Odeon Audio Orfeo
Bekanntermaßen versteht man unter Persistenz das Bestehenbleiben eines Zustandes über längere Zeit – was wunderbar zum Testprobanden passt, der bereits seit über 20 Jahren im Programm von Odeon Audio geführt wird und nun eine Überarbeitung erhielt.
Im westlichen Münsterland, genauer gesagt in Haltern am See, entstehen seit über drei Jahrzehnten außerordentliche Unikate in Form von Lautsprechern, die mit ihrem hölzernen Kugelwellenhorn sofort als Odeon-Audio-Konstruktionen zu erkennen sind. Entwicklung sowie Endmontage jedes Lautsprechers erfolgen in liebevoller Handarbeit in der Manufaktur vor Ort, womit eine gleichbleibende Qualität sichergestellt ist. Alle Zulieferfirmen produzieren in Europa – so stammen beispielsweise die Lautsprecherchassis aus Frankreich (Audax) und Dänemark (ScanSpeak). Allerdings nicht einfach „von der Stange“: Der Tiefmitteltöner wird auf Wunsch von Odeon Audio außerhalb der üblichen ScanSpeak-Serie gebaut. Alle verwendeten Bauteile/Materialien werden in verschiedenen Messvorgängen – plus anschließenden Hörsitzungen – eingehend überprüft, jedes Bauteil wird handselektiert und auf Gleichheit ausgemessen. Zudem werden vor der Montage die Systeme rund 24 Stunden lang eingespielt.

Die Orfeo ist in den mehr als 20 Jahren ihrer Produktion ein echter Klassiker des Herstellers geworden und nach wie vor enorm beliebt. „Spielfreude und klangliche Wiedergabequalitäten“ sind hierzu die passenden Stichworte. Nachdem es in den letzten Jahren deutliche Fortschritte/Neuerungen in der Chassistechnik gab, sah man auch bei der Orfeo eine Überarbeitung als sinnvoll, ja notwendig an. Das Gehäuse wird von einer Tischlerei in der Nähe des Lautsprecherherstellers aus 16 Millimeter starkem Birkenmultiplex gefertigt. Odeon-Audio-Mastermind Axel Gersdorff berichtete uns, dass die Entwicklung der neuen Orfeo unzählige Prototypen aus unterschiedlichen Materialien durchlaufen habe, wobei sich schlussendlich Birke-Multiplex als das klanglich beste Holzmaterial herausstellte. Das Erkennungsmerkmal aller Odeon-Audio-Lautsprecher ist das aus unzähligen Schichten eines Birkensperrholzblockes herausgearbeitete Kugelwellenhorn. Es ist konstruktionsbedingt akustisch tot und stabilisiert aufgrund seiner rigiden Bauart zusätzlich die Frontplatte des Lautsprechers.

Eine weitere Besonderheit ist ab sofort ein Paarpreis von 3600 Euro – unabhängig davon, welches der offerierten Furniere vom Kunden gewählt wird. Das ist eine Ansage an alle Aufpreisphilosophen – und ich finde so etwas herrlich konsequent! Der Kunde kann aus einer Vielzahl von Furnieren wählen, und nach Auftragsvergabe wird gefertigt – „custom-made“, wie man heute zu sagen pflegt. Odeon Audio hat Zugriff auf eines der größten Furnierlager Europas und verwendet nur handverlesene Furniere. Auf die Herkunft wird penibel geachtet und konsequent auf unter Schutz stehende Tropenhölzer verzichtet. Unser Testmodell besitzt ein (nicht geschütztes) Rosenholzfurnier in allerfeinster Verarbeitung. Nun, eine erstklassige Verarbeitung habe ich auch erwartet.

Werfen wir einen Blick auf die in der aktuellen Orfeo-Version verwendeten Chassis. Gleich hinter dem Kugelwellenhorn sitzt jetzt eine 25-Millimeter-Kalotte (ohne Ferrofluid) aus dem Hause Audax; der 18-Zentimeter-Tiefmitteltöner von ScanSpeak verfügt über eine unbeschichtete Membranoberfläche aus Papier, die von einer Gummisicke umrahmt ist. Auf der Rückseite unten ist ein horizontal verlaufender schmaler Reflexausgang zu entdecken, der die Basswiedergabe (angegeben ist eine untere Grenzfrequenz von 39 Hz) unterstützt. Darüber findet sich ein Single-Wiring-Anschluss für das Lautsprecherkabel. Um (intern) kürzeste Kabelwege zu gewährleisten, wurde die Frequenzweiche direkt dahinter eingebaut. Bei ihr kommen identische sowie auf ihre Werte abgeglichene Teile zum Einsatz. Auch bei der internen Verkabelung achtet Odeon Audio auf Details und verwendet nur Kupferkabel mit einem sehr hohen Reinheitsgrad. Der Blick auf die technischen Daten erfreut sogleich jeden Röhrenliebhaber, denn der Wirkungsgrad von 91 Dezibel (2,83 V/1 m) bei 6 Ohm spricht für die Tauglichkeit des Lautsprechers zum Einsatz an einem Röhrenverstärker. Ein schneidiger EL34- oder KT88-Typ ist hier der Tipp meinerseits. Im Test treibt ein Audiomat Adagio am 8-Ohm-Ausgang die Orfeo an, und die beiden haben sich auf Anhieb bestens verstanden – deutschfranzösische Freundschaft mal anders.

Am selben Tag wie die Lautsprecher erreichte mich auch der neueste Tonträger von Torsten Goods (Soul Deep) und landete sogleich im CD-Player. Wenn bei dieser Scheibe ein Zuhörer ohne jedwede emotionale Reaktion bleibt, sollte der Arzt des Vertrauens konsultiert werden … Großes Orchester mit viel Gebläse, lässig gespielte Gitarre, ein wunderbar definierter Gesang – hier ist so richtig was los! Obwohl die Lautsprecher beim Hersteller bereits einen 24-stündigen Probelauf absolvierten, sind sie damit noch lange nicht wirklich eingespielt. Besonders die Hochtonkalotte benötigt viele Stunden, bis sie richtig „locker in der Hüfte“ wird. Was der Lautsprecher allerdings gleich von Anfang an geradezu auffallend an den Tag legt, ist eine offene, energetisch spannende und artefaktfreie Spielfreude. Das trifft man bei kleinen Lautsprecherkonstruktionen in dieser Form eher selten an.
Die Orfeo passt sich mit ihren kompakten Maßen gut in meinen Hörraum ein. Ich sitze im 40 Quadratmeter großen Raum in einem gleichschenkligen Stereodreieck (drei Meter auf drei Meter, die Boxen auf meine Ohren eingewinkelt, die auf bleisandgefüllten Lautsprecherständern von Liedtke-Metalldesign bestens platziert sind), der Abstand zur rückwärtigen Raumwand beträgt rund 60 Zentimeter.

Zeitsprung – die Orfeo hat inzwischen gut zwei Wochen mit einer Einbrenn-CD (an einem Halbleiterverstärker) Signale erhalten, und nun geht es ans konkrete Hören. Soul Deep kommt wieder als Erstes in den CD-Player, und siehe da, der erste Eindruck der lässig-leichten musikalischen Wiedergabe wird nun mit einer wunderbar weiträumigen Darstellung und sehr gut definierter Positionierung der Musiker präsentiert – bravo! Es läuft gerade „Revelation“ vom genannten Album. Harte Schlagzeugtöne, lebhafte Gitarrenklänge, mit dem E-Piano im Hintergrund – alles gut. Ein wahrlich cooler Titel, und ebenso lässig trägt ihn die Orfeo vor. Gänsehaut? Ja, mehrmals! Was ist nun aber mit dem für kompakte Speaker schwierigen Bassbereich? Kann das 18-Zentimeter-Chassis der Orfeo hier den verwöhnten Rezensenten überzeugen? Erstaunlicherweise ist dieser Siebenzöller hier richtig potent und in einem kleinen Raum mit Sicherheit völlig ausreichend. Nachvollziehbar echt (also ohne künstliches Aufblähen) gibt er die Töne wieder. Besonders positiv ist die Fähigkeit dieses Chassis, bruchlos alles bis in die Mitten überaus korrekt darzustellen. Über alles finde ich dieses 18-Zentimeter-ScanSpeak-Chassis in Verbindung mit der wirklich tollen Audaxkalotte in der Orfeo richtig gut abgestimmt.
Beispiel: Ich höre Malia mit Boris Blank auf Convergence. Der Yello-Künstler ist bekannt für satte und weite Klänge, und der aktuelle Titel „Fever“ ist eine Herausforderung für jede Stereoanlage – hier überhaupt kein Problem. Die britisch-malawische Sängerin präsentiert diesen Elektro-Soul mit ihrer ausdrucksstarken Stimme (die mich an Jazz und Blues erinnert) in einer ganz außergewöhnlichen Mixtur. Und „außergewöhnlich“ ist sogleich das Stichwort zum Auftritt der kompakten Orfeo, denn sie setzt sich mit ihrer mühelosen Klangwiedergabefähigkeit von vielen Mitbewerbern dieser Größe deutlich ab. Gerade dreht sich im digitalen Zulieferer die CD The Clarinet As Prima Donna: Musik von Carl Maria von Weber mit Roeland Hendrikx an der Klarinette, begleitet vom Staatsorchester der Rheinischen Philharmonie unter der Leitung von Michel Tilkin. Wie angesichts des Titels schon zu vermuten ist, gelingt es dem Komponisten, die Klarinette in eine Operndiva zu verwandeln, indem er sie singen, weinen, sprechen und über alles brillieren lässt. Richtig viel Musik liegt da in der Luft … und was macht die kleine Orfeo daraus? Nun, sie setzt die Signale pfeilschnell um und erzeugt ein authentisches Klangbild im Raum. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht, und der Kopf bezeugt durch sein Nicken die Zustimmung zu dem hier gerade Vorgetragenen. „So elegant und unangestrengt ist das, belebt und artikulationssicher – die Rheinische Philharmonie begleitet herzhaft“, schrieb vor einigen Jahren ein Rezensent über den zuletzt erwähnten Tonträger – und wenn ich jetzt diese Aussage auf den getesteten Lautsprecher übertrage, dann kann man die klanglichen Qualitäten der Odeon Audio Orfeo wohl kaum besser beschreiben – Chapeau!
Info
Lautsprecher Odeon Audio Orfeo
Konzept: passiver 2-Wege-Kompaktlautsprecher mit Bassreflexgehäuse und Hochtonhorn
Wiedergabebereich: 39 Hz bis 21 kHz
Wirkungsgrad (@6 Ω): 91 dB
Übernahmefrequenz: 2,2 kHz
Maße (B/H/T): 22/42/33 cm
Gewicht: 10 kg
Garantiezeit: 5 Jahre
Paarpreis: um 3600 €
Kontakt
Odeon Audio, Axel Gersdorff
An der Ziegelei 16
45721 Haltern am See
Telefon +49 2364 506377
info@odeon-audio.com
















