Boulder 866 Vollverstärker

Boulder 866 Vollverstärker im Test

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Boulder 866 – Eins zu eins

Ehrlich durchgereichte Signale – das versprechen uns viele Hersteller. Boulder kommt diesem hehren Ziel mit dem 866 verblüffend nahe. Und zeigt nebenbei, wie eine smarte Stereoanlage auszusehen hat.

Boulder 866 Vollverstärker
Das Display des 866 könnte als veritabler Kleinfernseher durchgehen. Wer den Bildschirm herrlich farbenfroh erleben möchte, kann Fotos oder Symbole der angeschlossenen Komponenten hinterlegen – man könnte das auch „Eingangsbeschriftung für Erwachsene“ nennen. Oder man nutzt den Streamer: Die riesige Coverdarstellung lässt die Glückshormone nur so sprudeln.

Smart Home. Ein Begriff, der derzeit in aller Munde ist und auch in den HiFi-Publikationen immer weiter in den Vordergrund rückt. Vernetzung ist angesagt, der Lautsprecher soll idealerweise mit drei Wischern auf dem Tablet an die Wohnsituation angepasst werden können und der Verstärker dem Nutzer auf dem Rückweg von der Arbeit per Nachricht mitteilen, dass die zum Musikhören optimale Betriebstemperatur nunmehr erreicht sei. Alles schön und gut, solche Details können den Umgang mit Unterhaltungselektronik durchaus erleichtern. Dass uns diese Gimmicks näher zur Musik gebracht haben, wage ich hingegen zu bezweifeln. Denn nichts kann die intensive Beschäftigung mit einer Sache so sehr verbessern, wie sich noch mehr mit ihr zu beschäftigen. Und so hübsch die ganzen Vernetzungen, Suchhilfen und Playlisten-Vorschläge einer Musik-App auch sein mögen – solche Algorithmen kommen nie auch nur ansatzweise an eine manuelle Suche durch CD- oder Plattenregale heran. Bisher empfand ich die Hörvorschläge solcher Apps als geradezu beleidigend banal und uninspiriert.

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Boulder 866 Vollverstärker
Der Boulder 866 präsentiert sich als elegant schlichte Schönheit.

Der Boulder 866 kann auch eine Menge dieser Dinge, ist in der neuesten Version gar „Roon ready“. Diese Spielereien sollten aber nicht den Blick auf das Wesentliche verdecken: Der Boulder 866 ist vor allem anderen ein grandioser Verstärker. Zudem einer, der sich selbst vor den meisten Kombinationen aus Vor- und Endverstärkern nicht verstecken muss. Und wenn doch, dann sprechen wir über deutlich andere finanzielle Regionen. Platzgewinn im Wohnzimmer ohne klangliche Reue – das ist für mich greifbares Smart Home!

Klar, Boulder kennt man, wenn man im Thema steckt. Allzu oft kommen einem diese sündteuren Geräte allerdings nicht vor die Ohren. Ich hatte in den zwanzig Jahren, in denen ich nunmehr über HiFi schreibe, noch nicht das Glück, mich mit einem dieser Fabelwesen intensiver beschäftigen zu dürfen. Nun also ein Vollverstärker, das neue Modell 866, das den Vorgänger 865 nach über zehn Jahren Bauzeit ablöst. Allein diese Produktzyklen beruhigen die Seele des rastlosen Highenders. Während der 865 noch recht konventionell daherkam, zeigt sich der 866 ungleich anschlussfreudiger, der (gegen einen verhältnismäßig moderaten Aufpreis) integrierte D/A-Wandler verarbeitet alles bis hin zu DSD. Festplatten, Stick und Netzwerkplatten lassen sich mit ihm verbinden, diverse Steuerapps stehen zur Verfügung, und nun ist er auch – ich schrieb es bereits – bereit für Roon.

Boulder 866 Vollverstärker
Schlank, aber nicht karg: Die drei Analogeingänge spiegeln den symmetrischen Doppel-Mono-Aufbau des Verstärkers. Mittig, etwas von der Signalverarbeitung abgesetzt, liegt die Digitalfraktion mit ausreichend USB, zwei S/PDIF-Eingängen (XLR/optisch) sowie LAN. Wer genau hinschaut hat längst bemerkt: der 866 ist WLAN-freie Zone.

Auffällig ist das große Touchdisplay, das die Front des Verstärkers dominiert. Ansonsten finden sich dort nur noch vier kleine Taster: Standby, lauter, leiser, Mute. Mir persönlich gefällt ein konventioneller Drehknopf besser, aber auch da gehen die Geschmäcker auseinander. Im Display lassen sich alle Einstellungen des Verstärkers vornehmen, auch die digitalen Verbindungen werden hier verwaltet. Sämtliche Eingänge dürfen individuell benannt werden, und echte Spielkinder können den einzelnen Kanälen sogar via USB importierte Fotos zuordnen.

An sich eine ziemlich freundliche und übersichtliche Lösung, leider sind die Reaktionszeiten des Displays ziemlich hoch, wodurch der Spaß an der Sache wieder etwas geschmälert wird. Über das kinderleicht mittels QR-Code auf dem Display verbundene Tablet lässt es sich deutlich zügiger navigieren. Aus dem Grunde beließ man es auch bei einer relativ günstigen Fernbedienung aus Kunststoff. Die meisten Kunden haben sowieso das Tablet zur Hand.

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Boulder 866 Vollverstärker
Pickepackevoll und doch aufgeräumt.

Auf der Rückseite des 866 geht es ebenfalls aufgeräumt zur Sache: je Kanal ein Paar Lautsprecheranschlüsse, die nur Gabeln akzeptieren, ein paar symmetrische Eingänge, Netzwerk- und USB-Buchsen – fertig. Boulder gibt sich hier – wie auch in anderen Punkten – ziemlich konsequent. Symmetrische Signalverarbeitung sieht man als die grundsätzlich überlegene Variante an, daher lässt man von zweitbesten Lösungen schlicht die Finger und spart sich Cinchbuchsen komplett. Die extravaganten Kühlrippen an den seitlichen Wangen des Verstärkers sollen übrigens kein Design-Gimmick sein, sondern sind das Ergebnis längerer Berechnungen mit dem Ziel, sowohl größte Resonanzarmut als auch Wärme ableitende Oberfläche unter einen Hut zu bringen.

Im Innern ist der Verstärker gut gefüllt. Besonders auffällig ist das untypische Netzteil. Das liegt daran, dass Boulder nichts von einer zentralen Siebung mit längeren Kabeln zu den Verbrauchern hält, sondern die Kapazitäten lieber in genau angepasster Größe direkt bei den zu versorgenden Baugruppen platziert. Insgesamt kommt eine Kapazität von über 100 000 μF zusammen, allerdings ohne die sattsam bekannten Coladosen in der Gerätemitte. Direkt um dem in den USA hergestellten Toroidal-Transformator sitzt die aufwendig gestaltete Filterung, über die man sich bei Boulder im Detail allerdings gerne ausschweigt.

Boulder 866 Vollverstärker

Man ist der Meinung, dass ein sauber konstruiertes Netzteil keine Probleme mit Störungen aus dem Lichtnetz haben dürfe und in der Folge highendige Netzkabel, die gar mit Filtern versehen sind, bestenfalls nichts, eher Nachteile bringen. Ein solides Industriekabel sei das Mittel der Wahl. Sollte es so sein, kann man mit dem 866 an dieser Stelle gutes Geld sparen, was seinen Preis schon wieder ein wenig relativiert. Da Sie sicherlich neugierig sind, schicke ich die entsprechende Information vorweg: Ich habe den Boulder mit vielen unterschiedlichen, teilweise schmerzhaft teuren Netzkabeln ausprobiert – ohne irgendeine Änderung hören zu können. Danke!

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Die Verstärkerschaltung ähnelt der der großen 1161er-Endstufe: Sechzehn bipolare Transistoren pro Kanal teilen sich die Arbeit, bei Boulder geht man davon aus, dass sich auf diese Weise kein Bauteil je in den Grenzbereich bewegen wird – und das bei bis zu 600 Watt an zwei Ohm. Auch hier gibt es eine Dezentralisierung, Schaltungen zur Überwachung sitzen auf einem zentralen Board in der Mitte, der Rest residiert jeweils bei den direkt assoziierten Gruppen.

Boulder 866 Vollverstärker
Profil mit Profil: Kühlrippen sind unvermeidlich bei einem Vollverstärker, der tiefenentspannt bis zu 600 Watt Dauerleistung hinaushaucht. Boulder löst die technische Notwendigkeit mit einem Design-Kniff, der in jeder Kunstausstellung bestehen könnte. Trotz massiver Silhouette und prall gefülltem Innenleben kommt der 866 mit 24 kg überraschend leichtfüßig daher.

Die Regulierung der Lautstärke geschieht über ein digital kontrolliertes Widerstandsnetzwerk, bei dem ein Dynamikumfang von 100 Dezibel in Schritten von je einem Dezibel abgedeckt wird.

Fehlt nur noch ein kurzes Wort zum DAC. Boulder beschreitet hier mit der Wahl eines Multibit-Delta-Sigma-Bausteins unübliche Wege. Die Frage nach dem Warum hört Steve Huntley nicht zum ersten Mal. Boulder baut möglichst perfekt aufeinander abgestimmte Schaltungen, fertige Baugruppen kämen da meist nicht in Frage. Jetzt aber wieder zurück zum Verstärker, denn die brennende Frage lautet ja, wie das Ganze denn so klingt.

Um es in aller Kürze vorwegzunehmen: Boulders 866 dürfte der beste Vollverstärker sein, den ich je gehört habe. Er spielt neutral und unbestechlich. Er präsentiert jede nur denkbare Musik in erhabener Qualität. Und der Wandler? Sagen wir es so: mein deutlich kostspieligerer Merging-DAC konnte nach langem Hören hier und da ein paar Punkte kassieren, das Board des Boulder allerdings keineswegs von der Platte putzen.

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Bildergalerie

Die Liste der Musik, die ich mit dem Boulder hörte, ist zu lang, um sie hier wiederzugeben. Daher nur ein paar Punkte, die mich besonders beeindruckten:

Richard Wagners Siegfried, gespielt von der Dresdner Zauberharfe unter Marek Janowski. Der Beginn des zweiten Akts mit seinen vielschichtigen Tremoli, den dumpfen Paukentönen, dazwischen wieder orgelartige Akkorde – all das fordert eine Anlage bei der exakten Darstellung der Klangfarben, soll aus dem Zauber kein Brei werden.
Der Boulder fächert alles auf, was die alten CDs zu bieten haben, und stellt obendrein jeden Hauch Dynamik mühelos dar. Kleine Intonationsschwächen? Klar, alles da, keine Information fehlt. Vor allem aber nicht der musikalische Fluss, der einen sofort gefangen nimmt.

Miles Davis, Ascenseur pour l´échafaud. Dass diese 1957 entstandene Aufnahme nicht highendig ist, dürfte klar sein. Selten habe ich allerdings Davis’ ureigenen Sound so glaubhaft und lebensecht vor mir gehört. Der Bass verrät vielleicht einen minimalen Flirt des 866 mit dem Grundton … Das war es dann aber auch schon an Eigenmächtigkeiten.

Gustav Mahler, 9. Sinfonie, Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker. Was der Boulder aus dieser wirklich nicht idealen Aufnahme an Rauminformationen destilliert, ist nichts weniger als eine Sensation. Und dabei geht es mir nicht in erster Linie um die schon beeindruckende Größe, vielmehr aber um die absolut glaubhafte und bei jedem Pegel exakt gleiche Einteilung der Bühne.

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Damit dürfte klar sein: Der Boulder 866 ist ein schlichtweg begeisternder Verstärker, der Neutralität und Musik auf das Schönste vereint.

Boulder 866 Vollverstärker
Der Boulder 866 auf dem Fototisch.

Wir meinen

Plug-and-Play, wenig Platz für besten Klang. Smart-HiFi vom Feinsten und überhaupt einer der besten Verstärker, den man für Geld kaufen kann.

Boulder 866 Vollverstärker Navigator

 

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Info

Vollverstärker Boulder 866
Konzept: Vollverstärker mit berührungsempfindlichem Display und Digitaloption mit DAC und „Roon ready“-Streamer
Eingänge analog: 3 x symmetrisch (XLR)
Eingänge digital (optional): Ethernet, 4 x USB, optisch, XLR (AES 3)
Ausgänge: 6-mm-Kabelklemmen
Fernbedienung: Steuer-App (Download von der Website)
Leistung (8/4/2 Ω): 2 x 200 W/2 x 400 W/2 x 600 W
Leistungsaufnahme: max. 1000 W
Maße (B/H/T): 44/19/38 cm
Gewicht: 24,5 kg
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: um 15 900 € (inkl. Streaming/DAC-Modul um 18 900 €)

Kontakt

HighEnd Scout
Gottschalk & Pietersen GmbH
Gervinusstraße 21
10629 Berlin
Telefon +49 30 22015093

www.highendscout.de

www.boulderamp.com

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