Ostfriesland

Winfried Dulisch schlendert durch Ostfriesland

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Winfried Dulisch schlendert durch Ostfriesland

 

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Von 20:00 bis 20:15 Uhr sitzen die Germanen vor der Glotze und lassen sich die Welt erklären. Außer in Ostfriesland. Die größte deutsche Halbinsel ist so flach, dass man schon tagsüber sehen kann, was die Tagesschau bringen wird

Schluss mit Ostfriesenwitzen! Hier kommen die Fakten: Ostfriesland liegt im äußersten Nordwesten Deutschlands. Vom Nordsee-Deich herab sind die UNESCO-geschützten Wattenmeer-Inseln zu sehen. Davon sind aber nur Borkum, Juist, Norderney, Baltrum, Langeoog, Spiekeroog und Wangerooge bewohnt. Im Westen grenzt Ostfriesland an die Niederlande, im Süden an das Oldenburger Land. Die Ostgrenze wird von Historikern oder von Geografen oder von Tourismus-Managern jeweils unterschiedlich festgelegt. Also einigen wir uns auf diese Grenzziehung: Ostfriesland liegt zwischen zwei Meeresbuchten – dem Dollart und dem Jadebusen.

OstfrieslandKulturbanausen verehren die Region als Nährboden für Blödsinn. – Forget it! Oder auf Plattdeutsch: Fagget datt! Linguisten bewerten dieses Pladdüütsch nur als Dialekt, obwohl es von knapp einer halben Million Ostfriesen gesprochen wird. Die eigentliche Sprache Ostfrieslands, das osterlauwerssche Friesisch, ist inzwischen ausgestorben. Aber eine Variante dieses alten Ostfriesisch wird von der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen geschützt. Und dieser Dialekt wird immer noch gesprochen von etwa 2000 Bewohnern – das ist kein Ostfriesenwitz – im oldenburgischen Saterland.

 

Dreimal täglich

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Und noch eine Statistik: Jeder echte Ostfriese gönnt sich mindestens dreimal am Tag jeweils eine halbe Stunde für eine gute Kanne Tee. Dank dieser Meditationsübung – erst einmal den Tee ziehen lassen, danach in eine mit warmem Wasser ausgespülte Kanne umschütten – stehen die Ostfriesen als Teetrinker-Nation auf Rang zwei der europäischen Verbraucher-Hitliste. Die Briten belegen den dritten Platz, den meisten Tee trinken in Europa die Iren.

Der statistisch durchschnittliche Ostfriese trinkt in seinem Leben mindestens hunderttausend Kopkes (Tassen) und verbraucht pro Kopf jährlich sieben Pfund Tee. Das übrige Deutschland gießt sich über das Jahr verteilt gerade mal 172 Gramm auf.

Wer statt Abwarten und Teetrinken lieber die Quelle der albernen Zappeligkeit sucht, wird fündig in Emden. Die größte Stadt in Ostfriesland ist der Geburtsort von Otto Waalkes. Doch als Brutstätte des Blödsinns gilt Emden auch wegen Karl Dall. Der Komiker wurde ebenfalls in der Ostfriesen-Metropole geboren.

Ostfriesland
Orgel der St.-Georgs-Kirche in Weener, 1710 gebaut von Arp Schnitger

 

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Kein Blödsinn

Ostfriesland
Henri Nannen (1913-1996), Stifter der Kunsthalle Emden

Dabei sind die Emder – sag niemals „Emdener“ zu einem Einwohner von Emden – für ihre Vernunft berühmt. Während das ostfriesische Umland unter dem Dreißigjährigen Krieg zu leiden hatte, verschanzten sich die Emder hinter ihrer Stadtmauer, die sie kurz zuvor erbaut hatten.

Zum Glück war auch Henri Nannen ein Emder Junge. 1983 schenkte der Gründer und Herausgeber des Stern seiner Vaterstadt 650 Meisterwerke des deutschen Expressionismus und stiftete dazu noch einen Museumsbau für zeitgenössische Kunst. Derartiges Mäzenatentum hat in Ostfriesland eine lange Tradition.

Winfried Dahlke, Landeskirchenmusikdirektor (LKMD) der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover, kann ein Lied davon singen: „Ich betreue in Niedersachsen mehr als 400 Orgeln aus sieben Jahrhunderten. Die Hälfte davon steht unter Denkmalschutz. Mehr als 100 dieser historischen Instrumente befinden sich in Ostfriesland.“

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Mehr als nur Stereo

Ostfriesland
Am Cembalo: Winfried Dahlke, Direktor des Organeums

Neben seiner Tätigkeit als LKMD ist Winfried Dahlke seit 2002 der künstlerische Leiter des Organeum. Diese „Ostfriesische Orgelakademie“ und Instrumenten-Sammlung ist untergebracht in einer großbürgerlichen Stadtvilla im alten Stadtkern der kleinen Hafenstadt Weener. „Inzwischen hat sich unser Haus auch zu einem Geheimtipp für HiFi-Connaisseure entwickelt. Denn die Orgel ist keine Lautsprecher-Anlage. Jede einzelne Pfeife ist eine Schallquelle. Das ist mehr als nur Stereo, das übertrifft sogar jede Surround-Anlage.“

Ein paar Schritte vom Organeum entfernt steht in der St.-Georgs-Kirche eine von 30 erhalten gebliebenen Meisterwerken des legendären Orgelbauers Arp Schnitger (1648-1710). „Jürgen Ahrend hat diese Orgel in den 1970er, 80er Jahren restauriert. Ohne seine Arbeit wären viele ostfriesische Orgeln in falsche Hände geraten“, erzählt der LKMD.

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Klangkonserve ihrer Zeit

„In den 1950ern wurden einige Barockorgeln schlimmer misshandelt als während der Revolutionen im 19. Jahrhundert.“ Der Klang vieler Instrumente wurde dem Sound der neuen Zeit angepasst. Damit erging es ihnen wie den Fachwerkhäusern, die als Opfer des Wirtschaftswunders mit Klinkersteinen verschönert wurden. “Jürgen Ahrend hat das Klang-Gedächtnis von Generationen bewahrt“, erklärt Winfried Dahlke.

Der LKMD bekommt regelmäßig Besuch aus aller Welt. „Neulich kamen russische Musikstudenten zum Organeum. Sie studieren die Orgel nicht als Begleitinstrument von liturgischen Handlungen, sie wollen professionelle Virtuosen werden. Auch in Japan und Korea hat die Organistenausbildung ein ähnliches Ziel.“

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Der indische Sitarspieler Ravi Shankar betonte ständig, wie demütig er sich seinem Instrument nähert. „So ähnlich muss auch ein Organist die Persönlichkeit und Einmaligkeit seines Arbeitsgeräts erkennen und achten. In Deutschland lassen sich die meisten Organisten zum Glück immer noch zu Musikern ausbilden, die liturgische Handlungen begleiten können.“

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Kabinettorgel im Organeum Weener

 

Zu Tisch!

OstfrieslandAußerdem findet Winfried Dahlke, „dass die Orgel kein Instrument ist für Tasten-Dompteure. Das Klavier ist wie ein treuer Hund, der alles tut, was sein Frauchen oder Herrchen verlangt. Deshalb können Pianisten verlangen, überall auf der Welt das Produkt einer bestimmten Marke spielen zu dürfen. Bei Orgeln kennen wir keine Bösendorfer- oder Steinway-Normen. Jede Orgel ist eine Katze mit eigenem Willen. Einige durchreisende – eigentlich sogar: durchrasende – Orgelvirtuosen nehmen sich keine Zeit, ein komplexes Instrument kennen zu lernen, bevor sie sich für ein Konzert an den Orgeltisch setzen.“

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Dabei sind Ostfriesland und die dazugehörenden Inseln bestens geeignet für eine gründliche Entschleunigung. Die Ostfriesland Tourismus GmbH in Leer nennt am Telefon oder per Email sogar Adressen, wo der Gast ohne Hintergrundmusik-Beschallung in Ruhe essen und trinken kann. Diese Liste reicht von der gemütlichen Teestube bis hin zum Gourmet-Fischrestaurant und ist alles andere als ein Ostfriesenwitz.

 

 

CD-Tipps:

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Orgellandschaften – Ostfriesland (Teil 1): www.orgelakademie.de

Arp-Schnitger-Orgel Norden (Vol. 2): www.mdg.de

 

Allgemeine Tourismus-Informationen:

Ostfriesland Tourismus GmbH: www.ostfriesland.de

Orgel-Museum in Weener: www.nomine.net/organeum-weener

www.kunsthalle-emden.de

www.teemuseum.de

www.buenting-teemuseum.de

 

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