Sounds of Silence

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Sounds of Silence

Illustration: Ralf Wolff-Boenisch

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Zu Beginn der Pandemie gönnte ich mir einige Anflüge von Unvernunft. Schaute zum Beispiel erstmals und ausschließlich in späten Abendstunden Game of Thrones. Das bescherte für Wochen seltsame Träume. Ließ den Nachwuchs zu viel mit mobilen Endgeräten daddeln. Das aber verschaffte ein paar ruhige halbe Stunden unterm Kopfhörer. Und ich verzichtete bei den wenigen Fahrten an den Arbeitsplatz durch eine ausgestorbene Stadt auf den Fahrradhelm. Die große Freiheit des kleinen Mannes: Wind im grauen Haar, Arbeit im menschenleeren Büro. Born to be wild light. Dann aber kamen alle wieder aus ihren Höhlen. Autos jagen morgens wie abends über die Straßen, haben dringendst etwas aufzuholen. Motorradschnelle Elektrofahrräder zischen links und rechts vorbei wie Torpedos vom Herrn Kaleun. Und auch mehr und mehr Autos hetzen unter Strom durch die Rushhour. Das ist besser als mit Sprit. Ist aber auch ein guter Grund, sich einen Helm auf den Kopf zu setzen. Denn mit Elektromotor ist auf den ersten Metern auch ein Nissan so sprintstark wie ein Porsche. Aber nicht so laut. Das ist in Sachen Lärmverschmutzung richtig, in Sachen Sicherheit aber ein Problem. Man hört sie nicht kommen, die Elektroautos. Deswegen gibt es jetzt seit 1. Juli die EU-Verordnung 540/2014. Neue E-Autos, egal ob mit Wasserstoff oder Batteriestrom betankt, müssen nun bei langsamen Fahrten künstliche Geräusche erzeugen. Dafür sorgt ein AVAS unter der Haube, ein „Acoustic Vehicle Alerting System“.

Wie die Autos aber klingen sollen, das lässt die EU-Verordnung weitgehend offen. Das Geräusch muss lediglich in Dezibelerzeugung und Dynamik mit dem eines Verbrennungsmotors vergleichbar sein. Jetzt steht eine Branche Kopf. In Tokio probte ein Automobilhersteller mit synthetischem Vogelgezwitscher. Die Passanten aber schauten beim Überqueren der Straße nicht nach links und rechts, sondern auf der Suche nach einem Vogelschwarm nach oben. Bei BMW wiederum blickte man jüngst nach Westen und verpflichtete für die Komposition des AVAS-Geräuschs für ein neues Elektroautomodell Hans Zimmer, Schöpfer der Filmsoundtracks etwa von Fluch der Karibik, Gladiator und Batman Begins. Volkswagen nahm Leslie Mandoki unter Vertrag, einst Sänger der Tanzmusikvereinigung Dschinghis Khan. Und Fiat lud den finnischen Stimmakrobaten Rudi Rok ins Aufnahmestudio ein und verschmolz dessen Vokalsounds mit der Melodie aus einem Fellini-Film. Audi hingegen ist eine Ausnahme: Helene Fischer sang … Nein, keine Angst. In Ingolstadt verschmolzen die Akustik-Ingenieure 32 Tonspuren zum künstlichen Fahrgeräusch eines Elektrosportwagens, darunter die Klänge eines Ventilators, eines Modellhubschraubers und eines Akkubohrers. Ich weiß nicht. Rushhour mit „Moskau“ und Hausgeräte-Orchester? Helm auf und durch.

PS: Unnützes Wissen, Teil 19: Dschinghis Khan war eine von Ralf Siegel 1979 gegründete und produzierte Musikgruppe, zu deren größten Hits „Dschinghis Khan“ und „Moskau“ gehören. 1985 trennte sich die Band, die immer in eher zweifelhaften Kostümen im Kasperle/Asia-Style auftrat. Und feierte seitdem unzählige Reunions. Das wurde mit der Zeit etwas unübersichtlich, heute gibt es gleich zwei „originale“ Bands mit Namen Dschinghis Khan. Zu den kreativen Köpfen zählte damals Leslie Mandoki, der später auch mit Phil Collins, Jethro Tull und Lionel Richie arbeitete – und 2009 sowie 2013 jeweils einen Song für den Bundestagswahlkampf der CDU komponierte.

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