Metal-Jazz
Latin-Jazz, Rock-Jazz, Gypsy-Jazz … Gab’s alles schon im letzten Jahrhundert. Doch seit einigen Jahren macht sich eine neue Stilart breit, die Jazz mit Heavy-Metal-Elementen auffrischt. Ideal für Hörer ohne Scheuklappen.
Jazz ist ein Krake. Schon in seinen Anfängen um 1915 in New Orleans war Jazz ein multikultureller Mix aus afrikanischen, europäischen, lateinamerikanischen Elementen. Und Jazz hat nie aufgehört, musikalische Anregungen von außen in sich einzusaugen, woher immer sie kommen mochten. Afrokubanische Rhythmen wie Mambo, Rumba, Bolero. Klassische Formen wie Kanon und Fuge. Afroamerikanische Dance-Spielarten wie Calypso, Soul, Funk. Modale Praktiken aus Indien, Westafrika, Arabien. Pop-Trends wie Rock, Punk, Hip-Hop, Techno, Elektronik. Folk-Traditionen wie Flamenco, Balkanrhythmen, Gypsymusik. Selbst Renaissance-Hymnen und Broken Beats finden Platz im großen Jazz-Konglomerat. Und die Palette der Stilmittel wächst weiter.
Es war um 1980, als der Hardrock zum Heavy Metal wurde – auch wenn sich der Begriff dafür erst später durchsetzte. Heute sind Metal- und Progmetal-Elemente – heftige Gitarrenriffs, donnerndes Schlagzeug – längst im Mainstream angekommen. Man hört sie als Versatzstückchen in der Filmmusik, beim Eurovision Song Contest, in der Fernsehwerbung, selbst in der zeitgenössischen Klassik. Wenn allerdings der Krake namens Jazz seine Fangarme Richtung Heavy Metal ausfährt, bleibt es nicht bei oberflächlichen Versatzstückchen. Die Metal-Jazz-Melange kommt wie eine Art „New Fusion“ über uns. Viele Bands handhaben den Kontrast zwischen Jazz und Metal heute spielerisch. In Frankreich etwa OZMA oder Mowgli, hierzulande Edi Nulz, Hello Truffle, Kuhn Fu, Malstrom oder Phalanx.
Ein grandioser Pionier des Metal-Jazz (oder Jazz-Metal) ist der Gitarrist Jan Zehrfeld (Jg. 1977). Er lernte einst die E-Gitarre, um Metal zu spielen, landete später im Bundes-Jugendjazzorchester („Ich bin halt mehr dieser Kopftyp“) und hat sich bis heute nicht klar zwischen den Genres entschieden. Die Musik seiner Formation Panzerballett ist eine hochvirtuose Vermengung von Math-Metal und Highspeed-Jazz, gespickt mit vertrackten Metren und wilden Stilbrüchen. Einige der Alben erschienen auf einem Jazzlabel (ACT), andere auf einem Progrocklabel (Gentle Art Of Music). Auch 20 Jahre nach dem Debütalbum (2005) hat sich die Faszination dieser supernerdigen und hochnervösen Extremästhetik nicht verbraucht. Das aktuelle Album Übercode Oeuvre (Panzerballett HCD-PB01) featurt erneut einige der besten Schlagzeuger der Progmetal-Szene (Virgil Donati, Marco Minnemann, Morgan Ågren u. a.). Auch die Serie „krasser“ Adaptionen von Pop-, Jazz- und Klassik-Themen findet ihre Fortsetzung, diesmal mit Stücken von Beethoven und Ligeti. Bitte anschnallen!
Dem Amerikaner Nathan Parker Smith gelang 2014 die Übersetzung von Metal-Jazz ins Bigband-Format. Zu seinem „Large Ensemble“ auf dem Album Not Dark Yet (bjurecords BJUR 048) gehören nicht weniger als 13 Bläser – und natürlich ein E-Gitarrist (Kenji Shinagawa). Dunkel und heftig pochen hier die Riffs, brutal und laut tönen die Themen, die Beats dröhnen unheilvoll, Gegenriffs rocken irritierend dazwischen, und manchmal entwickelt sich ein schicksalsschwerer polyrhythmischer Flow.
Die massiven Schocknummern des Orchesters tragen teilweise schaurige Death-Metal-Titel wie „Dark Matter“, „Creature Rebellion“, „Build And Destroy“ oder „Monsters“ – sie dauern durchschnittlich nur kompakte drei Minuten. Die Presse spricht von „einer konzentrierten, hochwirksamen Dosis donnernder Jazz-Metal-Power“ und der „weltweit einzigen Heavy-Metal-Bläserband“.
Eine wieder andere Mixtur aus Metal und Jazz bietet das Quintett Tribe. Seine Heftigkeit kommt nicht nur aus Andreas Wahls komplexen Progmetal-Gitarrenriffs, sondern auch aus den Hip-Hop- und Punk-inspirierten Beats von Bernd Oeszevim. Wuchtig tobt hier der Schlagzeug-Groove, die E-Gitarre platziert verwinkelte Heavy-Motive, und darüber dröhnt der dreistimmige Bläsersatz aus Trompete, Altsax und Posaune. Auf dem Debütalbum Stop And Frisk (Jazzsick 5140 JS) wird Riff gegen Riff gesetzt, polyphon verzahnen sich Bläser und Gitarre, der Drummer sorgt für komplexe Power, und feinnervig-virtuose Intermezzi bilden zu alledem einen wirkungsvollen Kontrast.
In den sagenhaften Improvisationen explodiert dann die Jazzfantasie: Trompete mit Schlagzeug, Saxofon mit Gitarre, Gitarre mit Schlagzeug, Saxofon mit Posaune. Ein Kritiker sieht in der Band die „enfants terribles“ des Jazz und fragt: „Prog-Bop? Heavy-Jazz?“ Jedenfalls „nichts für Sanftmütige“ (Kulturnews).
Übercode Oeuvre auf panzerballett.de
Tribe – Stop & Frisk auf JazzSick





