Clarksdale

Winfried Dulisch schlendert durch … Clarksdale/Mississippi

Winfried Dulisch schlendert durch … Clarksdale/Mississippi

John Lee Hooker und Sam Cooke wurden hier geboren, Bessie Smith starb hier, Robert Johnson verkaufte hier dem Teufel seine Seele. Mehr Blues geht nicht

Mehr Blues geht nicht? Doch, das geht! Denn 1903 bis 1905 war auch William Christopher Handy in Clarksdale, Mississippi, zu Hause. Nach dem „Vater des Blues“ wurden die als Blues-Oscars geltenden „W.C. Handy Music Awards“ benannt. Und 1925 nahmen zwei Heroen der Tonträger-Geschichte den Handy-Evergreen „St. Louis Blues“ auf – Louis Armstrong und Bessie Smith. Die Grande Dame des Blues wurde 1937 während einer Tournee durch das Mississippi-Delta bei einem Autounfall lebensgefährlich verletzt. Die Sanitäter befürchteten, dass kein weißes Krankenhaus eine Farbige aufnehmen würde. Also transportierten sie die Sängerin nach Clarksdale zum Afro-American Hospital in der Sunflower Avenue.

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Clarksdale

Gleichbehandlung

1943 wurde das Krankenhaus zum „Riverside Hotel“. Während der Rassentrennung gehörte das Haus zu den wenigen Beherbergungsbetrieben im Bundesstaat Mississippi, in denen auch afro-amerikanische Durchreisende absteigen konnten. Der Bigband-Leader Duke Ellington und seine Musiker wohnten außerhalb der USA in Fünfsterne-Hotels. Nach ihren Konzerten in Clarksdale übernachteten auch diese Stars im Riverside. Toilette und Dusche liegen hier noch immer auf dem Flur – für schwarze wie für weiße Gäste.

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Das Riverside mauserte sich inzwischen zu einem Treffpunkt für Blues-Musiker aus aller Welt und für deren Fans. „Möchtest du dort schlafen, wo Bessie Smith ihre letzte Nacht verbrachte?“ fragt Zelena Ratliff. Die Riverside-Managerin kann aber auch das Zimmer gleich nebenan empfehlen: „Da hat immer der Mundharmonika-Spieler Sonny Boy Williamson gewohnt.“

 

ClarksdaleKreißsaal des Rock’n’Roll

„Du kannst auch das Zimmer nehmen, in dem Ike Turner den Rock’n’Roll erfunden hat“, bietet Zelena an, die den Familienbetrieb in dritter Generation leitet. Weiße Pop-Historiker nannten einst 1954 – „That’s Alright Mama“, Elvis – als Beginn der Rock’n’Roll-Ära. Inzwischen wurde das Geburtsdatum vorverlegt: 1951 experimentierte der damals 19-jährige Ike Turner im Riverside Hotel mit seinem Tonbandgerät herum, das Ergebnis war der scheppernde Sound von „Rocket 88“.

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Wer es immer noch nicht glaubt, der findet mitten in Clarksdale ein Hinweisschild: „In diesem Haus wurde Ike Turner geboren. Sein 1951 veröffentlichtes ‚Rocket 88’ gilt als die erste Rock’n’Roll-Platte.“ Damit ist Ike, den viele Pop-Fans nur als Tina Turners Ex-Ehemann kennen, rehabilitiert. Und vor allem wird Ike Turner damit zu einer bedeutenden Persönlichkeit der Musikgeschichte, denn diese Tafel gehört zu den Wegmarkierungen auf dem Mississippi Blues Trail.

 

ClarksdaleDer Stein kam ins Rollen

In Clarksdale stehen weitere blaue Schilder: „Hier wohnte Muddy Waters, nach dessen ‚Rolling Stone Blues‘ sich eine bekannte Rock-Band benannte.“ Oder „Hier wurde John Lee Hooker geboren“. Ein paar Schritte weiter stand die Wiege von Sam Cooke, der von weißen Schnulzen- und schwarzen Soul-Fans gleichermaßen verehrt wurde; er weigerte sich als einer der ersten US-Künstler, vor einem nach Hautfarbe getrenntem Publikum aufzutreten.

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Das Stadtzentrum von Clarksdale mausert sich inzwischen zu einem Künstlerdorf mit Galerien und Buchhandlungen. Der Maler und Grafiker Stan Street betreibt hier seine Hambone Art & Music Gallery. Stan, der schon für zahlreiche Blues-Platten die Covers gestaltete, steht nicht gerne hinter der Kasse. Er sitzt lieber am Klavier und führt singend und Boogie-Woogie klimpernd seine Verkaufsgespräche.

 

ClarksdalePakt mit dem Teufel

In der Nachbarschaft seiner Kunstgalerie hat sich ein Shop auf Souvenirs für Blues-Touristen spezialisiert. Die Andenken-Verkäuferin gesteht: „Ich war ein Fan der Rolling Stones. Dass deren Idol Robert Johnson hier seinen Pakt mit dem Teufel abgeschlossen haben soll, habe ich erstmals in einem Interview mit Keith Richards gelesen.“

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Wo sich die Highways 61 und 49 kreuzen, wurde Blues-Geschichte geschrieben – zumindest eine Legende. Robert Johnson (1911–1938) verpfändete hier seine Seele, der Teufel verriet ihm dafür das Geheimnis der Blues-Gitarre. Danach zupfte Johnson – das ist keine Legende – noch wirkungsvoller die Bass-Saiten seiner Gitarre, weswegen ein eifersüchtiger Mann den „King of Delta Blues“ ermordete – was aber inzwischen als Legende entlarvt wurde. Trotzdem pilgern um Mitternacht die Blues-Jünger zur Sixty-One/Forty-Nine und singen „I went down to the crossroads …“

 

ClarksdaleEin Autogramm von dir

Über der Kreuzung schweben drei Gitarren. Neben diesem Wahrzeichen von Clarksdale steht „Abe’s Barbecue“. Es ist keine Legende, dass in diesem Restaurant auch in Zeiten der strengsten Rassentrennung jeder Gast – egal welcher Hautfar­be – mit der gleichen Höflichkeit bedient wurde. Als später einmal Billy Gibbons hier essen wollte, bat der Küchenchef ihn um ein Autogramm. Der Frontman von ZZ Top lehnte entrüstet ab: „Ich will ein Autogramm von dir. Du bist berühmter.“ Billy Gibbons darf als Wegbereiter des Blues-Tourismus bezeichnet werden. Der langbärtige Sänger und Gitarrist führte die Holzhütte, in der Muddy Waters gelebt hatte, einer sinnvollen Verwendung zu: Er ließ daraus Gitarren bauen – eine davon steht im Delta Blues Museum in Clarksdale, eine benutzt Gibbons auf der Bühne.

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Mississippi-Mozart

„Er hat uns gezeigt, welchen Kulturschatz unsere afroamerikanischen Nachbarn erschaffen haben“, erinnert sich Wayne Winter, Ex-Präsident der örtlichen Handelskammer. „Als Billy die Gitarre nach Clarksdale brachte, war das Museum bereits geschlossen. Ich bat einen befreundeten Bankdirektor, sie im Tresor aufzubewahren. Da erkannten wir so richtig, dass unsere Blues-Ahnen für Clarksdale die gleiche Bedeutung haben wie Mozart für Salzburg oder Richard Wagner für Bayreuth.“

Clarksdale ist aber auch eines der literarischen Zentren dieser Welt. Im Dachgeschoss der St. George’s Episcopal Church hat ein Nobelpreisträger seine Jugend verbracht. Beim „Mississippi Delta Tennessee Wiliams Festival“ erinnern junge Schauspieler daran, wie tief dieser Psycho-Dramatiker (Endstation Sehnsucht, Die Katze auf dem heißen Blechdach) im Land der Baumwollfelder verwurzelt war.

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ClarksdaleAber die Gemeindesekretärin trägt ein T-Shirt mit dem Logo des „Juke Joint Festival“, das auch jedes Jahr in Clarksdale stattfindet. „Du kannst mich gerne damit hier in der Kirche fotografieren. Denn Gott erschuf nicht nur die Gospel-Musik, sondern auch den Boogie-Woogie und den Delta Blues.“

 

Info

Von mehreren deutschen Flughäfen sind günstige Flüge mit einem Zwischenstopp nach Memphis (MEM) möglich. Von dort führt der legendäre „Blues Highway“ 61 über 120 Kilometer von Memphis, Tennessee, am Mississippi entlang durch die Delta-Region nach Clarksdale.

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Hotel-Tipps:

Riverside Hotel: Jedes einzelne Zimmer hat hier Blues-Geschichte geschrieben

Squeeze Box: Ferienwohnung mit „Blues-Feeling” mitten im Zentrum

 

Websites für Blues-Liebhaber:

www.abesbbq.com (das legendäre Barbecue-Restaurant)

www.deltabluesmuseum.org

www.groundzerobluesclubmusic.com

www.jukejointfestival.com

Englischsprachige Informationen über Clarksdale

www.clarksdaletourism.com

Deutschsprachige Tourismus-Informationen über die Heimat des Delta Blues:

www.memphis-mississippi.de

 

 

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