Art Blakey / MOPDtK
In den frühen 1950er Jahren trommelte er für Thelonious Monk, Miles Davis, Sonny Rollins, Dexter Gordon, Clifford Brown … Dann gründete er seine eigene Band, die Jazz Messengers, und leitete sie 40 Jahre lang.
Immer wieder wechselte er dabei die Musiker aus, ersetzte die, die sich bewährt hatten, durch Anfänger. „Ich bringe den Jungs bei, wie man spielt“, sagte Art Blakey. „Ich versuche immer, in meiner Band künftige Bandleader heranzubilden. Sie sollen wachsen und hinausgehen und mehr gute Jazzbands gründen. Dann nehme ich wieder Jüngere in meine Band. Das hält den Geist wach.“ Blakey, der Schlagzeuger, blieb bei den Jazz Messengers der Lehrmeister und Energiespender. Die große Vaterfigur. Später: die Großvaterfigur. Die jungen Talente, die er holte, waren meist erst Anfang 20. Viele heute berühmte Musiker machten ihre ersten professionellen Schritte bei Blakey: ein Lee Morgan, Freddie Hubbard, Wynton Marsalis … ein Wayne Shorter, Bobby Watson, Kenny Garrett …
Das Album A Night In Tunisia entstand im Sommer 1960. Kurz vorher hatte der Saxofonist Benny Golson die Band verlassen, nachdem er sie neu formiert und auf Erfolgskurs gebracht hatte – doch auf Dauer war bei den Messengers kein Platz für einen „zweiten Chef“. Golson wurde also durch Wayne Shorter ersetzt, der einige Jahre lang der künstlerische Leiter der Messengers sein sollte.
Bandleader Blakey war stolz auf seine jungen Mitspieler, präsentierte sie nicht nur als Solisten, sondern auch als Stückeschreiber. Shorter, der Saxofonist, immer um das Unkonventionelle bemüht, liefert ein schnelles Stück mit einem ungewöhnlichen 30-taktigen Chorus und widmet es Blakeys Frau („Sincerely Diana“). Der Pianist Bobby Timmons, ein Pionier des „straighten“ Soul-Jazz-Stils, schreibt das bluesig-gospelige „So Tired“ (mit swingender Bridge). Und Lee Morgan, der junge Trompeter, steuert das langsame, melodische „Yama“ bei (fast ein Blues, aber mit 13 Takten) und den schnellen „Kozo’s Waltz“. Lauter starke Kompositionen – auch wenn keine von ihnen zum Standard wurde. Der Journalist Scott Yanow nennt das Album den „künstlerischen Gipfelpunkt“ der Jazz Messengers.
Der Opener schließlich, das Titelstück – das ist „A Night In Tunisia“, und zwar halsbrecherisch schnell gespielt. Dizzy Gillespies großer Hit – ein wenig orientalisch, ein wenig afrokubanisch – bildete lange Zeit die Erkennungsnummer der Jazz Messengers. „Wir spielen es seit etwa fünf Jahren jeden Abend“, sagte Blakey. Schon 1954 hatte er das Stück im „Birdland“ aufgenommen, 1957 außerdem im Studio – auch dieses Album hieß bereits A Night In Tunisia. (Kurioserweise machte Blakey 1979 noch ein drittes Album, das diesen Titel trägt.) Das Arrangement von 1960 ist nicht viel anders als das von 1957. Wieder gibt es in diesem Stück zwei gewaltige Schlagzeugsoli mit Bassbegleitung, wozu die anderen Musiker noch Latin-Percussion beisteuern. Die kraftvollen Bläsersoli von Shorter und Morgan knistern vor Energie. Am Ende haben beide außerdem eine Solo-Coda – erst Morgan, dann Shorter. Bob Blumenthal nennt diese Einspielung „eine der bedeutendsten Versionen“ von A Night In Tunisia, die „je aufgenommen wurden“. Barbara Gardner spricht von einem „spektakulär feurigen polyrhythmischen Stimulans“.
„Smokin’“ – dampfend: So nennen die Jazzer eine derartig treibende, kochende Musik. Der Albumtitel Shamokin!!! scheint darauf anzuspielen – tatsächlich aber ist Shamokin eine Kleinstadt in Pennsylvania. Das nämlich ist einer der Gags, die sich die Band Mostly Other People Do the Killing (MOPDtK) auf ihrem Album von 2007 erlaubt: Alle Titel der eigenen Stücke spielen auf Orte in Pennsylvania an.
Dieses Quartett besitzt einfach einen sehr eigenen Humor. Der Begleittext zum Album parodiert zum Beispiel die üblichen Liner Notes auf Jazzplatten. Der Autor heißt – in Anspielung auf den legendären Leonard Feather – „Leonard Featherweight“. Einen „Uber-Jass“ verspricht der Text, nämlich „100 Jahre Jazzgeschichte mit jedem Bissen“. Richtig ist: Die vier Musiker beherrschen prächtig das fröhlich-satirische Spiel mit den Ausdrucksmitteln und Stilfacetten der Jazzgeschichte. „Handsome Eddy“ ist eine Art Hardbop-Boogaloo, „The Hop Bottom Hop“ ein Swing-Blues, „Dunkelbergers“ ein sanfter Samba. Die Rhythmen allerdings holpern genialisch, die Themen kombinieren Klischees, und die Bläser übertreiben und veralbern typische Phrasen und Stilmittel und führen die Stücke an die Grenze zum Free Jazz. Die vier Akteure seien, so heißt es in den Fake-Notes, „die Endprodukte der Jazzausbildung: übertrainierte Musiker, beeinflusst vom digitalen Zeitalter der sofortigen Verfügbarkeit“. Soll heißen: Jedes Ausdrucksmittel steht stets parat.
Auch die Albumcover von MOPDtK bedienen sich frech bei der Jazzgeschichte. Der Bezug zu Art Blakey? Das letzte Stück auf Shamokin!!! ist tatsächlich „A Night In Tunisia“, genauer gesagt: eine 21-minütige Parodie auf die Einspielung der Jazz Messengers. Die Schlagzeug-Einlagen sind wild-chaotisch, das Tempo ist noch schneller, und die beiden Coda-Teile der Bläsersolisten werden zu vielminütigen freien Soundexperimenten am Instrument – erst Jon Irabagon (Altsax), dann Peter Evans (Trompete). Das Album Shamokin!!!, so heißt es im Begleittext, habe „Bezüge zur Mehrheit aller Tonaufnahmen des letzten Jahrhunderts“.
Art Blakey & The Jazz Messengers: A Night In Tunisia (Blue Note, 1961)
Mostly Other People Do the Killing: Shamokin!!! (Hot Cup, 2007)




