Tolle Tapes

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Tolle Tapes

Illustration: Ralf Wolff-Boenisch

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Man kann stundenlang in Internet-Foren herumgeistern und sich Informationen aus mehr oder meist weniger verlässlichen Beiträgen zusammensuchen. Oder man greift, wie in analoger Jungsteinzeit, zum Hörer und wählt eine Festnetznummer, deren Vorwahl ebenso viele Zahlen hat wie die des Anschlusses. „Ja, hallo?“, wird man dann begrüßt. Von einer Stimme, die in all den Jahren vielleicht etwas knarziger geworden ist, aber doch unverkennbar noch die Stimme ist, der man einst jeden Samstagabend ab 18 Uhr im Norddeutschen Rundfunk gelauscht hat. Damals begrüßte sie einen mit „Hallo Fans, hallo Freunde“, begleitet von Trommelklängen und einer Surfgitarre. Dass das Intro zur Radiosendung auf NDR 2 dem Stück „And Then There Were Drums” des kalifornischen Schlagzeugers Sandy Nelson entstammt, dass die Internationale Hitparade nicht um 19 Uhr begann, wie ich dachte, und dass sie auf rund 4000 jede Woche per Postkarte eingesandten Hörerwünschen basierte, ja, all das und einiges mehr weiß ich jetzt, weil ich mit Wolf-Dieter Stubel telefoniert habe, Conferencier meiner frühpubertierenden Musikleidenschaft. Jeden Samstag saß ich um 18 Uhr vor meiner Stereoanlage, anfangs im Bademantel, fertig fürs Bett, später flott herausgeputzt mit stonewashed Jeans und Lederschlips, ready to go für die Vorstadtdisco. Zeige- und Mittelfinger schwebten dann über den Tasten für „Play“ und „Record“ am Tapedeck, in der Hoffnung, nun endlich „Stiewi Wonder“ (sic!) mit „Part-Time Lover“ oder Klaus und Klaus mit „An der Nordseeküste“ auf Band zu bannen. Im Tapedeck: eine Leerkassette der Marke TDK, Modell „SA90“. Ja, Wolf-Dieter Stubel und die Leerkassette – Katalysatoren einer Leidenschaft, die nebenbei auch dazu geführt hat, dass diese Zeilen hier und heute auf FIDELITY stehen.

Nun, vermutlich hat jeder, der vor der Erfindung von Spotify seine Jugend durchlebte, ähnliche Erfahrungen gemacht. Ob aber viele noch alle, und mit alle meine ich viele, und mit viele meine ich sehr viele selbstaufgenommene Kassetten aus jener fernen Zeit in einem großen Metallkoffer archiviert haben, das möchte ich schon bezweifeln. Ich habe sie alle noch. Hunderte Kassetten, beschriftet, erst mit Kinderkrickel, später mit Teenager-Klaue, individuelle Orthografie inklusive („Stiewi Wonder“, „Freddy Mecurry“, „Fine Young Cannonballs“ …). Später kam dann die Zeit der Mixtapes, aus der eigenen Sammlung von Langspielplatten destilliert. Auch dazu könnte ich jetzt viel schreiben. Über die Kunst, das perfekte Mixtape zusammenzustellen. Doch das haben schon andere getan, etwa Nick Hornby in seinem Roman High Fidelity. Von daher ein paar Worte zu: Lodewijk Frederik „Lou“ Ottens. Lou Ottens, niederländischer Ingenieur und Erfinder der Kompakt- bzw. Audiokassette. Auf der Internationalen Funkausstellung 1963 in Berlin wurde es vorgestellt, das Modell „Philips C60 low noise“. Seit jenem Tag wurden hunderte Milliarden Kompaktkassetten verkauft. Ohne die Erfindung der Leerkassette, ohne TDK SA90, ohne AGFA Cr II, ohne BASF chromdioxid super II 90 wäre meine, wäre die Jugend vermutlich eines jeden FIDELITY-Lesers eine andere gewesen.
Lou Ottens starb am 6. März dieses Jahres im Alter von 94 Jahren im niederländischen Duizel.

PS: Unnützes Wissen, Teil 18: Lou Ottens erfand nicht nur die Kompaktkassette, er entwickelte ab 1972 auch einen anderen Musikdatenträger mit. Im Natuurkundig Laboratorium von Philips in Eindhoven entstand das Nachfolge-Projekt unter dem Arbeitstitel „ALP“ (Audio Long Play). Präsentiert wurde die silberne Scheibe 1981 auf der IFA Berlin unter ihrem offiziellem Produktnamen: Compact Disc. Kurz: CD. Das mittige Loch übrigens entspricht mit 15 Millimetern Durchmesser exakt der Größe eines Dubbeltje, eines niederländischen Zehn-Cent-Stücks, das ein Entwickler damals im Entwicklungslabor zufällig in der Hosentasche hatte.

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