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Steve Cropper, credit Michael Wilson

Die Legende Steve Cropper im Interview mit FIDELITY

„Eine Gitarre, keine Möwe“

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Steve Cropper: „Eine Gitarre, keine Möwe“

Fotografie: Michael Wilson

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Interview mit einer Legende: Steve Cropper, Komponist von Soul-Klassikern wie „(Sittin’ On) The Dock Of The Bay“, einst Gitarrist in den berühmten Stax-Studios und der Blues Brothers Band, spricht über sein neues Album Fire It Up, über Aufnahmen mit Otis Redding – und die Hornhaut auf seinen Fingern.

Das Videocall-Bild erscheint auf dem Bildschirm. Steve Cropper sitzt in einem bequem aussehenden Sessel. Was sofort ins Auge fällt: Sein Bart leuchtet fast unnatürlich weiß. Er umschmiegt die Kinnpartie wie eine tief hängende fluffige Federwolke. Cropper sagt etwas, das wie „Howdy“ klingt, die typische Cowboy-Begrüßung – er lebt seit vielen Jahren in Nashville, der Hauptstadt der Countrymusik. Der knapp 80-Jährige lächelt verschmitzt. Im Hintergrund ist das Murmeln von Stimmen zu hören. Cropper lacht und ruft noch etwas zur Seite, im Southern Drawl, dem Südstaatenakzent, der Vokale bis zur Unendlichkeit dehnt und halbe Worte ganz verschluckt. Das Interview könnte eine Herausforderung werden …

FIDELITY: Guten Morgen, Mr. Cropper. Wo erwischen wir Sie heute Vormittag?

Steve Cropper: Ich bin zu Hause. Mein Steuerberater ist gerade da. Ich sitze gut, alles bestens. Wir können loslegen.

Steve Cropper, credit Michael Wilson

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Sie waren viele Jahre kreativer Kopf der Band Booker T. & the M.G.’s, Sie haben an unzähligen Soulplatten mitgewirkt, Sie touren bis heute mit der Blues Brothers Band. Nun haben Sie mit Fire It Up Ihr erstes Soloalbum seit rund 50 Jahren eingespielt. Hatten Sie vorher keine Zeit für eigene Songs?

Einen Teil der Songs hatte ich bereits für ein anderes Projekt geschrieben, aus dem aber nichts geworden war. Dann rief mich während des Lockdowns ein Freund an und meinte, wir haben da noch diese Songs, lass uns was daraus machen. Nun, während der vergangenen zwei Jahre gab’s ja sonst nicht viel zu tun. Also haben wir Fire It Up aufgenommen.

Sie spielen alle Gitarrenparts. Sologitarrist Cropper kooperiert mit Rhythmusgitarrist Cropper. Sind die beiden gut miteinander ausgekommen?

(lacht) Das stimmt, das war neu. Endlich hatte ich mal einen verlässlichen Rhythmusgitarristen hinter mir und einen guten Sologitarristen vor mir … Ich stehe sonst meist in der zweiten Reihe, und das sehr gerne. Wenn mich jemand anruft und sagt, mach da und da mit, dann bin ich dabei. Freunde empfehlen mir schon, ich müsste auch mal nein sagen lernen. Insofern ist Fire It Up eine echte Ausnahme, etwas nur für mich und meine Band. Wissen Sie, neulich sitze ich im Auto, da läuft plötzlich der Titelsong im Radio. Klang verdammt gut.

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Steve Cropper, credit Michael Wilson
Steve Cropper (Mitte) mit Fire It Up- Produzent und Multi-Instrumentalist Jon Tiven (links) und Schlagzeuger Nioshi Jackson

Sie müssen doch ständig Songs im Radio hören, die von Ihnen sind. Sie haben das halbe Soul-Songbuch Amerikas komponiert …

„Fire It Up“ ist eben etwas Besonderes. Was mir übrigens immer wichtig war: Songs müssen im Auto gut klingen. Ich habe schon damals zu meinem Studio-Ingenieur gesagt: ,Kennst du jemanden, der eine 400 000 Dollar teure Soundanlage zu Hause stehen hat? ‘ ,Nein‘, sagt er. ,Ich auch nicht‘, sage ich. ,Bau mir also eine Vierspur-Anlage fürs Auto, damit wir das Zeug aus dem Studio im Auto hören können. ‘ Ab dem nächsten Tag haben wir uns neue Produktionen immer auch im Auto angehört, auf ganz einfachen Lautsprechern.

Es heißt, dass Sie sich fertige Aufnahmen außerdem im Studio aus dem Nebenraum durch die Zimmerwand anhören?

Korrekt. Wenn ich den speziellen Sound so noch immer heraushören kann, dann haben wir alles richtig gemacht.

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Sie haben all diese großen, berühmten Songs komponiert für Otis Redding, Wilson Pickett, Eddie Floyd … Hatten Sie nie das Bedürfnis, auch mal einen Hit nur für sich zu schreiben? Den Cropper-Klassiker?

So habe ich das nie gesehen. Ich schreibe schon mein ganzes Leben Songs. Mir ist vor allem wichtig, dass die gut produziert sind. Ich sehe mich nicht als Star, habe ich nie getan. Ich schreibe und produziere gerne für andere Künstler.

Steve Cropper, credit Michael Wilson

Hier beginnt Steve Cropper eine lange Erzählung, die tatsächlich nur sehr schwer zu verstehen ist, wenn man nicht aus den amerikanischen Südstaaten kommt. Sein Southern Drawl, sein Akzent, blüht zur Hochform auf. Er erzählt von Aufnahmetechniken in den frühen Tagen, ,back in the old days‘, und wohl davon, ob Otis seinerzeit bei einer Session Tamburin gespielt hat. Auf Nachfragen lacht Cropper nur. Er redet weiter, nun aber etwas verständlicher:

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Eins habe ich dabei gelernt: Jeder Künstler braucht einen Produzenten, mich eingeschlossen. Egal wie gut oder wie berühmt jemand ist. Ein Produzent nimmt dich bei der Hand und kitzelt das Beste aus dir heraus. Deswegen hatte ich bei Fire It Up auch Jon Tiven an meiner Seite, als Koproduzenten. Er spielt ja Bass, Keyboards und Saxofon auf dem Album.

Wegen der Corona-Pandemie mussten alle ihre Parts allein zu Hause einspielen.

Das stimmt. Eine seltsame Situation. Roger C. Reale hat alle Gesangsparts in ein iPhone gesungen, ist das nicht verrückt? Ins Telefon! Er saß aber nun einmal in seinem Haus in Rhode Island oben im Nordosten, ich war unten in Nashville.

Wie haben Sie dennoch diesen harmonischen Retrosound hinbekommen?

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Erstaunlich, nicht? Und wir haben fast nichts verändert. Klar, Nebengeräusche herausgefiltert, ein wenig mit Echos gearbeitet, kleine Details nur. Die Songs – und die Musiker – sind halt gut. (lacht)

Steve Cropper, credit Michael Wilson

Der Eröffnungssong „Bush Hog Part 1“ ist ein Instrumental. Ist das eine Reminiszenz an Ihre Tage mit Booker T. & the M.G.’s – Sie waren ja eine Band ohne Sänger? An Songs wie „Green Onions“?

Nein, das ist einfach der erste Song. Das Motiv für den Song war da, in meinem Kopf, daraus hat sich der Track entwickelt. Da steckt oft nicht mehr dahinter.

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Ein Bush Hog ist ein riesiger Rasenmäher. Warum dieser Songtitel?

Obendrein noch „Part 1“, obwohl wir eigentlich keinen zweiten Teil hatten! Das war die Idee von Jon, dem Co-Producer. Also haben wir den Song aufgeteilt, das Album endet nun auch mit „Bush Hog“.

Warum aber „Bush Hog“?

Ganz ehrlich, keine Ahnung. Mir gefällt der Name einfach. Bush Hogs werden auf großen Farmen eingesetzt, um nicht nur Gras, sondern auch Büsche abzumähen und dann ein Stück Land zu bestellen. Der Name klingt gut, finde ich.

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Und wie kamen Sie 1962 auf den Namen „Green Onions“, den Titel des vielleicht berühmtesten Instrumental-Songs aller Zeiten?

Bei Booker T. & the M.G.’s seinerzeit hatten alle Songs erst einmal nur eine Nummer. Ein Album war fertig mit Track 1 bis Track 10, 11 oder 12. Dann saßen wir zusammen und verteilten Namen. Irgendjemand warf „Wild Onions“ in den Ring, weil’s funky klänge. Lewis Steinberg, unser Bassist, meinte aber, Zwiebeln klingen nach Verdauungsproblemen. So kam ich auf „Green Onions“. Frühlingszwiebeln mag jeder, und man hat keine Verdauungsprobleme.

Steve Cropper, credit Michael Wilson

Sie waren gerade einmal 20 Jahre alt, als Sie den Song schrieben. Er war die Basis für den legendären „Memphis Sound“, und er wurde in unzähligen Hollywood-Soundtracks genutzt, von American Graffiti bis Schnappt Shorty. Was machen diese knapp drei Minuten Instrumentalmusik so zeitlos?

Wenn ich das wüsste! Booker T. und ich haben damals einfach mit diesem Riff herumgespielt, daraus ergab sich dann in einer halben Stunde der Song. Klingt bis heute gut und frisch, das muss ich zugeben.

Booker T., Ihr langjähriger Bandkollege und Orgelspieler, hat mal über Sie gesagt: Steve schreibt nicht nur Songs, er schreibt auch Sounds.

Und er hat mal auf die Frage, wie Steve Cropper seine Sounds entwickelt, geantwortet: mit den Händen. Da ist was dran. Denn selbst als ich von der Fender Esquire auf die Telecaster-Gitarre wechselte, klang das Ergebnis noch immer ziemlich vertraut in meinen Ohren. Ich habe nie Unterricht genommen, wurde also nicht von außen in meinem Stil geprägt. Es war ,learning on the job‘. Der Sound hat sich einfach mit jedem Tag, jedem Jahr im Studio entwickelt.

Jetzt bellt ein Hund. Cropper lacht und sagt: „Na, den Cropper-Sound haben sie gehört, oder?“ Im Hintergrund huscht eine große Portion Fell durchs Bild. „Wir sind doch nicht live auf Sendung?“ fragt Cropper. Ich halte erneut eine Kopie von FIDELITY vor die Kamera. „Nein, wir machen das für ein Printmagazin.“ Cropper bestellt gleich ein Exemplar.

Sie waren der A&R-Manager für Stax Records, Sie haben die Künstler ausgewählt. Was empfanden Sie, als Otis Redding bei Ihnen vorsang?

Steve Cropper, credit Michael Wilson

Es war das erste und letzte Mal in meinem Leben, dass sich die Haare auf meinen Armen aufstellten. Oh mein Gott, als Otis den Mund öffnete und zu singen begann. Ich war fassungslos. Ich musste ihn stoppen. Er fragte: Gefällt Ihnen mein Song nicht? Doch, sagte ich, ich will nur eben Jim rüberholen, das muss er hören. Jim Stewart, der Gründer von Stax Records, und ich haben dann sofort die Band zusammengetrommelt. Duck Dunn verstaute gerade seinen Bass im Kofferraum, als ich rausstürmte und brüllte: ,Duck, Duck, pack den Bass wieder aus. Wir müssen noch einen Song aufnehmen. ‘ Das war dann „These Arms Of Mine“, Otis’ erster Hit.

Seinen größten Hit, „(Sittin’ On) The Dock of The Bay“, hat Otis Redding nie gehört. Er starb vor der Veröffentlichung 1967 bei einem Flugzeugabsturz.

Ganz tragisch. Die letzten Worte, die Otis zu mir sprach, lauteten: ,Bis Montag‘. Ich saß im Studio und arbeitete an Gitarrenparts, als er sich ins Wochenende verabschiedete. Dann kamen am Montag die Nachrichten von seinem Tod. Ich wurde sofort ins Studio beordert, um den Song fertig zu produzieren. Das Label wollte die Platte sofort herausbringen. Ich saß bis Mittwoch im Studio, da hatten sie noch nicht einmal Otis’ Leiche gefunden. Der schwierigste Job meines Lebens.

Sie mussten sogar noch Möwengekreisch aufnehmen …

Es geht im Song ja um jemanden, der am Hafen den Schiffen nachschaut. Otis hatte bei den Aufnahmen ein paar Mal das Kreischen einer Möwe imitiert. Das konnten wir aber nicht verwenden. Mit der Gitarre hab ich’s auch nicht richtig hinbekommen. Das sind zwar gute Licks, aber es ist eben eine Gitarre, keine Möwe. Otis wollte aber Möwen dabeihaben. Also bin ich zu einem Sound-Archiv gefahren, habe mir Möwen- und Wellengeräusche besorgt und in den Song eingebaut.

Mr. Cropper, Ihr erstes Instrument kam via Mailorder zu Ihnen, da waren Sie 14 Jahre alt. Erinnern Sie sich noch an das Gefühl, zum ersten Mal eine Gitarre in Händen zu halten?

Oh ja. Meine erste Erinnerung daran ist: Verdammt, das tut weh. Nach den ersten Stunden musste ich mir Pflaster auf die Finger kleben. Heute können Sie ja mal versuchen, mir mit einem Zahnstocher in die Finger zu stechen. Der würde abbrechen.

Steve Cropper, Fire it up

Steve Cropper, Fire it up auf jpc.

Info
Steve Cropper hat jüngst mit Fire It Up sein erstes Soloalbum seit rund 50 Jahren veröffentlicht. Berühmt wurde er als Mann in der zweiten Reihe: als Gitarrist in der Studioband Booker T. & the M.G.’s, als Produzent und Komponist. Cropper schrieb Klassiker wie „Knock On Wood“, „In The Midnight Hour“ und „(Sittin’ On) The Dock Of The Bay“ für Eddie Floyd, Wilson Pickett oder Otis Redding. Cropper war Teil der Band im legendären Film Blues Brothers aus dem Jahr 1980. Er spielte Gitarre auf Soloalben von John Lennon und Ringo Starr. Aufgewachsen ist Cropper in Memphis, der legendären Musikstadt im US-Bundesstaat Tennessee. Der Heimat des Blues, der Soulmusik, des Plattenlabels Stax Records. Hier wurden einige der größten Soul-Songs der Geschichte aufgenommen – und Steve Cropper war oft der Mann hinter den Kulissen. Für viele gilt Cropper als einer der besten Gitarristen aller Zeiten. Ein Musikmagazin setzte ihn auf Platz zwei, hinter Jimi Hendrix. Steve Cropper, der wegen seiner direkten Art im Studio und auf der Bühne auch „The Colonel“ genannt wird, lebt heute in Nashville. Im Oktober dieses Jahres wird er 80 Jahre alt.

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