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FIDELITY zu Gast bei Loewe

Zu Gast bei Loewe, Kronach

Da kommt was (kleines) Großes

Ein ungefärbter Blick von außen ist unbezahlbar … ich sag es ja immer. Wer sich nicht in der Rotunde der Branche eingelaufen hat, kommt bisweilen auf unkonventionelle und gerade deshalb hoch spannende Ideen und stellt Fragen, die ein eingefleischter „Insider“ so nie formulieren würde. Kürzlich bescherte uns Loewe in Kronach genau solch einen „Wie genial ist das denn?“-Moment.

FIDELITY zu Gast bei Loewe

Loewe und FIDELITY? Diese Kombination findet interessanterweise jeder, mit dem ich in den vergangenen Wochen darüber gesprochen habe, eigenartig. Ich versuche stets, die Verwunderung mit einem Konter zu würdigen, der jede Diskussion im Keim erstickt: mangelndes Geschichtswissen! Das Kronacher Unternehmen zählt – so viel weiß jeder – zu den bekanntesten deutschen Marken. Spricht man über wertige Unterhaltungselektronik mit dem Prädikat „Made in Germany“, dann logiert der Name in einer Reihe mit Grundig, Braun, Blaupunkt oder T+A und wird in aller Regel nicht zuletzt aufgezählt. Geht es um die reine Musikwiedergabe, ist Loewe allerdings raus. Dabei gehörte das Unternehmen zu den großen Formern und Gestaltern der Rundfunk-Ära – vom urigen Röhrenradio bis zur ultramodernen Radio/Wecker/HiFi-Workstation. Man kann das Pferd natürlich auch von hinten aufzäumen: Augenscheinlich waren die TV-Geräte, die spätestens ab den Achtzigern die Führung übernahmen, derartige Begehrlichkeiten und Traummaschinen, dass sie das Bewusstsein für alles davor löschten – das würde ich als lupenreines Lob verbuchen.

Aber zurück auf Anfang: Loewe lud uns ein, in Kronach vorbei- und bei der Gelegenheit etwas anzuschauen. Obwohl uns im Vorfeld nichts über den Anlass verraten wurde, dachten wir uns schon, dass da etwas Großes im Busch ist. Zugegeben, wir wurden „geteasert“, wie man heute so schön sagt. Bereits vor knapp einem Jahre waren wir auf Visite im Kronacher Showroom und hatten uns die neue „klang“-Familie angehört, pfiffige Netzwerk-Lautsprecher, die als mr1, mr3 und mr5 in verschiedenen Größen und Leistungsklassen alle Aufgaben vom Mono-Radio bis zur TV-Beschallung abdecken. Auch Streaming und komplexes Multiroom (dafür steht „mr“) sind drin. Nix Besonderes so weit, das Konzept ist bekannt … Und doch: Vor allem das bildschöne Flaggschiff mr5 faszinierte uns mit seinem vollmundigen, ja geradezu highfidelen Charme. Im Verlauf der damaligen Gespräche fiel dann auch der Nebensatz, dass an weiteren Konzepten und der Rückkehr zum HiFi gearbeitet werde.

FIDELITY zu Gast bei Loewe
Ein Stereoverstärker mit 1000 Möglichkeiten und gehöriger Class-D-Power, hier zum Größenvergleich mit Loewes Hardware-Chef Alfred Hussaoui. Der smarte Verstärker bietet spannende Optionen wie Durchschleifpunkte und eine Mono-Brücke. Zum verdaubaren Kurs wäre der Amp eine perfekte Spielwiese für Bi-Amping und Co. – oder für versteckte Installationen.

Ich muss gestehen, dass ich zunächst an eine saftigere Soundbar oder an größere Standlautsprecher-Varianten der mr-Modelle dachte. Doch weit gefehlt: Nach einem Begrüßungskaffee und der in Bayern/Franken obligatorischen Frühstücks-Brezn machte sich unser Gastgeber Alfred Hassaoui an einem kleinen Karton zu schaffen und zauberte einen schwarzen Kasten im klassischen „Midi-Gehäuse“ hervor – etwa 20 mal 20 Zentimeter in den Grundmaßen und vermutlich sieben bis acht Zentimeter hoch. Wie viele Kronacher wurde Hassaoui zeitlebens von der Marke geprägt. Der Ingenieur hat vor über dreißig Jahren bei Loewe gejobbt, war später Praktikant und blieb dem Unternehmen auch während und nach seinem Studium treu. Heute ist er – nach einer kurzen Pause in den späten Neunzigern/frühen Zweitausendern – als leitender Entwickler für die Hardware verantwortlich. Und Audio scheint für ihn ein echtes Herzblutthema zu sein.

„Was sagt ihr?“, fragte er und wartete gespannt auf unsere Reaktion. Ich muss zugeben, dass mein erster Eindruck noch vergleichsweise nüchtern ausfiel: Ein schwarzes Kästchen im Kunststoffgehäuse, das ich in meiner Hand hin und her wiegte und auf kaum drei Kilo schätzte. Das Loewe-Logo an der Front verriet, dass Design und Optik – wenn auch noch nicht zu 100 Prozent final – bereits weitestgehend der Serie entsprachen. Dann entdeckte ich die Rückseite: Strom, HDMI-Zugang, LAN-Ports, analoge Ein- und Ausgänge sowie „amtliche“ Lautsprecher-Terminals und – Tusch! – eine Reihe von Tastern, die mich sofort für die kleine Maschine begeisterten: „WPS“, „Pair“, „Mono“ und „Sub“ prangt auf den Schaltern, die so dezent eingebettet sind, dass man sie beinahe übersieht.

FIDELITY zu Gast bei Loewe

Damit lag das Konzept des Verstärkers offen und ich ließ mir die Eckpunkte im anschließenden Gespräch von Alfred Hassaoui bestätigen: Es handelt sich um eine potente Class-D-Endstufe – eigentlich sogar um einen regelbaren Vollverstärker – mit integriertem DAC und Streamer. Mir gefallen die beiden Durchschleifpunkte: Man kann analoge Cinch- und digitale LAN-Signale ohne großen Strippensalat oder Adapter an weitere Komponenten lotsen – und zwar vornehmlich an einen zweiten Loewe-Verstärker. Ein kleiner „Front/Rear“-Schalter verrät den beiden Spielpartnern ihren Einsatz im „bis zu 5.2“-Verbund, wobei der Fernseher oder eine Soundbar den Center übernehmen. Neben der Bluetooth-Verbindung kann via WPS-Tastendruck ein WiFi-Netzwerk eingerichtet werden. Das würde ich mir so unkompliziert (WPS spart die lästige Passwort-Tipperei) viel häufiger wünschen. Eine weitere Überraschung wartete bei den hochkarätig vergoldeten Lautsprecherklemmen: Die lassen sich herausziehen. So kann man blanke Kabellitzen in aller Ruhe in den Steckkontakten fixieren und anschließen wieder einstöpseln. Sollte man „ordentliche Konfektionsware“ bevorzugen, kann man Bananenhülsen auch ohne das Übergangsstück in den Verstärker stecken und spart sich die Bruchstelle. Von außen nicht sichtbar ist das erweiterte Gerätemenü, das via HDMI (die Schnittstelle ist bekanntlich bidirektional) auf dem Fernseher dargestellt wird. Über das „Steuerrad“ auf der Front oder die Fernbedienung kann man alle Details des Verstärkers regeln und auf eine erweiterte Klangregelung zugreifen.

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Zum 100sten Jubiläum gönnte sich der Hersteller eine ausführliche Dokumentation der Firmengeschichte.
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Der Band „Loewe. 100 Jahre Designgeschichte“ ist für rund 32 Euro im Handel erhältlich.

Eine Kleinigkeit ließe sich monieren: Die digital/analoge Konnektivität wirkt mit HDMI/Cinch etwas mager. Andererseits … was will man schon anschließen? Der Streamer ist bereits an Bord, und da bleibt – zumindest im Rahmen der angepeilten Zielgruppe – nur noch Fernseher oder Video-Medienspieler (PlayStation, AppleTV etc.). Das geht vollkommen in Ordnung. Die beiden verbliebenen Tasten geben dem Amp derweil das besondere Etwas: Dass man den Subwoofer auf Tastendruck deaktivieren kann, ist mehr als praktisch. Richtig genial finde ich den Mono-Schalter. Vorm geistigen Auge sehe ich schon, wie ich mit zwei dieser Amps Doppel-Mono-Konfigurationen durchprobiere. Warum bei Lautsprechern mit Bi-Amping-Terminal nicht gleich vier davon? Und hier liegt der nächste Hammer: Das wäre durchaus erreichbar, denn nach bisheriger Planung soll der Alleskönner „unter 1000 Euro“ liegen.

Hören konnten wir den „Kleinen“ leider nicht, denn der Prototyp ist noch in der Endabstimmung und Hassaoui wollte uns lieber keinen denn einen falschen Eindruck mitgeben. Loewe sei mit seinen „klang“-Lautsprechern und vor allem mit den neuen TV-Modellen so ausgelastet, dass die Arbeiten an Neuentwicklungen und das Jonglieren der Veröffentlichungstermine zur nervenzehrenden Geduldsprobe werden. Aktuell ist das Unternehmen dabei, seine Kapazitäten aufzustocken – denn abgesehen davon, dass man bei den eigentlichen Bildschirmen der Fernseher sowie bei diverser Mikroelektronik auf Zulieferer vertraut, ist nach wie vor alles „Made in Kronach“.

Sie ahnen es schon, an dieser Stelle sollte eigentlich der Test des kleinen Boliden stehen. Doch der lässt auch über die IFA hinaus auf sich warten. Die Bestellung für wenigstens zwei Testmuster ist jedoch platziert. Wir sind schon hinreichend ungeduldig, die Vollverstärker/Endstufen in die Finger zu bekommen. Alles Weitere folgt …

Museale Rezeption
FIDELITY zu Gast bei Loewe
Wir hatten noch Zeit für einen Abstecher zur Festung Rosenberg. Dort gastiert eine Sonderausstellung zur 100-jähringen Loewe-Geschichte mit vielen außergewöhnlichen Ausstellungsstücken.

Wie Sie vermutlich mitbekommen haben, fällt der jüngste Reigen an Loewe-Neuentwicklungen nicht einfach so vom Himmel. In diesem Jahr (2023) begeht das Unternehmen seinen 100sten Geburtstag. Nach unserem Besuch im firmeneigenen Showroom entführte uns Alfred Hassaoui auf die Festung Rosenberg, die als eine der letzten vollständig erhaltenen Zitadellen hoch über der historischen Altstadt thront. Dort läuft über das gesamte Jahr eine Sonderausstellung zur Firmengeschichte. Die zahlreichen Exponate wurden von ehemaligen Mitarbeitern und Liebhabern der Marke zusammengetragen – Loewe selbst besitzt aufgrund der bewegten Geschichte nur noch ein rudimentäres Produktarchiv.

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Begleitend zur Ausstellung verfasste Kilian Steiner eine ausführliche Dokumentation der Loewe-Geschichte, die man auszugsweise auf der Homepage findet oder in gedruckter Form im Museum kaufen kann. Dort lernt man, dass der Wiederaufbau der Marke nach dem zweiten Weltkrieg mehr als nur etwas Kreativität erforderte oder dass die Gründerfamilie Loewe bei ihren Reisen in die USA regelmäßig mit einem gewissen Herrn Einstein verkehrte. Außerdem ist minutiös recherchiert, welche Designer für welche Produkte verantwortlich waren – bekanntlich ein entscheidendes Argument für den Erfolg der Marke.


Loewe Technology

Industriestraße 11
96317 Kronach
Telefon +49 9261 99500

www.loewe.de

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