowie „Bette Davis Eyes“ von Kim Carnes). Ich bin Anfang 20 und „nervous as hell“, wie ich Richard gestehe. Der „Architect of Rock’n’Roll“ lacht schallend. Er erlaubt sogar ein Foto, trotz Bademantel.

Es ist 1993, Richard startet seine Karriere zum wiederholten Male neu. Knapp 40 Jahre nach „Tutti Frutti“ ist er auf der ersten Europa-Tournee seit 18 Jahren. Er hatte sich in den siebziger Jahren vom Rock’n‘Roll verabschiedet und war als Wanderprediger mit Kirchenliedern durch die USA getingelt. Nun ist er wieder Showman. Für eine Hamburger Tageszeitung bin ich nach Amsterdam gereist, zu einer der wenigen Privataudienzen, die Richard je nach Laune gewährt. Eine bizarre Dreiviertelstunde, in der Mr. Richard Wayne Penniman in Kaskaden von Anekdoten sein Leben Revue passieren lässt.

Little Richard, der gebeugte Titan

Jetzt ist Little Richard tot. Er starb am 9. Mai im Alter von 87 Jahren. Bis zuletzt ist er aufgetreten. Im Internet kann man auf verwackelten Handyvideos sehen, wie Richard, in dessen Vorprogramm einst die Rolling Stones und die Beatles spielten, in kleinen Roadside-Clubs in einem zum goldenen Thron umgebauten Rollstuhl an die Tasten geschoben wird. Ein vom Alter gebeugter Titan, der sein Markenzeichen, das hohe „Whoooooo“, bis zum letzten Atemzug in die Welt schrie. Little Richards war einer der letzten noch lebenden Begründer der modernen Popmusik.

Chuck Berry, der mit „Maybellene“ weniger Monate vor Richards „Tutti Frutti“ den Rock’n’Roll erfand, starb 2017. Jerry Lee Lewis ist nach einem Schlaganfall im vergangenen Jahr wohl für immer von der Bühne abgetreten. Der wohl bedeutendste Rock’n‘Roll-Star aber war Little Richard. Sein Musik-Stil: wie eine rechte Gerade von Muhammed Ali. Kompromisslos, roh, immer voll auf die Zwölf.

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Mit seinen Shows, bei denen Richard mal als Queen oder als Papst verkleidet war und die Tasten gerne mit dem Hintern spielte, ebnete er nicht nur vielen Generationen von Popmusikern – von den Beatles über Michael Jackson bis zu Marylin Manson – den Weg. Auch als schwuler Künstler ging Richard neue, schwierige Wege. Mehr als einmal wurde er auf Tourneen von der Polizei angehalten. Ein Schwarzer in einem rosa Caddilac? What the…

Der Beginn einer neuen Ära

Im Todesjahr von James Dean, da markierten Richards „Tutti Frutti“ und Berrys „Maybellene“ den Beginn einer neuen Ära. Schwarze Musiker spielten von 1955 an plötzlich für die Massen: ein Schrei der Befreiung, marktfähig noch dazu. Bei Konzerten zu Beginn von Richards Karriere im Süden der USA war das Publikum vor dem ersten Ton durch Begrenzungen geteilt in „White“ und „Colored“. Kaum aber griff Richard in die Tasten, die Frisur zum Empire State Building aufgetürmt, das erste „Whoooooo“ auf den Lippen, gab es keine Rassentrennung mehr, weiße und schwarze Jugendliche tanzten zusammen zum unvergleichlichen Rhythmus.

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Weiße Discjockeys schickten die neuen Beats hinaus in die Welt. Natürlich wurde den schwarzen Königen des Rock-and-Roll im Mutterland der Sklaverei das Zepter bald aus der Hand genommen. Den wahrhaft guten Schnitt machten Cover-Künstler: Von Pat Boones „Tutti Frutti“-Version wurden seinerzeit eine Million Singles verkauft, von Little Richards Original nur halb so viel. Elvis feierte mit Richards „Long Tall Sally“ Erfolge – ein Song übrigens, der einen gewissen Paul McCartney dazu bewegte, mit den heißen Beats eine Gruppe namens The Beatles zu gründen. Mit dem Aufkommen weiterer weißer „The“-Rockgruppen – The Who, The Animals, The Kinks – wurden schwarze Rock’n’Roll-Musiker immer mehr vom Markt gedrängt. Little Richard zog sich zwischenzeitlich ganz zurück – seine Predigerjahre.

Rock-änd-Roool!!

Dann 1993. Wenige Tage nach dem Interview in Amsterdam gibt Little Richard eine Pressekonferenz in Hamburg, am Abend wird er im Kongresszentrum CCH auftreten. Vor den Journalisten gibt es ein Shakehands mit einer lokalen Legende. Horst Fascher war in den sechziger Jahren „Mädchen für alles“ im Hamburger Star-Club. Er soff mit den Beatles und reichte dem jungen Little Richard frische Handtücher. Dann steht Richard auf der großen Bühne des CCH. Er ist 60 Jahre alt, Helfer stützen ihn, als er auf den Deckel des schwarzen Flügels steigt.

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„Tutti Frutti“, „Long Tall Sally“ und das ewige, grandiose, unverfälschte „Whoooooo“. Und irgendwo aus der Tiefe des Publikums, wieder und wieder und mit unverkennbar hanseatischem Zungenschlag, dieser Ruf: „Rock-änd-Roool!!“ Richard bricht einen Song ab, ich glaube, es war „Good Golly, Miss Molly“. Er greift sich das Mikrofon, tritt an den Bühnenrand, blinzelt ins Rund und brüllt: „Shut up, Horst!“. Legendär. Whoooooo!

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