A-Musik, Köln – Im Dienste der Musik
Seit 30 Jahren betreiben Georg Odijk und seine Mitstreiter einen weit über Köln hinaus bekannten Plattenladen, der unabhängig von Genres oder einem speziellen Medium Musik in ihrer besonderen und nicht alltäglichen Art feiert: A-Musik.
Es gibt Straßennamen, die brennen sich ins Gedächtnis – und man findet sie selbst Jahre später wieder, auch wenn man längst nicht mehr dort gewesen ist. Einer davon ist der Kleine Griechenmarkt in Köln. Eine Straße, die trotz ihres Namens so gar nicht nach Marktplatz aussieht, sondern bis heute einen gewissen Vorstadtcharme der 1950er Jahre ausstrahlt, auch wenn sie in der zentralen City liegt. Das hat seinen Grund: Die historische Altstadtbebauung – einschließlich des Wohnhauses von Jacques Offenbach – wurde im Zweiten Weltkrieg komplett zerstört. Heute prägt ein Nachkriegsviertel das Bild, unscheinbar im Verhältnis der es umgebenden großen Plätze. Doch genau hier, zwischen Kiosken und Cafés, liegt ein Plattenladen, der für eine spezielle Musikszene längst Legende ist: A-Musik.
Ein Laden mit biografischen Verwebungen
Die Anfänge von A-Musik klingen wie eine Szene aus einem nerdigen Coming-of-Age-Film der 1990er Jahre. Ein paar musikverrückte Gymnasiasten stellten fest, dass Schallplatten günstiger wurden, wenn man nicht drei, sondern mindestens fünf Exemplare derselben LP bestellte. Aus dieser simplen Ökonomie heraus entwickelte sich ein Geschäftsmodell, das 1995 offiziell in die Gründung des Plattenladens mündete. Dieses Jahr feiert A-Musik eigentlich 30-jähriges Jubiläum – doch weil Corona die Feier zum 25. verdrängte, haben Georg Odijk und seine Mitstreiter Frank Dommert und Wolfgang Brauneis entschieden, stattdessen 2028 groß zu feiern. Und zwar stilecht zum 33. Geburtstag: eine augenzwinkernde Hommage an die 33 rpm, die Standardgeschwindigkeit der Vinyl-LP.
Bereits in die Anfangszeit fällt auch die Kooperation mit dem Sonig-Label, das maßgeblich den legendären „Sound of Cologne“ geprägt hat, jene frühen eigenständigen Electrobeats made in Germany mit Mouse on Mars oder Schlammpeitziger. Das ein oder andere zeitgeistige Plakat an den Ladenwänden lässt den Kunden noch die aufregende Aufbruchsstimmung jener Jahre erahnen. Überhaupt merkt man sehr schnell beim Durchstöbern der Regale, dass aufregende Musik keine Frage des Alters und der Entstehungszeit, sondern einzig und allein der künstlerischen Haltung ist. Hier geht es nicht um Massenware, sondern um das „Schräge“ jenseits des Mainstreams. Die Regale sind voll mit experimenteller Musik – klassische Avantgarde, Free Jazz, Drone, improvisierte Elektronik oder auch kunstvoll verdrehte Pop-Entwürfe. Dazu auch viele Produktionen aus dem fernöstlichen Raum. Doch so speziell das Programm sein mag, so wenig elitär gibt man sich. Auf die Frage nach Bryan Adams oder Madonna reagiert man nicht mit einem spöttischen Lächeln, sondern verweist freundlich auf Kisten, in denen auch Mainstream zu finden ist. Selbst Wünsche von Swifties nach exklusiven Record-Store-Day-Editionen werden selbstredend entgegengenommen.
Nichts ist unmöglich – Alle Tücken der Repertoirebestellung werden gemeistert
In unserem Gespräch kommen wir schnell auf Probleme der Bestellmöglichkeiten und der Repertoirebeschaffung, die sich bei kleinen Labels natürlich anders gestaltet als bei Scheiben aus dem Hause der Universal Music Group. Dass Bestellungen aus Nischengenres heute schwieriger geworden sind, liegt weniger an der Nachfrage als an den veränderten ökonomischen Umständen. Gestiegene Versandkosten, neue Zölle und explodierende Vinylpreise machen Kunden wie Betreibern das Leben schwer. Immer öfter entscheidet der Geldbeutel, ob es Vinyl oder CD wird. Und während auf den ersten Blick die langen Plattenregale im Laden dominieren, zeigt sich jedoch beim zweiten Blick: A-Musik ist kein Dogmatiker des schwarzen Goldes. CDs spielen hier nach wie vor eine wichtige Rolle. Etwa mit dem riesigen Back-Katalog des US-Labels Mode Records, das mit seinen Veröffentlichungen zu John Cage oder Morton Feldman als Maßstab der amerikanischen Avantgarde gilt. Solche Raritäten sind über herkömmliche Händler kaum zu bekommen.
Gleichzeitig ist auch hier zu beobachten, dass die Globalisierung teilweise auf dem Rückzug ist: Labels wie das legendäre New Yorker Underground-Unternehmen Tzadik exportieren große CD-Boxen wie etwa John Zorns Bagatelles gar nicht mehr nach Europa, einfache CDs nur noch in Kleinstauflagen. Trotz aller Schwierigkeiten beim Import muss sich Georg Odijk keine Sorgen machen, auf dem Trockenen zu sitzen. Bewährte Zulieferer, internationale Kontakte und Mailinglisten sorgen für Nachschub. Dazu kommen immer wieder Veröffentlichungen der lokalen Kölner Szene, die hier zum Teil exklusiv erhältlich sind. Und das Secondhand-Geschäft floriert ohnehin. Kurz vor Feierabend entführt mich Georg Odijk noch in sein Lager – ein Archiv voller klassischer Avantgarde und experimentellem Underground, von Paul Hindemith bis John Zorn, von Frank Zappa bis zur Tödlichen Doris. Wer hier einmal abtaucht, vergisst leicht die Zeit. Ein Paradies aus Vinyl und CDs, so dicht und verführerisch, dass man glatt dort für mehrere Wochen eingesperrt werden möchte.
Das eigentlich Sympathische an A-Musik ist genau diese Offenheit. Nicht das Medium steht im Vordergrund, sondern die Musik – in all ihren Formen. Neben Platten und CDs finden sich auch Musikbücher und eine schillernde Auswahl an Magazinen, die in liebevoll-nerdigen Layouts und Formaten noch die abseitigsten Sub-Genres abdecken. Wo sonst, wenn nicht hier, sollten diese Nischenprodukte ihren Platz haben? Das Publikum ist entsprechend neugierig, offen und alles andere als berührungsängstlich gegenüber Skurrilitäten.
So ist A-Musik heute weit mehr als nur ein Plattenladen: ein Knotenpunkt der internationalen Avantgarde, ein Rückzugsort für Musikliebhaber und ein Stück lebendige Subkultur mitten in Köln. Unscheinbar von außen, entfaltet sich hier ein Klanguniversum, das weit über die Stadt hinausstrahlt. Und wer es nicht nach Köln schafft, der sollte wenigstens die vorzügliche Homepage mit Bestellmöglichkeiten, Labelinformationen und aktuellen Neuheiten besuchen. Aber Vorsicht: Teile des Repertoires könnten Sie verunsichern oder nachhaltig Ihren Musikgeschmack verändern. Und das ist auch gut so!
Info
A-Musik
Kleiner Griechenmarkt 28–30
50676 Köln
Telefon +49 221 5107591
Öffnungszeiten
Dienstag bis Freitag 14–18 Uhr
Samstag 12–16 Uhr





















