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SACD Corner

SACD Corner

Musik mit Raum und Tiefe

SACD Corner

Sechs audiophile Referenzaufnahmen im Hybrid-SACD-Format.

Das etablierte Vinyl Corner macht in dieser FIDELITY-Ausgabe Pause. Zur Vorstellung des neuen SACD Players von Audia Flight wird die Bühne frei für einen Formatwechsel: Willkommen im SACD Corner.

Schließlich braucht selbst der beste Player standesgemäßes Futter. Und das gibt es: Sechs von uns kuratierte Hybrid-SACDs zeigen, dass dieses Medium alles andere als ein nostalgischer Anachronismus ist. Es geht hier nicht um Retro-Charme, sondern um klangliche Substanz – um Musik, die nicht neu verpackt, sondern in ihrer ursprünglichen Tiefe erfahrbar gemacht wird.

Ein idealer Einstieg ist The Reiner Sound mit Fritz Reiner und dem Chicago Symphony Orchestra (Analogue Productions). Diese Aufnahmen gelten ohnehin als Klassiker des audiophilen Sounds.

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Die Einspielungen von Ravel und Rachmaninow sind nicht nur orchestrale Meisterleistungen – sie zeigen auch, wie ein Klangbild funktioniert, das nicht zu gefallen versucht, sondern zu überzeugen. Besonders in den ruhigeren Passagen entsteht eine Spannung, die durch nichts zugedeckt wird. Zwischen den Instrumentengruppen bleibt Raum, die feine Abstimmung wird spürbar, ohne auftrumpfen zu müssen. Eine SACD, die aber auch zeigt, wie Dynamiksprünge ohne Kompression funktionieren – und genau das macht ihren Reiz aus. Diese SACD ist nicht zu verwechseln mit der früheren SACD-Veröffentlichung durch die Bertelsmann Music Group. Die Aufnahmen der neuen RCA-Serie wurden von Ryan Smith neu remastert; der Stereomix wurde aus den originalen Dreikanal-Aufnahmen erstellt. Weiter geht’s mit großer Geste, aber ebenso viel Feingefühl: Leonard Bernsteins späte Aufnahme von Beethovens Neunter mit den Wiener Philharmonikern (Esoteric) ist ein Beispiel dafür, wie sich emotionale Tiefe und klangliche Transparenz nicht ausschließen.

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Im Gegensatz zu Karajans späten Aufnahmen setzt Lenny mehr auf einen blockhaften und weniger auf einen verschmelzenden Klang der Instrumente untereinander. Die SACD-Umsetzung legt den Fokus genau auf diese musikalische Architektur – von den fein ausbalancierten Streichern bis zur natürlichen Einbindung des Chors im Finale. Alles klingt wie aus einem Guss, aber nie überzeichnet. Kein Spektakel, sondern eine ehrliche, atmende Interpretation, die sich Zeit nimmt – und genau deshalb wirkt.

Ein Genrewechsel bringt uns in die intimen Räume des Jazz. Somethin’ Else von Cannonball Adderley (MFSL) lebt von der Nähe der Musiker zueinander – und die überträgt sich hier unmittelbar auf den Hörer. Die Aufnahme wirkt auf der SACD fast dokumentarisch: das trockene, unaufdringliche Spiel von Miles Davis, die elegante Zurückhaltung von Hank Jones am Klavier, das gestraffte Zusammenspiel aller Beteiligten.

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Nichts wirkt gepusht, alles bleibt in Balance. Da muss sich auch eine Vinyl-Ausgabe aus den 1960ern verdammt anstrengen, um dieses Resultat zu erreichen. Die Transparenz ist kein Effekt, sondern Ausdruck musikalischer Authentizität. Auch wenn Somethin’ Else in einer Vielzahl unterschiedlicher Reissues vorliegt, diese Ausgabe ist auf jeden Fall eine sinnvolle Ergänzung des womöglich bereits vorhandenen heimischen Bestands. Miles Davis’ Birth Of The Blue (Analogue Productions) ist eine kleine Sensation – nicht weil es Neues erfindet, sondern weil es längst Bekanntes endlich richtig ins Licht rückt.

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Die vier Tracks stammen aus denselben legendären Studiosessions von 1958, bei denen Miles Davis gemeinsam mit Bill Evans, John Coltrane, Cannonball Adderley, Paul Chambers und Jimmy Cobb im Columbia 30th Street Studio spielte – kurz bevor Kind Of Blue entstand. Dieses Material galt lange als zu kurz für ein Album und verschwand über Jahrzehnte in halbherzigen Kompilationen. Jetzt liegt es erstmals klanglich ernst genommen und zusammenhängend vor – und zeigt: Hier beginnt das, was wenige Monate später Jazzgeschichte schreiben sollte. Die SACD bietet keine nachträgliche Glättung, sondern lässt Raum für das, was diese Aufnahmen ausmacht: die spontane Energie und die melodische Offenheit. Der Sound ist direkt, unprätentiös, dabei voller feiner Details – man hört das Studio, den Raum, das Atmen der Musiker.

Foreigner – 4 (Analogue Productions) bleibt in dieser Runde der einzige Mainstream-Rocktitel. Hier zeigt die SACD, was im Unterschied zu vielen gängigen Streamingversionen möglich ist: Druckvolle Rockproduktion ohne Klangverzerrung.

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Songs wie „Urgent“ oder „Juke Box Hero“ klingen nicht breiter, sondern fokussierter. Die Gitarren behalten ihre Kante, die Synths wirken tief und nicht nachträglich aufgepumpt. Vor allem das Schlagzeug drückt nicht so penetrant im Bereich des Oberbasses wie in der aktuellen 2025-Remix-Version. Statt überhöhter Lautheit gibt es hier Struktur, Luft und Punch – ohne Kompressionseinheitsbrei; eine Aufnahme für eine echte High-End-Anlage und nicht für den iPhone-Lautsprecher. Dass Präzision auch ganz ohne (digitale) Härte auskommen kann, beweist The Royal Scam von Steely Dan (Analogue Productions). Schon immer als audiophiler Meilenstein gehandelt, zeigt die SACD-Version, warum diese Produktion bis heute als Referenz gilt.

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Es geht nicht um spektakuläre Effekte, sondern um handwerkliche Sorgfalt: Jede Percussion sitzt, jede Bläserlinie ist klar umrissen, alles wirkt durchdacht, aber nie steril. Vor allem im Vergleich zu digitalen Neuauflagen fällt auf, wie wenig diese Aufnahme Klangkosmetik nötig hat. Wer die originale Vinyl-Erstpressung nicht besitzt, findet hier eine absolut ebenbürtige Alternative – nur ohne Knacksen.

Diese sechs Titel zeigen, dass SACDs weit mehr sind als Sammlerobjekte für Technikromantiker. Sie eröffnen ein Hörerlebnis, das vielen Streamingformaten schlicht fehlt: mit Raum, mit Tiefe, mit klanglicher Zurückhaltung statt Dauerpräsenz. Musik, die nicht schreit, sondern spricht – und zwar so, wie sie ursprünglich gemeint war. Hier liegen alle produktionstechnischen Details offen und lassen den Hörer nicht darüber im Unklaren, was sie da eigentlich genau hören. Zum Schluss noch ein praktischer Hinweis: Alle hier vorgestellten Alben sind Hybrid-SACDs – sie lassen sich also auch auf ganz normalen CD-Playern abspielen. Natürlich fehlt dann der charakteristische Zauber der hochauflösenden SACD-Schicht, doch selbst im CD-Layer überzeugen diese Ausgaben: dank der liebevollen Restauration, der klaren Quellenlage und der bewussten Entscheidung, das Originalmaterial nicht künstlich aufzupolieren.

Die angezeigten Preise sind gültig zum Zeitpunkt der Evaluierung. Abweichungen hierzu sind möglich.