Chuck Berry Titel

Rockidelity: Chuck oder Berry

Bluesrocker Mike Zito und Stones-Gitarrist Ron Wood würdigen Chuck Berry

Chuck oder Berry

Bluesrocker Mike Zito und Stones-Gitarrist Ron Wood würdigen Chuck Berry, den Godfather of Rock’n’Roll. Treffen sie den richtigen Tonfall?

Der Sänger, Gitarrist und Hitschreiber Charles Edward Anderson Berry, genannt Chuck, starb am 18. März 2017 im Alter von 90 Jahren. Einige Wochen zuvor hatte er einen neuen Tonträger angekündigt. Das posthum veröffentlichte Album Chuck steht künstlerisch gleichberechtigt neben den letzten Veröffentlichungen seiner Singer-Songwriter-Kollegen Johnny Cash und Leonard Cohen. Doch die meisten Berry-Fans überhörten diesen Schwanengesang, sie wollten den Schöpfer von R’n’B-Evergreens wie „Roll Over Beethoven“ und „Sweet Little Sixteen“ lieber als ewigen Teenager in Erinnerung behalten.

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Chuck Berry, Chuck
Label: Decca/Universal Format: CD, LP

Kurz vor dem Tod des Lyrikers und Komponisten hatte das Londoner Reissue-Label Ace Records Rock And Roll Music! The Songs Of Chuck Berry veröffentlicht. Dank dieser CD steht der Rock’n’Roll-Poet gleichberechtigt neben Bob Dylan, Paul Simon, Lennon-McCartney und anderen Autoren, deren Arbeiten in der „Songwriter Series“ von Ace Records gewürdigt wurden. Mit 24 Coverversionen aus den Jahren 1955 bis 1997 offenbart die Oldie-Compilation, welche Überraschungen die Berry-Songs immer noch bieten können. Da klang ein „Down Bound Train“ der traditional-jazzig aufspielenden Ken Colyer’s Skiffle Group, als sei der Rock’n’Roll nie erfunden worden. Carlos Santanas Latinrock-Blick auf den „Havana Moon” und „Back In The USA“ von den Punk-Wegbereitern MC5 zeigen, zu welchen unerwarteten Deutungen die Berry-Songs inspirieren können.

Various Artists, The Songs Of Chuck Berry
Verschiedene InterpretInnen Rock And Roll Music! The Songs Of Chuck Berry Label: Ace Records Format: CD

Was soll danach noch kommen? Beinahe zeitgleich verwirklichten zwei prominente Rockstars ihre Vorstellungen, wie Chuck Berry klingen würde, könnte er seine Hits noch einmal aufnehmen. Auf Rock’n’Roll: A Tribute to Chuck Berry nutzt der US-Bluesrocker Mike Zito die heutige Studio- und Kommunikationstechnik, um möglichst vielen KollegInnen die Gelegenheit zur Mitarbeit zu geben. Der Stones-Gitarrist Ron Wood ließ 2018 einen Auftritt seiner Freizeit-Combo Ronnie Wood with His Wild Five in der nordenglischen Provinz für das Album Mad Lad: A Live Tribute to Chuck Berry mitschneiden. – Welche der beiden Produktionen kann einen Berry-Liebhaber am angenehmsten überraschen und gleichzeitig den Nichtkenner dazu animieren, sich intensiver mit den Originaleinspielungen zu befassen?

Ronnie Wood, A Live Tribute To Chuck Berry
Ronnie Wood with His Wild Five Mad Lad: A Live Tribute to Chuck Berry Label: BMG Format: CD, LP

Mit dem von ihm selbst gestalteten Albumcover trifft der ehemalige Kunststudent Ron Wood den Tonfall jener Ära, aus der die hier zu hörenden Berry-Songs stammen: „Talking About You“, „Almost Grown“, „Back In The USA“, „Little Queenie“ und natürlich der klassische Rock’n’Roll-Rausschmeißer „Johnny B. Goode“ als Finale dieses Tribute-Konzerts. In guten Momenten versprüht die Liveproduktion den Charme zahlloser Amateurkapellen, die in der Beat-Ära die Songs von Chuck Berry coverten. Klanglich übertrifft das Tribute-Album die meisten Live-LPs jener Zeit, der Ron Wood huldigen möchte. Vor allem Stones-Fans dürften jedoch ein wenig mehr Spielwitz und künstlerische Reife erwartet haben. Schließlich hatten Mick Jagger und seine Jungs alles Wesentliche zu Chuck Berry gesungen und gesagt – teilweise sogar mit Ron Woods Hilfe. Andererseits zeichnet sich das Album durch eine gleichbleibende hohe Durchhörbarkeit aus. Kein Wunder, schließlich war Wood ein enger Kumpel Chuck Berrys und hat oft selbst mit ihm auf der Bühne gestanden.

Mike Zito hat viel hochachtungsvoller auf die kaum vermuteten Zwischentöne in Berrys Kompositionen gelauscht. Er arbeitet feine Unterschiede heraus – oder besser gesagt: Er lässt sie herausarbeiten.

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Mike Zito, A Tribute To Chuck Berry
Mike Zito Rock’n’Roll: A Tribute to Chuck Berry Label: Ruf/inakustik Format: CD

Das Rohmaterial für sein Tribute-Album hat Zito im eigenen Studio aufgenommen. Er schickte jeweils einen dieser Basic-Tracks an befreundete Musiker und bat sie um deren Overdubs. Bei keinem einzigen Song ist zu spüren, dass die Beteiligten nicht im selben Studio gesessen haben, die Tracks klingen wie aus einem Guss. Die größte Überraschung gelang bei diesem Experiment dem Brachial-Hardrocker Walter Trout, der dem abgetingelten „Johnny B. Goode“ gehörig auf die Sprünge hilft. Joe Bonamassa kitzelte in „Wee Wee Hours“ den Blues-Nerv des Rock’n’Roll-Godfathers. Und Robben Ford hinterfragt mit seiner Filigran-Spieltechnik den Country-Hit „You Never Can Tell“ aus der Jazzgitarristen-Perspektive. Joanna Connor interpretiert „Rock’n’Roll Music“, als wäre es eine hochdramatische Gospel-Arie.

Chuck Berry, Very Good!!
Chuck Berry Very Good!! 20 Greatest Rock & Roll Hits Label: WaxTime/inakustik Format: Vinyl (180 g)

Mike Zitos vor Perfektion strotzendes Tribute-Album verführt am ehesten dazu, mal wieder oder vielleicht sogar zum ersten Mal die Originalaufnahmen von Charles Edward Anderson Berry anzuhören.

Von den aktuell verfügbaren Vinylscheiben trifft Very Good!! 20 Greatest Rock & Roll Hits beinahe perfekt den vollmundigen Tonfall seiner Jukebox-Klassiker, obwohl hier keine Original-Analogmaster verwendet werden konnten. Vielen anderen Best-of-LPs ist dagegen sofort anzuhören, dass für die Überspielung dynamisch komprimierte Digitalvorlagen eingesetzt wurden.

Chuck Berry, Rock And Roll Music, Any Old Way You Choose It
Chuck Berry Rock And Roll Music – Any Old Way You Choose It –The Complete Studio Recordings … Plus! Label: Bear Family Format: 16-CD-Box mit 2 Büchern (356 S.)

Für die Kenner von Chuck Berrys Nachlass und für Leute, die es werden wollen, bleibt Rock And Roll Music – Any Old Way You Choose It – The Complete Studio Recordings … Plus! der ewige Maßstab. Mit dieser auch klanglich durchgängig zufriedenstellenden 16-CD-Werkschau errichtete Bear Family Records 2014 ein unumstößliches Denkmal für jenen Mann, der aus weißen Songtexten und afroamerikanischem Beat den Rock’n’Roll kreierte.

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Chuck Berry, The Complete Studio Recordings

www.bear-family.de

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