Nils Wülker, copyright Thomas von Aagh
Nils Wülker, copyright Thomas von Aagh

Nils Wülker im Interview mit FIDELITY

Dolby Atmos für Musik

Nils Wülker im Interview mit FIDELITY – Schattenspiele

Dolby Atmos – das ist eine Technologie, die ein dreidimensionales Klangbild verspricht. Eine Audioatmosphäre, in die man besonders tief eintaucht. In den Chefrock Studios in Hamburg hat Jazztrompeter Nils Wülker unserem Reporter diese spezielle High-End-Technik nähergebracht – anhand seines neuen Albums Continuum.

Fotografie: Thomas von Aagh, Martin Wittler

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Die erste Überraschung wartet in den Chefrock Studios bereits im Flur: Peter Maffay lacht mir entgegen. Gleich in mehrfacher Ausführung – die Wände hier in den Aufnahmestudios im Hamburger Stadtteil Altona sind geschmückt mit Hochglanzbildern des Altrockers. Tillmann Ilse, Gründer der Chefrock Studios, ist ein Freund und Kollege von Maffay. Derzeit arbeitet er gerade mit seinem Audio-Team am neuen Tabaluga & Lilli-Album. Doch wegen des grünen Drachens bin ich heute nicht hier. Es soll um Jazz gehen, um einen der renommiertesten Trompeter Deutschlands und um eine besondere Aufnahme- und Abspieltechnologie. Während ich mich also gerade vom lächelnden Peter Maffay an der Wand abwende, öffnet sich die Tür zu Tonstudio 1. Nils Wülker steht im Rahmen und bittet zur privaten Listening-Session seines frisch eingespielten Albums Continuum.

Nils Wülker Studio 2, copyright Wittler
Nils Wülker im Studio 2 der Chefrock Studios, Hamburg, copyright Wittler

Jazz und Trompete – normalerweise bewege ich mich akustisch in ganz anderen Gefilden. Dort dominieren eher verzerrte Gitarren und einprägsame Schlagzeugrhythmen. Zuletzt durfte ich für FIDELITY zum Beispiel Richard Kruspe interviewen, das ist eigentlich eher mein Metier. Aber ich bin neugierig. Mit der speziellen Dolby-Atmos-Technologie, so hat man mir vorher versprochen, werde jeder zum Jazz-Fan. Ich bin gespannt. In den Chefrock Studios stellt mir heute Nils Wülker, der vielleicht gefragteste Jazztrompeter Deutschlands, sein neues, inzwischen zwölftes Album vor: das Orchesterwerk Continuum. Das Besondere: Es erscheint digital auch als Dolby-Atmos-Version, also als besonders immersives Audioformat, wie auch der Begleittext zum Album verspricht.

Nils Wülker Mischpult, copyright Wittler
Das Mischpult im Studio 2, copyright Martin Wittler

Ich finde mich plötzlich am Mischpult wieder, hinter hunderten Knöpfen, Reglern, Anzeigen. Neben mir sitzt Nils Wülker und erklärt die Vorteile der Dolby-Atmos-Technologie. Wülkers neues Stück „Distorting Time And Space“ klingt aus den Boxen. Und tatsächlich fühlt man sich in eine Paralleldimension des Raum-Zeit-Kontinuums versetzt. Diese speziellen klickernden Geräusche, die das düstere Klangbild ausstaffieren, sind mir bereits beim Hören des Albums auf der heimischen Soundanlage aufgefallen. Zuordnen konnte ich das Geräusch jedoch nicht. „Das sind Streicher, die mit Bögen auf die leeren Saiten klopfen“, verrät Wülker. Dank der Dolby-Atmos-Technologie sind sie jetzt noch deutlicher herauszuhören. Das funktioniert in etwa so: Neueste Hard- und Softwaremodule ermöglichen es, alle Lautsprecher der Anlage (7.1.4-Anordnung mit sieben Lautsprechern auf Kopfhöhe, einem Subwoofer und vier Deckenboxen) im Studio einzeln anzusteuern. Bis zu 128 Audiospuren können gleichzeitig abgespielt werden. Um die bestmögliche Klangqualität zu erreichen, sind allein vier Lautsprecher an der Decke platziert. „Für den Hörer bedeutet das: Er wird einer Klangkulisse ausgesetzt, die sich nicht nur wie im Stereo gewohnt von links nach rechts, sondern auch von unten nach oben bewegt“, sagt Wülker. Alle Instrumente und Klänge bekommen automatisch mehr Platz, überlagern sich nicht mehr. Ein dreidimensionales Klangbild entsteht. Das funktioniert: Ich schließe die Augen und fühle mich, als ob ich inmitten des Münchner Rundfunkorchesters sitze. Das sage ich Wülker. Er lacht und antwortet: „Dann haben wir alles richtig gemacht. Genau diese Wirkung soll es haben.“

Nils Wülker und Martin Wittler beim Hören, copyright Wittler
Martin Wittler zusammen mit Nils Wülker am Mischpult, copyright Martin Wittler

Selten hat sich nicht live gespielte Musik so live gespielt, so real angefühlt. Ich fühle mich, als hätte ich gerade ein akustisches Höhlengleichnis erfahren. In jenem philosophischen Werk von Platon sehen Gefangene gefesselt in einer Höhle stets nur die Schattenbilder des Feuers an der Wand. Als sie dann langsam, aber sicher die volle Wahrheit erkennen, stellen die Schatten sie nicht mehr zufrieden. Ähnlich ergeht es mir nun, als ich erstmals das vollständige Klangbild von Continuum in den Chefrock Studios wahrgenommen habe. Was das für mich und mein heimisches Audioequipment bedeutet, ist mir noch nicht ganz klar. In Studio 1 ist nun der letzte Song verklungen. Zeit, über das Gehörte zu sprechen.

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Interview mit NIls Wülker

„Ach, Klaus …“

Nils Wülker ist Deutschlands renommiertester Jazztrompeter. Im Interview erklärt er, wie er elektronische Musik in Orchesterklänge umwandelt, was er von Rapper Marteria gelernt hat – und weshalb er Klaus Doldinger beneidet.

Das Gespräch führte Martin Wittler

Nils Wülker Interview, copyright Wittler
Martin Wittler im Interview mit Nils Wülker, copyright Martin Wittler

FIDELITY: Herr Wülker, wir haben eben Ihr Album Continuum gehört. Es gibt ja auch ein elektronisches Finger-Musikinstrument aus Neopren mit dem Namen und ein Werk von György Ligeti, das so heißt. Was bedeutet der Titel Continuum für Sie?

Nils Wülker: Das Instrument kannte ich noch gar nicht, klingt aber spannend. Und Ligetis Musik schätze ich sehr. Aber tatsächlich hatte ich das alles bei Continuum nicht im Kopf. Für mich schließt sich mit der Platte vielmehr ein Kreis, der mit dem Vorgängeralbum Go seinen Anfang nahm. Das ist während der Corona-Pandemie erschienen. Auf Tour konnte ich diese Musik deshalb nicht spielen. Aber das Sinfonieorchester des NDR kam auf mich zu und wollte die elektronischen Stücke der Platte mit mir orchestral neu aufnehmen. Bei der Zusammenarbeit habe ich gemerkt, wie gut die Titel von Go fürs Orchester funktionieren. Und so entstand die Idee, dieses instrumentale Album aufzunehmen: Continuum.

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Das Cover ziert ein wolkenverhangenes Gebirge. Sie sind begeisterter Kletterer. Haben Sie sich für diese Platte in den Bergen inspirieren lassen?

Gewissermaßen ja: Das Gebirge auf dem Cover hat etwas majestätisch Großes, etwas Archaisches. Aber durch die Wolkendecke bleibt auch einiges verborgen. Ich glaube, das passt zur Musik des Albums.

Inwiefern?

Instrumentale Musik gibt nichts vor. Es gibt keine Grenzen der Interpretation. Jeder kann etwas anderes damit assoziieren. Genau wie unter der Wolkendecke alles Mögliche lauern könnte.

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Nils Wülker Continuum
Nils Wüölker – Continuum

Sie haben Ihre Trompete mal als musikalische Verlängerung ihrer Gedankenwelt beschrieben. Tracks wie „Distorting Time And Space“ klingen sehr düster, fast wie ein Klagelied. Welche Gedanken hatten Sie da im Kopf?

Für „Distorting Time And Space“ kamen mir die Ideen während des ersten Lockdowns. Damals fühlte ich mich von allem entkoppelt. Es gab Momente, in denen ich dachte, die Zeit sei einfach stehengeblieben. Es herrschte völlige Reizarmut. Aber im nächsten Moment stellte ich mir selbst die Frage: Wo ist eigentlich die Zeit geblieben? Das eigene Gespür für Zeit völlig zu verlieren – das war die Entstehungsgeschichte des Stücks. Daher auch der Name.

Haben alle Ihre Stücke eine solche Geschichte?

Nicht zwingend. „Retrace Your Steps“ etwa ist die Umschreibung des Entstehungsprozesses des gleichnamigen Tracks. Da stand am Anfang mein Herumexperimentieren mit zwei Synthesizern und ganz viel Hall und Echo. Bei der Textur, die entstand, dachte ich dann: Das wäre doch was fürs Orchester. Das, was ich mit Synthesizern aufgenommen hatte, musste ich also orchestral nachbilden und zurückverfolgen: Retrace your steps.

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Wie kann man sich das vorstellen?

Ich höre mir die Melodie des Synthesizers an …
Wülker dreht das Stück auf der Dolby-Atmos-Anlage auf.
… versuche den Kern herauszuarbeiten …
Er mimt die Geräusche des Synthesizers mit dem Mund („Düdü Di Dü Dü“), groovt mit, wippt mit dem Fuß und schwingt den imaginären Taktstock.
… und empfinde ihn dann mit Streichern, in diesem Fall Geigen, nach. Tja, so in etwa läuft das ab (lacht).

Nils Wülker, copyright Thomas von Aagh
Nils Wülker, copyright Thomas von Aagh

Bei „Landscape“ und „Munich Afternoon“ hatten Sie Unterstützung von Craig Armstrong, einem namhaften Filmmusikkomponisten, der auch die Soundtracks von Tatsächlich Liebe und Der große Gatsby verantwortete. Zu welchem Film passt die Klangwelt Ihres Albums?

Auf jeden Fall zu keinem Actionfilm (lacht). Mir schwebt eher ein Film der leiseren Töne vor. Einer, der zum Nachdenken anregt, durchaus melancholisch ist. Und einer, der nicht alles verrät. Ich mag es total, wenn manche Dinge offen bleiben. Das ist auch eine besondere Qualität von instrumentaler Musik.

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Deshalb also diesmal kein Gesang auf der Platte?

Ich habe gar nicht darüber nachgedacht, ob da eine Gesangsnummer drinsteckt. Mir war es wichtig, die gesamte Klangbreite eines Orchesters zu nutzen. Continuum sollte nicht so klingen wie eine Band, die macht, was sie immer macht – und dann kommt eben noch ein Orchester hinzu.

In der Vergangenheit haben Sie die Genre-Grenzen immer wieder gesprengt, mal für Samy Deluxe einen Song produziert, aber auch bereits mit dem Rapper Marteria zusammengearbeitet. Wie passt das zum Jazzmusiker Nils Wülker?

Wenn ich mit Leuten zusammenarbeite, dann suche ich nach Menschen, die etwas anders machen als ich. Keinen zusätzlichen Jazz-Input. Als ich mich also mal an Hiphop-Beats probiert habe und mit dem Ergebnis nicht sonderlich zufrieden war, bin ich einfach auf jemanden zugegangen, der das gut kann: Marteria. Ich habe auf seinem Album mitgewirkt, er auf meinem. Eine klassische Win-win-Situation. Ich habe schon vieles ausprobiert. Aber immer sind die Leute auf mich zugekommen und haben gesagt: Das klingt total nach dir. Künstlerisch hat mich das total befreit.

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Nils Wülker, copyright Thomas von Aagh
Nils Wülker, copyright Thomas von Aagh

Sie sind auch ein gefragter Gastmusiker, standen mit Ute Lemper, der kubanischen Sängerin Omara Portuondo und mit Gregory Porter auf der Bühne. Auch mit Klaus Doldinger …

… ach, Klaus. Der ist so cool drauf. Wenn wir uns sehen, fragt er mich immer, ob ich meine Trompete dabeihabe und etwas spielen will. Selbst wenn ich eigentlich nur Backstage bei einem seiner Konzerte vorbeigeschaut habe.

Klaus Doldinger hatten wir hier auch vor kurzem im Interview. Er wird jetzt 86, spielt noch immer und wirkt in seinem Legendenstatus sehr entspannt …

Ich finde das beneidenswert. Ich war ja bei seinem Geburtstagskonzert zum Achtzigsten mit auf der Bühne. Natürlich war das auch kein 90-Minuten-Konzert, der Abend ging über drei Stunden. Klaus eben. Zwanzig Jahre stehe ich jetzt schon auf der Bühne. Natürlich hoffe ich, dass ich das auch noch mit 80 mache. Und vor allem meine Neugier behalte.

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